Beginner: »Standard war nie unser Ziel, sondern stets der Next-Level-Shit.« // Titelstory

Beginner GZUZ

Da habt ihr Gzuz aber noch nicht persönlich gekannt.
Eizi Eiz: Nein, aber kurz danach haben wir uns bei einer Graffiti-Ausstellung kennengelernt. Dann ist er in den Bau, und als er wieder draußen war, habe ich ihn direkt auf dem Remix zum Song »St. Pauli« vom letzten Jan-Delay-Album gefeaturet. Ich find’s einfach geil, dass so realer Straßenrap aus Hamburg kommt und der gleichzeitig diese linke St.-Pauli-Attitüde hat.

Gzuz auf »Ahnma« zu featuren war also nur logisch.
Eizi Eiz: Wir hatten diesen fetten Beat, zwei geile Strophen, aber keine Idee für ne Hook. Ich hatte dann den Flash – wie bei Kendricks »The Blacker The Berry« – über einen roughen HipHop-Beat so einen Mavado-mäßigen Dancehall-Typen brüllen zu lassen. Aber so jemanden haben wir in Deutschland nicht. Wir haben zwar Gentleman, aber bei dem klingt alles immer schön. Der Einzige, der in Deutschland stimmlich diese Brachialität mitbringt, ist Gzuz. Also dachten wir uns: Fragen wir doch einfach beide – und hatten Glück!
Denyo: Gentlemans Refrain erinnert mich an die 2.0-Version von »Tabula Rasa«, die durch den Twist mit Gzuz aber klarmacht, dass wir nicht im Gestern leben.

Die 187er haben Hamburg, wie Gzuz in der Hook sagt, wieder auf die Karte gepackt. Inwiefern seht ihr Parallelen zwischen denen und euch?
Eizi Eiz: Das kann man nicht vergleichen. Zu »Bambule«-Zeiten war es unser Traum, dass Rapper im Formatradio stattfinden oder aus den Supermarktboxen schallen, ohne sich deshalb verbiegen zu müssen – wie es in Amerika ja auch der Fall ist. Dieser Traum ist heute Wirklichkeit geworden – und 187 die Weiterentwicklung davon. Jeder kennt mittlerweile Gzuz: Bäcker, Anwälte, Kellner, Bullen. Das ist der Zustand, wie wir ihn uns 1997 gewünscht haben: dass Rap normal und ein fester Bestandteil unserer Kultur und unseres Lebens ist – auch für Leute, die nicht wie HipHopper aussehen.
DJ Mad: Für Deutschland ist es neu, dass es nun im HipHop auch eine Elterngeneration gibt. Dadurch bekommt das Ganze eine andere Ernsthaftigkeit. In den Neunzigern war HipHop für alle bloß Kinderkacke. Als HipHop dann Mainstream wurde, war es uns ein Anliegen, das Ganze auf eine coole und würdige Art und Weise groß zu machen. Heute kann man auch erwachsene HipHop-Musik machen.
Eizi Eiz: (grinst) So wie Gzuz.

Such mal nicht das Doppel-H in der Suppe

Features kommen aber natürlich nicht nur von Gzuz und Gentleman wie im pompösen Albumvorboten »Ahnma«. Wenn die Beginner in die Booth laden, dann lassen sich auch andere HipHop-Hochkaräter nicht lange bitten. So ist nicht nur der selbsternannte »vierte Beginner« Samy Deluxe mit von der Partie, auch Dendemann hat die Zeit gefunden, sich zwischen seinen aufhörenerregenden Performances bei Böhmermanns »ZDF Neo Royale« einen Slot freizuschaufeln und eine gewohnt tighte Strophe einzuspitten. Ebenfalls auf »Advanced Chemistry« vertreten: Megaloh, Haftbefehl und – zumindest mit einem kleinen Shoutout – Torch. Ursprünglich war sogar mal ein Sechzehner von Ex-Beginner Platin Mardin angedacht, der die Band noch vor »Bambule« verlassen hat. Leider hat dieses Feature aus zeitlichen Gründen nicht mehr ganz hingehauen. Aber auch da soll noch mal was kommen.

Im Track »Spam« setzt ihr euch mit der zunehmenden Alltagsdigitalisierung auseinander. Warum war euch das ein Anliegen?
Denyo: Viele Kids können mit dem Thema möglicherweise nicht viel anfangen, weil das Digitale für die normal ist. Bei denen läuft alles übers Smartphone oder den Laptop – und zwar so inflationär, dass die Information zum Selbstzweck verkommt.
Eizi Eiz: Es geht nicht um die Information selbst, sondern darum, dass du informierst – egal über was.
Denyo: Man geht auf keine Party mehr, um die Party zu feiern, sondern um ein Foto für Instagram davon zu machen, das als Beleg für ein aufregendes Leben gilt. Dadurch verliert alles an Wert, weil man permanent zugemüllt wird.

