Figub Brazlevič: »Die meisten glauben, ich benutze viele Samples. Das stimmt nicht« // Interview

Wohl kaum ein Beatmaker steht hierzulande so exemplarisch für organischen Boombap-Sound wie Figub Brazlevič. Egal ob mit eigenen Instrumental-Releases wie den kürzlich erschienenen »4×4 Palestine Jeep Beats«, dem Kollabo-Album »Khazraje« mit MC Rene oder seinem eigenen Label Krekpek Records, der Tübinger Wahl-Berliner prägt mit seinen schepperndem Drumloops und knusprigen Sample-Sounds das Klangbild des deutschen Untergrunds von Sylabil Spill bis Sichtexot. Auch für Straßenrap-Schwergewichte wie SSIO oder Plusmacher hat der Sohn eines Bosniers schon die Musikmaschine angeworfen. Anlässlich der »Native Sessions« in Berlin, einem Allround-Event aus Workshops, Diskussionen und Live-Demonstrationen, bei dem auch Figub mit seiner Expertise repräsentieren wird, haben wir uns mit dem Moabiter Boss-Boombapper über Sequencer, seine Anfänge im Techno und die Kunst des Samplings unterhalten.

Beatmaker und Produzenten müssen heute nicht mehr in große Studios, um Musik professionell produzieren zu können. Wo arbeitest du am Liebsten?
In der Regel arbeite ich Zuhause. Das hat natürlich Vor- und Nachteile, weil du zum Beispiel nicht so laut sein kannst, wenn du nicht entsprechend eingerichtet bist wie in einem Tonstudio. Ein anderer Aspekt ist, wenn du mit vielen Leuten an vielen Projekten gleichzeitig arbeitest und das alles auch noch bei dir Zuhause stattfindet, gibt es kaum noch Rückzugsmöglichkeiten oder Privatleben. Da sind Figub und Mario manchmal zu einer Person verschmolzen. (lacht) Das fiel mir eine Zeit lang etwas schwer, denn ein Chef ist ja zum Beispiel auch nicht tagein, tagaus mit seinen Mitarbeitern zusammen, weißt du? Aber der Vorteil ist, dass ich jederzeit schnell und spontan sein kann – das ist mir am Ende wichtiger.

Gerade beim Sound, für den du vorwiegend stehst, liegt der Verdacht nahe, dass du viel mit analogem Equipment arbeitest.
Mein Mikrofonvorverstärker und die Kopfhörer-Verteiler sind analoge Geräte, ansonsten eigentlich nichts mehr. (lacht) Ich habe zwar eine Akai und solche Dinge, aber ich schleife die Spuren jetzt auch nicht extra nochmal dadurch. Das sind Prozesse, die für mich nur in einem richtig ausgestattetem Studio sinnvoll sind, wo du ausschließlich analog arbeitest mit Bandmaschinen und so weiter. So halbgar, nur um irgendwo so ein bisschen etwas reinzukriegen, ist es mir die Mühe nicht wert. Hey, natürlich hat so eine analoge Maschine einen gewissen Eigenklang, aber ich will mich ja auch von den Produktionen der Neunziger emanzipieren. Es ist einfach nicht mein Ansatz, mit einer SP oder einer Akai den Sound der Neunziger zu rekreieren. Jeder, der Boombap heute macht, kann diesen Sound haben, wenn er die entsprechenden Maschinen verwendet. Da ist dann alles ähnlich gebitcrushed und was weiß ich. Ich designe Sound viel lieber. Das hat sich aber auch aus dem Umstand heraus entwickelt, dass mir lange Zeit einfach das Geld fehlte, mir dieses Equipment überhaupt leisten zu können. In meiner exzessivsten Lernphase hatte ich einen PC und eine Maus, das war’s. Mein Wissen darüber, was es alles gibt und wie es funktioniert, war damals nicht so ausgeprägt wie heute. Ich bin auch gar kein übertriebener Nerd, ich kaufe mir nicht mal viele Platten – das hängt aber auch damit zusammen, dass ich halt nie Kohle hatte. Später hatte ich Midi-Keyboards oder andere Outboard-Gear wie die NI Maschine MK3. Das ist im Grunde genommen immer noch so.

