Aus der Karibik in die Berliner Trap-Szene: Rapperin Gianni Mae im Porträt // HipHope

Plötzlich war sie da. Complex stellt sie vor, i-D läutet mit ihr die »Ära der Selbstbestimmung« ein und sowieso erklären alle gängigen HipHop-Medien sie zur Rap-Hoffnung Berlins und des Jahres und überhaupt. Gianni Mae nimmt sich ihre Bühne.

Foto: Zombienanny

Plötzlich war sie da. Complex stellt sie vor, i-D läutet mit ihr die »Ära der Selbstbestimmung« ein und sowieso erklären alle gängigen HipHop-Medien sie zur Rap-Hoffnung Berlins und des Jahres und überhaupt. Gianni Mae nimmt sich ihre Bühne. Aber woher kommt die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich scheinbar aus dem Nichts auf splash!-Bühnen, Porträtstrecken und Timelines schiebt? Vielleicht weil Gianni Mae gar nicht weg war. Sondern einfach nur woanders.

Juli 2018. Der Platz vor der Backyard-Stage springt und feiert und himmelt an, wer ihnen auf der Bühne die Richtung vorgibt. Auch wenn der Großteil vermutlich keine Ahnung hat, wer vor ihnen steht, schließlich hat Gianni Mae zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Song unter diesem Namen veröffentlicht. Aber das splash! gehorcht ihr trotzdem. Stichwort »unter diesem Namen nicht«: Dass Gianni mit einem Major im Rücken auf Festivals gespielt und es sogar bis zum Apple-Watch-Commercial geschafft hat, ist aber nicht lange her. Junglebae hieß das Duo, mit dem sie noch vor ein paar Jahren das Image der holländischen Musikindustrie aufpolieren sollte. Zwei Rapperinnen aus Curaçao, die Selbstbewusstsein und Empowerment zu Geld und ihrer Kür machen sollten. Alle wollten sie. Alle, außer ihnen selbst.

»Ich weiß nicht genau, was es letzten Endes war. Aber der ganze Labelstress hat unser Duo auseinandergebrochen«, erzählt Gianni und meint damit vor allem die sechs Monate, in denen sie versucht hatte, sich möglichst diplomatisch aus ihrem Vertrag zu befreien. Zu sehr hatte man sie schleifen wollen, zur Marke biegen – und auf leichte Kleidung in Musikvideos anstatt auf ehrliche Musik gesetzt.

Dieses Kapitel war also abgeschlossen. Aber statt die geplante Berlin-Show im Sommer 2017 abzusagen, spielt Gianni sie alleine – weil Hoe_Mies-Gründungshälfte Gizem Adiyaman ihr das Vertrauen schenkte. Und Gizem war es auch, die Gianni an diesem Abend den Broke Boys vorstellte; den Produzenten, die knapp ein Jahr später nicht nur ihre Debüt-EP produzieren, sondern auch zur Berliner Wahlfamilie geworden sind. Als Gianni nach diesem Abend nach Rotterdam zurückkehrt, war klar: »It’s time to leave.« Sie vertraut ihrem Bauchgefühl und zieht nach Berlin. »Ich habe schon immer zu allen neuen Möglichkeiten ja gesagt«, grinst sie und bestätigt, dass diese Entscheidung die richtige war. Und wer als Teenager alleine von Curaçao nach Holland zieht, um Medizin zu studieren, kann Neuanfänge.

Dass sie in Deutschland keiner kennt, nutzt Gianni für sich. Sie konstruiert, wer sie sein will – keine Kompromisse mehr. Also schreibt sie Storyboards, organisiert Release-Partys und will neben Aufnahme- und Vermarktungs-Hustle so viele Liveshows wie möglich spielen. Denn auch wenn ihr Leben eine Aneinanderreihung von Neuanfängen zu sein scheint, bleibt eine Konstante: Gianni will auf Bühnen. Zum Glück.

Text: Enya Elstner

Dieses Feature erschien in JUICE 191. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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