Khalid: »Ich zelebriere die Einsamkeit« // Interview

Während die Cool Kids ihren Weltschmerz ertränken, liegt Khalid rücklings auf dem Campus und summt sich seine Träume groß. Anstatt sich der allgegenwärtigen Generation-Z-Tristesse anzupassen, macht er aus Luft und Liebe Rebellion – und zieht damit Künstler wie Kendrick Lamar und Calvin Harris in seinen Chakren-Dunstkreis. Als Hoffnungsträger einer verlorenen Generation sieht Khalid sich aber nicht: »Ich schreibe einfach meine und die Geschichte meiner Freunde auf. Wenn ich das nicht mache, wer dann?«

Als »Location« releast wurde, warst du erst 18. Dein Alter merkt man dir durch dein selbstsicheres Auftreten nicht an.
Meine Mum ist in der Army, weswegen ich schon an vielen unterschiedlichen Orten gewohnt habe. Das hat sicher einen großen Einfluss auf mich gehabt. Ich habe das Gefühl, dass ich schon so viel gelebt habe, ohne lange am Leben zu sein. Mit jedem Umzug habe ich mich besser kennen- und akzeptieren gelernt und verstanden, wie wichtig es ist, Zeit mit den richtigen Leuten zu verbringen. Auch wenn ich viele interessante Menschen treffe, habe ich immer noch meinen alten Freundeskreis – auch das macht mich zu einer reiferen Person. Außerdem weiß ich, dass ich positiv sein muss, um positiv bleiben zu können.

»Location« und »Saved« waren die ersten Songs, die du aufgenommen hast. Besonders durch Social Media kann ein Künstler heutzutage schnell Aufmerksamkeit generieren, trotzdem ist es außergewöhnlich, wie rasant alles bei dir ablief. Wie gehst du damit um?
Einfach ist das nicht. Vor zwei Jahren habe ich meinen ersten Song geschrieben, natürlich habe ich noch einiges zu lernen. Gleichzeitig wollen Leute mit mir zusammenarbeiten, deren Fan ich bin: Kendrick Lamar und Calvin Harris zum Beispiel. Das ist schon verrückt. Ich versuche, zu den Leuten, mit denen ich arbeite, eine freundschaftliche Basis aufzubauen. Ich will, dass das, was wir gemeinsam kreieren, ehrlich und echt ist.

»Mir ist klar, dass es manchen zu viel »Happiness« ist, aber ich weiß , Dass es Menschen gibt, die das brauchen.«(Khalid)

Wie äußern sich die negativen Seiten dieser Schnelligkeit?
Direkt nach der High School ging alles so schnell, daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Ich habe einige Freundschaften verloren, weil ich so viel weg bin – obwohl ich das wahrscheinlich gebraucht habe, um mich weiterzuentwickeln. Trotzdem will ich mir treu bleiben, deshalb gehe ich auch kaum feiern und entspanne lieber mit meinen Freunden zu Hause.

Das unterscheidet dich von vielen Künstlern, die aktuell gehypt werden. Viele Songs drehen sich um exzessives Feiern, Pillen schmeißen, Hustensaft trinken …
In meinen Songs geht es darum, sein Leben zu genießen und auch mit schwierigen Zeiten klarzukommen; weiterzumachen, wenn es gerade nicht so gut läuft.

Wie gefällt dir persönlich diese ­»andere« Musik?
Ich liebe Musik in jeglicher Form. Klar ist es situationsabhängig, wann ich welche Songs höre. Wenn ich alleine zuhause bin, höre ich andere Songs, als wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin. Dann läuft bei mir Folk Music oder Alternative – und ich zelebriere diese Einsamkeit. Ich mag es, viele unterschiedliche Genres zu hören. Du weißt nie, woraus du neue Inspiration ziehen kannst. Also halte ich meine Ohren offen.

Ich habe gelesen, dass du eigentlich Theaterschauspieler oder Opernsänger werden wolltest. Hast du das ganz von deiner Liste gestrichen?
Wenn ich nicht das hier machen würde, wäre mein Hauptfokus sicher klassischer Gesang. Ich bin froh, wie alles verlaufen ist, auch weil meine Stimme sich deshalb in eine Richtung entwickelt hat, die ich fast lieber mag. Ich hätte aber Lust, mehr über meine Stimme zu lernen. Das wäre sicher hilfreich. Es lohnt sich immer, sich weiterzubilden.

Wie schreibst du Songs? Gibt es einen wiederkehrenden Ablauf?
Ich liebe es, Melodien zu kreieren, und das passiert meistens spontan. Ich schreibe auch kaum im Studio, sondern in alltäglichen Situationen – wenn ich im Bad bin zum Beispiel. Anschließend gehe ich mit meinen Notizen ins Studio und arbeite mit meinem Producer weiter. Die Tracks, die es nicht geschafft haben, haben einfach nicht in die Vision gepasst, die ich vom Album hatte.

Was für eine Vision war das?
Ich wollte, dass ich, wenn ich mir das Album in ein paar Jahren anhöre, denke: Wow, so habe ich mich also mit 18 gefühlt. Ein bisschen wie ein Tagebuch, das die beste Zeit meines Lebens widerspiegelt.

Ich finde, dass das Album nicht nur dein Leben reflektiert, sondern auch die Probleme, Gedanken, Wünsche unserer Altersgruppe. Ist dir das bewusst, wenn du schreibst?
Nein, das passiert einfach. Ich schreibe meine Gefühle auf oder die meiner Freunde. Als das Album draußen war, war es verrückt für mich, wie viele Leute all das auf sich beziehen konnten. Dass so viele Menschen meine Gefühle und Gedanken teilen, ist supercool.

In deiner Vevo-Doku sagst du: »Ich spürte, dass ich unbedingt die Geschichten meiner Freunde erzählen musste, weil es sonst keiner tut.« Wann hast du das realisiert?
Als ich die Bühne dafür bekam und gemerkt habe, wie viele Leute meine Musik hören, wurde mir klar, wie viel meine Freunde zu sagen haben – aber da ist niemand, der ihnen zuhört. Da wusste ich, dass ich derjenige sein muss, der ihre Geschichte erzählt und ihr Sprachrohr ist. Damit sie realisieren, dass sie nicht allein sind.

Was sagen deine Freunde dazu?
Sie danken mir dafür. Wir haben sehr innige Freundschaften. Ich hoffe sehr, dass ich weiterhin für sie Musik machen kann. Zwei sind gerade mit mir auf Tour. Wenn ich in den USA spiele, sind es meistens sechs. Ich freue mich, dass wir alle diese Städte bereisen, die sie noch nie gesehen haben. Das ist so großartig, dass ich manchmal gar nicht zurück nach Hause will. Mir ist es wichtig, anderen zu helfen. Ich will andere Menschen glücklich machen. Mir ist klar, dass das manchen zu viel »Happiness« ist, aber ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die das brauchen. Ich will Menschen das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind. Also mache ich meine Gefühle eben zu Musik. Foto: Kacie Tomita

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #184 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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