Gzuz, Bonez MC und Kontra K: »Der Teufel erkennt seine Brüder« // Interview

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Bonez und Kontra, auf eurer gemeinsamen EP zeichnete sich damals schon ein gutes Gespür für melodiöse Hooks ab.
Kontra: Willst du auf den Pop-Schuh hinaus? (lacht) Man muss sich ja weiterentwickeln. Wenn du jede Hook rappst wie den Part davor, wird das auf Dauer langweilig. Und was die Zusammenarbeit angeht, sind wir beide wie eine Pflanze: Jeder wächst für sich und trotzdem funktioniert man immer wieder zusammen – wie bei einer Symbiose. Für mich macht es auch einen guten Musiker aus, sich immer wieder musikalisch übertreffen zu können. Und dass die 187er jetzt immer mehr in die Dancehall-Richtung gehen, feiere ich auch.
Bonez: Da will ich überhaupt in Deutschland den Stempel drauf haben. Mit dem »9mm«-Video haben wir das Dancehall-Thema direkt in Kingston authentisch aufgemacht. Nach dem »CL 500«-Track wollten alle Kiddies diesen Wagen haben – obwohl das ein altes Auto von 2001 ist. Wir wollten aber nicht die ganze deutsche Jugend dazu animieren, eine 9mm zu kaufen. Also sind wir nach Jamaika, ins schlimmste Viertel, und haben dort mit Leuten gedreht, die wirklich eine 9mm haben. Das war eine Nahtoderfahrung. Zum Glück waren wir besoffen und haben uns nicht so viele Gedanken gemacht. Wir standen mitten in der Nacht in Flankers, dem schlimmsten Bezirk von Mobay [Montego Bay; Anm. d. Verf.] und das Militär rückte schon mit Kalaschnikows an, weil die dachten: »Was machen diese beiden Weißen da im Flutlicht vor der Kamera?« – und das zwischen hundert Leuten aus dem Ghetto, von denen nicht wenige bewaffnet waren! Im Nachhinein meinten sogar Leute auf Jamaika: »Wie seid ihr da rein? Und vor allem: Wie seid ihr wieder rausgekommen?« Doch die Musik verbindet. Wenn man Eier hat, mit seinen Bade­latschen zwischen hundert Leuten rumtanzt und »9mm« singt, machen die dich entweder sofort kalt oder sie feiern mit. Wir hatten wohl den richtigen Vibe. Dancehall ist eine andere Kultur. Und wenn du wie eine Katy Perry irgendwelche Kulturen annimmst, um sie kommerziell weiterzuspinnen, nimmst du sie dabei anderen Leuten weg. Wir wollten nicht so ein feiges Ding aus Deutschland heraus starten, sondern der Kultur den Respekt zollen und die entsprechenden Leute kennenlernen.
Gzuz: Uns wurde auch der Don dort vorgestellt, eine unglaubliche Schwuchtel. Aber die Leute meinten: »Solange der gute Laune hat, macht, was ihr wollt. Kauft dem immer, was er haben will!« Wir mussten dann ohne Ende Rum ausgegeben. Ey, der Typ ist so schwul rumgetanzt. Aber er ist der Don, alle müssen ihn respektieren. Der twerkt da rum, einer macht ein Foto davon, zeigt es seinem Kollegen und sagt: »Guck mal hier, dein Don«. Der Typ musste eigentlich total lachen, aber hat lieber die Klappe gehalten. »Ey, der ist nicht schwul. Das ist der Don!« (lacht)

 
Kontra, du warst gerade in Los Angeles. Kannst du mit den Erfahrungen mithalten?
Kontra: Die ersten vier Tage waren total scheiße. Wir haben uns auf die falsche Produktionsfirma verlassen, nichts passierte. Aber dann hat sich alles zum Guten gewendet, als wir den O.G. Estevan Oriol trafen. Der sollte eigentlich nur Fotos machen, aber wir haben uns so gut verstanden…
Bonez: Übrigens: Ich bin seit jeher Nummer-eins-Fan von Estevan Oriol! Ich war ein bisschen neidisch, als Kontra mich anrief und meinte: »Ich bin grad in L.A., mit so ’nem Estevan. Und hier springen so Autos rum.« Alter, das sind Lowrider, du Spasti! (lacht) Der war in dem Film, den ich schon immer mal leben wollte.
Kontra: Estevan hat uns mitgenommen an Ecken, die man sonst nicht sieht. Wir waren mit ihm in Downtown, bei einem illegalen Lowrider-Treffen, das von der Polizei gestürmt wurde. Danach rief ich Bonez an, weil ich total baff war. Mein Kameramann war plötzlich weg, Estevan war weg und von überall kam die Polizei: »Leave the area!« L.A. ist eh total krass. Es gibt so dreckige Bezirke wie Skid Row, da darfst du nicht aussteigen, sonst wirst du einfach niedergemäht. Die Einzigen, die dort nicht high rumlaufen, sind die Crack-Dealer. Der Rest besteht nur aus Zombies. Und die Polizei fährt in das Viertel gar nicht mehr rein. Die fahren nur außen rum, sodass die Leute da alle schön drin bleiben. Wir haben durch Estevan krasse Leute kennengelernt, die waren 19 Jahre alt und gerade seit zwei Jahren clean. Die haben als Kinder schon Hero ausprobiert und sind komplett durch. Es ist ein krasser Hustle in L.A. Die Reichen wohnen in Beverly Hills, und der Rest muss gucken, wo er bleibt. Aber die Leute gönnen einem viel mehr als hier. Wenn du was Cooles hast, wird das eher gefeiert als hier.
Gzuz: Der Umgang mit Geld ist dort überhaupt ein ganz anderer. Für mich ist das eine ameri­ka­nische Einstellung: Man muss zeigen, wenn man Geld hat. Wenn du hier mit nem CL rumfährst, heißt es: »Ah, das Arschloch!«

