Interview: Fard

 

Fard

 

Fard war schon immer Einzelgänger. Ein Kämpfer mit Prinzipien. Sich auf andere zu verlassen, liegt nicht in seiner Natur. Der Deutsch-Iraner nimmt die Dinge selbst in die Hand. Wie viele andere will er es einfach wissen und ganz oben im Rap-Game mitspielen. Wie viele andere hingegen nicht, ist er auch bereit, dafür hart zu arbeiten. Auf Jams und Battles sammelte er die ersten Erfahrungen auf der Bühne, mit seinem ersten Street-Album machte er 2006 auch national auf sich aufmerksam. »Blut, Schweiß, Tränen und Triumphe« nannte er es damals. Fast, als wisse er schon ganz genau, was auf ihn zukommen würde. Seitdem folgten Alben im Jahresrhythmus. Das neueste Werk des mittlerweile 27-jährigen Rappers heißt »Invictus«, zu Deutsch: »der Unbezwungene«.

 

 

»Wenn grausam war des Lebens Fahrt, habt ihr nie zucken, schrein mich sehn! Des Schicksals Knüppel schlug mich hart – mein blut’ger Kopf blieb aufrecht stehn!« So heißt es in der freien Übersetzung des Gedichts »Invictus (Unbezwungen)« von William Ernest Henley. Fard hat sein Album zwar nicht nach diesem Gedicht, sondern nach dem gleichnamigen Film von Clint Eastwood mit Morgan Freeman und Matt Damon in den Hauptrollen benannt. Der Titel des Films wiederum basiert aber auf ebendiesem Gedicht, das Nelson Mandela einst Trost und Mut spendete, als er noch im Gefängnis saß. Vielleicht passt es auch ein bisschen zu Fard. Der Widerstandskämpfer im Rap-Business? Die harte Schule hat Fard nun wahrlich durchgemacht. Bis heute beißt er sich durch und kämpft sich immer weiter hoch, einen Schritt nach dem anderen. Schnell genug ging es ihm mit Sicherheit nicht. Erst mit seinem letzten Album »Alter Ego« hat er das bekommen, was er so lange eingefordert hat – Aufmerksamkeit, den Respekt der Szene und, ja, auch kommerziellen Erfolg.

 

Nach deinem letzten Album werden sich ein paar Türen für dich geöffnet haben. Ändert sich an deinem Businessmodell irgendetwas?
Nein, ich habe vor kurzem ein Labelangebot abgelehnt. Ich glaube, ich kann darüber offen sprechen, weil ich keinesfalls abfällig davon reden möchte. Das Angebot kam von Selfmade Records. Ich bin sehr dankbar für das Angebot und dafür, dass Elvir [Omerbegovic, Selfmade-Chef, Anm. d. Red.] an meine Musik glaubt. Er ist echt ein cooler Typ. Ich fand aber, dass das Angebot zu spät kam. Wäre es früher gekommen, wäre es etwas anderes gewesen. Jetzt geht es mit Ruhrpott Illegal weiter, einfach weil es etwas ist, was ich mitaufgebaut habe. Das ist mir mehr wert, als wenn ich direkt den nächsten Ast in die Hand nehme wie ein Affe.

 

Du hast für »Alter Ego« viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Aufmerksamkeit, die du dir bei deinen ersten Releases gewünscht und später auch eingefordert hast?
Das hast du gut gesehen. Ich habe wirklich gedacht: Endlich hören die mir zu und es geht nicht alles an ihnen vorbei. Ich habe über 60 Auftritte in einem Jahr gemacht. Wir wurden echt überall gebucht und sind viel herumgekommen, das war eine geile Erfahrung. Ich denke, dass zur Tour auch viele Neugierige gekommen sind, die mich vorher nicht auf dem Schirm hatten.

 

 

Das Video zu »Peter Pan« war mit Sicherheit eine gute Wahl für die Auskopplung. Hatten dich vorher vielleicht viele in die falsche Schublade einsortiert?
Ja, ich sehe das auch so. Ich hatte vorher auch immer Singles ausgewählt, die für die breite Masse nicht catchy genug waren. Es war mir damals sehr wichtig, dass ich meinen Fans was gebe, was sie feiern. »Peter Pan« feiern aber auch Leute, die überhaupt nichts mit meinem Rap-Sound anfangen können. Die hören dann vielleicht auch mal ins Album rein. Das ist mir ganz gut gelungen, glaube ich.

