Kanye West – Der Kurator

Was ist inzwischen passiert? Hat Kanye aufgehört, um sich zu schlagen? Oder teilt er seine Kraft nur besser ein? Nun, natürlich hat er seine Traumfrau geheiratet, er ist jetzt Teil des Society-Gesamtkunstwerks Kimye und Vater einer Tochter, die wie eine Himmelsrichtung heißt. Familienleben verändert einen Menschen. Ruhig ist er trotzdem nicht geworden. Aber Anfang 2015 scheint es erstmals so, als wären seine ­Ambitionen als Mode­designer mehr als nur das. Die Vorstellung seiner adäquat abwegigen Kollektion für Adidas ist eines der großen Themen der New Yorker Fashion Week, er übt den Schulterschluss mit Alexander Wang, Ralph Lauren und Karl Lagerfeld, und im Ranking von Style.com lässt die Newcomer-Kollektion die etablierte Konkurrenz meilenweit hinter sich. Dass der erste Adidas-Yeezy so erfolgreich wie teuer wird, war sowieso absehbar. Zum ersten Mal hat Kanye nicht nur eine hartnäckige Lederstiefelette in der Tür zur Modewelt, sondern darf am Tisch der ­Großen sitzen. Solche Anerkennung macht sich bemerkbar. Je weniger er anderswo gegen Windmühlen kämpfen muss, desto ­entspannter kann er zur Musik zurückkehren.

Damit ist die Kuh, musikalisch gesehen, noch nicht ganz vom Eis. Seine letzten Gastverse auf Beyoncés »Drunk in Love«, Big Seans »Blessings« oder »Can’t Stop« mit Theophilus London bestritt Kanye hauptsächlich mit einer Mischung aus Sextalk-Schmonz und wahllosem Geldgeprahle. Wie zur Erinnerung erklärte er an der Seite von Future noch: »If people don’t hate it then it won’t be right«. Das dürfte auch für »Only One« gelten, die erste neue Kanye-Single mit dem seit langem eher chartfernen Paul McCartney. Die am letzten Tag des Jahres 2014 veröffentlichte Ballade übersetzt den Maschinensoul von »808s & Heartbreak« in eine neue, schräge Zerbrech­lichkeit und verweigert sich – natürlich – wieder­ allem, was eine Comeback-Single sein sollte. Das rührend seltsame Feldweg-Video von Spike Jonze passt insofern perfekt. Darauf folgt »FourFiveSeconds«, ein bisschen Rihannas akustische Neuerfindung und ein astreiner McCartney-West-Hit, der Ende Februar von der schieren Gewalt beiseite gefegt wird, mit der sich »All Day« auf der kollektiven Bildfläche einbrennt. Ein Blick in die Credits des Ungetüms bestätigt, dass Kanye auch für sein neues Material auf die kollektivistische Arbeitsweise setzt, die schon für die letzten zwei Alben entscheidend war: »All Day« hat 19 Songwriter und fünf Produzenten, darunter Namen wie Puff Daddy und Kendrick Lamar, mal eben dekorativ ergänzt durch Londons Grime-Adel von Skepta bis Novelist auf der Brit-Awards-Bühne. Kanye steht im Zentrum eines verzweigten Netzwerks, er ist die Schnittstelle, über die eine Beatskizze des bis dato kaum bekannten Produzenten Velous und eine uralte Songidee von Paul McCartney zu einem Song werden, auf dem er selbst dann so oft »Nigga« sagt, als wolle er den breiten Zuspruch direkt unterbinden.

Kanye spricht häufig von Produkten, wenn er Dinge meint, die er gestalten möchte. Das kann Musik sein, Architektur, ­Kleidung, sogar die Art, wie die Welt Kimye ­wahrnimmt. Es klingt ­irreführend, weil die Vokabel eine Distanz zum Sujet vortäuscht, eine nüchterne Beziehung ­zwischen Produzent und Produkt. Aber der Kern des Kanye West ist, dass er besessen ist von der Vollkommenheit seines Produkts; von der Idee, Avantgarde zu den Massen zu bringen. Um diese Perfektion zu erreichen, kann Kanye West sich stärker ­zurücknehmen, als man gemeinhin annimmt. Er gefällt sich in der Rolle des Kurators, er gibt die Richtung vor, lässt aber auch andere die treibende Kraft sein, solange er sich darin bestätigt sieht, dass so die besten Ergebnisse erzielt ­werden. Sein überlebensgroßes Ego profitiert davon: Kanye West zieht die Fäden für das perfekte Produkt. Gerade deswegen ist es gar nicht so paradox, dass Kanye West immer wieder unkontrolliert, unperfekt wirkt. Selbstüberschätzung und ehrliche künstlerische Ambition sind nur zwei Seiten der gleichen Medaille.

Was sollten wir also von dem Album erwarten, das nicht mehr »So Help Me God«, zumindest vorübergehend aber »Swish« heißt und vielleicht schon längst veröffentlicht ist, wenn diese Zeilen gedruckt werden? Kanye sagt: »Mein Schema gleicht normalerweise einem Pendel. Das Pendel kommt in Schwung, indem es sich in die Gegenrichtung bewegt.« Wenn auf »808s & Heartbreak« also »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« folgte, scheint sich das Pendel nach dem Protest-Prog-Rap von »Yeezus« auf etwas ziemlich Großes zuzubewegen. Die bereits bekannten Kollaborateure und Kanyes wiederholte Lobreden auf Kendrick Lamar und dessen »Butterfly« nähren die Hoffnung nur. Es kann aber auch alles ganz anders kommen. Dr. West, unser demütiger Diener, ist eben zugleich der letzte unberechenbare Rockstar, den wir haben.

Dieses Feature erschien in JUICE #168 (hier versandkostenfrei nachbestellen).JUICE Ausgabe 168

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