Gzuz, hast du mit dem Erfolg deines Albums viele solcher Erfahrungen gemacht?
Gzuz: Nee, das hielt sich in Grenzen. Bei mir ist das ein bisschen was anderes. Viele, die mich in Hamburg kennen, wissen, dass ich früher echt nichts hatte. Bei uns heißt es dann eher: »Ah, die Jungs mit dem alten CL. Gönnt euch!« Das wird ein bisschen belächelt. Aber wir wollen das ja auch und treiben es auf die Spitze. Wir haben hinten im Wagen Stühle drin und setzen uns auf’m Kiez vor’n CL. Was willst du da haten? (lacht)

»Jetzt, wo ich gut verkaufe, sind alle meine Freunde, klar. Aber ich habe ja gesehen, wer mich im Knast besucht hat und wer nicht.«
– Gzuz

Kontra, du hast aber auch schon wieder nen anderen Wagen als noch beim letzten Interview, oder?
Kontra: (lacht) Das klingt jetzt so, als wäre ich überreich. Ich hab mir gerade ein Auto geleast, einen Audi S4.
Bonez: Und was ist mit dem Fünfer?
Kontra: Der Fünfer hatte nen Motorschaden. Aber ich habe den immer noch gewinn­bringend verkauft. Den hat ne Atze aus Leipzig als Kontra Ks Wagen reingestellt – die Ratte!
Gzuz: Nein! Ich weiß noch, wir sind einmal über die Autobahn geballert mit dem Wagen. Auf einmal macht der dümm dümm, und wir dachten: Fuck, was ist das denn, Digger?!
Kontra: Ja – obwohl der neu war. Den ­Leasing-Wagen kann ich jetzt immerhin ab­setzen. Denn die Steuer fickt einen richtig.
Gzuz: Steuern zahlen ist generell scheiße, ne. Ich mag Deutschland jetzt nicht so gerne, als dass ich dem Staat Geld geben müsste. Aber was soll ich machen? Ich meine, als Deutschland mir Geld gegeben hab, mochte ich Deutschland auch noch nicht. Aber das war Mittel zum Zweck. (lacht)

Kontra, in deinem letzten Interview hast du dich über die aufgesetzte Art im Musikbusiness ausgelassen. Das dürfte mittlerweile auch für die 187er ein Thema sein, oder?
Gzuz: Man kriegt das natürlich mit. Aber wir – und auch Kontra – kommen aus einer anderen Schicht. Deswegen lassen wir uns nicht verarschen. Wenn einer mit nem falschen Lächeln ankommt, weiß ich direkt, was Sache ist. Jetzt, wo ich gut verkaufe, in den Charts bin und ­geile Videos habe, sind alle meine Freunde, klar. Aber ich habe ja gesehen, wer mich im Knast besucht hat und wer nicht. Auf die anderen Musikleute gebe ich nichts.

Solange ich rappen kann, dass der Undercut scheiße aussieht, und die das kaufen: Worüber soll ich mich beschweren? (lacht)
– Bonez MC

Immerhin habt ihr in letzter Zeit ein paar Features wahrgenommen – und sicher jede Menge weitere Anfragen bekommen.
Bonez: Es gibt hier eigentlich keinen Rapper, mit dem ich gerade unbedingt zusammenarbeiten muss. Ich habe Sido jetzt drei Körbe gegeben. Und bei Bushido hatte ich auch kein Interesse. Ich glaube nicht, dass das unserem Erfolg gerade gut täte. Ich feiere die Sachen auch nicht mehr, die sie heute machen. Da bleibe ich lieber bei dem Gedanken, dass ich früher viele Drogen genommen, Scheiße gebaut und Frauen in den Arsch gefickt habe – wegen deren Musik. (lacht) Ich weiß noch genau, wie Bushido in seiner weißen Alpha-Jacke über Janine gerappt hat. Die Geschichte nehme ich ihm nicht ab. Wenn Leute solche Ausflüge machen und wieder zurückkommen, ist das Ding für mich gelaufen. Auch Fler ist schon in nem XXXL-White-Tee rumgejumpt – Röhrenjeans, pinker Schal, das hatte der doch alles schon. Und authentisch wie er ist, hat er auf »Carlo Cokxxx Nutten« übers Koksen gerappt, um später in nem Interview zu erzählen, er habe noch nie gekokst. Wenn Leute ihm auf Tour was angeboten haben, hat er gesagt: »Ich hab schon.« Dann erzähl mir doch nichts von Authentizität! Der meint doch, dass Leute rappen dürfen, solange sie das, was sie erzählen, auch leben. Hat Jan Eißfeldt je einen auf krassen Drogenverticker gemacht? Ich glaube nicht. Wieso soll Rap in Hamburg dann mit uns angefangen haben? Ich meine, wenn jemand mit seinen Storys Geld verdienen kann, ist das ja schön für ihn. Das hat alles seine Daseinsberechtigung. Und ich hasse niemanden, der auch von dem HipHop-Kuchen zehrt. Ich persönlich mag es halt, wenn Leute ihrer Linie treu bleiben.
Gzuz: Was ich nicht verstehe: Wenn jemand sich in nem Kostüm hinstellt und die Mütter aller Rapper beleidigt – ist das okay? Nein! Wenn mir jemand so kommt, muss er auch sein Gesicht zeigen. Ich muss sehen, wer dahintersteckt. Ich kann mir doch tagsüber kein Kostüm anziehen, das abends wieder ausziehen und denken: »Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.«

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