Edgar Wasser (Feature #154)

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Ist irgendetwas an Edgar Wasser typisch für München? Roger vom Blumentopf überlegt nicht lang: »Ja. Er ist dope.« Aber gegen derlei Komplimente scheint Edgar immun. Klar, auf der Fanpage ist man sicher aus Versehen gelandet. Der CD-Kauf? Bedauerliche Fehlinvestition. Beleidigungen aus dem Selfmade-Forum stehen dort, wo man die Künstlerbiografie erwartet. Interviews, Teaser zum Trailer, tägliche Imagepflege via Instagram und YouTube? Nix. Er bleibt lieber auf Distanz, dieser Edgar Wasser. Und ­gerade deswegen scheint es an der Zeit, sich den Kerl hinter dem Verweigerungsgehuber einmal genauer anzuschauen, den Kerl, auf den sich Casper und Samy Deluxe, Weekend und die 257ers, ­Maeckes und Blumentopf einigen können. H2O-kay?

 

Im gedachten Giftschrank deutscher Rap-Medien hat Edgar Wasser seinen Platz seit Juli 2011 sicher. Auf dem Splash! gibt er Videointerviews. Wer in der Nähe ist, erlebt einen höflichen, gut aufgelegten, vielleicht etwas nervösen Edgar, der zwischen den Fragen leise zu überlegen scheint, wieso ihm eigentlich diese Aufmerksamkeit zuteil wird. Das arbeitet in ihm. Unmittelbar nach dem Festival steht er vor der Kamera von on3. Der Ansatz ist diametral anders: Er gibt den abgehobenen Künstler, lässt die Moderatorin in einem zweiminütigen Gesprächsversuch sauber ins Leere laufen und gibt Nichtantworten zwischen Gemeinplatz und Exzentrik. Dass er abschließend ein Album namens »Sarkasmusgefahr« ankündigt: normal. Aber auch das scheint ihm als Medientaktik nicht zu taugen. Edgar bittet jedenfalls freundlich darum, die auf dem Splash gedrehten Interviews nicht zu veröffentlichen – er habe sich entschlossen, keine Interviews zu geben. Nur seine Musik solle für ihn sprechen. Sorry.

 

Was immer in diesen Tagen bei Edgar passiert sein mag, wahrscheinlich sagt er einfach die Wahrheit: Er hat sich das halt überlegt, ist überhaupt erst auf die Idee gekommen, dass es ja eine Option sein kann, gewisse Dinge sein zu lassen. So simpel. Das Verwirrende an diesem Rückzug aber ist, was er offenbart: Da hat jemand keine Promostrategie, kein Image, das er um jeden Preis zu verbreiten gewillt ist. In Zeiten, in denen so emsig nach der Leitwährung Aufmerksamkeit gehechelt wird, ist das ein Anachronismus, mit dem man erst mal klarkommen muss. Und wie er damit ganz nebenbei an einem Schlüsselreiz seiner Umwelt herumpiekst, ohne das bis in alle Konsequenzen durchgeplant zu haben, taugt als wiederkehrendes Motiv einer ­Geschichte über Edgar Wasser.

 

 

Angefangen hat das Pieksen 2010 mit der »Stockholm-Syndrom EP«. Auf windschief swingenden Bläsersamples nimmt sich Edgar der Dummheit um ihn herum an und hantiert schon in »The Champ Is Here!« mit zentralen Elementen seines weiteren Schaffens: Der Wasser, die tragische Witzfigur, die sich selbst so hart disst, dass man es selbst gar nicht erst versuchen muss. Der Dummkopf, der seine Homo-Sapiens-Phobie ganz ungestört in dem Wissen auslebt, selbst kein bisschen besser zu sein. Und wenn er braggt und boastet, dann nie ohne absurde Nebensatzwendung, die ihn deppert dastehen lässt. Irgendwie von schräg unten statt von oben herab. Ein fieser doppelter Boden, auf dem Edgar sich gern bewegt, weil er keinen außer eben dieser Rap-Persona trägt und ihr auch noch gestattet, Hakenkreuze-Hitler-Goebbels-Bilder zu Punchlines zu machen. Die Auskennerschaft beschließt: Schublade auf, Retrogott-Biter rein. So funktioniert die Assoziationsmaschinerie, wenn sie im Jahr drei nach »Jetzt schämst du dich« auf einen Boombap-Misanthropen mit Hang zum Zynismus trifft. Ganz schön Pawlow. Was das selbstproduzierte Debüt auch bietet: eine euphorische, fragile Lebensfreude (»The Supremes«), die nur durch den Kontrast zu den Abgründen möglich ist, die hinter jeder Ecke lauern. Und die Distanzierung, mit der Edgar einer gewissen Tecla idealistische Weisheiten in den Mund legt, die von ihm selbst viel zu abgedroschen klängen. Der Kosmos des Edgar Wasser, der die kaputte Welt so gern besser machen würde, bevor er resigniert zur »Menschheitszerstörungsmaschine« greift. Die folgende EP »Es rappelt in der Kiste!« mit Miami Weisz tauscht Edgars Samplekiste gegen elektrischen Funk, betreibt aber inhaltlich die fortgesetzte Stilisierung als latent unfähiger Antiheld, bei dem das Gutmenschentum doch nur zum Michael-Moore-Gucken reicht.

