Re-Issue der Ausgabe: Eminem – The Slim Shady LP (1999) // Review

Nach »The Slim Shady LP« sollte Eminem mindestens eine weitere große Platte machen – so direkt wie hier klang er aber nie wieder.

(Aftermath)

In den vergangenen Monaten geriet so manche Rap-Ikone in eine Neubewertung, keine erwischte es so hart wie Eminem. Nicht nur seine orientierungslose Gegenwart, auch die eigentlich kanonische Vergangenheit stand plötz­lich zur Debatte: War er je u­­nverkrampft, sein Sound je frisch, seine Texte etwas anderes als zynischer Style-Show-Off? Jährte sich das Release nicht zum zwanzigsten Mal, die Wiederveröffentlichung von »The Slim Shady LP« müsste als trotziger – und eindrucks­voller – Gegenbeweis durchgehen. 1999 war Eminem bereits jahrelang durch den Detroiter Underground gekrochen; talentiert, aber eben auch blass, wie »Infinite« auf ewig bezeugen wird. Wie sehr der ausbleibende Erfolg zur Geburt Slim Shadys aus South-Park-Humor, Trailerpark-Realität und Horrorcore-Affini­tät beigetragen hat, bleibt fraglich, ganz im Gegensatz zum Erfolg, den Eminem innerhalb suchender Szene und umliegender Popkultur gleichermaßen entwickelt. Zwischen den Hits geht schnell unter, wie präsent hier auch Marshall Mathers ist: Schon auf der »Slim Shady LP« erzählt Eminem von seiner kaputten Jugend (»Brain Damage«), gegenwärtigen Depressionen (»Rock Bottom«) und lässt Fakt und Fiktion in der Mörderballade »’97 Bonnie & Clyde« belastend eng aneinanderrücken. Möglich wird das durch die fast naiven Freiräume, die neben (Selbst-)Hass auch mit Parodien, Skits und Rollenspielen gefüllt werden. Von Letzteren ist das Beste fraglos »Guilty Conscience« mit Mentor Dr. Dre. Wie viel Einfluss der musikalisch abseits von drei Beats hatte, ist bis heute ebenso fraglich wie egal, denn nicht nur klingen die übrigen Produktionen der Bass Brothers stark nach den von Dre maßgeblich mitgeprägten Neunzigern, sie sind zu Eminems kompromissloser Atti­tüde, seinem wahnwitzigen Sprachgefühl und Facettenreichtum lediglich Beiwerk. Danach sollte er mindestens eine weitere große Platte machen – so direkt wie hier klang er aber nie wieder.

Text: Sebastian Behrlich

Diese Review erschien in JUICE 192. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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