JAY-Z: Blueprint Of An American Gangster // #20JahreJUICE


#20JahreJUICE – ein Jubiläum, das gebührend gefeiert werden will. Über die nächsten Wochen veröffentlichen wir deswegen Meilensteine der JUICE-Geschichte erstmals auch digital. Die Titelstory aus JUICE 103 widmet sich dem Begriff, der Enststehung und dem Phänomen Gangstarap – anhand des Releases von JAY-Zs zehntem Studioalbum »American Gangster«.
 
Ein herausragendes Talent war er schon, als er noch mit Big L Acapellas tauschte: Jedem, der tiefer diggte als bis zum Autoscooter-Kracher »Sunshine«, sollte Shawn Carters lyrisches Talent über die Jahre aufgefallen sein, kumuliertes 25-fach Albumplatin spricht darüber hinaus ohnehin eine deutliche Sprache. Can’t knock the hustle: Jay-Z ist der perfekte Mann für Selberrapper, für Genießer, für flüchtig Interessierte und all deren Freundinnen gleichermaßen. Was ihm über die Jahre fehlte, war einzig die Extraportion Biggie-Charme, ein Funken mehr Pac-Persönlichkeit oder alternativ eine konsequente Curtis-Story, bestenfalls mit letalem Schusswechsel. So bekam Jay-Z lange Zeit mehr Respekt als Liebe, eher ein Evander Holyfield als ein Mike Tyson, ein Kool Savas, aber eben kein Bushido. Dann aber kam der Staatsstreich im Königreich HipHop: Das eigene Label im Einvernehmen mit den alten Freunden und Teilhabern verkauft, nur um dann selbst alleiniger Präsident des neuen Mutterkonzerns Def Jam zu werden. Den eigenen Rücktritt bekannt gegeben, um dem ohnehin großartigen »Black Album« zusätzlich Pathos, Hype und Atmosphäre zu verschaffen. Zeitgleich von Football-Jerseys auf Jackets, von Felgen auf Phantoms und von Sneakern auf Flip-Flops umgesattelt. Irgendwie viel cooler und realer als – wie zunächst angekündigt – zurückzutreten, weil man sich zu erwachsen für die Musikkultur fühlt. Wer soll etwas ändern, wenn nicht der Boss? Exit Jay-Z, Enter President Carter…

Ganz davon abgesehen, dass eine eigene Sparte für Grown Up Rap neben all dem klingeltönenden Jugendwahn künstlerisch begrüßenswert wäre und diese Art von Musik Jay-Zs derzeitigem Lebenstil angemessener erscheint, erschließen sich so auch ganz neue Käuferschichten. Die Entscheidung, es zukünftig erwachsen zu halten, war ebenso mutig, wie sie einem Musikmogul mit einem geschätzten Netzwerkwert von einer halben Milliarde US-Dollar würdig war: »Unsere Fans sind jünger, sie leben vor dem Computer. Andere Genres haben ein erwachsenes Publikum und als Erwachsene klauen wir unsere Musik nicht aus dem Netz. Wir bezahlen für die Bequemlichkeit, nicht auf den Download warten zu müssen, richtig? Kids sind sowieso immer online. Ich denke, HipHop wird nach wie vor genauso viel gehört, wenn nicht noch mehr. Man sieht das nur nicht an den Verkaufszahlen.« (Jay-Z gegenüber der »LA Times«) Na, dann rappen wir doch für die Elternabendbesucher, die noch zu faul zum Saugen sind, damit die Josh Grobans, Robert Plants und Allison Krauss‘ dieser Welt uns in den Billboards nicht noch weiter abziehen. Parallel variieren wie unsere PR-Strategie, verweigern strategisch alle Interviews unterhalb eines »Spiegel«-Covers und nehmen wohlwollend zur Kenntnis, dass fortan jeder Furz eines entfernten Cousins eines Beatbeiträgers in WWW und Fachjournaille zur Sensationsmeldung hochgejazzt wird.

