Haftbefehl & Xatar: »Jeder Echte weiß, dass wir’s schon immer waren« // Interview

Coup Haftbefehl Xatar

Gambas und Diamanten

Zepter & Krone – um weniger kann es nicht gehen, wenn Haftbefehl und Xatar ein gemeinsames Album veröffentlichen. Die Dimensionen waren klar, sobald der Baba und der Bira gemeinsam aus der Fernsehsendung von Enissa Amani verschwunden waren: Es geht um den Thron, so wie bei Jigga und Kanye, wie bei Siggi und Bu. Ob der Four-Music-Vorschuss für »Der Holland Job« mit dem für »23« mithalten kann, darf dabei gerne ein Geschäftsinternum bleiben. Hauptsache dieses Album wird – nach »­Russisch Roulette« und »Baba aller Babas« darf man durchaus davon ausgehen – mehr als ein aufgeplustertes Statusstatement. Alles unter einem Instantklassiker wäre bei der ­Beteiligung dieser beiden Künstler, die sich gerade auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Karrieren befinden, eine Enttäuschung.

Der Münchener Store der Streetwear-Marke Beastin ist knackevoll. Alle warten. Für die neue Mini-Kollektion, die hier heute vorgestellt wird, interessiert sich aber eigentlich keiner so recht. Irgendwann fahren drei schwarze Mercedes-Vans vor. ­Superstarauftritt. Flankiert von zwei Zwei-Meter-Hünen eilen Xatar und Haftbefehl in den Laden, um sich bestaunen zu lassen. Und damit die Fans Selfies mit ihnen machen können. Eine gute halbe Stunde geht das so. Beide meistern das Ganze mit Bravour. Lächelnd, freundlich, gut gelaunt. Danach stehen wir ­neben dem Ladeneingang in einer überdachten Einfahrt zwischen Supreme-Kids, Chabos-Fanboys und Society-Frauen. Haftbefehl unterhält sich auf Englisch mit einer Damengruppe. »So, you’re a bad guy?« – »Yeah, I am«, sagt der Angesprochene und grinst zu Xatar rüber, der gerade an seiner Panzerkette nestelt und sich dann eine Kippe ansteckt. »Hast du schon Sachen vom Album gehört?«, fragt mich dieser indes und will wissen: »Wie findest du’s?«

Trotz der großen Erwartungshaltung: Versucht man sich auszumalen, wie so ein gemeinsames Album dieser beiden klingen könnte, stößt man an die Grenzen seiner Vorstellungskraft – obwohl Haftbefehl und Xatar bereits zahlreiche Songs ­gemeinsam aufgenommen haben, zum Beispiel »So Baba«, erschienen 2010 auf dem AON-Sampler »AGB 2010«. Während Haft zuletzt mit »Unzensiert« einen verschroben-apokalyptischen, tiefschwarzen Realismus manifes­tierte, war »Baba aller Babas« von Xatar ein musikalisches Klassizismus-Opus, auf dem sich dieser ganz und gar überlebensgroß inszenierte. In seinen Videos ließ der »Mantel« sich in Blattgold einkleiden und grüßte deutsche Shisha-Rapper von einer Yacht in Dubai. Will heißen: Um auf Albumlänge zusammenzufinden, scheinen gewisse Kompromisse unvermeidbar.

Gelöst haben Haftbefehl und Xatar diese Herausforderung (diesen Schluss lassen jedenfalls die fünf Songs zu, die ich vorab hören durfte), indem sie für dieses Projekt ein Soundbild entwickelt haben, das beide dieser Entwürfe mit einbaut, ab und zu aber eben auch links liegen lässt. So darf in der Vorab-Version Tai Jason ran, noch mal den glitzernden Synthie-Sound der Aggro-Ära abfeiern, während das Superproducer-Duo »Die Achse« (bestehend aus Bazzazian und Farhot) bretternden Neo-Boombap abliefert und Brenk Hafti und Xatar mit grollendem Westcoast-Sound beliefert. Inhaltlich folgen die bisher hörbaren Songs keinem roten Faden. Die für den pa­rallel zum Album produzierten Film angekündigten Heist-Movie-Anleihen schlagen sich nicht in der Musik nieder. Auch scheint »Der Holland Job« doch keine Musik gewordene Bud-Spencer-und-Terrence-Hill-Story zu werden, wie die veröffentlichte Tracklist, bestehend aus entsprechenden Filmtiteln, vermuten ließ. Stattdessen bespielen Hafti und Xatar die thematischen Baustellen, für die sie ohnehin geschätzt werden: Ticker-Talk, Unterschichtserzählungen, Infragestellung des eigenen Lifestyles und Kritik an den sozialen Realitäten der Bundesrepublik.

