Die Orsons – Orsons Island // Review

Auf »Orsons Island« entsteht ein Konzeptalbum, das die Talente der begabten Freunde einfängt und stimmig kanalisiert.

(Chimperator Productions/Vertigo)

Wertung: Fünf Kronen

»Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen.« Was Winston Churchill schon wusste, verkörpert im Deutschrap niemand so gut wie der vierköpfige Ministaat der Orsons. Das einstige Spaßprojekt der Hochveranlagten wurde über die Jahre zum existenzbedrohlichen Mainstreamerfolg. Der schmerzhafte Einigungsprozess untereinander über den genauen Weg führte dabei zu einem nasenblutenden Kaas, zu Geschrei in Telefonkonferenzen – und am Ende zu »Orsons Island«. Entstanden auf Reisen, in vier Kapitel unterteilt. Diese liefern musikalisch wie inhaltlich unterschiedliche Abschnitte. Energiegeladen und elektrisiert rast man mit den Orsons durch das Kapitel der »Virtuellen Realität«, durch Herzschmerz und Party, ehe man verkatert am »Morgen danach« nachdenklich und melancholisch wird. Es braucht einen neuen Ansatz, der im Good-Vibes-»Aufbruch«-Kapitel euphorisch gelebt wird und letztendlich zur beruhigenden, kitschbeladenen »Ankunft« führt. Es ist kein Ankommen im Billigflieger auf Malle, sondern ein Ankommen bei sich selbst. Das Motto: Du kannst fliehen, wohin du willst, die Ursache und Lösung der Probleme liegt in »Dir Dir Dir«. Ein stimmiges Konzeptalbum. Beeindruckender ist am Ende aber die konsequente (Unter-)Ordnung zwischen den vier ersten Geigen. Bartek und Maeckes brillieren mit humorvoller Schwere, wenn Maeckes gesellschaftskritische Nadelstiche setzt und über den Reiz des ständigen Handychecks sinniert, während Bartek sich konstant verletzlich wie selten zeigt, Alkoholprobleme und Existenzängste thematisiert. Tua scheint immer genau dort aufzutauchen, wo ein Lied nach ihm verlangt. Sei es, um die Magie toxischer Beziehungen zu beschreiben, sei es, wenn er dafür auf einem Reggaebeat singen muss (»Bessa Bessa«). Und am Ende ist der entscheidende Faktor ein Kaas, der zu Karrierehöchstform aufläuft. Vielleicht braucht es drei Orsons, um Kaas und dessen Wanken zwischen Genie und sperrigem Wahnsinn zu kanalisieren. Doch Kaas flüstert, singt, adlibt, reißt sich seine Seele raus und verleibt sie dem Album ein, das am Ende zeigt, dass sich die Orsons längst keinen Ansichten von außen mehr beugen, wohl aber untereinander eine Ebene gefunden haben, die sie endlich auf Albumlänge zu einer wirklichen Einheit verschmelzen lassen.

Text: Niklas Potthoff

Lest hier unser großes Interview mit den Orsons zu »Orsons Island«.

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