Schon jetzt lässt sich sagen: Dieser Schachzug ist aufgegangen, das Comeback »Kingdom Come« war das Jay-Z-Album mit dem besten Verkaufsstart bis dato (680.000). Zwar gerieten die folgenden Zahlen, ebenso wie die meisten Reviews, eher enttäuschend. Aber trotzdem: Was Eminem noch vor sich hat und 50 Cent nicht will, hat Jay-Z schon geschafft, aller Abneigung der Szene gegenüber dem weltmännischen »Kingdom Come« zum Trotz. Er ist angekommen, he did it. Ja: made it. Mag sein, dass das Konzeptalbum »American Gangster« die Erwartungen derer, die den Style von »Kingdom Come« nur als Ausrutscher gesehen haben, erneut enttäuscht und Nova bald wieder menschlich wird. Doch noch sind die Beiträge wie die des hiphopdx.con-Kolumnisten J-23, der jüngst darauf verwies, dass Jay-Z in seiner Karriere nicht nur Klassiker produziert hat, nach dem heutigen Common-Sense nur knapp entfernt von der Gotteslästerung. Den Status der selbstgerechten lebenden Legende sieht man alleine an dem Hype, den die kurzfristige Ankündigung des innerhalb von drei Wochen aufgenommenen »American Gangster«-Projekts im September 2007 auslöste: Plötzlich war klar, woher das Album des Jahres kommen musste, und Kanye West wieder nur ein rappender Produzent. Lassen wir die Kirche im Dorf: Gepusht durch den für beide erfolgreichen Verkaufsbattle mit 50 Cent, erreichte Kanye 957.000 Einheiten in den ersten sieben Tagen. Das wird selbst der Präsident kaum toppen. Wenn Jesus walkt, muss auch der God MD pausieren. (Wer bei all der Blasphemie kotzen muss, just do it, legt nur die JUICE dafür kurz zur Seite…) Aber Jay-Z würde mit den zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses geschätzten 700.000 Platten dennoch nicht nur einen neuen persönlichen Rekord aufstellen, sondern auch Elvis als den Solokünstler mit den meisten amerikanischen Nummer-eins—Alben ablösen — über Jigga kommen dann nur noch die Beatles.

Dabei sinkt die Zahl an potenziellen Hitsingles, an Brecher-Beats und Kracher—Features auf »American Gangster« weiter. Schon Auskopplung Nummer zwei, »Roc Boys«, ist weit typischer für den Sound des Albums als für die Art von Songs, die andere dieses Jahr im Kampf um Chartplatzierungen antreten ließen. Auch, was das Personal angeht, Ist »Roc Boys« typisch: Cassie und Kanye West liefern dezente Additional Vocals, Jiggaman macht den Job im Ganzen aber alleine. Auf den weiteren Tracks finden sich nur Beanie Sigel und Nas als echte Rap-Features, Lil Wayne, Bilal und Pharrell liefern Hooks, Beyoncé spricht ein paar Worte auf »Pray«. Musikalisch hält man es dabei konstant soulful, mit massig meist originellen Samples aus jener Zelt, in der auch der gleichnamige, als Inspiration dienende Film von Ridley Scott spielt. Der Präsident erlaubt es sich, mit selbstüberzeugter Ruhe statt hungrigem Eifer Kunst statt Kommerz einzufreestylen. Mike Jordan spielt nur noch für den Spaß. Oder bastelt an einer Form von Rap, die auch den anderen 40-Jährigen im Country Club gefällt — wozu dann auch die Live-Auftritte mit Bläsern im Blazer passen. »Ich denke der Grund, warum ich eine so lange Karriere und gleichzeitig noch derartig hohe Aufmerksamkeit habe, ist, dass Wahrheit [in meiner Musik] liegt. Damit können sich die Leute identifizieren – Egal, ob es die Wahrheit über eine Insel in St. Tropez [sic!] oder die Marcy Projects ist, ganz egal, so lange es nur die Wahrheit ist.«