 
Wenn Leute eurer Generation sich eines solchen Themas annehmen, ist das ein sehr schmaler Grat zwischen Gesellschaftskritik und Kulturpessimismus.
Eizi Eiz: Ich verstehe, was du meinst, aber darüber denken wir nicht nach. Wir sagen, was wir sagen wollen. Die Frage ist am Ende bloß: Ist es entertaining?

Das Stück »Es war einmal« dreht sich um eure Anfänge. Darin sagt ihr, euer Flow sei früher mies gewesen. Wann habt ihr das erste Mal das Gefühl gehabt, dass mit der deutschen Sprache was geht?
Denyo: Bei »Flashnizm« jedenfalls noch nicht. (lacht)
Eizi Eiz: Ich weiß noch ganz genau, wann das war: Und zwar gibt es noch einen unveröffentlichten »Bambule«-Song mit Mardin und F.A.B., den wir auch in die Box vom neuen Album packen werden. Damals habe ich gerade derbe auf Puff Daddy und Lil Kim geflasht, die diesen Style gesportet haben, alle Zeilen auf zwei Vokalsilben enden zu lassen (»Gaga«, »Dada«; Anm. d. Rappers). Parallel hat Dennis mit Sam den Track »Style Liga Session« aufgenommen, der später auf dem Dynamite-Deluxe-Demo gelandet ist. Da haben wir plötzlich gemerkt: Da geht was!
Denyo: Das war ein Jahr nach »Flashnizm« und ein Jahr vor »Bambule«. Auch Jan hatte da beatmäßig eine Erleuchtung, und Sam ist plötzlich lyrisch durchgestartet. Bei seinen ersten Konzerten war er halt noch Samy One von No Nonsenz (Samys erste Band; Anm. d. Verf.) und nicht der Samy Deluxe, der er heute ist – mit seinem Charisma und der Präsenz.
Eizi Eiz: Zu der Zeit kamen zudem ganz viele Leute nach Hamburg, mit denen wir uns zusammengetan haben. Das hat wie ein Katalysator für alle gewirkt, sodass wir uns gegenseitig gepusht haben. Das hatte alles eine viel klarere Linie als noch bei »Flashnizm«.

Die Hits-am-Fließ-Band

Dabei war »Flashnizm« längst nicht das erste Lebenszeichen der (damals noch Absoluten) Beginner. Zusammengefunden haben Eizi Eiz (damals noch Eißfeldt), Dennis aka Denyo, DJ Mad und eben Platin Mardin bereits 1991 – also vor sage und schreibe einem Vierteljahrhundert. Zwei Jahre später haben sie dann ihre erste EP »Gotting« veröffentlicht, die sie noch eigenhändig am Eingang der vielfrequentierten U-Bahnstation Hoheluftchaussee vertickt haben. (Der darauf enthaltene Song »K.E.I.N.E.« war vorher bereits auf dem »Kill The Nation With A Groove«-Sampler vertreten.) 1994 kam dann die »Ill Styles«-EP raus, das Video zum Song mit dem catchy Namen »Die Kritik an Platten kann die Platten der Kritik nicht ersetzen« lief bereits im Musikfernsehen – zumindest in der damaligen HipHop-Sendung »Freestyle« auf Viva. Die immense Bedeutung, die die Beginner heute innerhalb der hiesigen HipHop-Szene innehaben, war damals – trotz ihres unbestreitbaren Potenzials und der überbordenden Kreativität – allerdings noch nicht abzusehen.

In diesem Jahr feiert ihr euer 25-jähriges Band-Bestehen. Wie fühlt sich das an?
Eizi Eiz: Andere Leute machen sich da einen größeren Kopf drum als wir.
DJ Mad: Ich bin eh der größte Jubiläums-Verpenner. Mein 25-jähriges DJ-Jubiläum habe ich auch schon verratzt.
Denyo: Dass unser neues Album nun zum 25-jährigen Jubiläum kommt, ist purer Zufall. Ich fänd’s auch blöd, das zu sehr in den Fokus zu stellen, denn das wäre ein Beleg dafür, dem Spiel nichts Neues mehr hinzuzufügen zu haben.

