»HipHop war für mich immer Anti-Establishment und Anti-Mainstream« // Hiob im Interview

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Ein Biergarten in der Nähe des S-Bahnhofs Prenzlauer Allee. Der hagere junge Mann mit den langen braunen Haaren ist hier zu Hause. In dieser Gegend ist er geboren und aufgewachsen, als Sohn eines Schriftstellers, der in den Fünfzigern aus dem Westen in die DDR übergesiedelt war. Der junge Mann ist MC. Früher nannte er sich V.Mann, heute Hiob. »Drama Konkret« ist sein erstes Soloalbum, wenn man die zahlreichen Tapes seiner Crew Funkviertel, die Kollabo-Alben mit Morlockk Dilemma und seine »Fragmente« von 2004 nicht mitzählt. Hiob hat die Veränderungen seines Viertels miterlebt, genau wie die Veränderung der Berliner HipHop-Szene. Er selbst hält eisern an seinen ästhetischen Vorlieben fest: harter, erdiger New-York-Sound und zynisch-ironische Texte mit zartbitter-schwarzem Humor. Ein Gespräch mit einem der interessantesten Eigenbrötler, die unsere kleine Deutschrapwelt zu bieten hat.

Wie bist du zum HipHop gekommen?
Mit zwölf, 13 Jahren habe ich noch Gabber und Techno gehört. Dann wollte ich den DJ machen für zwei Schulkumpels, die mit Rebel One eine Gruppe hatten. Die hatten einen Doppelstockbus von der BVG im Dienst: das Hip Hop Mobil. Nach fünf Minuten haben sie zu mir gemeint: »Nee, lass mal.« (lacht) Am selben Tag hatte die Gruppe einen Auftritt mit der S.W.A.T. Posse auf der Insel der Jugend. Weil ich die Texte kannte, habe ich Backup gemacht. So bin ich zum Rapper geworden. Anfang 1995 habe ich dann angefangen, in meiner Hood rauszugehen, auf den Kollwitzplatz, wo es auch eine Writers Corner gab. Wenn man am Wochenende was machen wollte, ist man halt in den Park gegangen. Dort haben wir gekifft und gefreestylet, das war einfach unser Alltag. Der Soundtrack dieser Zeit waren Cypress Hill, Wu-Tang Clan, The Pharcyde und Das EFX.

Wie hat sich daraus eure Crew ­Funkviertel formiert?
1997 habe ich auf meiner Schule DJ V.Raeter kennen gelernt, der mit einem anderen Kumpel von mir eine Crossover-Band hatte. Wir haben angefangen, einmal die Woche bei ihm zu Hause Musik zu machen und zu proben. Er hatte die Connection zu Marcello, ich kannte Sir Serch. So kam das Funkviertel zustande. Zu dieser Zeit haben wir uns auch zum ersten Mal einen Kopf darum gemacht, wie man eigentlich Tracks aufnimmt.

Wie standest du zum Rap aus ­Westdeutschland?
Creutzfeld & Jakob oder RAG fand ich schon cool. Aber wir hatten immer das Gefühl, dass HipHop in Berlin etwas anderes bedeutet. Für uns war das wirklich ein Lifestyle. Wir waren sieben Tage die Woche HipHop, das war eine einzige große Party. Man hat auf die Schule gekackt, auch wenn man noch Schulpflicht hatte. Ich bin dreimal die Woche ins Studio von DeineLtan in den Wedding gefahren. Da haben wir mittags schon angefangen, Bier zu trinken und zu rappen. Die Häuser waren dreckig, alle haben gemalt, es gab besetzte Häuser, man hat sich sein Taschengeld mit allem möglichen Scheiß aufgebessert. Man hat sich gefühlt in demselben Film, in dem Mobb Deep waren – mal abgesehen von den Schusswaffen. (grinst)