Wahrheit also. Das erste kommerziell relevante Konzeptalbum seit Rapfan-Gedenken zu droppen, ist dann aber wohl doch weniger ein Beleg der präsidenziellen Haltung, einfach zu tun, worauf man Lust hat, als vielmehr ein Ergebnis der Talente, die ihn vom Tongue-Twister zum Hustler zum Popstar zum Labelboss und schließlich zur Raplegende gemacht haben: Jay-Z ist kein Businessmann, er ist ein Business, Mann. Ein Film aus der Millionenschmiede der Universal Studios, mit Denzel Washington und Russell Crowe sowie mit Rapgrößen wie T.I.‚ RZA und Common in den Nebenrollen, ist ein mehr als amtliches Marketing-Vehikel für das neue Album eines Mannes, der sich nichts mehr unter Multiplatin erlauben darf: Wenn man sich schon traut, mit den Blazer-Bläsern und Soulsamples Adult Contemporary Gangstarap zu machen, muss man an anderer Stelle auf Nummer sicher gehen. Obendrein macht das Konzept die Arbeit inhaltlich doch so viel einfacher für den Maestro. Die Hood ist nicht daran interessiert, wie »grown up« Jay-Z plötzlich ist? Raekwon bastelt mit (oder ohne) Dr. Dre an »Only Built 4 Cuban Linx II« und bringt öffentlich zum Ausdruck, dass er Einblicke in das Leben des President Carter zwischen Büro und Beach Chair einfach nicht »real« findet? Rap weiß noch nicht, ob er erwachsen werden will? Da findet Shawn Carter das »8 Mile / Get Rich Dr Die Tryin’«-Ass auf dem River — »Life‘s a deck of cards«, um es mit einer Line vom Album zu sagen.

»Ich habe an den Gefühlen oder Gedanken aus dem Film angesetzt und Songs daraus gemacht.«

Und natürlich spielt der gewiefte Zocker den Trumpf gnadenlos aus und gibt bekannt, sein Album in Anlehnung an den gleichnamigen Streifen über Heroin-Legende Frank Lucas wieder mehr gangsta halten zu wollen. Kein neuer Trick für den Jiggaman: Was mit der eigenen Produktion »Streets Is Watching« (Film plus Album) gut geklappt hat, kann an der Seite von Hollywood ja nur perfekt werden. Natürlich bleibt er nicht bei der Ansage, den Film vertonen zu wollen, sondern räumt dem eigenen Leben großzügigst Platz ein und macht statt eines Soundtracks lieber ein »vom Film inspiriertes Album«. »In dem Album geht es nicht um den Film. Der hat mich einfach emotional angesprochen, weil er mich so an meine Jugend erinnert hat. Auch Denzels Rolle…Seine zurückhaltende, entspannte Art, so bin ich auch. Es geht um die Emotionen dieser Lebensweise. Ich habe an den Gefühlen oder Gedanken aus dem Film angesetzt und Songs daraus gemacht. Das sind aber keine Gefühle, die ich heute noch habe. […] Das ist als würde man ein Buch schreiben, zurückdenken, an Emotionen, die man lange vergraben hatte. […] Ich wollte das Album nicht nur machen, weil es das Populärste ist, was ich tun konnte. Das wäre dumm. Wenn du ein bestimmtes Level an Erfolg erreicht hast, ist es dein Job als Topdog, das ganze Ding weiter zu bringen – versuche neue Sachen, damit andere sich nicht fürchten, das zu tun.«

Frank Lucas Junior, Sohn des amerikanischen Gangsters, behauptet derzeit in Interviews, Jay-Z habe die Idee eines Albums nicht selbst gehabt, sondern von den Produzenten des Films bekommen. Aber so what? Unter’m Strich ist »American Gangster« nun weit mehr über Jay-Z als über Frank Lucas. Und gemischt mit den ruhmreichsten Erlebnissen des Dealer-Königs (beziehungsweise seiner verschönerten Film-Version) kann Shawn Carter trotzdem wieder locker mit der härtesten »Soprano«-Folge ficken. Golf-Club, R&B-Freundin und Bill Gates-Handshakes muss er dafür nicht mal aufgeben… Jugendliche Verbrecherfantasien auszuleben, hat Jay-Z kurz vor’m Vierzigsten natürlich kaum nötig. Warum also Gangster sein wollen, wenn man Rapper sein kann? Jay-Z hat im Gegenteil zum »Pate«-Charakter Michael Corleone den Ausstieg geschafft und muss nicht wie Frank Lucas snitchend in den Knast gehen, um Jahre später im Rollstuhl zu hoffen, dass jemand gnädigerweise sein versautes Leben schönfilmt.