 

Du hast dich auch thematisch weiterentwickelt. Viele Songs auf vergangenen Alben waren ja einfach eine Spur härter. Das hat ein bestimmtes Publikum ausgeschlossen.
Ich wollte hart sein und das auch in meiner Musik deutlich machen, weil ich damals eben keinen anderen Lebensrhythmus hatte. Ich finde nicht, dass ich mich verändert habe, sondern ich habe einen natürlichen Reifeprozess durchgemacht. Außerdem ist ja auch nichts Verwerfliches dran, wenn man ein hartes Banger-Album macht. Ich feiere harten Rap nach wie vor und ich mache ihn ja auch noch, wie man auf dem kommenden Album wieder hören wird. Aber klar, irgendwann wurde ich halt auch älter. Durch die Musik, die mich geprägt hat, habe ich gemerkt, dass ich bei den Kids viel bewegen kann. Ich kam schließlich an den Punkt, dass ich den nächsten Schritt machen wollte. Ich glaube, die wichtigste Entscheidung war, den Sound offener zu machen. Vorher war ich einfach ein Anfang 20-jähriger, durchgeknallter Typ, der Hardcore-Mucke gemacht hat. Aber es ging damals nicht anders, weil es einfach von Herzen kam. Genau wie jetzt auch.

 

Was erwartest du selbst von diesem Album?
Ich habe letztes Jahr Ende November releaset – der schlechteste Zeitpunkt überhaupt. Wenn jetzt jemand Top 20 geht, hat er trotzdem nicht mehr verkauft als ich, obwohl ich nur auf Platz 66 gechartet bin. Das glauben viele nicht, ist aber eine Tatsache. Jetzt release ich wieder im November, aber wenigstens am Anfang. Ich wollte die Fans nicht länger warten lassen. Es wird immer welche geben, die meine Musik nicht feiern, aber ich erwarte zumindest, dass die Rap-Fans einfach mal reinhören. Ich habe immer abgeliefert, mir nie den Mund verbieten lassen und immer mein Maul aufgemacht. Daran hat sich nichts geändert.

 

Wer hat das Album produziert?
Ich hatte wirklich Glück, dass ich Cristalbeats und Hookbeats kennen gelernt habe. Die beiden haben viel für mein Album produziert. Sie machen einfach, worauf sie Bock haben. Und ich habe einen 15-jährigen Typen kennen gelernt, der unter anderem ein unfassbares Intro für mein Album gemacht hat: JumpaBeatz. Herausgekommen ist ein sehr gut ausproduziertes Album, das lyrische Tiefe hat, aber gleichzeitig auch sehr frisch und nach vorne ausgerichtet ist.

 

 

Zwei Features auf »Invictus« kommen von Favorite und Snaga.
Es bedeutet mir unheimlich viel, dass Snaga auf dem Album ist. Der Song heißt »Talion45« und Snaga hat einen unfassbaren Part. Mit Fav habe ich den Song »Fard vs. Favorite« aufgenommen. Ich fand es einfach nicht cool, dass er als Antichrist dargestellt wurde. Und das nur, weil er diesen Song an Gott gemacht hat. Ich meine, das ist doch nachvollziehbar: Seine Eltern sind verbrannt, als er noch sehr jung war. Klar spürt man da eine gewisse Wut und zweifelt vielleicht auch an Gott. Auch wenn man so einen Song nicht machen sollte, fand ich es nicht cool, dass er als »Gottloser« beschimpft und bedroht wurde. Wir kennen uns sehr lange, und ich weiß, dass er das nicht ist. In dem Song frage ich ihn, was mit ihm los war, dass er diesen Song gemacht hat. Darauf erklärt Fav, dass der Song nicht gegen Gott gerichtet war, sondern aus einer Wut heraus entstanden ist.

