Interview: Prezident (JUICE #153)

Prezident I

 

»Mein Lebenswerk war der JUICE nie eine Erwähnung wert«. Zugegeben, lieber Prezident, wir haben dich ein bisschen verschlafen. Dabei bist du mit deinen sinnlichen Metaphern über die Abscheulichkeit, deiner Vorliebe für kaputte Literaten-Seelen, deiner alkoholgetränkten, kehligen Stimme und deiner hochgebildet-asozialen Wortwahl doch eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Rap. Auf dein drittes Album »Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte« hebt die Redaktion kollektiv das Whiskeyglas. Schön, dass du dich bereit erklärt hast, mit uns über selbiges zu plaudern.

 

Dein erstes Mixtape ist 2006 erschienen. Trotzdem giltst du noch immer als Geheimtipp. Ist deine Musik zu anspruchsvoll für ein großes Publikum, oder hast du dir selbst zu viele Steine in den Weg nach oben gelegt?
Eher Letzteres, denn ich hatte zum Beispiel nie großen Bock, in den sozialen Medien rumzuhuren. Videos habe ich lange vernachlässigt, zudem gab es in Wuppertal ja auch keine Strukturen. Dass meine Musik zu anspruchsvoll für eine größere Hörerschaft ist, glaube ich nicht. Leute wie Morlockk Dilemma, Hiob, JAW oder Absztrakkt machen ja auch keine eingängigere Musik und haben vergleichbar abseitige Texte. Trotzdem sind sie erfolgreich in ihren Nischen. Aber vielleicht ist meine Musik etwas spröder als die der anderen Alternativ-Rapper und zündet deshalb langsamer. Ich habe kaum Punchlines und Muttersprüche, die sofort funktionieren.

 

Der Titel deines neuen Albums »Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte« ist eine Anspielung auf Ralph Waldo Emerson (»art is a jealous mistress«). Lässt sich der Titel so verstehen, dass die Musik dich von anderen wichtigen Dingen abgehalten hat?
Ich studiere schon sehr lange, arbeite nebenbei, mache seit vielen Jahren diese Musik und bin in keinem dieser drei Bereiche wirklich vorangekommen. Der Titel spielt also auf einen Stillstand in meinem Leben an. Emerson wollte aussagen, dass er kein guter Ehemann sei, weil er zu viel mit seiner Wissenschaft beschäftigt ist. Bei mir ist es ähnlich. Ich kümmere mich nicht um eine Berufskarriere, weil ich mit dem Rap nicht aufhören kann. Rap war in den letzten Jahren mehr als ein Hobby. Ich habe da schon sehr viel Zeit und Energie hineingesteckt. Aber ich bin die Musik nie als Investition angegangen.

 

 

Auf dem neuen Album willst du weniger selbstbezogen als auf deinen vorherigen Alben sein und mehr Gesellschaftskritik bringen. Warum dieser Wandel?
Ein so starker Wandel ist das nicht. Die Selbstzweifel sind mit den Jahren einfach weniger geworden und mit einem positiveren Selbstbild fällt die Auseinandersetzung mit der Welt leichter. Begünstigt wird das durch mein Studium. Ich studiere ja Germanistik und Geschichte auf Lehramt. Die Genese des modernen Menschen interessiert mich dabei aktuell am meisten. Das spiegelt sich dann auch in Tracks wie »Menschenpyramiden«. Bei dem Track geht es um die negativen Aspekte der Aufklärung. Vernunft kann zu einem leeren Wahn werden, zu einem Selbstläufer, der das Leben der Menschen beherrscht, anstatt es zu verbessern. Mit dem Bild der Menschenpyramiden wird indirekt auf den Marquis de Sade Bezug genommen, der immer gerne als der negative Aufklärer begriffen wird. Er ist in erster Linie bekannt für seine pornographischen Schriften, in denen unendliche Orgien mit massenhaft Opfern beschrieben werden. Diese Orgien sind immer exakt durchrationalisiert und nehmen in ihrem Wahn der Luststeigerung protoindustrielle Züge an. Etwa, wenn bestimmte Choreographien erdacht werden, um Gruppenvergewaltigungen zu beschleunigen. Und in der Regel überleben auch die Henker diese Orgien nicht. Die von ihnen erdachten Systeme verschlingen sie am Ende selbst. De Sade hat Rationalisierung in seiner ganzen Destruktivität dargestellt, lange bevor die industrielle Revolution Teile seiner Visionen wahr werden ließ. Was er niederschrieb, erkennt man heute zum Beispiel in der modernen Lebensindustrie wieder: Rein von der Produktivität her ist der Hunger längst besiegt, aber man kann immer weiter daran arbeiten, zu noch niedrigeren Preisen jedem Hartz-IV-Empfänger in vietnamesischen Gifttümpeln gezüchtete Riesengarnelen auf den Teller zu bringen.