 

Zurück in München. Ist man mit Haftbefehl unterwegs, steht seit jeher eins von Vornherein fest: Früher oder später geht man irgendwo in ein gutes Restaurant. Klar, dass er jetzt sagt: »Lass mal Essen gehen!« Mit dem Van fahren wir zum Odeonsplatz in die Spezlwirtschaft. Haftbefehl braucht nicht mal die Speisekarte: »Giwar, ich such uns was aus.« Und zum Servicepersonal: »Könnten wir bitte jeweils 400 Gramm vom Entrecôte haben? Und dazu Riesen-Gambas, Spinat, Kartoffeln? Und vorneweg Salat und Tatar?« Ich bestelle mir das Gleiche. »Was los, Sascha? Lass anfangen!«

Wann habt ihr eigentlich das erste Mal Musik voneinander gehört? Habt ihr da bereits beide Musik gemacht?
Haftbefehl: Nee, das war vorher, oder? Damals lief bei Yavido ein Song von Giwar, so ein Medley aus drei Songs, weißt du? Da saß ich bei meinem großen Bruder zu Hause und wir sind beide abgedreht, weil wir so was vorher nicht kannten. Zwei, drei Jahre später haben wir uns dann bei der Rheinkultur kennengelernt.
Xatar: 2008 war das. In dem Jahr habe ich auch das erste Mal von Haftbefehl gehört, über einen gemeinsamen Bekannten. Ich fand damals den Style von den ganzen deutschen Rappern nicht gut, aber er meinte, der müsse mir gefallen. Ach genau, Manuellsen war das. Und dann war wenig später die ­Rheinkultur, da war Haftbefehl mit Jonesmann im Backstage. Von da an haben wir dann direkt connectet. Aykut war sehr oft in meinem Viertel und ich bei ihm. Da war der Hype noch nicht so riesig wie später bei »Azzlack Stereotyp«, aber trotzdem war er bei mir, bei meinen Jungs, die eigentlich gar keinen Rap hören, hoch angesehen. 2008 haben viele Kanaken ja gar keinen Rap gehört. Aber auf Haftbefehl sind die alle ausgeflippt.

Wart ihr beide nach dem Ende des großen Aggro-Hypes von Deutschrap gelangweilt?
Xatar>: Für mich gab es damals keinen Gangstarap. Das, was Aggro, Azad und so gemacht haben, das war auch cool. Aber der Style, den Aykut und ich dann gebracht haben, der war schon sehr eigen. Natürlich gab es auch Kanaken, die Azad und Aggro gefeiert haben, aber die wirklichen Ticker, die Jungs aus’m Knast, die richtigen Verbrecher, die haben erst angefangen Deutschrap zu hören, als wir gekommen sind. Heute ist das ja normal: Jeder 16 Jahre alte Ticker hört Deutschrap. Letztens waren wir für einen Dreh in Rotterdam und, Alter: Da sind Crackdealer von dort zu uns gekommen – und die sind ausgerastet. Die haben seinen [zeigt auf Haftbefehl; Anm. d. Verf.] Text gerappt und seinen ganzen Slang adaptiert. In Rotterdam, Bruder!
In Rotterdam wart ihr sicherlich, um den Film zu drehen, der begleitend zu »Der Holland Job« erscheinen soll, oder? Warum eigentlich ein Film?
Haftbefehl: Die Idee kam uns während der Arbeit am Album. Die Musik hat uns dazu inspiriert. Auf Whiskey.