Wie habt ihr es wahrgenommen, als der Berlin-Hype losging?
Vorher waren auf den Cyphers wie »Rap am Mittwoch« wirklich alle versammelt: Die Sekte, Krisenstab, Kaosloge, Gauner, aber auch Kool Savas, der sich noch Juks nannte. Und die BC Crew hat immer Ärger gemacht, aber dafür haben sie auch alle geliebt. (lacht) Stress gehörte ja dazu, die Spannung in der Luft hat es zusätzlich attraktiv und aufregend gemacht. Aus meiner Sicht ist diese Unity dann aber 2000/2001 den Bach runter gegangen. Die letzte Veranstaltung, wo alle vor Ort waren, war die »HipHop-Sommerschule« in der Volksbühne. Da gab es vier Bühnen, sogar MF Grimm und Project Blowed sind aufgetreten. Savas war aber zu diesem Zeitpunkt schon so berühmt, dass er ganz unnahbar in einen Backstageraum ­verschwunden ist. Dass es einen Bereich gab, wo man sich vor den anderen abschirmt, das hatte es vorher nicht gegeben. Früher sind die Rapper direkt von der Bühne an die Bar oder ins Publikum gegangen. Für mich war das ein Bruch in der Wahrnehmung.

2001 hast du mit Sir Serch das Ill Scripts-Tape »Da Dirty Versions« ­veröffentlicht.
Ja, das war eine Momentaufnahme der Zeit auf dem Kollwitzplatz. Wir kannten uns aus dem Park und waren Teil derselben Graffiti-Crew. In dieser Zeit brach gerade viel Stress los: Schlägereien, Alkohol, Beef, Morddrohungen. Da sind Aktionen passiert, die man heute von irgendwelchen U-Bahnhöfen kennt, wo ich einfach keinen Bock mehr drauf hatte. Also habe ich mich aus der ­Szene herausgezogen. Außerdem war der Rap, der Ende der Neunziger auf den Partys lief, schon nicht mehr meine Musik. Zu ­Hause habe ich weiterhin den Kram von ’95, ’96 gehört – das war genau mein Ding. Natürlich gab es aber auch neuen HipHop, den man gefeiert hat, wie MF Doom oder Non Phixion.

Du sagst im Intro von »Drama ­Konkret«, du hättest »auf der Straße gelebt«. Sinnbild oder Realität?
Ich hatte damals zeitweise keinen festen Wohnsitz, sondern habe auch mal ein halbes Jahr bei Freunden gewohnt. Aber das war normal bei uns. Wir waren halt immer ­unterwegs. Man ist morgens aufgewacht, hat sich überlegt, wie viel Geld man für den Tag braucht und wie man da rankommt. Dann hat man sich eben vors Crackhaus gestellt und die Bestellungen der Junkies aufgenommen, um einen Rabatt zu bekommen. Oder man ist ins Pfandflaschenlager vom Supermarkt eingebrochen. Geklaut haben wir auch viel, in der Kaufhalle hat man sich den Rucksack mit Tiefkühlgerichten vollgestopft. Irgendwie ging es immer klar mit unglaublich wenig Geld.

Du hast dich 2001 aus der Szene zurückgezogen. In welcher Umgebung hast du die »Fragmente« geschrieben, die 2004 erschienen sind?
2003 bin ich aufs Land gezogen. Ich war zwei Jahre wegen eines Unfalls krankgeschrieben und war Dauergast in Arztpraxen und Krankenhäusern. Aber ich habe immer weiter Texte geschrieben. In dieser Phase ist »Fragmente« entstanden. Ich hatte einfach das Gefühl, wir sind die Einzigen in Deutschland, die noch für diesen Sound stehen.

Kam durch die Connection zu ­Morlockk Dilemma die Lust am ­Musikmachen zurück?
Er hatte jedenfalls eine andere Arbeitsweise. In dem Moment, wo wir zusammengearbeitet haben, sind natürlich auch Deadlines ins Spiel gekommen. Auf »Fragmente« hatte ich kaum Feedback bekommen. Ich hatte ohnehin nie die Intention, mit Rap Geld zu verdienen. Ich wollte kein Teil des Musik­business sein und mein Leben nicht in Backstage­räumen verbringen. Aber natürlich hat mich das Feedback, das wir auf »Hang zur Dramatik« bekommen haben, motiviert.

In deinen Texten kommt ein Weltbild zum Vorschein, das viele oberflächlich als »links« beschreiben würden.
Ich mag diesen Begriff nicht. Konsumkritik ist nicht automatisch links, es gibt auch konservative Konsumkritik. Diese Links-Rechts-Polarisation ist generell eine veraltete Denke. Ich glaube, das spielt im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr. Ich bin der Ansicht, dass sich das herrschende System längst verselbständigt hat – die Börse und die anderen Mechanismen, die darin eine Rolle spielen, folgen keinem ideologischen Weltbild. Das ist ein Automatismus geworden, der definitiv zu einem Crash führen wird. Daher kann man auch einfach dasitzen, Bier trinken und Zigaretten rauchen. Natürlich ist das eine sehr arrogante, resignative Haltung. Ich würde es auch begrüßen, wenn sich mehr Menschen für etwas engagieren würden.

