20 Jahre Fruity Loops: HipHop-Revolution aus Belgien // Feature

Illustration: Lennart Menkhaus, www.lennartmenkhaus.net

Was haben »Crank That«, »Hard In Da Paint«, »Niggas In Paris«, »I’m God«, »White Iversion«, oder auch »Bad And Boujee« gemeinsam? All diese Songs wurden weltweit in hoher Zahl verkauft, gestreamt oder zitiert und haben das Bild von HipHop-Musik auf die eine oder andere Art entscheidend mitgeprägt. Doch noch ein winziges Detail eint diese und viele andere moderne Rap-Klassiker: Sie wurden alle mit einer Musiksoftware produziert, die vor rund zwanzig Jahren in der flämischen Stadt Gent einen beispiellosen Siegeszug antrat und das Bild sowie den Umgang mit HipHop revolutionieren sollte. Die Rede ist von: FL Studio, auch genannt »Fruity Loops«.

»Wenn du meine Beats anhörst, könntest du glauben, ich sei ein guter Pianist. Aber ich kann nicht gut Klavier spielen, ich beherrsche nur FL Studio.« Was der Produzent Teddy Walton über die Entstehungsgeschichte seines Beats für »LOVE.« von Kendrick Lamars Album »DAMN.« im Interview mit Genius resümiert, kann beinahe exemplarisch für eine ganze Generation von Beatmakern zitiert werden. So war es oft kein jahrelanger Musikunterricht, die elterliche Plattensammlung oder gar das teure Equipment des großen Bruders, was vielen heutigen Produzentenstars den ersten und oftmals auch finalen Zugang zum Musikmachen ermöglichte, sondern – richtig – eine quietschbunte Computersoftware. »Live. Love. A$AP«, »Take Care«, »Culture«, »Flockaveli« – de facto existiert kaum ein Hiphop-Release aus den letzten zehn Jahren, das ohne die Zuhilfenahme von FL Studio (formely known unter dem Straßenamen »Fruity Loops«) entstanden ist. Was sich vordergründig wie eine unbedeutende Randnotiz für Nerd-Foren, Hobbyproducer und Technikfreaks liest, repräsentiert allerdings im Kern eine Parabel auf die Demokratisierung des Beatmakings. Denn FL Studio ist vermutlich die einflussreichste Erfindung für HipHop seit dem Crossfader.

Vom Sex-Game zum Sequencer

Als die belgisch-niederländische Software-Firma Image-Line einen Typen namens Didier »Gol« Dambrin Mitte der Neunziger bei einem IBM-Programmierwettbewerb entdeckt und prompt als Programmierer einstellt, soll dieser zunächst das neue Kerngeschäft gestalten: Pornospiele. Ursprünglich hatten sich die Gründer Jean-Marie Cannie und Frank Van Biesen zwar auf Büroanwendungen spezialisiert, doch die ersten Veröffentlichungen mit größerer Aufmerksamkeit hören tatsächlich auf Namen wie »Porntris« (ein »Tetris«-Klon mit Nacktfotos) oder »Private Investigator« (eine Art Action-Adventure, in dem ein Privatdetektiv eine fremdgehende Ehefrau aufspüren soll). Die Geburtsstätte von Fruity Loops ist also nicht besonders glamourös, sondern, sagen wir, speziell.

Mehr aus Witz als mit ernsthafter Ambition beginnt Didier Dambrin nebenbei mit MIDI-basierter Musiksoftware zu experimentieren, die in den Neunzigern einem immer größeren Publikum zugänglich wird. »Ich habe das zunächst nur für mich entwickelt«, lässt er sich in einem Noisey-Artikel zitieren. Inspiriert von der digitalen Rhythm Station »Hammerhead« und der frühen Software-Synthesizer-Serie Re-Birth, programmiert Gol einen Hybriden aus diesen beiden Programmen. Zwar hat Image-Line zu dieser Zeit keine Vermarktungsstruktur für derartige Spielereien und Gol eher wenig mit Musikproduktion am Hut, doch als Startup (bevor man es so nannte) bietet Image-Line die Software trotzdem zum kostenlosen Download an – mit einem Erfolg, der die Firmenserver binnen weniger Tage nach Launch zum Einsturz bringt. 1998 durchaus eine kleine Sensation und ein Umstand, der Fruity Loops quasi zu einem Digital Native macht. Als überarbeitete Version platziert Image-Line Gols Erfindung unter dem Namen »Fruity Tracks« in den DJ-Software-Lösungen »Pro DJ« und »Radio 538 Music Machine«, wo es bald als Sequencer beliebt wird, auch wenn »Fruity Tracks« im Ursprung ein Mixing-Tool sein sollte, das verblüffenderweise schon 1998 mp3- und wav-Dateien unterstützt – sich also schon wieder von der MIDI-Technologie verabschiedet. Der Step-Sequencer und der sample-basierte Drumcomputer, die auch heute noch den Kern des Programms ausmachen, sind hier ebenfalls schon integriert.

