Hoe_Mies, Berries, Rachtet: Wer die HipHop-Party revolutioniert // Feature

Man stelle sich ein Dance-Battle auf einer HipHop-Party vor. Nein, wir sind nicht in der Bronx der Siebzigerjahre. Wir sind im Berlin des Jetzt, aus den Boxen tönt die transgeschlechtliche Rapperin KC Ortiz. Auf der Tanzfläche wird nicht gebreakt, sondern ge­voguet, gewaackt und getwerkt. Ein Mann mit langen blonden Locken stolziert über die Tanzfläche, als wäre sie ein Laufsteg, so elegant und selbstbewusst, dass selbst Pepper LaBeija sich umgedreht hätte. Andere Männer und Frauen feuern ihn begeistert an. Wer in diesem Bild queer oder straight ist, sich selbst als männlich, weiblich oder transgender identifiziert, ist unklar und auch nicht so wichtig. Klar ist, dass hier Gefühlswelten zusammenkommen, die oft räumlich getrennt sind – und einen Heidenspaß dabei haben.

HipHop ist Mittel für Empowerment. Vor allem amerikanischen Gangstarap und den daraus entstandenen Straßenrap in Frank­reich und Deutschland verstehen wir als Sprache der Selbstermächtigung von sozial Schwachen und kulturellen Minderheiten, die sich mit Identität und dem Kampf um gesellschaftliche Teilhabe auseinandersetzt. Diese Sprache nutzen aber auch Menschen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer sexuellen Orientierung eingeschränkt teilhaben. Diese Künstler werden vom Mainstream kaum wahrgenommen. Dass Cardi B nach 45 Jahren HipHop-Geschichte die erste Frau ist, die eine zweite Billboard-Eins verbuchen kann, ist verblüffend. Wird Mykki Blanco, die prominenteste Figur der queeren Rapszene, jemals einen hohen Charteinstieg zu feiern haben? Die Anerkennung queerer Menschen ebenso wie heterosexueller Frauen ist ein schleppender gesellschaftlicher Prozess, dem Popmusik und HipHop noch schleppender hinterherhinken. Schwer haben es aber nicht nur Künstler, sondern auch Fans, die Konzerte und Partys besuchen möchten, aber nicht männlich und heterosexuell sind. Die Szene für elektronische Musik ist oft schon weiter. Der vielleicht berühmteste Technoclub der Welt, das Berliner Berghain, war ursprünglich ein Ort schwuler Fetischpartys und zog dann auch ein heterosexuelles Publikum an, das sich freute, in einer toleranten und diversen Atmosphäre feiern zu können. Drei Veranstalterteams aus Berlin arbeiten daran, eine ähnliche Entwicklung auf deutschen HipHop-Partys zu ermöglichen.

Closing gaps

»Eine queere HipHop-Party? HipHop ist doch homophob. Schwule hören doch gar keinen Rap.« Diesen Kommentar hat Dominik oft gehört, als er vor vier Jahren begann, die Partyreihe BERRIES zu organisieren, zunächst im Duo stitch & tchuani, dann mit Mitstreiter myshkyn. »Tatsächlich gibt es viele queere HipHop-Fans, aber leider nicht viele Orte, an denen sie sich wohlfühlen«, sagt er. DJ-Kollege Dennis, der als Caramel Mafia die Ratchet veranstaltet, hat ein Vorbild. DJ PaScha hieß der Mann, der schon 2008 eine Party namens Peaches & Cream entwarf. »Das war die erste queere HipHop-Party in Berlin«, sagt Dennis. PaScha starb 2016 an Krebs. Mit einer HipHop-Party, die dieser Musikrichtung nicht nur einen, sondern mehrere Floors widmet, hatte er in der queeren Szene ein Novum geschaffen. Dominik nennt einen weiteren Vorreiter: Black Cracker, einen Wahlberliner aus Alabama, der neben seinen Veranstaltertätigkeiten viele Newcomer produziert und unterstützt. »Als wir anfingen, haben sich viele erstmal bei Black Cracker erkundigt, wer wir sind und ob das cool ist, was wir machen.« Die Peaches & Cream war eine exklusive Veranstaltung, merkt Dominik an: »Diese Party hat sich vor allem an die Szene gerichtet und die alten Hits präsentiert. Nochmal so eine Party zu machen, wäre heute nicht mehr am Puls der Zeit.« Mit BERRIES schuf er einen Ort, der queere und heterosexuelle Menschen einlädt, gemeinsam unter einem Dach zu feiern.