Erzählt dann das Album, so wie der Film, eine Geschichte? Die fünf Songs, die ich bisher gehört habe, lassen diesen Schluss nicht unbedingt zu.
Xatar: Nein, wir haben uns das künstlerisch komplett freigehalten.
Haftbefehl: Wir haben einfach Beats gehört und dann angefangen. Ich arbeite ja mittlerweile nur noch mit Blanco. Der hatte mir zu »Russisch Roulette«-Zeiten mal total viele Beats geschickt, die waren aber in der Zwischenzeit fast alle aufgebraucht. Giwar hatte zum Glück welche von Leuten aus ganz Deutschland dabei, also haben wir dann einen Tag lang Beats gehört. Dann haben wir aus der Auswahl 25, 30 Beats von seinen Leuten gepickt. Viele von denen wurden dann aber im Laufe der Arbeit noch mal geremixt – von Farhot, von Bazzazian, von Reaf, von den Engineerz und von Tai Jason sind jetzt Beats auf’m Album.
Xatar: Und wir haben auch zwei Beats von einem Typen drauf, den noch gar keiner kennt – der ist Jazz-Musiker. Und einen von Brenk. Wir haben beide einfach unsere Leute rangeholt und das Beste aus beiden Welten gepickt. Der Großteil der Arbeit folgte dann aber erst, nachdem wir die Beats ausgewählt hatten. Dann haben unsere Produzenten da noch sehr lange zusammen an allen Instrumentalen gesessen, gemeinsam Ideen ausgearbeitet und so weiter.
Ist es euch schwer gefallen, in den ­Modus zu kommen, in dem man sein muss, um gemeinsam ein Album ­machen zu können?
Haftbefehl: Wenn Giwar nicht bei uns im Studio in Frankfurt gewesen wäre, hätte ich nie so schnell wieder ein Album fertig ­gemacht. Er hat mich auf jeden Fall in ­manchen Nächten dazu gezwungen, zu schreiben. Ich saß manchmal so unkonzentriert da. Ich meine: Das ist jetzt mein dritter Release in anderthalb Jahren.

Ich nehme an, dass ihr beide sehr unterschiedlich ans Songschreiben herangeht.
Xatar: Ja, man.
Haftbefehl: Giwar ist krass. Der setzt sich hin, Digger, und fängt direkt an zu schreiben. Während ich noch mit meinem Handy rumfummele, ist er schon fertig. »Was geht ab? Ich wechsle jetzt mal den Beat.« Das war immer so, dass er mich gefragt hat, wie weit ich denn bin. Ich meinte dann: »Ja, nur noch vier Bars, dann hab ich’s.« Dabei hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keine zwei Zeilen geschrieben. (grinst)
Xatar: Aykut ist aber genauso krass. Erst macht der zwei Monate so Faxen, wo ich schon gefühlt das Album fertig habe, dann bin ich zwei Nächte nicht im Studio, und in der Zeit macht er dann die ganzen Dinger fertig.
Haftbefehl: Bei mir ist das so: Wenn ich keinen Lauf habe, dann geht bei mir gar nichts. Dann sitze ich zehn Stunden da und mache einfach nichts. Wenn ich aber erst mal drin bin, dann läuft alles wie von selbst. Dann kommen da gute Dinger bei raus.

Xatar, hat dich das auch beflügelt?
Xatar: Ich wusste ja vorher schon, dass Aykut ab und zu so Kreativeskalationen hat. Das hatte ich schon mitbekommen, als ich noch im Knast saß, weil wir da ab und zu telefoniert haben und ich mitbekam, wenn sein Umfeld ihm Stress gemacht hat, weil eine Deadline bevorstand und er kaum was aufgenommen hatte. Da hat er dann immer innerhalb kürzester Zeit so Sachen wie »Russisch Roulette« rausgeballert. Das habe ich jetzt zum ersten Mal live mitbekommen, da ist er kreativ schon überkrass. Ich habe zwar selber auch dieses Kreativding, aber so wie er könnte ich das niemals hinkriegen. Habe ich noch bei keinem anderen je gesehen.