Er ist definitiv einer der Menschen, denen beim »Blow«-Gucken aufgefallen ist, dass Johnny Depp eine Bahamas-Insel sein Eigen nennt, während der echte George Jung noch bis 2014 im Knast sitzt. Das hat er nicht zuletzt mit »Kingdom Come« unter Beweis gestellt, dem klaren Versuch, endlich auf die alten Straßen-Stories zu verzichten und ein Image auf dem Leben des weltbesten Rappers und Def Jam-Vorstehers Shawn Carter aufzubauen. Und trotzdem geht Jay-Z mit »American Gangster« doch wieder den Raekwon-Weg: HipHop als Musik, als Unterhaltungsgut, kein leicht übertriebener Reality Rap, sondern an wahre Begebenheiten angelehnte Fiktion. Als geübtem Gangstarapper fällt es ihm nicht schwer, Parallelen zwischen dem eigenen Leben und dem der größten Drogenbarone zu ziehen. Und die »Straße« (zu der in diesem Sinne wohl auch Gangstarap-affine Vorstadtbengel gezählt werden müssen) sagt sich zufrieden: Wenn schon Businessmann, dann doch zumindest einer mit dem Geist eines Straßentickers. »Mindstate of a gangster from the ’40s/Meets the business mind of Motown’s Berry Gordy.« »Wo ich aufgewachsen bin, siehst du eben keine Ärzte und Anwälte rumlaufen. Man kann da niemandem nacheifern außer den Drogendealern. Sie sind die einzig erfolgreichen Menschen am Block. Da siehst du 18-Jährige, die einen besseren Wagen als dein Vater fahren, und du fragst dich: Was geht da ab?«

Ja, was geht da ab? Ob Jay, Dame und Biggs ihr Roc-A-Fella nun wirklich mit hart erhustletem Drogengeld aufgebaut haben oder nicht, der hässliche Junge im Basketball—Trikot aus »I Can’t Get Wit That«-Video von ’94 lag sicherlich näher an der Realität als der Anzug tragende »Reasonable Doubt«—Mafioso, dem ’96 der Durchbruch gelang. Mag sein, dass »American Gangster« Jay-Zs erstes Konzeptalbum ist. Die Mischung aus authentischen Straßenerlebnissen eines ehemaligen Dealers und den Macht-Pornos der großen Mafia-Filme hat Jay-Z aber schon vor mehr als zehn Jahren für sich entdeckt. Die erfolgreichste Single aus »Reasonable Doubt«, »Feelin’ it«, fuhr im Video mit einem »Der Pate«-Zitat auf, Dame Dash als Consigliere Tom Hagen und ein abgetrennter Pferdekopf inklusive. Ein Beispiel von vielen, Jay-Z setzte schon auf Images aus der amerikanischen Gangster-Upperclass, während andere noch Crack tickende Clockers auf der Parkbank repräsentierten. 2007 scheint er nun eingesehen zu haben, dass man nichts hätte reparieren sollen, was eigentlich gut funzt, und so fliegen die FIip-Flops zurück in den Schrank. Und wenn Corporate America mal fragen sollte, war es einfach nur ein Soundtrack. »American Gangster« ist unterhaltsame Blockbustermusik mit künstlerischem Anspruch, schlaues Musikmarketing, ein Ausweg aus dem Grown Up Rap—Dilemma und ein weiterer Schritt für Grey-Z, die Ikone zu bleiben, die er momentan ist. Def Jam ist sich sicher, mit dem Album »die neue junge und die ältere Bevölkerung zu erreichen«, und Jay-Z nutzt das Konzept, zwei Storys in einer zu erzählen, auch, um über sein Leben nachzudenken.

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