 

Der Song »Kinder des Zorns« scheint dir sehr am Herzen zu liegen, richtig?
Da hast du recht. Der Song ist sehr wichtig für mich. Ich wollte, dass ihn ein 70-jähriger Deutsch-Professor genauso versteht wie ein 15-jähriger Schüler. Ich wollte, dass jeder sofort weiß, wo die Reise hingeht. Die Thematik lag mir einfach am Herzen. Ich höre überall: jugendlicher Gewalttäter, jugendlicher Alkoholiker, Jugendlicher dies, Jugendlicher das – aber irgendwoher muss das doch kommen. Das haben die Jugendlichen nicht erfunden. Den Alkohol haben sie nicht selbst gebraut und die Gewalt haben sie auch irgendwo mitbekommen, bevor sie sie selbst angewandt haben.

 

Ein neues Alter Ego zieht sich durch das ganze Album und wird immer wieder erwähnt. Du widmest »F. Nazisi« sogar einen ganzen Song.
Das ist einfach ein Spitzname, den mir meine Freunde und später auch die Fans gegeben haben. Zusammengesetzt aus meinem Vor- und Zunamen, aber eben nicht den richtigen. (lacht) Meine Freunde sagen gerne mal, dass ich echt schizophren bin, weil sie mich in einer Sekunde himmelhoch jauchzend sehen und in der nächsten Minute sitze ich irgendwo abgeturnt und will einfach nur weg, weil mir alle auf den Sack gehen.

 

 

Das sind auch die Symptome einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Echt? F. Nazisi rettet mich aber davor, zu depressiv zu werden. Wenn ich schlecht drauf bin, kommt F. Nazisi vorbei und macht Party mit sich selbst. Er macht auch geilen Sound und hat mir viel beim Musikmachen geholfen. Natürlich ist das leicht schizophren, aber ich stehe dazu. Der Typ ist einfach in mir drin. Und ich finde es auch cool, dass er da ist. (lacht)

 

Das untypische Stück »S.O.S.« richtet sich an eine Frau. Was steckt dahinter?
Als ich noch zur Schule gegangen bin, fuhr ich ein Jahr lang jeden Morgen mit dieser Frau im Bus. Es gab nie eine Situation, in der ich sie hätte ansprechen können. Der Bus war immer rappelvoll, morgens um sieben laufen eh alle mit Hassmaske rum und ich hatte auch nie das Gefühl, dass sie mich sieht. Vielleicht hat sie mich gesehen, aber sie hat mir nie Beachtung geschenkt. Ich habe sie nie angesprochen. Wenn ich damals der Typ gewesen wäre, der ich heute bin, hätte ich die Leute zur Seite gedrängelt und sie angequatscht. Aber damals hatte ich solche Ambitionen nicht. Den Song habe ich für alle Jungs gemacht, denen vielleicht auch mal der Mut fehlt, eine Frau anzusprechen. Man sollten denken »Jetzt oder nie«, denn wenn sie einmal weg ist, ist sie weg.

 

Mit so einem Liebeslied machst dich natürlich angreifbar.
Ich war damals ein junger Typ. Wenn mir das einer als Schwäche auslegen will, dann soll es so sein. Ich glaube, du bist nur ein richtiger Mann, wenn du Schwäche eingestehen kannst. Alles andere ist doch Bullshit. Ich kann dir auch einen Song darüber machen, wie viel Koks meine Freunde gezogen haben und wie viele Leute wir weggeschmiert haben, aber es ging mir bei diesem Album darum, Schwächen einzugestehen, aber eben auch anderen Mut zu machen und zu zeigen, dass sie mit vielen Problemen nicht alleine sind.

 

In dem Song »Einsam« bist du auch sehr offen und persönlich, wechselst aber zwischendurch immer wieder in die Erzählperspektive – vielleicht auch, um von dir selbst abzulenken?
(lacht) Ein bisschen. Aber ich wollte auch die Einsamkeit dieser Menschen deutlich machen. Ich habe den Song an einem verregneten, kalten und grauen Novembertag geschrieben. Alle wollten schnell nach Hause und hatten ihre Kapuzen möglichst tief ins Gesicht gezogen. Mir sind da Gestalten entgegengekommen, denen ich in ihren Augen ihre Einsamkeit angesehen habe. Ich habe mich gefragt, wieso die an so einem Tag niemanden haben, der bei ihnen ist und fand das voll hässlich. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich selbst auch gerade voll einsam war. Wer weiß, wer mir das gerade ansieht? So entstand dieser Song. Es geht nicht darum, dass ich keine Freunde oder Familie hätte. Sondern einfach um diese unbestimmte Einsamkeit, die jeder Mensch manchmal spürt. Dieses Gefühl, dass man mit niemandem reden und sich vollkommen abschotten will. Aber irgendwann spürt man auch wieder, dass man einfach jemanden zum Reden braucht.