 

Der Antiheld steht vor neuen Problemen. So oft er auch betont, man solle seinem Unsinn bloß nicht zuhören: Die Menschen gehorchen nicht. Lobeshymnen und Genörgel. Auf »Leuchtbuchstaben & Geisterschlösser« klingt das 2011 durch: »Ich schätze, wer ’ne Clownsnase trägt, wird in den meisten Fällen nur als Clown angesehen, deswegen versuche ich jetzt die weiße Schminke wegzuwischen.« Die EP verschärft die Kontraste zwischen »Happytown« und der Mistwelt, in der wir leben, widmet sich konkreter der Gesellschaftskritik des Machtlosen, und Edgar bekennt: »Jeder Mensch hat eine Bestimmung, vielleicht ist meine dann, ganz einfach alles scheiße zu finden.« In einem der wenigen überlieferten Interviews aus dieser Zeit, ausgerechnet auf der Waldorfpädagogik-Seite erziehungskunst.de, schlägt er in die gleiche Kerbe. Das Stockholm-Syndrom, also das Phänomen, das Geiseln mit Entführern sympathisieren lässt, setzt er mit dem Optimismus der Menschen gleich: »Man weiß, dass sehr, sehr viele schlimme Dinge passieren, aber man kann trotzdem lachen und Witze machen.« Ein Lachen, das ihm merklich schwer fällt. Das »ständige Bedürfnis, irgendwo nationalsozialistische Züge zu sehen, das ist eigentlich schlimm. Aber was mich an dem Thema interessiert, ist diese Symbiose aus Faszination und Ekel.« So bleibt der böse Mann mit dem kleinen Bart präsent in Edgars Metaphorik.

 

 

Promo oder Prostitution

 

Es gibt zwei Momentaufnahmen in Edgars Katalog, in denen sich der Mensch hinter der Kunstfigur zu Wort meldet. In »06.01.11« zeigt der sich mächtig genervt – vom wiedergekäuten Retrogott-Vergleich einerseits, von den Missverständnissen um »Deutschsein« andererseits, ein Lied über »Nationalstolz als Modeerscheinung«. Er rekapituliert: »Ein Song über die deutsche Integrationspolitik/und ich hab Fans, die mich loben für antideutsche Musik/Seid ihr behindert oder versteh ich den Witz nicht?/Du willst gerne antideutsche Texte? Hier: Fick dich!/Und dank solcher Kommentare im Internet/scheint es mir, als ob meine Hörer geistig behindert sind (…) Das ist gute, deutsche Aufarbeitung: oberflächlich.«

 

»23.10.12« zeigt knapp zwei Jahre später einen ganz anderen State of Mind. Keine Spur von Angepisstheit. Edgar ist gelassener geworden und reflektiert kritisch, aber dankbar eine veritable Independent-Karriere. In dieser Zeitspanne hat sich viel getan, und der Entschluss gegen Interviews spielt eine wichtige Rolle. Dabei ist Edgar weit von einem Totalboykott der Medien entfernt, er hat sich nur in eine Position manövriert, in der er Ansagen macht statt Antworten zu geben. Sein »rap.de-Exclusive« ist eine genüssliche Abrechnung mit den die Jugend verderbenden »Deutschrap-Propaganda­zentren«, für meinrap.de lässt er sich für eine Handvoll Klicks über »Promo oder Prostitution« aus, und womit er einen Track für die JUICE-CD füllt … nun, Leopoldseder weiß Bescheid.

