»Ich konnte früher teilweise keinen klaren Gedanken mehr fassen« // JAW im Interview

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Jonas E. wird niemals Schwiegermamas Liebling werden. Zumindest wenn sie seiner Musik mal aufmerksam Gehör schenkt. Denn wo sich beißender Zynismus, Schläge unter die Gürtellinie, schwarzer Humor und kranke Gedankengänge über unsere Gesellschaft und die Welt treffen, genau da fühlen sich JAW und seine Weisse Scheisse-Entourage zu Hause. Für sein zweites Soloalbum »Täter-Opfer-Ausgleich« hat der Freiburger noch Morlockk Dilemma, Absztrakkt und Mach One mit ins Boot geholt, die Hälfte der 18 Songs selbst produziert und ist fokussierter an die Arbeit gegangen als je zuvor. Ein beklemmendes Gespräch mit dem selbst ernannten Menschenfeind.

Was würde JAW machen, wenn morgen die Welt unterginge?
Ich denke, ich würde alle Drogen ausprobieren, die ich in die ­Finger ­bekomme und dann schauen, was passiert. Wahrscheinlich etwas ­Negatives. Aber ich müsste ja nicht mehr lange damit leben.

Aus welchen Gründen könnte denn die Welt dem Ende nah sein?
Dritter Weltkrieg. Atomare Gesamtvernichtung. Oder zweiter Kalter Krieg zwischen Russland und Amerika. Es wird wohl auf eine Den-roten-Knopf-drücken-Geschichte hinauslaufen. Krass, wenn man so darüber redet und einem klar wird, dass das doch ziemlich real ist…

Beschäftigen dich solche Dinge?
Eigentlich weniger. Ich weiß, dass ich die Zeit, die ich habe, auch nutzen muss. Das ist so vorherbestimmt.

Kommt deswegen nach dem PCP-Album aus dem letzten Jahr nun schon dein nächstes Soloalbum?
Ja, aber es herrschte auch ein gewisser Druck. Denn mein erstes Soloalbum »Schock fürs Leben« liegt nun mal schon vier Jahre zurück und ­“Gehirn im Mixer” ist auch schon etwas länger her. Die Leute wollen wieder etwas hören. Ein Soloalbum ist auch das, was ich am besten kann und was mir am meisten Spaß macht. Meine Realitätsdarstellungen finden nun mal in mir selbst statt. Ich kann sie nicht unbedingt mit vielen Menschen teilen, so dass ich sie lieber alleine umsetze, wenn ich Musik mache. So arbeite ich freier und produktiver. Natürlich gibt es gewisse Menschen und Therapeuten, denen ich mich mit meinen Gedanken anvertraue. Aber meistens stellt sich heraus, dass die mich gar nicht verstehen können. Meine Erlebniswelt ist einfach anders. Sie ist einerseits grenzen- und bodenlos, andererseits durch Dunkelheit und Bedrohung gefärbt. Eine verwirrende Angelegenheit.

Trotzdem gibt es einen Song ­namens »Optimist« auf deinem ­Album. Blanke Ironie?
Eigentlich ist der Song nicht ironisch gemeint, denn ich würde mich selbst schon als Optimist bezeichnen. Wie soll ich sagen? Wenn jemand seit seiner Geburt im Keller eingesperrt ist und von der Dunkelheit berichtet, sich dabei aber dem Licht entgegen kämpft, dann ist das ja kein Pessimismus, sondern nur eine Darstellung schwarzgefärbter Lebenserfahrungen. Den Pessimisten zeichnet doch aus, dass er in allem das Schlechte sieht. Wenn ich aber nur von Schlechtem umgeben bin, dann muss ich ja davon berichten, ohne dass mich das direkt zum Pessimisten macht. Trotz eines verwirrten Geistes und trotz schlechter Erfahrungen weiter zu machen, sein Leben zu bereichern, produktiv zu sein – das ist für mich Optimismus.

Inwieweit hast du in den letzten Jahren gelernt, besser mit den negativen Dingen um dich herum umzugehen?
Ich bin strukturierter geworden und habe viel an meinem Leben verändert. Ich versuche, die Drogen zurückzuschrauben. Ich trinke weniger, ich kiffe nicht mehr, ich mache Sport. Ich versuche, mich nicht mehr so sehr mit negativen Dingen auseinanderzu­setzen, um diese Erkrankungen, diese Gefühlsschwankungen und diese psychotischen Zustände loszuwerden. Ich bin kreativer geworden und muss ­ehrlich gestehen, dass ich mich manchmal wundere, wie ich früher überhaupt Musik machen konnte.

Für meinen Eindruck sprichst du auf »Täter-Opfer-Ausgleich« die Sachen fokussierter, klarer und deutlicher an.
Das stimmt. Ich konnte früher teilweise keinen klaren Gedanken mehr fassen und hatte auch oft Probleme, mich richtig mitzuteilen. Jetzt sind meine Gedanken klarer, wodurch mich andere Menschen sicherlich besser verstehen können.