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Wie habt ihr die Themen für das Album entwickelt?
Xatar: Also, ein Beispiel: Wir haben einen Song über Flüchtlinge auf dem Album: »Ausländer für Deutschland« beziehungsweise kurz: »AfD«. Die Idee dafür kam von Aykut. Als wir mit dem Album eigentlich schon fertig waren, hat der einfach so diese Songidee rausgehauen.
Haftbefehl: Nee, das war so: Wir wollten eigentlich einen ganz anderen Song aufnehmen – so eine 808-mäßige Nummer und wir hatten dafür schon ne geile Hook. Das sollte das Intro fürs Album werden. Dann saßen wir da stundenlang, haben an dem Song rumgemacht und irgendwann meinte ich zu Giwar: »Digger, scheiß mal auf den Song. Komm, wir machen einen anderen.« Und dann ist dieser Flüchtlingssong entstanden. Morgens um sechs.
Xatar: Das war voll abgefuckt von ihm (Haftbefehl lacht laut), wie der das dann gemacht hat. Auf einmal kommt er da und hat quasi den ganzen Song schon im Kopf.
Haftbefehl: Ich komm mit der Idee, er direkt so bam-bam-bam: Zwanzig Minuten geschrieben, zwanzig Minuten ­aufgenommen.
Xatar: Und wir hatten eigentlich nicht vor, für dieses Album einen politischen Song zu machen.

Ist der Song also ein Ausnahmestück auf dem Album? Oder gibt es auf »Der Holland Job« noch mehr Tracks, die sich mit Einwanderung und sozialen Fragen beschäftigen?
Xatar: Das Thema taucht schon ab und an in den ­Texten auf, aber es gibt keinen anderen Song, der direkt das Thema Flüchtlinge aufgreift.

Dennoch war es euch offenbar wichtig, kein ­düsteres, schweres Album zu machen, richtig?
Xatar: Auf jeden Fall. Selbst die nachdenklicheren Songs auf der Platte gehen nach vorne.
Haftbefehl: Du fragst wahrscheinlich wegen »Unzensiert«, ne? Da meinten die Leute ja danach zu mir: »Ey, Digger, hast du Selbstmordgedanken?« Das Album jetzt hat einen sehr hellen Sound.
Xatar: Vor allem Blanco und Farhot haben da einen ausgepackt: Boah, Junge!

Haftbefehl, ist es dir leicht gefallen, nach ­»Unzensiert« aus diesem düsteren Mindset wieder rauszukommen? Es gibt ja momentan tatsächlich genügend Gründe dafür, abgefuckt zu sein.
Haftbefehl: Ich war ja nicht mal wirklich abgefuckt, als ich das Mixtape aufgenommen habe. Ich wollte einfach nur so eine Art Tape machen und hatte Bock, düster und abgefuckt zu klingen. Ich feiere ja zum Beispiel ­Kanye West, wenn er diesen düsteren Sound fährt – auch wenn den in Deutschland viele nicht verstehen. Ich hatte Bock auf so was. Abstrakte Kunst, Digger! Alle machen hier immer auf diese Mobb-Deep-Beats – aber, Alter: Es ist 2016! Ist das noch nicht angekommen bei denen? Weißte, was ich mein’?

Aber dein Kollabo-Partner hier ist doch auch oft darauf aus, einen »älteren« Sound zu kultivieren.
Haftbefehl: Na, ich mein das schon anders: Was Giwar gemacht hat, das ist zwar vom Style her älter, aber vom Sound total frisch. Das klingt ja nicht wie aus den Neunzigern. Alter Style, neuer Sound – solche Songs bringen wir auch auf dem Album. Alles frisch, alles gefickt.

 

Dieses Album ist schon als »Watch The Throne«-mäßiges Statement angelegt, um den Leuten klar zu machen, wer hierzulande an der Spitze steht, oder?
Xatar: Digger, wir waren schon immer die beiden. Jeder Echte weiß, dass wir’s schon immer waren. Wir haben es nur nicht eher geschafft, dieses gemeinsame Album zu machen.
Was verbindet euch beide eigentlich menschlich?

Haftbefehl: Wir verstehen uns einfach gut. Natürlich hat das auch was damit zu tun, wo wir beide herkommen, aber wir mögen auch das gleiche Essen, die gleichen Klamotten, den gleichen Lifestyle. Wir sind einfach die gleiche alte ­Schule, Bruder. Frankfurt – Bonn, das passt gut. Wir fahren auf jeden Fall komplett, vom ganzen Ding her, den gleichen Film.
Xatar: Und wir sind eben auch beide wirklich aus’m Viertel. Und sind immer noch dort, immer noch derselbe Scheiß. Wir haben uns beide in dreckigen Ecken aufgehalten, weil es nicht anders ging – aber wollen das nicht mehr.