Wie hat es sich denn dahin entwickelt? Diese Informationen muss man ja auch erst mal für sich erschließen.
Mit 13 hat mich ein Freund gefragt, ob ich ihm einen Beat machen kann. Ich hatte mich schon ein paar Jahre in Techno und elektronischer Musik probiert, ab und zu habe ich damals auch Breakbeats oder Elektrofunk gemacht – ich habe ja früher auch gebreakt – aber eigentlich hatte ich keine Ahnung von gar nichts. Als ich 16, 17 Jahre alt war, habe ich dann auch Rapper aus anderen Kreisen kennengelernt, die mir irgendwas von Kompressoren erzählt haben. Da konnte ich aber auch nicht mitreden. Ich hatte zu der Zeit auch kein Internet, das hatte ich erst voll spät mit 22, 23 Jahren oder so. (lacht) Erst da habe ich auch angefangen, mich intensiv mit Plug-ins auseinanderzusetzen. Ich hatte auch immer den beschissensten Computer, den man sich vorstellen kann. Als es schon 1,8 Ghz-Rechner gab, hatte ich halt einen Pentium mit 333 Mhz. Die Ladezeiten von Samples im Reason waren manchmal 15 Minuten. Ich habe einfach von Anfang an mit Computern gearbeitet.

Heutzutage sind die Möglichkeiten beinahe unbegrenzt, du hast in DAWs wie Ableton Live Synthesizer, Sequencer und Sampler mit ganz verschiedenen Features. Wie glücklich oder unglücklich bist du im Nachhinein über die Beschränkungen, die dir dein damaliges Set-up aufzeigten?
Eigentlich bin ich froh darüber. (lacht) Aber klar, die Möglichkeiten von heute haben mir ja auch geholfen. Wenn es das Internet zum Beispiel nicht geben würde, wäre ich vermutlich nicht so am Start. Es hat mir aber nicht gefehlt oder so. Klar, hätte ich gerne funktionierendes High-End-Equipment gehabt, aber so musste ich halt improvisieren. Wenn ich mal bei einem Kumpel doch etwas aus dem Internet geladen haben, dann wurde diese Datei auch wirklich benutzt und ausgereizt. Am Ende hat es mich wohl dazu gebracht, meinen eigenen Sound zu finden.

Du arbeitest mittlerweile mit der NI Maschine MK-Reihe. Wie schwer oder leicht fällt es dir denn, dich heute mit Neuerscheinungen aus Hard- oder Software auseinanderzusetzen?
Meine Bereitschaft heute, ein neues Gerät oder eine neue Software zu lernen, ist weniger geworden. Das hängt auch damit zusammen, dass ich mittlerweile einfach weiß, was ich tue und wie ich da hinkomme. Meine Arbeitsweise hat sich eigentlich kaum verändert: Controller, Maus, Computer. Natürlich könnte ich die NI Maschine jetzt komplett auswendig lernen, damit ich sie zu hundert Prozent bedienen könnte. Aber da ist ja auch vieles drin, das ich kaum gebrauche. So wie ich jetzt produziere, bin ich einfach am Schnellsten, das hat gar nichts mit Abneigungen gegenüber anderen Sachen zu tun. In erster Linie benutze ich die Maschine auch als Midi-Controller. Aber ich versuche mich aktuell vermehrt an den Live-Optionen, die die Maschine bietet, damit ich sie in Zukunft auch on Stage besser einsetzen kann.

Welche Software bevorzugst du heute?
Ich habe Ableton, aber schon seit 2007/2008. Lange Zeit hab ich es eher als sehr tauglichen Sequencer und DAW gesehen und mich kaum um die »Live«-Funktion gekümmert, diese Blöcke und so. Das ist ja auch eher was für Jam Sessions, was auf meine Arbeitsweise, speziell das Beatmaking, nur bedingt zutrifft. Ich mache ständig Beats, daher wäre es auch total schwer, jetzt 14 Songs für ein Live-Set vorzubereiten, die ich dann ein halbes Jahr on stage performe bzw. auf der Bühne »nachbaue«. Da lege ich lieber »klassisch« auf und spiele unreleasten Shit, den ich gerade gemacht habe.

»Ich benutze kaum Samples. Ich würde nie nur einen Drumloop nehmen und ihn unter einen Sample-Loop packen«

Gibt es Dinge, die du niemals anrühren würdest – etwa Presets, Arpeggiators, bestimmte Synthesizer o.ä.?
Nö, ich schließe nichts aus. Was ich vielleicht nie machen würde, ist, einen Drumloop nehmen und ihn unter einen Sample-Loop zu packen. Bei jedem Beat von mir kannst du davon ausgehen, dass ich es eingespielt habe auf die eine oder andere Art. So fange ich auch meistens an: Wenn die Drums mich kicken, interessiert es mich fast gar nicht, was da noch für ein Sample drüberkommt.

