»Jesus Is King«: Kanye West und die Religion // Feature

Kanye Wests religiöse Mission findet in den »Sunday Services« und »Jesus Is King« eine Vollendung, die in seiner Musik immer präsent war. Ein Blick auf den spirituellen Weg von Yeezus.

Sunday Service  – Kanye bringt die Kirche ins 21. Jahrhundert

Es ist Sonntagmorgen, die Blumen-Ketten der Vortage sind weggefegt und die yeezy-tragenden Hippie-Kids Kaliforniens kehren nach einer kurzen Nacht mit ihren zerschnittenen Jeans und Bandanas bereits zu früher Stunde zurück auf das Gelände des Coachella Festivals, um der angekündigten Sunday Service Session beizuwohnen. Auf einem extra für diesen Anlass aufgeschütteten und mit Roll-Rasen überdeckten Hügel am Rand des Festivalgeländes spielt Kanye West, begleitet von seinem Chor, eine Auswahl seiner bekanntesten Tracks als Gospel-Version. Die Menge hört gebannt zu, während sich die Familie West/Kardashian/Jenner (inklusive Travis Scott) in den Zuschauerreihen in minimalistisch gehaltenen, lila-ausgeblichenen Outfits präsentiert. Die Farbe Lila steht im Christentum als Zeichen für Buße im Übergangszustand wie z.B. der Fastenzeit. Genau diese Outfits füllen in den nächsten Wochen den Insta-Feed all derer, die der Influencer-Szene Kaliforniens folgen. Ein einstündiger Gottesdienst mutiert im Internet zum Highlight des High-Society-Events Coachella. Kanye hat es geschafft, eine Sonntagsmesse für eine junge, im Internet lebende Generation zugänglich zu machen. Er hat gezeigt, wie Kirche im 21. Jahrhundert für eine breite Masse junger Zuschauer funktionieren kann. Als Kanye seinen bis dahin unbekannten Gospelsong »Water« performt, wird vielen klar, dass das seit zwei Jahren angekündigte Album »Yandhi« wohl vorerst nicht erscheinen wird. Stattdessen stehen die Zeichen auf ein Sunday-Service-Album. Doch wozu das ganze?

Die Antwort finden wir erneut auf der Instagram-Seite seiner Frau. Unter einem Bild von Kanye, der beide Arme zum Himmel streckt, wird erklärt: »Kanye started Sunday Service for healing for himself and his close friends and family. He had this vision of starting a church for few years and it was magical seeing everyone else get to experience it. I’m so proud of you babe for doing exactly whats in your heart. The choir and band work so hard and have so much fun! It’s so inspiring to watch.«

»Kanye started Sunday Service for healing for himself«

»Jesus is King« – Die Wiedergeburt

Zurück in der New Birth Baptiste Church. Der Gospel-Chor ist verstummt, Kanye steht allein auf der Bühne und setzt an zur Predigt. Sein Kopf ist leicht gesenkt, seine Augen geschlossen, zwischen seinen Sätzen entstehen große Pausen, er spricht langsam und andächtig: »Thank you for saving me, for replenishing me, for delivering me. When I found out about you (Jesus Christ), when I got closer to you, I got closer to my chilrdren, got closer to my family«. Was seine Frau noch als Selbstheilung bezeichnete, wirkt an dieser Stelle wie eine Wiedergeburt. Eine Wiedergeburt, die in gewisser Hinsicht nötig war. Noch vor einem Jahr stand Ye mit seinem Bekenntnis zu Präsident Trump und seiner Kritik am politischen Urteilsvermögen der Black-Community im Kugelhagel eines schier endlosen Shitstorms, der erst im Zuge seines Wyoming-Release-Marathons abriss. Das daraus hervorgegangene Album »Ye« malte ein düsteres Bild, dessen thematische Grundierung psychische Krankheiten und Mordphantasien offenbarte. Die Konsequenz dieser schweren Zeit: Kanye zog sich zurück und begann aus der Stille heraus, ein Jahr lang Sonntagsmessen zu halten. Eine typische Reaktion Kanye Wests auf zu stark gewordene öffentliche Kritik, die er bereits im Jahr 2009 zeigte. Vor 10 Jahren flüchtete Kanye in Folge zu laut gewordener öffentlicher Kritik an seiner Person ins italienische Exil. Damals kam er zurück mit seinem wohl rundesten und beliebtesten Album »My Dark Twisted Fantasy«.

Statt dem Cinderella-Märchen (»My Dark Twisted FantasY«) kehrt Ye dieses mal zurück mit einer religiösen Vision. Nicht nur weil er durch seinen Mitstreiter Chance The Rapper 2018 angeblich den Weg zurück zu Jesus fand, sondern vor allem, weil der Hang zum christlichen Glauben und zur damit zusammenhängenden Gospel-Musik schon immer in seinem Werk präsent war. Mit »Jesus is King« nutzt Kanye wie schon bei »Jesus Walks«, »Yeezus« oder »Life Of Pablo« die christliche Religion als künstlerisches Experimentierfeld und zugleich als Instrument der Auseinandersetzung mit sich selbst. Vor allem aber, war eine Heilung/Wiedergeburt, seiner im letzten Jahr in der Öffentlichkeit in Mitleidenschaft gezogenen Person, nötig. Am Ende geht es also nicht nur um die Frage wie sich Religion und Gospel-Musik im Jahr 2019 künstlerisch verarbeiten und inszenieren lässt, sondern vor allem um eine Person: Kanye West.

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