 

Edgars Verhältnis zu deutschem Rap ist zumindest: schwierig. 2011 gibt er bei rapresent.me zu Protokoll, von »unzähligen G-Unit-, Aggro-Berlin- und Optik-Records-CD-Booklets« umgeben seine ersten Texte geschrieben zu haben. Das muss so 2007 gewesen sein, mit 16 oder 17, wenn’s denn stimmt. Ab 2011 taucht ausgerechnet Flers Name häufiger auf, wenn Edgar stänkert, auch der moderne Savas kriegt Seitenhiebe ab. Der Hobbypsychologe will Enttäuschung und Abnabelungsprozesse wittern, rennt damit aber unweigerlich gegen ­Edgars, äh, Steinmauer. Äußerst harmonisch läuft es dafür mit Blumentopf, die Edgar im Mai 2012 auf ihre Jubiläums-Tour mitnehmen und beobachten, wie die locker drei oder vier Deutschrap-Generationen im Publikum Abend für Abend nachdrücklich eine Zugabe fordern. Vom Opener, ­wohlgemerkt.

Roger erzählt: »Ich wusste anfangs nicht mal, dass er aus unserer City ist. Wir versuchen eigentlich immer die dopeste Scheiße auf Tour zu bringen, haben uns aber dann am Ende doch für Edgar entschieden. (lacht)« Im Herbst 2012 ist Edgar wieder mit auf Tour, und sein Manager Tony erinnert sich gerne an einen euphorischen Kommentar eines Zuschauers, der so einen Support-Act seit Eins, Zwo vor Fettes Brot 1998 nicht mehr erlebt habe.

 

Konzentration auf die Kunst

 

Die Zusammenarbeit mit Tony Gioviale seit Herbst 2011, schon lange Strippenzieher hinter Münchens HipHop-Kulissen, ist ein wichtiger Schritt: hin zur Konzentration auf die Kunst. Tony erinnert sich an einen der ersten Auftritte Edgars: »Was er da live abgerissen hat, war einfach unglaublich. Was Edgar auszeichnet, ist seine Natürlichkeit und Leichtigkeit auf der Bühne. Danach haben wir uns getroffen, und seitdem machen wir das Ganze zusammen.« Und das mit den Interviews? »Ich war da zunächst auch ziemlich verdutzt. Das Ganze ist Teil seiner künstlerischen Identität, Ausdruck seines Denkens und seiner Persönlichkeit und macht ihn zu dem Künstler, der er ist.«

 

Auch eine kontrastreich gebuchte Tour mit Weekend, Fard und RAF 3.0 stärkt Edgars Selbstbewusstsein. Auf »23.10.12« rappt Edgar von einer Episode, in der Fard ihn vor der Reaktion seiner Fans auf »Deutschsein« warnt: Da könne es Probleme geben. Tony erzählt von Edgars Zweifeln, den Song weiter zu spielen, »aus dem Bewusstsein, dass Unverständnis und mangelnde Fähigkeit zu differenzieren zu solchen Eskalationen führen könnten«. Sie sprechen über Selbstzensur und schließlich darüber, dass man schlichtweg aufhört, ein Künstler zu sein, wenn man seine künstlerische Freiheit aufgibt. Edgar spielt den Song. »Und selbst die härtesten Banger haben bei den kontroversen Lines gelacht und gejubelt. Der ist rausgegangen und hat abgerissen – vor einer der am wenigsten homogenen Mengen, vor denen man spielen kann.«

 

 

Öffentliche Props von Maeckes bringen Edgar sogar dazu, diesen ein Idol zu nennen und einfach mal ein wenig stolz zu sein. Edgar wird auf Maeckes’ Remix-Remix-Album »Zwei« sein, und auch der Maeckes-Part auf einem Edgar-Release wird kommen, verrät der Orson. Dass manche seiner Fans den Wasser verständnislos als »aggressiv« und »pubertär« abtun, ficht ihn nicht weiter an: »Die einen sagen so, die anderen sagen so. Das, was die ihm ankreiden, sehe ich eigentlich als Stärke.« Und was verbindet die beiden Künstler? »Die Welt ist ihr Feind, das Wort ist ihr Freund. Sie können über schreckliche Dinge lachen, mögen Meta und haben beide noch nicht aufgegeben.«