Warum ein Song wie »Das ­dreckige Leben«?
Es geht da um das Gefühl, dass man nur von Dreck und Scheiße umgeben ist. Man will das ändern, rennt aber immer wieder vor die Wand und versinkt immer wieder im Morast. Trotzdem macht man weiter: »Das dreckige Leben geht weiter/noch bin ich nicht kläglich gescheitert.« Irgendwie ist es auch eine Hymne für die ganzen vercrackten, kaputten, gestörten und vernachlässigten Emo-Kiddies der aktuellen Generation. Denn der ­Zusammenhalt und das gesellschaftliche Denken nehmen hierzulande ­permanent ab. Wir leben in einem Staat, in dem du nur etwas bist, wenn du Leistung bringst. Es gibt keine Liebe und Verständnis für den Einzelnen. Niemand interessiert sich dafür, ob du ein guter Mensch bist oder wie viel du für andere getan hast. Es geht nur um diesen behinderten Leistungs­aspekt in dieser verkalkten ­Ellenbogengesellschaft.

Allerdings gibt es gerade im HipHop eine neu entflammte Partykultur und gute Laune überall.
Aber was hat denn das Getue auf einer Party mit Menschlichkeit zu tun? Leg doch mal so eine Party nüchtern unter die Analyselupe und guck dir an, was da passiert. Da lassen sich die Leute volllaufen, heucheln sich vor, dass sie sich gut verstehen, feiern zu Musik ab, die sie sich privat niemals anhören würden und gehen dann nach Hause, um am nächsten Tag mit einem Kater in der gleichen beschissenen Situation wie vorher aufzuwachen. Ich kann darin keine Menschlichkeit erkennen. Befrag doch mal Migranten aus Dritte-Welt-Ländern: Die werden dir erzählen, dass es hier materiell alles in Hülle und Fülle gibt, aber die Menschen ein zwischenmenschliches und soziales Problem haben. Wer kennt schon jemanden, dem er vollends vertrauen kann? Es ist doch krankhaft, dass die Leute immer noch mit allen erdenklichen Mitteln versuchen, Spaß zu haben, obwohl es ihnen total bekackt geht. Ich habe ein Auge für mein Umfeld, in dem viele aus diversen Gründen am Existenzminimum stehen. Wenn ich dann sehe, wie auf MTV irgendwelche blondierten Tussen mit Silikontitten versuchen, den Mann fürs Leben zu finden und im Tourbus rumhängen, wo dieser Kerl aufgrund von zwei Gesprächen und der Optik entscheidet, mit welcher der Frauen er nun seine Beziehung aufziehen möchte, dann frage ich mich, in welcher bizarren und entarteten Kultur wir leben.

Man soll sich offenbar durch ­dauerhaften ­Konsum und ein ­Verfolgen irrealer ­Schönheitsideale von seiner tatsächlichen Situation ablenken.
Diese Welt existiert aber nicht! Wie viele Mädchen kennst du, die wirklich so aussehen wie diese MTV-Tussis? Will man wirklich über so eine Instanz einen Menschen kennen lernen, dem man vertrauen und mit dem man etwas aufbauen möchte? Über einen Fernsehsender, der die größte kapita­listische Scheiße überhaupt propagiert? Wie weit ist das alles von der Realität entfernt? Da muss man doch mal die Augen aufmachen! Das Leben ist so, wie du es vor der Nase hast. Und dieser Kontrast ist Hardcore.

Kann man dein Album als ­Reaktion darauf verstehen?
Auf jeden Fall. Es ist der Rückschlag. Ein ganz plumpes und plakatives Racheprinzip. Ich will den Menschen und der Öffentlichkeit das zurückgeben, was ich einstecken musste. Ein paar Tracks beziehen sich auf spezielle Personen, die meinen Weg gekreuzt haben, manche Songs sind auf den Leistungswahnsinn der Gesellschaft gemünzt und manche auf die Umgangsformen der Menschen untereinander.

Fühlst du dich in dieser ­Gesellschaft fehl am Platz?
Ich bin evolutionär dazu verdammt, mitzuspielen. Ich lebe in einem Land, in dem ich nur über die Runden komme, wenn meine Referenzen besser sind als die der anderen. Aber in der Musik muss ich die Wut und das Unverständnis darüber raus­lassen. Das ist mein Ventil, um nicht auszurasten und Amok zu laufen. Trotzdem sehe ich, wie es da draußen ist. Daher wäre es blöd, wenn ich mich in meinem Zimmer verschanzen würde, um dann mit Geld vom Staat den Revoluzzer spielen zu wollen. Ich muss das Spiel eben mitspielen.

Glaubst du denn, dass du die Chance dazu hast, irgendwann doch glücklich zu werden?
Bei mir ist alles möglich. Ich habe alle Optionen und doch keine. Ich kann nicht sagen, wie mein Leben verläuft, da ich viele Dinge nicht in der Hand habe. Nur die Hebel kann ich in die richtige Richtung stellen und schauen, was passiert. Es gibt keine Sicherheit. Alles kann passieren.

Text: Amadeus Thüner

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