Gzuz, Bonez MC und Kontra K: »Der Teufel erkennt seine Brüder« // Interview

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Kurz springt das Printjournalisten-Herz höher. »Videointerviews sind Seelensaugerei«, sagt Bonez MC und nippt an seinem Milchshake. Dass Deutschlands derzeit meist­gehypte Straßenrapper sich den digitalen Spiegelreflexkameras unserer im Netz ­agierenden Konkurrenz fast kategorisch verweigern, ist für die JUICE ein Jackpot. Trotzdem sitzen wir mit Gzuz und Bonez in einem gut besuchten Burgerladen unweit der Ostberliner-Tourimeile, um einer der zentralen Fragen vieler Youtube-Interviews ­nachzugehen: Wir wollen wissen, wie der Kontakt zustande kam – zwischen 187 und Kontra K. Denn trotz der stetig wachsenden Bekanntheitsgrade beider Parteien ist die langjährige Freundschaft zwischen dem Berliner Box-Fanatiker und den Hamburger Ott-Botanikern abseits der mehrmaligen musikalischen Zusammenarbeit kaum dokumentiert. In ­diesem Sinne: Ring frei für ein Gespräch über Westküsten Crack-Zombies, jamaikanische Batty­boy-Dons, Möwenscheiße und die dieser Tage wieder omnipräsente Frage nach der Realness.

Wie habt ihr euch denn nun ­kennengelernt?
Kontra: Das lief über fünf Ecken, über einen Produzenten.
Bonez: Kennengelernt haben wir uns beim Alkohol- und Drogenkonsum.
Kontra: (lacht) Ja, das war damals noch am Start. War das 2008?
Gzuz: Ich glaube, 2009 – kurz vor meiner Haftzeit. Wir saßen bei meiner Mutter vor der Tür in der Kneipe, oder?
Kontra: Genau. Bonez und ich hatten davor aber schon einen Song aufgenommen, ohne dass wir uns je gesehen haben.

Und wer war der verbindende Produzent?
Bonez: Mein damaliger Beat-Produzent Costa Titan [später auch Père Beatz; Anm. d. Verf.]. Der hat mein erstes Soloalbum »Krampfhaft kriminell« produziert. Das kam 2012, ich bin damit auf Platz 62 eingestiegen, glaube ich. Nach wie vor ein supergeiles Album. Costa ist danach ausgewandert nach Ibiza, um sich als DJ einen Namen zu machen. Mein Album war eigentlich auch sein einziges Projekt damals. Für Kontra hat er noch etwas produziert.

»Man hat da eine Realness erkannt – der Teufel erkennt seine Brüder.«
– Kontra K

Das erste Bonez/Kontra-Feature ist aber schon 2010 entstanden, oder?
Kontra: Eigentlich sogar ein Jahr früher, der Track erschien aber erst 2010 auf meinem Album »Dobermann«. Boah, wie ich damals Musik gemacht habe. Ganz ohne Label. (lacht) Ich habe damals schon gefeiert, was die Jungs in Hamburg so machten, und für mich wurden sie zu der ersten stabilen Connection im Rap – und diese Verbindung hält bis heute. Wenn’s mir dreckig geht, fahre ich zu Bonez nach Hamburg, chill ab und gucke, was er macht. Und andersrum genauso.

Kontra und Bonez, ihr seid beide ­Internatskinder, richtig?
Bonez: Ja. Ich chill auch nur mit ihm, weil er auf dem Internat war. (beide lachen) Ich war ein total schlimmes Kind, aber irgendwann auch Basketballer. Und eine damalige Schuldirek­torin, die in mir wohl etwas mehr sah, als nur einen Störenfried, schickte mich auf ein Basketball-Internat. Dort habe ich ganz schnell meine Drogenkarriere begonnen und Basketball an den Nagel gehängt. (lacht) Ich bin dann noch auf einem anderen Internat gelandet. Aber insgesamt war das eigentlich eine sehr schöne Zeit.
Kontra: Ich war auch auf mehreren Internaten, drei oder vier sogar. Im Prinzip ähnlich wie bei Bonez: Ich war der nicht zu stemmende Schüler. So habe ich ständig die Schule gewechselt. Und irgendwann habe ich resigniert.