Auf »Drama Konkret« gibt es durchaus politische Songs, allerdings stecken die Botschaften eher zwischen den Zeilen.
Ich bin grundsätzlich ein sehr wütender Mensch. Mich kotzt vieles an. Wenn ich das formulieren würde, was ich in meinen wütenden Momenten denke, würde ich mit Sicherheit Probleme bekommen. Außerdem wäre das nicht gut für meine Gesundheit. Ich habe daher gelernt, mich zu zügeln. Und umso mehr das Chaos und die Auflösung der Gesellschaft real sichtbar wird, umso ­weniger möchte ich das alles formulieren. Als es noch abstrakter schien, fiel es mir leichter.

War HipHop für dich immer eine ­politische Kunstform?
Klar. Ich habe viel Public Enemy und KRS-One gehört. Aber der große Hit war eben »Sound Of Da Police«, und der ist nicht links oder rechts, sondern sagt einfach nur »Fick die Bullen«. HipHop war für mich immer Anti-Establishment und Anti-Mainstream. Ich habe mich mit den Ausgestoßenen in den amerikanischen Ghettos identifiziert, so albern das auch klingt. Wir haben damals in unserem besetzten Haus gehockt, Drogen verkauft und wurden von der Polizei über die Dächer gejagt. Auf dem Kollwitzplatz haben sie mit Schreckschussknarren rumgeballert. Das war meine Realität.

Deine Features scheinen alle aus einer gewissen Parallelgesellschaft innerhalb der HipHop-Szene zu stammen: Morlockk Dilemma, Yassin, Sichtbeton, Sylabil Spill und Pierre Sonality von den Funkverteidigern.
Ich höre nicht viel Deutschrap, außer wenn etwas von Freunden an mich herangetragen wird. Leute wie Sylabil Spill oder Pierre Sonality haben einfach dieselbe musikalische Sozialisation wie ich. Dahinter steckt keine Politik. Ich glaube ohnehin, dass es nicht mehr die eine HipHop-Bewegung gibt. Früher war man HipHopper und hat dann auch nur HipHop gehört. Die einzelnen Stilrichtungen innerhalb der Szene haben sich aber immer weiter auseinander entwickelt, ­gleichzeitig haben sich die Genres unter­einander immer mehr vermischt.

Kann es sein, dass du nicht der allergrößte Freund des Internets bist?
Ich habe zu Hause kein Internet. Allerdings bin ich auch nicht viel zu Hause. Entweder arbeite ich, chille bei meiner Freundin oder ich bin im Internet-Café. (lacht) Zu Hause bin ich nur, um Musik zu machen. Die Leute, die mich erreichen müssen, haben meine Telefonnummer. Internet lenkt mich ab. Ich habe auch keinen Fernseher. Wenn ich Unterhaltung suche, lese ich lieber Bücher. Und ich höre fast jeden Tag drei oder vier Stunden Musik. Ich bin immer noch ein großer HipHop-Fan.

Auch von aktuellem HipHop, oder hörst du ausschließlich 90s-Rap?
Nein, zuletzt habe ich mich über Elzhis »Elmatic« gefreut, über das letzte Ghostface Killah-Album, über Curren$y mit Alchemist, über Action Bronson oder über Roc Marciano. Aber man kann eben auch gerne mal wieder eine Black Moon rausholen. Für mich hat Musik einen Wert, ganz unabhängig von aktuellen Hypes. Es ist sogar eher so, dass mich ein Hype erst mal abschreckt. Ich habe da keine Eile. Wenn die Musik wirklich so gut ist, kann ich sie mir in zwei Jahren immer noch anhören.

Was war die Motivation dahinter, ­»Drama Konkret« aufzunehmen?
Ich wollte mit 30 unbedingt noch mal ein Rap-Album machen. Diesen Traum habe ich mir erfüllt. Viele meiner Kollegen von früher gehen nur noch arbeiten, haben Familie und fahren einmal im Jahr in Urlaub. Das reicht mir nicht. Jeder sollte in seinem Leben etwas schaffen, etwas hinterlassen. Ob das am Ende in der Belanglosigkeit verschwindet, ist scheißegal.

Text: Stephan Szillus

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