Giwar, bist du im selben Alter wie Aykut auf der Straße gelandet?
Xatar: Ja, auch mit 14, so wie er. Genau diese Zahl. Ab 14 hat mich die Straße weiter erzogen – mit allem, was geht.
Haftbefehl: Ganz ehrlich: Diesen Gangsterfilm habe ich noch bei niemandem so erlebt wie bei ihm. Ich hab ja auch abgewichste Scheiße getan und kenne Leute, die krasse Sachen gemacht haben – aber niemand so wie er. So flüssiges Kokain wie er das hatte, das hatte ich noch nie gesehen. Als ich ihn fragte, woher er das hatte, meinte er nur: »*******«. [Das Land dürfen wir nicht nennen; Anm. d. Verf.] Und ich dann so: »Wie, aus *******?« In Wasserdosen abgepackt haben die das damals hierher geschmuggelt. In einer anderen ­Situation war er so: »Hier, 100 Gramm, schenk ich dir.« Das war in der Batschkapp in Frankfurt. Wir waren einfach nur da zum Chillen, gell? ­(Xatar nickt) Einfach zum Saufen. Ich nehm dann so die Tüte von ihm und vercheck die Packs dort. Ich verkaufe hier: Tack, tack, tack. Irgendwann landen wir am Hauptbahnhof und er sagt: »Hier, behalt das Zeug«, steigt in ein Taxi und fährt nach Bonn [Ein Taxi von FFM nach Bonn kostet laut taxi-rechner.de 330 Euro; Anm. d. Verf.].
Xatar: Da hab ich noch keine Platten verkauft.

Giwar, du agierst heute auch als Labelchef sehr umsichtig. Warst du auch damals auf der Straße immer der, der die Dinge durchdacht und Pläne entwickelt hat?
Xatar: Nee, nicht immer. Ich habe auch viele Fehler gemacht, bin aber irgendwann einfach abgewichst geworden.

Auch wenn ihr diese Zeit heute beide bereut: Hat euch das Straßenleben auch Dinge gelehrt, die euch heute noch weiterhelfen?
Xatar: Natürlich. Deshalb ist doch zum Beispiel Aykut auch so ein Businessmann. Die Leute checken das immer nicht, aber ich sehe bei ihm ständig Sachen, wo ich mir denke: smart. Die denken, der rappt nur, aber der macht eben auch Business – und das liegt nur an seiner Street Knowledge. Bei mir genauso. Ohne die Straße wäre ich heute ein Typ, der Scheiben putzt.
Haftbefehl: Auf jeden Fall! Die Straße hat mir sehr viel beigebracht. Schnelles Rechnen zum Beispiel. (Xatar lacht)