Viele Produzenten arbeiten ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch projektbezogen. Produzierst du noch viel ins Blaue hinein?
Ich mache eigentlich ständig Beats, aber aus den letzten Jahren habe ich gar nicht mehr so viele Leftovers. Oft ist es auch so, dass ich Sachen von früher nochmal überarbeite, wenn sie ein Rapper pickt oder so. In den letzten anderthalb Jahren habe ich tatsächlich mehr projektbezogen gearbeitet, das möchte ich aber demnächst wieder ändern. Manchmal entstehen ja aus einer alten Skizze ganze Alben.

Bei so einer Strategie entsteht ja aber auch viel Unfertiges.
Klar, manchmal baue ich nachts Beats und bin sogar zu faul, vorm Schlafengehen noch ein Arrangement zum Anhören hochzuziehen – 16-Zeiler-Hook-16-Zeiler usw., weißt du? Selbst das nicht. (lacht) In der Regel sollte ich zwar alles direkt bouncen und am besten auch nicht zehn verschiedene Versionen, sondern immer die Letzte überschreiben – aber ich denke über sowas einfach nicht nach. Ich mache lieber. Mein kommendes Projekt »Booth Brothers/Booth Sisters« folgt auch genau diesem Prinzip: es kommen Leute zu mir und ich produziere in fünf bis zehn Minuten einen Beat für den jeweiligen Vocalist.

Neben einer Handvoll Instrumental-Projekte hast du noch nie ein »richtiges« Figub-Solo-Album gemacht. Welche Ansätze würden dich als Produzent noch reizen? Gab es Überlegungen, auch mal vom Sampling wegzugehen?

Die meisten Leute glauben, ich benutze Samples. Das stimmt aber gar nicht. Natürlich, hier und da kommen Soundfetzen aus externen Quellen, oft spiele ich auch noch Sachen zusätzlich ein. Es gibt kaum einen Beat, der ausschließlich samplebasiert ist. Manchmal habe ich ein Grundsample, aber ich manipuliere es dann so, dass es kaum noch erkennbar ist oder spiele eine neue Melodie rein. Vieles kommt auch erst jetzt raus, die John-Known-EP habe ich beispielsweise vor vier Jahren produziert. Aber ich möchte mich künftig auch mehr auf mein Team konzentrieren und weniger Produktionen auf verschiedenen Releases, auch aus anderen Camps, haben.

Das letzte große Projekt war das »Golden Era Tourtape« mit Kollegah. Eine Kombination, die überraschte. Kannst du einmal die Geschichte dazu erzählen?
Vier Tage vor Tourstart bekam ich einen Anruf und die Frage, ob ich Teil eines Boombap-Projektes von Kollegah sein wolle. Das Konzept war und wurde, dass er auf der Tour schreibt und aufnimmt. Wegen der Tour-Vorbereitung hatte sein Team aber keine Zeit, eigene Beats zu produzieren und so kamen sie wohl auf mich. Als ich fragte, ob sie schon Beats hätten, sagten sie: »Ehrlich gesagt: Nein.« Daraufhin habe ich gesagt, dass ich es komplett alleine produziere und denen 100 Beats geschickt. Vier, fünf Stunden später kam deren Antwort: die wollten tatsächlich 26 Beats von mir haben! Da war ich überrascht, dass es gleich so viele waren. Als dann der Satz fiel »Ich habe halt Bock auf deinen Trademark-Sound« war ich völlig perplex. (lacht) Kollegahs und meine Musik überschneiden sich ja kaum, daher war es überraschend, als sich herausstellte, dass Kolle meine Musik auf dem Schirm hatte. Ich kannte kaum Sachen von ihm und finde auch, dass »Golden Era Tourtape« seine beste Arbeit ist. (lacht) Wir haben uns aber nur mal kurz bei seinem Berlin-Auftritt gesehen, ich habe am Ende ja nur die Beats geschickt. Kollegah ist ja gerade auch extrem in der Kritik. Was das angeht, bin ich auch zwiegespalten: einerseits halte ich mich generell aus sowas raus, aber habe natürlich trotzdem eine starke Meinung dazu. Ich kann es auch nachvollziehen, wenn Leute mich dafür kritisieren, dass ich mit Kollegah Musik gemacht habe. Aber so ist halt am Ende HipHop für mich – auch mal Grenzen überwinden. Es geht nicht darum, dass ich mit Retrogott oder Plusmacher Musik mache, die irgendwo ja auch meine »Konkurrenten« sind.

Wer Figub mal beim Produzieren auf die Finger schauen und direkte Fragen stellen möchte, hat morgen bei den Native Sessions im Musik & Frieden Gelegenheit dazu. Alle Info zum Event und zur Anmeldung gibt’s hier.

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