 

Ende 2012 erscheint als erster käuflicher Solo-Tonträger die »_ EP«, der Unterstrich ausgesprochen, wie man weiß. Groß anders macht »Deutschraps Stauffenberg« nichts, das kompakte Format mit dem »Sound für deine Handyboxen« beherrscht er lässig. Die Sampleauswahl wird vielfältiger, er hat »gute Vergleiche wie ein Typ, der gute Vergleiche hat«, instagramt Hipsterleichen und irritiert nur mal kurz mit sparsamen Hashtag-Anwandlungen wie »Deine Kritik lässt mich kalt – Eskimo«. Wenig amüsiert ist Ali A$, der auf »Definitiv« eine Vierzeiler-Watschn kassiert und mit einer Tweet-Tirade reagiert, die sich leider zu einem beträchtlichen Teil an Punchlines über Reis, Sushi, Glückskekse und Karate Kid abarbeitet. Was ganz nebenbei vielleicht als Beleg dafür taugt, wie bemerkenswert wenig Persönliches Edgar Wasser bis dato über sich preisgeben musste – und wie intim es schon wirkt, wenn er auf »Reime und Beats« die BPM mit dem Geodreick einstellt und Biggie, Pac und den Fugees, Rap hab sie selig, Respekt zollt.
Seit 2012 tauchen weitere Münchner ­häufiger mit Edgar auf, allen voran ­Fatoni von Creme Fresh, den Holunder eines Tages auf das »Stockholm-Syndrom« bringt. Edgar und Fatoni werden von Track zu Track zu einem immer stimmigeren Team. »Pretty Girlz« ist mitsamt Video ein ­beängstigend gutes, dunkles Stück Kunst, und auf dem Splash! 2013 wird »Deutscher Rap« zum Opfer ihrer pointierten Pöbeleien. Seine Motivation erklärt Fatoni so: »Viele Rapper vermitteln Werte, die, wenn ich sie einer politischen Partei zuordnen sollte, zur NPD passen, Stichwort Schwulenfeindlichkeit und Frauenbild. Beim Thema Geld bewegen sich einige in der Gedankenwelt der FDP oder der Union. Gleichzeitig ist das von so gut wie der ganzen Szene längst toleriert, oder es gibt gar keine Haltung dazu. Ich bin weder für Zensur noch dafür, dass es nur politisch korrekten Rap gibt, aber wenn mich was nervt, dann prangere ich das auch gerne mal an.« Die Ende September erscheinende Kollabo »Nocebo« beschert uns das Doppel im Langspiel­format.

 

 

Straight Outta Irgendwo

 

Zusammen mit Lux, Cap Kendricks, Paulinger, Phil Harmony und DJ Mic-E ist Edgar Wasser heute außerdem Teil des Kollektivs Dopeboyz, dessen Grundstein 2012 gelegt wird, als er nach einem gemeinsamen Gig die Fellatricks Connection anspricht, wie sich Lux erinnert: »Ob wir nicht mal ein bisschen miteinander abhängen wollen, vielleicht entsteht ja der eine oder andere Track. Dope, so was.« »Krass!« mit Lux und die von Kendricks produzierte EP »Wir korrigieren 4 Tonnen Stahl mit einer Hand« folgen. Nach dem Dopeboyz-One-Off »Straight Outta Schwabing/Straight Outta Irgendwo« soll jetzt an gemeinsamem Material gearbeitet werden, das Cap Kendricks so beschreibt: »Wir orientieren uns vor allem am US-HipHop der späten Achtziger und frühen Neunziger. Die Raps sind funky und die Beats sind schnell, eher minimalistisch und haben harte Drums. Das macht unglaublichen Spaß und funktioniert auch bei Live-Shows super.«

 

Soweit. Sind wir jetzt schlauer, was das Phänomen Edgar Wasser angeht? Vielleicht müssen wir das ja gar nicht. Denn was der Mensch hinter der Kunstfigur eigentlich will, hat er in einem dieser frühen Interviews schon selbst verraten: »Toleranz, Nächs­tenliebe. Eigentlich Nächstenliebe, ehrlich gesagt. Sei nett zu deinen Mitmenschen.« Und das wäre immer noch dope.

 

Text: Ralf Theil
Fotos: Daniel Hawelka

 

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