»Ich finde traurig, dass viele Frauen schon davon ausgehen, dass sie an einem Partyabend eine unangenehme Begegnung haben werden« (meg10, Hoe_Mies)

Gizem, Lucia und ihre Reihe Hoe_mies haben eine andere Ausgangsposition, aber ein ähnliches Ziel. Misogynie ist im HipHop und an seinen Veranstaltungsorten ähnlich präsent wie Homophobie. Den Impuls gab eine Party, die der Musik weiblicher R’n’B-Diven gewidmet war. »Es wurde mit Lil Kim und Mariah Carey auf dem Poster geworben, an den Decks waren aber nur Männer. Wie kommt das, wenn ihr schon Weiblichkeit kapitalisiert?«, fragt Gizem, die unter dem Namen meg10 auflegt. Sie hatte eine Lücke erkannt. Hoe_mies beschreiben sich selbst als Party, die »Frauen, non-binäre und Trans-Menschen in den Mittelpunkt stellt und vor allem people of color anspricht«, sie wollen also nicht nur Frauen, sondern auch anderen Identitäten, die im HipHop marginalisiert sind, eine Plattform bieten. Nach nur einem Jahr wurden sie mit dieser Mission vielfach eingeladen und durften auf dem splash! eine ganze Bühne kuratieren. Die Nachfrage ist unbestreitbar. Die Ratchet-Organisatoren geben an, female power hinter den Decks sogar unbewusst erzielt zu haben. »Wir überlegen uns nicht, dass jemand männlich, weiblich, schwul oder lesbisch sein muss, sondern booken einfach, wen wir cool finden. Deshalb ist es ein interessanter Zufall, dass in unseren Line-ups überwiegend Frauen sind.« Das könnte darauf hindeuten, dass wenige Booker im HipHop-Genre so unbedarft arbeiten.

It ain’t safe

Neben dem Ziel, eine Plattform für queere und weibliche DJs zu schaffen, spielt das Wohlempfinden des Publikums eine große Rolle. Von sexistischen Erfahrungen auf Partys kann jede Frau erzählen, die man danach fragt. »Ich finde traurig, dass viele Frauen schon davon ausgehen, dass sie an einem Partyabend eine unangenehme Begegnung haben werden«, sagt Gizem. Ihre Partnerin Lucia geht aus diesem Grund trotz ihrer Liebe für HipHop schon seit vielen Jahren lieber auf Technopartys. Dominik legt Wert darauf, das Konzept eines »safe space« zu relativieren. »Wir bemühen uns, einen offenen und toleranten Raum zu schaffen. Dass es zu unangenehmen Situationen kommt, ist bei uns selten, aber nie auszuschließen.« Der Begriff »safer space« wäre zutreffender. Hoe_mies arbeiten deshalb mit einem sogenannten awareness-Team: »Wir bekommen oft Feedback von Besucherinnen, die positiv überrascht sind, dass sie nicht angegrabscht werden. Egal wie gut die Selektion ist, kann aber immer ein Idiot durchrutschen«, erklärt Gizem. Wenn das passiert, ist es wichtig, dass den betroffenen Personen zugehört wird. Ein Türsteher ist dafür selten die richtige Anlaufstelle. Das awareness-Team bilden Menschen aus der Community, die auf der Party sichtbar sind. »Wir ­bevorzugen Personen, die selbst marginalisiert sind. Dann können sie die Erfahrung, die die Person im Raum gemacht hat, besser verstehen.« Nicht nur die Orga und die DJs, sondern auch Tür und Barpersonal sind im Nachtleben oft männlich und heterosexuell dominiert. Ob es wirklich häufiger notwendig ist, machoide Typen rauszutragen, wenn sie aufmucken – nach dieser Fähigkeit werden klassische Türsteher ausgewählt –, als für das Publikum emotional da zu sein, ist fraglich. »HipHop vermittelt in vielen Bereichen, dass man hart und männlich sein muss und alles andere weniger wert ist«, sagt Dominik. Auch zur BERRIES kommen viele Frauen, die sich freuen, eine respektvolle Atmosphäre vorzufinden, obwohl viele Heteromänner im Publikum sind. »Weil die Idioten halt von solchen Partys eher wegbleiben.«

