Chip & Young Adz: Skeptas Kollegen der Trap-Supergroup // Feature

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Am letzten Freitag droppte das Album »Insomnia« mehr oder weniger als Überraschungsalbum. Ein Ankündigung auf Social-Media-Kanälen und eine ausgekoppelte Videosingle reichten aus, um einen kleinen Hype zu erzeugen. Das liegt vor allem an den beteiligten Artists Skepta, Chip und Young Adz, die mit ihrer Reputation und ihrer Stellung in der Szene Erwartungen geweckt haben. Zeit, das Trio genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das Projekt »Insomnia« hat nicht nur deswegen viel Hype ausgelöst, weil alle drei Rapper alleine bereits eine amtliche Fanbase und Einfluss in der Szene mitbringen, sondern auch weil die Zusammenstellung unterschiedliche Stile und Karrierewege miteinander verbindet. Skepta, Chip und Young Adz setzten offenbar auf diese Wirkung und schickten das Album direkt mit der Caption »The groundbreaking album« ins Netz. Eine optimistische Selbsteinschätzung, die nach dem Release des Albums aber von vielen Fans geteilt wird.

Klar ist, dass Skepta Leader der Gruppe ist. Er ist der älteste der drei, hat mit seinem 2016er-Album »Konnichiwa« Grime zurück zur Relevanz gebracht und auch mit seinem letzten Album »Ignorance Is Bliss« bewiesen, dass er weiterhin Top Boy ist. Groß zu erklären braucht man den Boy-Better-Know-Mitbegründer nicht, sein musikalischer Output und Status spricht für sich.
Ein wenig anderes sieht es bei Chip und Young Adz aus, die ihre Bekanntheit im UK haben, aber (noch) keine internationalen Stars sind. Beide kommen aus unterschiedlichen Positionen in dieses Projekt und liefern deswegen Potential für Experimente.

Teenagerträume und Erfahrung

Wer schon länger im UK-Rap unterwegs ist, sollte Chip noch aus der Zeit kennen, als er unter dem Namen Chipmunk aufgetreten ist. Obwohl er acht Jahre jünger als Skepta ist, beginnen beide in einer ähnlichen Ära mit Rap und beweisen sich als junge Vertreter von Grime. Im Alter von gerade einmal 17 Jahren, bringt Chipmunk 2007 sein Mixtape »League of My Own« heraus und wird dabei von Grime-Urvater Wiley unterstützt, der durch Freestyles auf ihn aufmerksam geworden ist. Chipmunk ist eine Teenage-Rapstar, der Grime als Party- und Spaßmusik interpretiert. Problemlos reichtert er diesen mit poppigen Elementen an, droppt unbeschwerte Zeilen mit ansprechenden Flows als Singles mit knalligen Covern. Der Turn-Up-Bruder. 2009 landet Chip mit »Oopsie Daisy« einen Nummer-Eins-Hit, auf dessen offiziellem Remix übrigens schon ein gewisser Skepta vertreten ist, der dem Track einiges an Pop-Ballade nimmt und ihn in Richtung des hektischen Grime-Sounds manövriert. Chipmunk hat zwar den Mainstream für sich erobert, geht mit seinem Debütalbum »I Am Chipmunk« Gold und erreicht Platz Zwei der Albumcharts, ist jedoch auch in der Grime-Szene sehr gut connected.

»Insomnia« klingt trotzdem nicht nach »Greaze Mode«, sondern sucht sich eigene Wege.

Das ist vor allem für sein Comeback wichtig, denn nach dem 2011er-Album »Transition« geht Jahmaal Noel Fyffe unter dem gekürzten Namen Chip neue Wege. Fortan arbeitet er zusammen mit T.I. unter dessen Label Grand Hustle. Zwei Mixtapes später folgt die Rückorientierung in die heimische Grime-Szene, wo Chip seinen zweiten Frühling erlebt. Der Nordlondoner ist vernetzt, veröffentlicht Tracks mit gestandenen Artists wie Wiley, D Double E, Jammer, Stormzy und Wretch32 und mischt die Szene mit neuen Tracks, Freestyles und Radioauftritten auf. Seine Musik bringt er beim eigenen Indie-Label Cash Motto heraus, seine Output-Frequenz der letzten Jahre kann sich sehen lassen. Zwei Solo-Alben, sowie einige EP’s und Mixtapes hat Chip seit 2015 veröffentlicht und damit seinen Platz in britischen Rap gefunden. Der Sound ist aufgefrischt, gefühliger geworden, macht auch vor Autotune nicht Halt und hat sich zeitgemäß weiterentwickelt. Die Sozialisation der frühen Grime-Schule lässt er dabei immer wieder durchblicken und hebt sich mit diesen Elementen von der Konkurrenz ab. Chip steht nicht mehr an der Chartspitze, hat sich aber einen soliden Platz in der zweiten Reihe gesucht und fährt damit gut.