Aykut, auf »Russisch Roulette« hast du mal gerappt: »Die Straße nahm mich in den Arm und ließ mich nie wieder los«. Ist das so? Lässt euch eure Vergangenheit auch dann nicht in Ruhe, wenn ihr jeden Abend teure Steaks essen könnt und legal euer Geld verdient?
Xatar: Guck mal: Vor diesem Rap-Ding habe ich in ganz anderen Kreisen in Moskau in Restaurants gegessen. Dagegen ist das hier ein Furz. Straße zu sein, bedeutet nicht, dass du nicht in teuren Restaurants isst – im Gegenteil. Die Leute, die auf der Straße sind, die haben das Geld für so ein Leben. Davon kann Aykut auch ein Lied singen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wenn du auf der Straße bist, so Penner-mäßig, das ist noch mal was anderes als die Straße, die wir meinen.
Haftbefehl: Joints und Busfahren.
Xatar: Das ist was anderes, Alter.
Haftbefehl: Ich hatte damals noch keinen Führerschein, aber schon einen 5er-BMW vor der Tür.
Xatar: Als ich Aykut gerade das erste Mal getroffen hatte, hat er mich gefragt, ob ich Spielautomaten von ihm kaufen will, die zwischen 10.000 und 100.000 Euro gekostet haben. So habe ich den kennengelernt! Das eine hat mit dem anderen nix zu tun.
Haftbefehl: Ich will noch ne Story erzählen: Er macht diesen Raub mit dem Geldtransporter. Paar Tage, nachdem sie herausgekriegt haben, wer der Typ war, der das gemacht hat, haben die Cops dann bei mir geklingelt: »Was fahren Sie denn für ein Auto?« – »Einen 5er-BMW.« »Aha. Können wir den mal sehen? Wo steht der denn?« – »Ja, da vorne.« Zu der Zeit habe ich oft mit ihm telefoniert. Da hat er mir irgendwann auch erzählt, dass er gerade in Moskau ist. Dann vergeht eine Woche, vergehen zwei Wochen – und dann erzählt mir mein Bruder, warum die Kripos mich nach meinem Auto gefragt haben: Weil der Giwar das Ding auch mit einem BMW gedreht hat und die ­vermutlich dachten, dass das der Wagen gewesen sein könnte.
Xatar: Ich war ja sogar paar Tage, nachdem wir das Ding gedreht haben, bei dir in Frankfurt.
Haftbefehl: Echt?
Xatar: Wir waren Spielo, Bruder. Das war doch der Abend, den du eben meintest! Egal, auf jeden Fall haben die sicher gecheckt, dass wir telefoniert haben. Die ­haben in der Zeit ja alle meine Telefonate abgehört.
Haftbefehl: Einmal hat Giwar mich auch angerufen und dann so gesagt: »Bra, hier in Moskau kostet die ­Shisha 80 Euro.« Aber er hat mir damals nie erzählt, warum. Ich hatte nur mitgekriegt, dass er irgendein großes Ding gedreht hat.

 

Im Hier und Heute habt ihr diese Zeit ja hinter euch gelassen, allerdings verarbeitet ihr auch auf eurem gemeinsamen Album noch diesen Teil eures Lebens – aber eher auf eine filmische Art und Weise. Kann man das so stehen lassen?
Haftbefehl: Ja. Und, Bruder, das Ding ist: Wir hätten auch einfach ein ganz normales Album machen können – aber es ist nun mal Xatar und Haftbefehl, weißte, was ich mein’? Da muss man so groß an die Sache rangehen. Wir hätten natürlich ganz normal für viel Geld Musik­videos produzieren können, aber Digger: Wir müssen einen Film drehen! Das ist einfach ein großes Projekt.
Xatar: Das Ding ist: Wir haben so viele Sachen ­gesehen, deshalb musste dieser Film dazu einfach sein!

Wie ist der Film eigentlich entstanden?
Xatar: Ganz natürlich, bei ihm im Studio in Frankfurt. Erst hatte er ne Idee, dann ich und so weiter. Dann haben wir kontinuierlich daran gearbeitet und irgendwann hatte Aykut dann noch mal so nen Flash, als er in der Türkei war – Scorsese-Modus. Da hat er das ganze Ding noch mal auseinandergenommen und neu zusammengesetzt.
Haftbefehl: Ich war im Urlaub. Mir war langweilig.
Xatar: Der hat das haargenau aufgeschrieben – mit Szenen, Kameraperspektiven und so. Der Film ist auf jeden Fall geil geworden, richtig baba. Aber wir wollen jetzt noch nicht zu viel erzählen. Den musst du dir dann selbst ansehen.

Könnt ihr schon erzählen, ob ihr Vorbilder ­hattet, an denen ihr euch für den Film orientiert habt?
Xatar: Es wird auf jeden Fall ein Heist-Movie mit ­Anleihen bei Guy Ritchie, vor allem bei »Snatch – Schweine und Diamanten«, aber trotzdem voll eigen. Eine Gangsterkomödie.

Okay, letzte Frage: Wo wart ihr eigentlich, ­nachdem ihr aus der Sendung von Enissa Amani ­verschwunden seid?
Xatar: Wir waren essen.
Haftbefehl: Apropos: Was sind denn das für ­Gambas, Alder? ◘

Creative Director: Cihan Can / Foto: Mogaff

Dieses Interview erschien in JUICE #175 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Juice 175 Cover