Each one teach one

Diskriminierende Erfahrungen enden aber nicht, wenn man unter die Veranstalter geht. Gizem erzählt von Feedback-Gesprächen mit Clubbetreibern. Thema waren etwa das Gendering der Toiletten und Türsteher, die sich der Selekteurin nicht unterordnen wollten. »Ich kann von Securitys und Barpersonal nicht erwarten, dass sie genauso aware sind wie ich. Wenn man aber eine Selekteurin und ein awareness-Team mitbringt, dann sollten die Leute offen dafür sein, dazuzulernen. Dass uns von zwei verschiedenen Locations gespiegelt wurde, unsere Anforderungen seien zu krass, kann ich nicht akzeptieren. Im Berghain funktioniert das.«

In HipHop-Clubs entsteht dagegen immer wieder das Gefühl, dass Betreiber sich mit einer inklusiven Party lediglich schmücken wollen, um ihre Außenwirkung zu verbessern. So sind Hoe_mies nach einem Jahr und fünf verschiedenen Locations immer noch auf der Suche nach den richtigen Rahmenbedingungen. Gizem deutet viele ihrer negativen Erfahrungen als Stigma ihres Geschlechts. »Die sind schon skeptisch, wenn sie uns sehen. Sie wollen uns erklären, das Konzept könne nicht funktionieren, wenn man keine Männer einbindet, oder uns lowballen, weil wir anscheinend nicht aussehen, als würden wir so viel Geld nehmen wie Männer.«

Die Erfahrung, für die Außenwirkung eines Events instrumentalisiert zu werden, kennt Dominik als schwuler Mann auch. »Wir wurden auf eine sehr große Party eingeladen, und der Veranstalter hatte das Bedürfnis, sofort klarzustellen, dass nicht er uns gebookt hat, sondern dass der Sponsor eine queere Note mit reinbringen wollte«, erzählt er. Die Kombi Queerness und HipHop ist quasi doppelt prekär: Die HipHop-Szene stigmatisiert queere Menschen, die queere Szene hat aber auch Vorurteile gegenüber HipHop. »Das ist kein Wunder, wenn man sich ansieht, was an Mainstream-HipHop an den Laien heranschwappt.« Die queere Rap-szene aus den Staaten ist in Deutschland kaum sichtbar.

»Idioten bleiben von solchen Partys eher weg.« (Tchuani, BERRIES)

