Black Milk: »Diese ganze Selbstvermarktung fühlt sich schon ein bisschen wie Arbeit an« // Interview

Als rappender Beatmaker/beatmakender Rapper hat sich Curtis Cross dank seiner geschmeidigen Soul-Samples auf robusten und niemals altbackenen MPC-Beats in den letzten 13 Karrierejahren vermutlich zum legitimsten aller angehenden Dilla-Nachfolger geflippt.

Dass das musikalisches Gespür des 35-jährigen Detroiters allerdings von technoiden Industrial-Grooves bis zu ambienteskem Fusionjazz reicht und er obendrein eine beachtliche Mic-Control und versierten Lyricism vorweisen kann, kehren selbst penibelste Realkeeper gerne mal unter die Flexfit-Kappe. Sein siebtes Soloalbum »Fever« ist vermutlich das politischste, aber auch stilsicherste seiner Diskografie – wer schafft es schon in so einer Ohrensessel-Soul-Umgebung humorvoll und präzise Polizeigewalt, Rassismus und Facebook-Algorithmen gleichzeitig ins Autotune zu dudeln und dabei auch noch die Legacy seiner Stadt hochzuhalten? Man könnte es Benchmark nennen. Oder einfach nur: Black Milk.

Du postest oft Studiobilder auf deinem Instagram-Account. Empfindest du die Promophase als lästig, oder siehst du sie als Teil des Jobs?
Ach, diese paar Interviews und Videos sind nicht lästig. Ich bin dankbar dafür, diese Möglichkeiten zu haben. Danach kann ich immer noch zurück ins Studio gehen. Wenn ich teilweise Monate auf Tour und nicht zu Hause bin, vermisse ich eher mein Studio. Was mich manchmal anstrengt, ist das Drumherum: regelmäßig Sachen auf Instagram posten, Facebook, all das. Ich bin ja jetzt nicht der Aktivste, ich poste nur alle paar Tage mal was. Aber dieses ganze Selbstvermarktungs- und Marketingding fühlt sich schon ein bisschen wie Arbeit an.

Auf deiner Single »Laugh Now Cry Later« gehst du kritisch mit Social Media um.
Ich habe nichts gegen Social Media. Ich nehme daran täglich teil, wie jeder andere auch. Mich beschäftigt aber der Aspekt, dass wir uns täglich so einer emotionalen Achterbahnfahrt aussetzen. Angenommen, du liest eine Überschrift über ein Ereignis, das dich wütend macht – keine fünf Minuten später scrollst du durch die Timeline und siehst ein Meme, das genau dieses Ereignis aufgreift, und du lachst schon wieder darüber. Ich frage mich, welchen Effekt diese Entwicklung auf die Menschheit hat, wenn man diesen Extremen so schonungslos ausgeliefert ist. Das verarbeitet das Gehirn ja, auch wenn du nicht bewusst darüber nachdenkst.

Du hast kürzlich einen Insta-Post mit der MPC 3000 und der neuen MPC Touch gemacht. Die MPC ist für viele mit einer bestimmten, eher konservativen Haltung im HipHop verbunden. Inwiefern kannst du diese Romantisierung nachvollziehen?
Das geht mir auch so. (lacht) Sogar, wenn ich nur die Software der MPC Touch update, tue ich mich schwer, mich vom Alten zu trennen. Aber bei Hardware, und im Speziellen der MPC 3000, ist das noch krasser. Allein, wie die MPC 3000 aussieht, wie sich die Knöpfe und Pads anfühlen – ich liebe das! Auch wenn ich mittlerweile einen Großteil auf der Touch produziere, bin ich immer noch ein Kind der MPC 3000. Ich bin das Handling mit diesem Gerät einfach gewöhnt.

Heute haben angehende Beatmaker mehr Möglichkeiten, als die MPC 3000 bietet. Was für einen Rat gibst du den Kids, als jemand, der seit über zehn Jahren Musik produziert?
Verlasst euch auf euer Gehör! Hört ganz viel Musik – und zwar neue und alte, aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Du solltest ein bestimmtes Verständnis für Musikalität und Sound entwickeln. Aber heute noch denke ich, dass ich von Beginn an mehr Zeit in Sound Engineering hätte investieren sollen: Equalizer, Sonderfrequenzen, das Zusammenspiel eines Songs. Denn das Verständnis, wie Sounds entstehen und wie man sie manipulieren kann, macht in etwa 70% des Tracks aus. Wenn du weißt, wie man eine Kickdrum so mischt, dass sie einen zufriedenstellt, ist der Rest ein Kinderspiel. Vielleicht ist das sogar wichtiger, als zu wissen, wie man einen Beat programmiert. Das wäre mein Rat: Findet euren Sound und hört viel Musik!

Das Cover von »Fever« ist farblich in rot, schwarz und grün gehalten – die Farben der pan-afrikanischen Flagge, die vor allem durch zum Beispiel die Native-Tounge-Bewegung populär gemacht wurde. Wofür stehen diese Farben aus deiner Sicht heute?
Das war die Idee von Adam Garcia aka The Pressure, der fast alle meine Projekte gestaltet hat. Ich habe ihm erklärt, worum es auf dem Album geht: »Fever« als Metapher auf die derzeitige weltpolitische und insbesondere die US-amerikanische Lage. Die Gemüter sind erhitzt, das merkst du überall. Ich habe Adam aber Interpretationsspielraum gelassen. Er kam mit unterschiedlichen Entwürfen zu mir. Das jetzige Cover ist eine kleine Hommage an DIY-Designs, wenn du so willst – aber immer noch auf eine Art künstlerisch und abstrakt.

Beim ersten Anblick, ohne die Musik gehört zu haben, dachte ich an den Spike-Lee-Film »Jungle Fever«.
(lacht laut auf) Yeah, das ist ein doper Film! Es liegt natürlich nahe bei dieser Farbgebung, eine afrozentrische Message herauszulesen. Aber deswegen haben wir den Grünton auch ein bisschen mehr ins Türkis verlagert. Ich wollte nicht, dass die Leute gleich so eine Verbindung herstellen.

Auf »Laugh Now Cry Later« rappst du aber: »It’d be those same celebs seeing the stars struck/Same time see them appropriating the culture«. Da liegt so eine Interpretation nahe.
In erster Linie denke ich, dass jeder Mensch, egal welchen Background er hat, das Recht besitzt, die Musik zu erschaffen, die er machen möchte. Cultural appropriation hat oft nichts mit dem Künstler zu tun, sondern mit den Machthabern, die kontrollieren, was die Massen denken sollen. The Powers that be, weißt du? Ich habe aktuell den Eindruck, dass viele nicht-schwarze Künstler von schwarzer Kunst profitieren, was ja erst mal nicht verwerflich ist. Aber in letzter Instanz bringt es der schwarzen Community nichts. Diese Künstler machen Geld mit schwarzer Musik, die sie an ein nicht-schwarzes Publikum verkaufen. Da geht es um Interessenvertretungen. Bestimmte Machtstrukturen begünstigen es, nicht-schwarze Künstler an genau dieser Stelle zu positionieren.

Foto: Delaney Teichler

Dieses Interview erscheint in JUICE #185. Die aktuelle Ausgabe gibt’s jetzt überall im Handel.

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