Gols Intention ist es von Beginn an, ein Musikprogramm zu entwickeln, das auch für Nicht-Musiker wie ihn verständlich ist und sich eher wie ein Computerspiel anfühlt. Vermutlich wählt er auch deswegen den eher veralbernden Namen »Fruity Loops«, der tatsächlich inspiriert von den Kellogg’s-Frühstücksflocken Froot Loops ist – ein Segen und Fluch gleichermaßen. Denn obwohl der Name schon 2003 in »FL Studio« geändert wird (Kellogg’s erhebt Rechtsansprüche, und man will das für Kooperationen hinderliche Spielzeug-Image des Programms reduzieren), kämpfen Nutzer bis heute gegen den Ruf als Anfängerprogramm an – die bunte Optik, das vergleichsweise einfache Interface, die Pattern-Blöcke, die manche an »Tetris« erinnern, tragen dazu bei, das Programm und seine Funktionen nicht ernstzunehmen. »Es war nicht cool, es zu benutzen, was mir aber egal war. Ich wollte einfach Beats machen«, erzählt 9th Wonder 2008 in einem Interview. Der Little-Brother-Producer wird ab 2003 als Wunderkind bejubelt, da er als erster HipHop-Künstler überhaupt mit dem Programm in die Producer-Champions-League vordringt und Beats bei Jay-Z und Destiny’s Child unterbringen kann. Ein Pioniermanöver, das noch viele Nachahmer mit sich bringen soll.

Toy Maschine

Denn als das Internet Ende der Neunziger allmählich massenkompatibel wird, beginnt auch der finale Siegeszug von Fruity Loops. Mit dem Aufkommen der ersten Filesharing-Hoster wie Napster und Kazaa, verbreitet sich die Software in Windeseile um den Globus. Bis heute verzeichnet Image-Line laut eigenen Angaben bis zu 30.000 Downloads der Demo-Version von FL Studio täglich. Das intuitive Baukastenprinzip und das spielerische Design des Programms sind quasi maßgeschneidert für die Bedürfnisse der Generation Spielkonsole. »Die Basics hatte ich in einer Stunde drauf, es ist einfach sehr benutzerfreundlich«, erzählt Drakes Haus- und Hofproduzent Boi 1-Da über seine ersten Gehversuche im Programm. Auch Lex Luger, der vor allem zu Beginn dieses Jahrzehnts den Trap-Sound um Waka Flocka Flame und Gucci Mane mitgestaltet, betont die leichte Zugänglichkeit als entscheidenden Faktor: »Ich hatte schon andere PC-Software verwendet, bis ein Freund von mir FL Studio aufmachte – es hat sofort geklickt!« Überhaupt ist dies ein typischer Erstkontakt mit FL Studio: Hit-Boy, TM88, Hudson Mohawke, Sonny Digital und viele andere prominente Nutzer von FL Studio berichten, eine Homie habe ihnen das Programm gezeigt – oftmals illegal heruntergeladen und gecrackt.

Ein wichtiger Aspekt, denn das bequeme Handling und die unkomplizierte Direktbezugsquelle called Internet machen FL Studio deutlich attraktiver für die angehenden Beatmaker um die Jahrtausendwende als die bis dahin vorherrschende Produktionsmethode mit dem Drumcomputer von Akai, der MPC. »Ich hatte gehört, dass 9th Wonder und Souljah Boy es verwenden. Ich brauchte es nur herunterzuladen und konnte direkt loslegen«, fasst Metro Boomin zusammen. Wo man früher teilweise monatelang zusammengespartes Geld für einen Drumcomputer wie die MPC hinlegen und anschließend stundenlang Bedienungsanleitungen lesen musste, genügen plötzlich zwei Mausklicks – ein Demokratisierungsprozess im Beatmaking. Denn auch die Hürde, überhaupt Zugang zu Musik-Equipment zu erhalten, fällt plötzlich ins Browserfenster. »Ich habe mich im Internet informiert und bin irgendwann bei Fruity Loops gelandet«, erzählt auch Ahzumjot in einem Interview. Plötzlich reicht nur minimales Interesse aus, eine kurze Suche online genügt, und man kann sich in den eigenen vier Wänden ungestört und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausprobieren.

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