Danger Dan: »Ich habe versucht, viele Sachen wegzusaufen« // Feature

»Emotionen sind wie ein Inkasso-Unternehmen, das immer teurer wird, wenn man es ignoriert«, stellt Danger Dan auf seinem neuen Album »Reflexionen aus dem beschönigten Leben« fest. Denn auch wenn der Lebenskünstler das Slackertum professionalisiert und zur Tugend umgemünzt hat, konfrontiert er sich auf seinem ersten offiziellen Soloalbum mit der Schattenseite seines Müßiggangs.

Zuletzt schlurfte er mit seinen Antilopen-Gang-Mitstreitern und dem Album »Anarchie und Alltag« direkt an die Spitze der Charts. Unerwartet, wie er bei einem Gespräch mit Kaffee und Kippen bemerkt. Es sei schlichtweg eine verkaufsschwache Woche gewesen. Wirklich verändert habe die Pole Position jedoch nichts. »Ich bin nach wie vor ein ganz normaler Kerl. Ich brauche aber dringend mehr Geld«, lacht er den Erfolg klein.

Noch immer nicht in Musikmillionen schwimmend, begann der Wahlberliner noch während der Tour zum Nummer-eins-Album sein Solodebütalbum »Reflexionen aus dem beschönigten Leben« niederzuschreiben. Mit Titel und Albumcover spielt er auf einen Aphorismenband Adornos an. Für Dan sei das Komponieren und Texten eine Art von Tagebuchschreiben. Diese autobiografische Arbeitsweise überrascht, wird er doch oft als Politrapper bezeichnet. Auf dem Album gehe aber jedes Lied nur um ihn, weder um die Gesellschaft noch um Politik. Die Themen, die ihn persönlich beschäftigen, seien mitunter aber politisch.

Doch ist Danger bekanntermaßen ein politischer Mensch. Und das macht ihn zu einer wichtigen Stimme im Deutschrap, der zwar Lebensrealitäten treffend beschreibt, aber oftmals eine politische Positionierung vermissen lässt. So thematisiert er beispielsweise auf »Sand in die Augen« die Sorgen, die er sich um das Erwachsenwerden seiner Tochter in einer sexistischen Welt macht, mit einer feministischen Botschaft. Doch wer auf Danger Dans ersten offiziellen Solo-Album nach Antilopen-Polemik á la »Atombombe auf Deutschland« oder einem Sequel von »Sommermärchen« sucht, wird nicht fündig werden. Denn der Langspieler ist vor allem als Projekt einer biographischen Standortbestimmung angelegt.

Den Startpunkt auf der Suche nach seinen lebensgeschichtlichen Koordinaten stellt der vor zehn Jahren entstandene Track »Private Altersvorsorge« dar. Ein Brief an sein künftiges Ich in Form eines Songs. Auf »Private Altersvorsorge 2« antwortet Danger und konfrontiert jugendliche Zukunftsvisionen mit neugewonnen Einsichten und schachtelt das GPS-Signal seiner Persönlichkeit in der Differenz zwischen beidem ein. Trotz der Ernsthaftigkeit seiner Identitätssuche geschieht all das mit einem Funken Selbstironie. Etwa wenn er in seinem Antwortbrief behauptet: »Ich habe keinen Bock mehr auf Tiefkühlpizza/ Ich will Hummer!«.

Gründe dafür, dass der rote Faden seines Lebenslaufs anmutet wie von den Scheren eines Schalentiers zerstückelt, seien, wie er sagt, »interessengesteuerten Konzentrationsmöglichkeiten«. So habe er zuverlässig nahezu jeden Termin seiner zahlreichen Jobs verpasst. Deshalb wurde keine dieser Nebentätigkeiten – unter anderem als Anzugsverkäufer, Betreuer in einem Kinderheim und Ott-Ticker – zum Beruf. Konstant blieb nur das kreative Schaffen. Wohl auch deshalb stehe der chronische Zuspätkommer pünktlich um Viertel vor vier auf der Matte, wenn der Tourbus um vier Uhr losfährt – vier Uhr morgens wohlgemerkt.

Und wenngleich dieser Umstand ihn zwang, aus Unfähigkeit alternative Lebenswege zu beschreiten und seine Leidenschaft zur Musik zu verfolgen, hat er ihm auch Probleme beschert. Nein, für den Althippie-Sohn sei es kein Problem, dass er ohne Berufsausbildung kerzengerade auf die Mitte seines vierten Lebensjahrzehnts zusteuert. Problematisch sei für Danger weniger sein professionelles, sondern vielmehr sein psychisches Leben. Denn der unter den Teppich gekehrte emotionale Staub akkumulierte sich bereits zu einer mindestens maulwurfshügelgroßen Stolperfalle.

»Es gibt so viele Sachen, die ich versucht habe wegzusaufen – Jakobs Tod zum Beispiel«, stellt er nüchtern fest. Jakob, das ist der bürgerliche Name seines Freundes und ehemaligen Antilopen-Gang-Kollegen NMZS. Mit dessen Selbstmord vor fünf Jahren sei er zwar permanent konfrontiert gewesen, aber die psychische Tragweite dieses Verlusts habe sich ihm erst Jahre später erschlossen. Deutlich wurde ihm das durch Leute aus seinem Umfeld, die unter Depressionen leiden. Er sei »wie ein Hirtenhund« um sie herumgelaufen, war überfordert. Schlussendlich musste er feststellen, dass er als Hinterbliebener traumatisiert war, traumatisiert ist. Derzeit arbeitet er das gerade mit Hilfe einer Psychologin auf.

»Ich bin nach wie vor ein ganz normaler Kerl.«(Danger Dan)

Zu dieser Aufarbeitung gehört auch die Verabschiedung des Aschenbecher-Lifestyles, den er mit Jakob geteilt hat. Auch wenn die kategorische Verweigerung bürgerlicher Konventio­nen dem Image als Punk-Rapper zuträglich ist, steht man mit steigendem Alter schnell als Versager da, wenn keine Veränderung im Leben erfolgt. Es macht eben einen Unterschied, ob man als 20-Jähriger mit dem Gesicht in einem Pizzakarton aufwacht oder mit dreißig.

Denn auch wenn die Rebellenmatte schon lange einer schnittigen Kurzhaarfrisur gewichen ist und Danger – Zitat aus den Kommentarspalten des Social Web – damit »aussieht wie ein Sportlehrer«, ist er meilenweit davon entfernt, sich die Turnschuhe festzuschnüren, um unerbittlich den Lebenslauf der Massen mitrennen zu können. Er versucht, Verantwortung für die eigenen Schwächen zu übernehmen. Nur zu genau nimmt Danger es damit nicht: Einmal hat er ein Inkasso-Verfahren so lange verschleppt, bis es einfach fallengelassen wurde. Manche Probleme lösen sich eben doch von selbst. Bestimmen zu können, welche das sind, das ist wohl die Kunst des Müßiggangs. Und Danger Dan hat es darin zu einer wahren Meisterschaft gebracht.

Foto: Jaro Suffner

Dieses Feature erschien zu erst in JUICE #187. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

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