Ihr hättet auch einfach einen Promo-Beef starten können, aber so was macht ihr ja nicht. Wobei: Dennis droppt auf der Platte die Line: »Ich hör Biggie in meinem Jeep, du Alligatoah in deinem Smart.«
Eizi Eiz: Das ist ja auch kein echter Diss. Das ist so, als würdest du den Wolf dissen.
Denyo: Eigentlich ist das auch gar kein Diss gegen Alligatoah. Das ist ein Diss gegen Leute, die Alligatoah hören. Und dabei Smart fahren.
DJ Mad: Also gegen uns selbst. (Gelächter)

Hattet ihr schon mal Stress mit Promis?
Eizi Eiz: Ja, DJ Ötzi wollte uns mal aufs Maul hauen! (grinst) Wir waren vor 20 Jahren mal auf einer B-Promiparty von Viva, auf der er auch war. Wir haben uns dann einen Spaß daraus gemacht, so schrille Quietschtöne zu machen, wenn wir an ihm vorbeigegangen sind. Das hat er irgendwann gecheckt und meinte: …
Denyo: »Gleich gibt’s a Fotzn!« (Gelächter)

 
Namen nennt ihr auf dem neuen Album ansonsten nicht, aber Jan rappt: »Euer Deutschrap-Sound ist der Antichrist.«
Eizi Eiz: Damit meine ich diese Marschmusik, diese Kartoffelmucke. Es gibt auch immer wieder geilen Scheiß, den wir feiern. Wenn das nicht der Fall wäre, hätten wir auch diese Platte nicht gemacht.
Denyo: Wir kritisieren Deutschrap ja nur, weil er uns am Herzen liegt. Ich respektiere per se erst mal jeden Rapper, der auf die dumme Idee kommt, sich mit HipHop ein Lebenswerk zu schaffen, sich da durchzubeißen und durch alle Höhen und Tiefen zu gehen. Das geht immer mit einer Leidenschaft einher, für die ich große Anerkennung habe.
Eizi Eiz: Bei Eimsbush gab es damals auch richtig geile Sachen – nimm nur mal Digger Dance. Die waren so unique! Damals hat man das nicht so gesehen, aber die feiere ich heute noch – 16 Jahre später.

Ihr hattet aber auch Moqui Marbles auf dem Label.
Eizi Eiz: Das ist aber nicht auf meinem Mist gewachsen. Die fand ich noch nie cool. Sorry, Pat. (grinst)
DJ Mad: Ich kann mich nur noch an einen Song erinnern. Irgendwas mit …

… Steinen.
Eizi Eiz: (lacht) Ja, genau. Wie bei Fler. (Gelächter)
Denyo: Aber andere Steine.
Eizi Eiz: 2003/2004 habe ich mal mit Savas gechillt, der mir unbedingt ein Demotape von einem Typen zeigen wollte, der angeblich eine Stimme haben sollte wie ich – das war Kaas. Auf dem Tape erzählt der, wer ihn alles signen sollte und wer nicht. Irgendwann kommt die Line: »Die Leute sagen, ich kling wie Eißfeldt, aber ich will gar nicht zu Eimsbush bei so wacken Artists wie Moqui Marbles und Twisted.« Bäm – my man! Seitdem bin ich Orsons-Fan – auch wenn es die da noch gar nicht gab.
Denyo: Ich feiere Kaas, wenn er von Sonnenaufgängen und Yoga im Weltraum erzählt. Und auch Bartek, wenn der wieder mit irgendeinem Spruch reinkommt, der mit nichts irgendwas zu tun hat.
Eizi Eiz: Der aber geil ist!
Denyo: Voll!
Eizi Eiz: Die Orsons sind auch einer der Gründe, warum wir gerne rausgehen und sagen: Wir machen deutschen Rap. Deshalb hatten wir auch erst überlegt, unser neues Album »Die Orsons« zu nennen.
Denyo: Aber dann hat Linguist (Gründungsmitglied von Advanced Chemistry; Anm. d. Verf.) angerufen und uns umgestimmt. (Gelächter)

Das ist euer erstes Interview zur neuen Platte, viele weitere werden folgen. Welche Fragen werden am häufigsten kommen?
Denyo: »Sind Sie Berufsjugendliche?«
(Gelächter)
Eizi Eiz: »Darf man mit 40 überhaupt noch rappen?«
Denyo: Und es kommen bestimmt auch Fragen zur AfD, zu »Fremd im eigenen Land«, zur Migration. Wir sind alle Ausländer, Alter! Zumindest im Herzen. (lacht)
Eizi Eiz: An erster Stelle kommt aber bestimmt die Frage, die du auch schon gestellt hast: »Warum heißt das Album ‚Advanced Chemistry’«? Denn selbst die aufstrebende Jungreporterin von Sat.1 Duisburg-Nord, die uns während des Soundchecks fürs »Morgenmagazin« interviewt, wird noch mal gegoogelt und herausgefunden haben, dass es eine Band gibt, die so heißt.
DJ Mad: Wenn Leute bei iTunes jetzt unsere Platte suchen und sich verklicken, gehen Advanced Chemistry vielleicht sogar noch mal in die Charts.
Denyo: Das wär so derbe, wenn »Fremd im eigenen Land« Gold gehen würde – gerade jetzt, wo rechte Gewalttaten wieder zunehmen.
Eizi Eiz: Und Torch und Toni L tanzen dann auf unserem Grab und zählen ihr Geld. Und das wär vollkommen okay.

Fotos: Nils Müller

Dieses Interview erschien in JUICE #175 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Juice 175 Cover

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