Hiob & Morlockk Dilemma – Kannibalismus Jetzt // Review

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(Mofo Airlines/Spoken View)
 
Zerstören ohne aufzubauen — das Konzept von radikalem Dekonstruktivismus sezieren die zwei Schizos im Geiste, Hiob und Morlockk Dilemma, nun zum fünften Mal auf Album­länge. Stand zu Beginn nur ein »Hang zur Dramatik«, prophezeiten die Berliner Dema­gogen später die Apokalypse des Abendlandes (sic!), den Untergang des Kapitalismus, die Post-Apokalypse und jetzt, als Folge daraus: das Zeitalter des Kannibalismus. Das Remix­-Projekt ist ein paranoider Opium-Trip und linksliberale Kultur- und Systemkritik zugleich, für das die Tracks von »Kapitalismus Jetzt« von den produzierenden Alter Egos Hieronymus und Morlockko Plus sowie den Zyniker-Brudis Suff Daddy, Brenk, Dexter und MecsTreem neu instrumentiert wurden. Analoge Atari-Sounds sorgen für 8-Bit-Romantik. Library-Samples und obskure Synthie-Soundtracks setzen die Balzrituale der Antihelden in Szene. Zukunfts­szenarien der »Schönen Neuen Welt«, die von Kubrick auf Zelluloid gebannt und Huxley und Orwell prophezeit wurden, verdichten Hiob und Morlockk zu dreiminütigen Rapsongs, die nicht in die Diskurs-Pop-Ecke abdriften oder sich dem Feuilleton anbiedern. Auch die vier neuen Tracks, die mit dieser Platte kommen, reihen sich dort ein: »Emanuelle«, das vertonte Blind-Date-Dinner unter Kannibalen, »Prima Noctis«, auf dem das feudalistische Brautrecht aus dem Mittelalter beansprucht wird, der Hedo-Absturz »Die Drinks auf euch« mit Karate Andi und der Bestesten-Posse-Cut »Ein Hit ist genug«. »Kannibalismus Jetzt« ist politischer Rap, der sich nicht an Allgemeinschauplätzen abarbeitet, verschwörungstheoretisches Halb­wissen verbreitet oder antisemitische Ressen­timents bedient, wie das politisch-motivierter Rap in Deutschland leider all zu oft macht. In ihrer Desillusion komprimieren sich die Dreifachreim-Stakkato-Flows der Pyromanen zur Meta-Meta-Kritik, die die kleinen Teilchen betrachtet, um das große Ganze zu erklären. Und wenn sich deutsche Rapper schon mit der Lektüre von Marx beschäftigen, dann darf das gerne noch mal als Remixalbum abgehandelt werden.
 

 
Text: Carlos Steurer