 

Du beschreibst dich als Einzelgänger und willst keine Gefolgschaft haben, die zu dir hinauf sieht. Nimmst du durch die Gesellschaftskritik auf dem neuen Album nicht automatisch viel mehr die Vorbild-Funktion ein, die du so sehr ablehnst?
Wenn ich auf der Bühne stehe, dann bin ich sowieso auf eine Art herausgehoben und spreche zu Menschen, die erst einmal nicht mit mir in einen Dialog treten können. Trotzdem sollte mich keiner meiner Hörer als Vorbild sehen. Ich möchte mit meinen Hörern auf einer Ebene reden und will nicht, dass sie sich dem unterordnen, was ich sage. Wir sind nicht wesensgleich, nur wenn dir meine Musik gefällt. Meine Texte sind ja auch nicht eindeutig zu interpretieren. Da zieht sich ja im Endeffekt eh jeder heraus, was er will.

 

 

Einer deiner größten literarischen Vorbilder ist der amerikanische Schriftsteller Charles Bukowski. Was hast du dir von ihm abgeguckt?
Bukowski war eine Art Proto-Rapper in seiner Selbstdarstellung. Er war ein Außenseiter und weltfremder Misanthrop, der nichts hatte und sich in Gangs rumgetrieben hat. Gleichzeitig hat er sich aber als den coolsten Motherfucker dargestellt. Er hatte einfach Swagger. Den habe ich mir versucht von ihm abzuschauen.

 

Von welchem anderen Schriftstellern wurdest du inspiriert?
Rap hat seine eigene Logik. Deswegen sind meine Texte von nicht allzu vielen Schriftstellern direkt inspiriert. Nur vereinzelt gibt es da ein paar Autoren, wie zum Beispiel Chuck Palahniuk. Der hat einen sehr verkürzten Erzählstil mit Hooklines. Bei »Fight Club« wiederholt er immer einen Satz, der im Verlauf des Buches seine Bedeutung verändert. Solche wiederkehrenden Muster wollte ich früher mehr in meinen Texten einbauen. Ansonsten bin ich ein Fan von sogenannten »O. Henry Twists«. Das sind Wendungen, bei denen sich der Protagonist zu einem wichtigen Zeitpunkt der Geschichte als unglaubwürdig entpuppt, prototypisch bei »The Sixth Sense« zu beobachten.

 

Deine Musik ist sehr düster. Trotzdem hast du mal davon gesprochen, dass man auch Humor in vielen deiner Zeilen finden kann. Warum erkennen das so wenige Leute?
Deutschland hat einen arg verkrüppelten, megaplatten Humor. Deswegen feiern die Leute Acts wie Battleboi Basti, das ist dieser Heinz-Erhardt-Humor. Bei mir ist es dagegen viel indirekter. Ich mache das so wie RAG. Die haben damals Zeilen gebracht wie »Wer sich unseren Style borgt, der wird assimiliert«. Nach Jahren hab ich gecheckt, dass dieses »borgt« ein Wortspiel mit der Borg-Rasse aus Stark Trek sein soll, die auch immer andere Völker assimiliert haben. Nach Savas kam eine Phase im Deutschrap, wo die Punches immer am Zeilenende kamen. Das war mir oft zu plump. Deswegen feiere ich auch Haftbefehl so sehr. Jahrelang haben alle Straßenrapper den Bushido-Flow kopiert und sind die Tracks monoton wie auf Schienen heruntergeritten. Haftbefehl hat das aufgebrochen. Dabei rappt er eigentlich wie die Stieber Twins. Hör dir mal »Malaria« an, das sind genau dieselben Betonungen und Techniken. Haftbefehl bringt einen Flow, den man im Gangsta-Rap schon vor 10 Jahren hätte bringen können.