Um dagegen vorzugehen, legen Dominik aka tchuani, myshkin und ihre Gäste auch beim Auflegen Wert auf Inklusion. Im Gegensatz zu Hoe_mies fühlen sie sich in ihrer Location sehr wohl. Das Berliner OHM gilt als Auskennerclub für abseitige elektronische Musik. »Wer bei uns eine klassische HipHop-Party erwartet, ist wahrscheinlich enttäuscht, weil auch elektronische Musik einfließt und dann wieder von einem Trap-, Grime- oder Ballroom-Beat gebrochen wird«, sagt Dominik. Auch da zählt Offenheit. Er versteht es als ein Hauptanliegen, denjenigen, die Vorurteile haben, zu beweisen, wie divers das HipHop-Genre ist, und all die zu spielen, die sonst nicht gespielt werden. Der New Yorker Rapper Le1f, mit Mykki Blanco und Cakes Da Killa einer der größten Namen der queeren HipHop-Szene, hat schon mehrfach für das BERRIES-Publikum aufgelegt. »Es ist leicht, eine Clubnacht ausschließlich mit weiblichen und queeren Artists zu füllen«, sagt auch Gizem. Gleichzeitig verzichtet sie bewusst auf Künstler mit problematischen Ansichten und nennt als Beispiele Künstler wie Kodak Black, Tekashi und R. Kelly. Sexistische Inhalte sollte man hierbei aber nicht mit sexuell expliziten Inhalten verwechseln. »In einem Raum, in dem die Machtverhältnisse umgekehrt sind, können sexuell explizite Songs ermächtigend sein. Sie bedeuten dann etwas anderes als auf Mainstreampartys, wo 90 Prozent Typen sind, die das als Aufforderung verstehen.«

Die Rapperin CupcakKe ist ein Beispiel für eine Künstlerin, die irritierend explizit ist, letztendlich aber vor allem selbstbewusst und offen mit ihrer Sexualität umgeht. Diese Artists tragen dazu bei, dass die Veranstalter trotz ihrer negativen Erfahrungen eine ungebrochene Liebe für HipHop haben. Dominik und Gizem sind keine Hit-DJs. Sie haben einen Bildungsauftrag.

It’s still a dream

Eine Welt, in der sich auf HipHop-Partys alle wohlfühlen und gemeinsam feiern können, ist für Dominik keine Utopie: »Ich glaube, das ist möglich. Bevor es realistischer wird, müssen wir aber lernen, zu akzeptieren, dass es andere Denkweisen und Gefühlswelten neben unseren gibt und die Art, wie wir leben, nicht die einzig richtige und wertvolle ist.« Auf dem Berliner Boden kann eine tolerante Partykultur gut gedeihen, weil dort viele zugezogene und im Ausland arbeitende Menschen leben, die Einflüsse zusammentragen und offen für eine andere Idee von Clubkultur sind. Der Bedarf besteht aber überall. Dass Hoe_mies so schnell den Sprung aus der Nische geschafft haben und inzwischen Mainstreampartys das Publikum abziehen, beweist das. Wichtig ist an allen drei Konzepten, dass auch heterosexuelle Männer, die sich vielleicht nicht trauen würden, auf eine explizit queer-feministische Party zu gehen, feststellen können, wie viel Spaß es macht, in einer diversen ­Umgebung zu feiern. Keine der Partys richtet sich exklusiv an eine bestimmte Personengruppe. Dennoch ist es notwendig, sich Werte wie Offenheit und Toleranz auf die Fahnen zu schreiben. Damit bestimmte Personengruppen Lust haben zu kommen, ist es notwendig, bestimmte Identitäten hervorzuheben, weil es noch ein Ungleichgewicht gibt.

Keine der Partys richtet sich exklusiv an eine bestimmte Personengruppe

Sookee ist in Deutschland die einzige sichtbare queere Rapperin und muss sich dafür ständig abstempeln lassen als »die politische Lesbe, die sowieso mit allem ein Problem hat«. Die amerikanische Szene ist schon ein bisschen weiter, was die Akzeptanz queerer und weiblicher Identitäten betrifft. Davon zeugt nicht nur Cardi B, sondern auch beispielsweise Lil Yachtys Album-Cover zu »Teenage Emotions« oder das Feature, das Mykki Blanco zum Kanye-produzierten Teyana-Taylor-Album beisteuerte. In Deutschland haben derweil alle, die daran arbeiten, ungleich behandelten Menschen zu Sichtbarkeit zu verhelfen und Räume zu schaffen, in denen sie sich wohlfühlen, bedingungslos Respekt und Unterstützung verdient.

Fotos: Alexia Hahn, Ray Way, Collin Quinn

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #188. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here