Gzuz, hast du bereits Musik gemacht, als Kontra und Bonez sich connectet haben?
Gzuz: Nein, ich habe kurz danach ­angefangen.
Bonez: Gzuz hat erst Musik gemacht, als er sah, dass es bei mir lief und ich auf der Straße erkannt wurde. (lacht) Damals, 2006 oder 2007, haben wir das erste Straßenrap-Video in Hamburg gemacht: »Toprott« – ein Schwarz/Weiß-Ding. Zu der Zeit hat Berlin so auf Hamburg rumgehackt. Wir wollten bei uns die Flagge hochhalten und zeigen, dass Hamburg auch Straße ist.
Kontra: Das erste Video von euch, das auch hier richtig durch die Decke ging, war dann »UNLTD« von Gzuz mit AchtVier: »Es ist so lange lustig, bis es nicht mehr lustig ist«. Die Berliner sind grundsätzlich Hater, auch wenn die jetzt alle auf Best Friends machen. Doch wir haben das Video damals im Studio geguckt und meinten alle: »Bombe!« Man hat da eine Realness erkannt – der Teufel erkennt seine Brüder. Ein Schwarz/Weiß-Video, das um die Ecke mit Kollegen gedreht wurde, war damals aus Hamburg nicht denkbar. Und ich habe mitbekommen, dass das in Berlin auch bei Leuten ankam, die ich kaum kannte. In dem Moment wurde mir klar: Bei den Jungs funktioniert es.
Bonez: Wir wollten damals für 16Bars.de einen Sechzehner abdrehen und hatten extra eine HD-Kamera ausgeliehen. Am Schluss haben wir eher nebenbei das »UNLTD«-Video gedreht. Und das zog klickmäßig an dem 16-Bars-HD-Hype-Ding komplett vorbei. Da habe ich gemerkt, dass es gar nicht drauf ankommt, ob die Kamera krass ist, sondern vielmehr, ob der Vibe rüberkommt.

 
Wieso hieß der Track eigentlich »UNLTD«?
Bonez: Wir haben uns darüber aufgeregt, dass Laas Unltd. über Hamburg geschimpft hat. Auf dem »Beweis 2: Mammut RMX« von Savas sind dem Typen Eier gewachsen: »Ihr fragt, wieso ich so viele Songs mit dem König schreibe/Weil Hamburg raptechnisch am Boden liegt, so wie Möwenscheiße«, hieß es da. Also dachten wir: »Alles klar, du Wichser!«
Gzuz: Und dabei ist der ja selbst Hamburger! Wir haben den dann ein bisschen beleidigt. Der hatte auch Angst und ist nicht mehr rausgegangen. (lacht) Naja, soll er halt die Schnauze nicht so weit aufreißen.

Dieser Vibe macht auch die 187-Video­blogs aus. Mit Kontra gibt es da eine großartige Episode, die auf Mallorca spielt. Seid ihr direkt nach Gzuz’ Haftentlassung 2013 dort hin?
Gzuz: Als ich rauskam, bin ich erst mal in eine Therapieeinrichtung – so eine Art offener Vollzug, eine langsame Heranführung an die Freiheit. Da bin ich aber nach vier Wochen rausgeflogen. Und dann bin ich direkt zu Bonez und seiner Frau gezogen. Eine oder zwei Wochen später hat Bonez dann den Flug gebucht, und wir sind rüber. War n geiler Urlaub!
Kontra: Auf jeden Fall! Da war alles noch unbeschwerter. (grinst)
Gzuz: Bonez’ Tochter war da noch ne ganz lüttsche Bohne, die hat mir im Flieger erst mal aufs Hemd gekotzt. Heute redet die ganze Sätze. Wie schnell das geht.
Bonez: Meine Tochter ist übrigens am 18.07. geboren, kein Scheiß!

Dahinter steckt doch eine Verschwörung.
Kontra: Boah, ich hab mal so ne E-Mail von nem ganz akribischen Bastard bekommen, der mich von oben bis unten verflucht hat. Ich habe 2013 ein Konzert gespielt, das »Nach der zwölften Runde« hieß und das ich aufs A.C.A.B.-Datum gelegt habe, den 13.12. Der Typ hat mir dann eine Rechnung geschickt: »Wenn du alle Zahlen addierst, kommt dabei 13 raus. Du Illuminati-Wichser! Wie viele Illuminaten-Schwänze musstest du blasen?!«
Bonez: Und, wie viele waren es nun?
Kontra: Keiner, Digger. Ich bin doch selbst einer. (lacht) Das sind die paar Crystal-Meth-Fans, beziehungsweise Nicht-mehr-Fans, mit denen es durchgeht, wenn sie eine Nase zu viel haben.

»Das Militär rückte schon mit Kalaschnikows an, weil die dachten: ‚Was machen diese beiden Weißen da im Flutlicht vor der Kamera?’«
– Bonez MC

Wenn es auf Mallorca unbeschwert war: Wie unterscheidet sich eure heutige ­Situation davon?
Kontra: Naja, »Auf Teufel komm raus« [gemeinsame EP von Kontra K und Bonez MC; Anm. d. Verf.] haben wir eigentlich nur gemacht, um in besagten Urlaub zu fahren. Den haben wir dann von einem auf den anderen Tag gebucht. Ich bestehe auch drauf, dass wir das noch mal machen! Aber heute ist das nicht mehr ganz so einfach. Wir haben halt wirklich was abzuliefern. Die Jungs machen ständig Alben, und auch ich arbeite am laufenden Band.
Bonez: Apropos: Meintest du nicht vor einem Jahr schon mal, dass ich noch Geld für die EP kriege?
Kontra: Ja, ja. Das verwaltet Nico alles. Der hat auch die restlichen CDs.
Gzuz: Und Nico ist gerade auf Mallorca. (lacht)