 

 

Warum hat das Hässliche eigentlich so eine Anziehungskraft auf dich?
Das hat mit meiner Vorliebe für Irritationen zu tun. Ich achte bei meiner Musik ja auf Ästhetik und Wohlgeformtheit. Wenn ich dann aber im Text etwas hinzufüge, das dem entgegensteht, macht das die Kunst interessanter. Deswegen kann ich auch klischeehafte Tracks nicht leiden. Wenn man vom ersten Takt an schon weiß, dass es jetzt um die Ex-Freundin geht, dann ist das einfach langweilig. Mit Irritationen hingegen kannst du etwas schaffen, das noch nicht tausendmal gesagt wurde.

 

Du hast mal gesagt, dass niemand so sein kann, wie er sich in den Texten beschreibt, da sich sowieso jeder Hörer ein eigenes Bild von einem macht. Geht dir deshalb das ständige Gerede um Authentizität im Rap auf die Nerven?
Authentizität an sich finde ich ziemlich wichtig. Ich finde die Debatte darüber nur immer so plump. Die meisten vergleichen immer nur, inwieweit das echte Leben vom Text zu unterscheiden ist. Das trifft aber nicht den Kern der Sache. Es sollte eigentlich darum gehen, dass jemand, der etwas wirklich erlebt hat, auch besser darüber schreiben kann. Der Schriftsteller W. G. Sebald hat vor einigen Jahren mal eine Kontroverse ausgelöst, weil er Berichte von KZ-Überlebenden als nicht authentisch verortet hat. Zwar zweifelte er nicht an der historischen Wahrheit, aber alles, was die Autoren geschrieben hatten, war total stereotyp. Jeder, der ein paar andere Berichte von KZ-Überlebenden gelesen hat, hätte sich das genauso zusammenreimen können. Und genauso werden auch viele Raptexte geschrieben.

 

Auf deinem Song »Immer noch nicht nach Berlin gezogen« rappst du: »Irgendwie war Rap lebendiger, vor drei Jahren als er noch tot war«.
Als Rap kommerziell richtig unten war, kamen eigentlich total geile Sachen heraus: K.I.Z., Huss & Hodn, Weiße Scheiße, Audio 88 & Yassin, nur um jetzt mal den Alternativ-Rap zu nennen. Aber alle haben gesagt, dass Rap völlig tot sei. Dieser Eindruck entstand nur, weil es völlig an Strukturen gefehlt hat. Der Hype heute geht sehr krass auf Facebook zurück. Die Leute bestellen zwar keine Newsletter von den Künstler-Websites mehr, aber du kannst sie schnell dazu bringen, deine Facebook-Seite zu liken. Dann werden sie ganz automatisch mit allen Infos versorgt. Das haben sich viele Rapper krass zu Nutze gemacht. Jetzt ist Rap wieder ein Thema für alle. Ich fühl mich da ein bisschen gedisst, denn ich hab die ganze Zeit schon Musik gemacht. Und die fand ich eigentlich auch ganz gut (lacht).

 

Als jemand, der lange nicht bei Facebook aktiv war, bist du natürlich in einer schlechten Situation gewesen.
Mich stört es bei Facebook einfach so enorm, dass viele versuchen, sich eine Gefolgschaft heranzuzüchten. Das finde ich ekelhaft und widerwärtig. Trotzdem gibt es inzwischen einen Account von mir. Den pflege ich zwar nicht komplett selber, aber wenn irgendetwas Wichtiges ansteht, schreibe ich auch mal einen Beitrag. Ich kann das einfach nicht komplett ignorieren. Viele Leute erreichst du nur noch so.

 

2007 hast du dich als den meist unterschätzen deutschen Rapper nach Absztrakkt bezeichnet. Bist du das immer noch?
Es gibt eine andere Line von mir, die lautet: »Nicht unterschätzt, denn wer mich kennt, der weiß mich zu schätzen«. Ich fühle mich von Leuten, die mich feiern, manchmal sogar etwas überschätzt. Aber in Bezug auf meinen Bekanntheitsgrad geht da sicher noch viel mehr. Dass meine Gage seit einiger Zeit zumindest meinen Arbeitszeitausfall wieder reinholt, ist ja schon mal ein Anfang.

 

Text: Gordon Wüllner
Foto: Katarina Hertle