 

Die erste Single »Ich will wissen« ist dagegen ein sehr positives Stück.
Ja, das ist fast das Gegenstück zu »Einsam«. Ich wollte damit ausdrücken, dass wir auch etwas verändern können. Das Statement des Songs lautet: Wir könnten alle glücklich sein. Natürlich gibt es manche Menschen, die in schlimmen Situationen stecken und den Song dann gerade nicht nachvollziehen können. Aber am Ende des Tages geht es darum zu sagen: Wenn du mein Freund bist, bin ich nicht dein Feind. Wenn du mich nur einmal angrinsen würdest, würde ich doppelt so freundlich zurückgrinsen und dir den roten Teppich ausrollen. Aber wenn du mich böse anguckst, dann kann ich es auch noch schlimmer machen. Weißt du, hier in Deutschland rennen alle immer und überall mit Hassmaske rum. In Amerika ist das anders. Da kennt man sich auch nicht, aber wenn einer in den Aufzug steigt, fragt er dich: »Hey, alles klar? Bist du gut drauf?« Mir ist bewusst, dass das oberflächlich ist. Aber ich will lieber oberflächlich freundlich behandelt werden, als wenn dich jeder dumm anguckt oder anrempelt. Das hat auch viel mit Nächstenliebe zu tun, die ich mal erwähnen wollte, die nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam eine große Rolle spielt.

 

 

»Reich und schön« wiederum handelt von einer gescheiterten Beziehung.
Ich habe schon oft mitbekommen, dass Beziehungen von Pärchen oft nicht funktionieren, weil die Familien dazwischen stehen oder andere sich einmischen, die die Liebe nicht nachempfinden können. Da werden gerne Gründe wie Religion, Politik oder Geld vorgeschoben. Das ist ein Thema, was ich am eigenen Leib miterlebt und immer wieder bei Freunden mitbekommen habe, deswegen war es mir wichtig. Ich bin nicht reich und schön, aber ehrlich. Ich schäme mich nicht, einer Frau zu sagen, dass ich sie gut finde und sie wie eine Prinzessin behandeln würde. Und wenn sie dann immer noch sagt, dass ich ihr nicht reich genug bin, dann weiß ich auch, woran ich bin. (lacht)

 

Bei einer Zeile in dem Song, nämlich »Weil du mich in deine Arme nimmst«, musste ich an Torchs »In deinen 
Armen« denken. Die Strophen enden ähnlich.
(lacht) Echt? Nein, das wusste ich nicht. Ich habe mich erst gestern mit Denyo -darüber unterhalten, als ich bei dieser »Cover My Song«-Aufzeichnung war. Ich hatte in irgendeinem Zusammenhang Torch erwähnt und dann hat mich Denyo erst mal aufgeklärt. Torch ist ja voll das Urgestein! Der hat die ganze Sache hier erst ins Rollen gebracht. Er war wohl der Erste, der auf Deutsch -gefreestylet hat. Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Ich wusste, dass er ein Oldschooler ist und habe mir aus Neugierde seine Sachen auch mal angehört. Aber so genau habe ich das nie verfolgt. Jetzt weiß ich: Er ist der Urvater.

 

Wie war die Erfahrung, bei »Cover My Song« mitzumachen?
Schreib doch bitte einfach: Gunter Gabriel 
ist ein Nazi. Der Typ hat wörtlich zu mir -gesagt: »Ihr Türken und Schwarzen habt doch immer ein Messer dabei, damit schneidet ihr den Schlangen den Kopf ab.« Ich hätte dem Typen am liebsten eine geballert. So eine Situation gab es zweimal während der Aufzeichnung. Der macht auf Brain, ist aber versoffen und dumm. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.

 

Text: Sherin Kürten

 

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