Trap-Überflieger

Auch Young Adz weiß, wie es ist, ein junger Rapstar zu sein. Der Londoner ist Teil des Rap-Kollektivs D-Block Europe, das von Dirtbike LB und Lil Pino vervollständigt wird. Seinen ersten Deal unterschrieb Young Adz mit fünfzehn Jahren, nachdem ein gewisser Jadakiss’ Interesse an ihm zeigte und ihn für den Außenposten von D-Block verpflichtete. Young Adz und Dirtbike LB stellen hier wohl so was wie das europäische Gegenstück von The Lox dar, wenngleich der Impact bisher ausblieb. Die Crew veröffentlicht seit 2017 gemeinsame Musik und konnte vor allem mit Singles erste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Adz und Dirtbike sind Vertreter der sogenannten »Rap Wave«, die sich durch dominante Autotunemelodien und Lyrics zwischen Straßenhustle und sexueller Explizitheit auszeichnet. Der Einfluss von Atlanta-Trap trifft auf die rohe Realität Londoner Blocks, die aus der Perspektive von Rappern geschildert wird, die sich wie Rockstars verstehen.

Das erste Mixtape der Crew, »Any Minute Now« erschien in Zusammenarbeit mit Yxng Bane und erreichte direkt Platz 14 der Charts, ganz ohne Label im Rücken. Die folgenden Projekte »Home Alone«, »PTSD« und »Street Trauma« landeten jeweils in den Top 10 der Albumcharts. Alle vier Mixtapes erschienen im Zeitraum von nur anderthalb Jahren und zeigen den Hunger, mit dem die drei jungen Rapper in die Szene vorgestoßen sind. An großen Namen mangelt es in ihrer Featureliste ebenfalls nicht, so finden sich unter anderem Kollaborationen mit Dave, Lil Baby und AJ Tracey.

Am Beispiel von Young Adz und Chip lässt sich exemplarisch beobachten, wie sehr sich das Rapgame nicht nur im UK, sondern weltweit verändert hat. Chips Musik und seine Inszenierung als jugendlicher Rapper wirken im Vergleich zu heutigen Standards naiv und unbedarft. Eben wie ein Teenager, der Spaß am Rappen hat und seine Sache gut macht. Keine Spur von der selbstverständlichen Souveränität und professionellen Starattitüde, die D-Block Europe an den Tag legen.

Clash of Styles

Auf »Insomnia« treffen die unterschiedlichen Rap-Sozialisationen des Trios aufeinander und werden zu einem gemeinsamen Sound verschmolzen. Das vielleicht wichtigste Element ist der britische Einfluss, den alle drei auf ihre eigene Art und Weise umsetzen. »If three man try link up and do a album, it’s not gonna sound like this«, fasst Chip diese unnachahmliche Kombination der Rapper auf der Single »Waze« zusammen. Dass die Verbindung von drückendem Grime mit melodiösem Autotune funktionieren kann, haben zuletzt Skepta und Nafe Smallz auf dem Track »Greaze Mode« bewiesen.

Auf »Insomnia« verschmelzen die unterschiedlichen Rap-Sozialisationen zu einem gemeinsamen Sound.

»Insomnia« klingt trotzdem nicht nach »Greaze Mode«, sondern sucht sich eigene Wege, um die Skills der drei Rapper einzubinden. Grime tritt in den Hintergrund, die Produktionen liefern eingängigen Trap, der von süßem Singsang eingenommen wird. Immer wieder gibt es Parts, die den Flow von Chip und Skepta in den Vordergrund rücken, die einnehmendsten Parts stammen allerdings von Young Adz, dessen Melodien die Beats am besten matchen. Der Biss geht dem Album dadurch ein wenig verloren, der Sound gleitet schnell in die Belanglosigkeit ab. Ausnahmen wie das von Skepta produzierte »St Tropez« machen »Insomnia« akzeptabel, aber sorgen bei weitem nicht für ein »groundbreaking album«. Daran tragen auch die Lyrics Schuld, die zwar stabile Punchlines und Wortgewandtheit demonstrieren, thematisch aber oberflächlich bleiben. »Shorty wanna ride, made her hip-hop again /Might pop in the chart, but I’m grime in the bed«, fasst die durchgängig explizite, spielerische Ausrichtung des Albums zusammen. Zu einem echten Klassiker fehlen »Insomnia« mehr Mut bei den Produktionen und lyrische Tiefe. Ein denkwürdiges Kollabo-Projekt ist es trotzdem geworden.

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