Gzuz – Ebbe & Flut

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(Auf!Keinen!Fall/Chapter ONE/Universal)

Geht es dieser Tage in Branchenkreisen um das Phänomen 187 Strassenbande, so spricht man gerne vom »neuen Aggro Berlin«. Da mag etwas dran sein, denn die Entwicklung, die das Hamburger Kollektiv über die vergangenen anderthalb Jahre genommen hat, ist durchaus vergleichbar mit dem Hype des Sägeblatt-Labels anno 2004. Fundament der heutigen Massenhysterie ist der zweieinhalbjährige Gefängnisaufenthalt von Banden-Member Gzuz. Der Heldenkult, den die verschworene 187-Fangemeinde schon damals um den Rapper betrieb, ­verleiht Gzuz’ Auftreten nach seiner Haftentlassung Mitte 2013 etwas Mythisches. Aber was genau hat es nun auf sich mit diesem Typen, den man »Dschisses« ausspricht? Auf St. Pauli aufgewachsen, ist er die rappende Reinkarnation der einstigen Kiezgröße Stefan Hentschel. Der Typ also, der Youtube-Weltruhm erlangte und »Hassu ’n Problem? Geh weida!« zum geflügelten Wort werden ließ. Folgerichtig ist »Ebbe & Flut« ein Pimp-Slap für deutschen Straßenrap geworden, der das Genre so verdattert rückwärts torkeln lässt wie Hentschels Backpfeife den bemitleidenswerten Trottel, der damals die Dreharbeiten zur Doku »Der Boxprinz« zu ­unterbrechen wagte. Wie jeder ordentliche Revoluzzer spielt Gzuz, der von seinen ersten Rap-Versuchen bis zum Solodebüt ungefähr zehn Jahre gebraucht hat, das Spiel nach eigenen Regeln und mit einem kleinen, eingeschworenen Kreis. Will heißen: Hausproduzent Jambeatz übernimmt im Alleingang die Arbeit an den Reglern, während die Features bis auf Beiträge von Xatar und Hanybal nur von 187ern und dem eng vertrauten Kontra K stammen. »Es gibt Deutschrap-­Fotzen und es gibt 187«, zieht Bonez MC auf »Käufliche Goldfische« radikal die Grenze zur sich »Straße« und »Gangsta« schimpf­enden Konkurrenz. Das aus der stetig steigenden Popularität und den Verkaufserfolgen der letzten drei Veröffentlichungen resultierende Selbstbewusstsein versprüht die Bande auf »Ebbe & Flut« zu jeder Zeit. Gleichzeitig klingt das Endprodukt düsterer, ja monotoner, dafür aber auch wesentlich kohärenter als die 187-Releases vergangener Tage. Statt glattgebügeltem Trap-Geballer liefert man rollende Rudebwoi-Bässe gepaart mit der Rotzigkeit (nicht aber der Rhythmik) von Grime – eine Mischung, die sich als perfekter Unterboden für Gzuz’ unverkennbar aggressiven Vortrag entpuppt. Diesen schraubt Gzuz nicht mal zurück, wenn er über Mamas Bolognese rappt. Andernorts bewirbt er sich mit »Was für Grundgesetz?/Hab auf meine Jungs gesetzt« um die Line des Jahres oder adaptiert Grönemeyer für die Hymne ans gebrauchte Daimler-Coupé. Einzig das antiquierte Frauenbild und die völlig grundlose Beschimpfung von Visa Vie hinterlassen selbst bei hartgesottenen Hörern einen faden Beigeschmack. Weniger authentisch wird »Ebbe & Flut« deswegen jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Wie Sido einst auf »Maske« dem Akronym »superintelligentes Drogenopfer« ein Denkmal setzte, liefert Gzuz eben »Ghettozeug unzensiert«.

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