102 Boyz: »Ich glaube, niemand lebt in Leer besser als wir« // Feature

Wenn die 102 Boyz aus Nordfriesland ihre Tickerattitüde in Trainingsanzügen von ­Paris Saint Germain oder im Lewandowski-Trikot von der polnischen Nationalmanschaft über die Beats ­legen, dann ist das eine brutale Blutgrätsche mit Knochenbruchgefahr. Der Hunger und die Motivation sind der sechsköpfigen Gruppe quasi ins Gesicht gemeißelt. Das ­Video zu »Pogba« – ein veritabler Hit (Fußballlines FTW) – brachte den Durchbruch. Aber wie bleibt man danach im Spiel? Spurensuche an einem Wochenende mit den jungen ­Wilden der 102 Boyz.

Die 102 Boyz aus Leer gemeinsam zu fassen zu kriegen, ist keine leichte Aufgabe, wie sich im Laufe der ­JUICE-Story über die aufstrebenden Newcomer herausstellen wird. Mit allen sechs Mitgliedern gleichzeitig zu sprechen, gestaltet sich von Anfang an so gut wie unmöglich, da ein Mitglied in Polen lebt – von einer Terminfindung ganz zu schweigen. Doch wie es der Zufall so will, sind immerhin fünf Sechstel ein Wochenende lang in Berlin, um zwei Videos zu drehen. Sie laden herzlich ein, dabei zu sein und ein bisschen zu sprechen.

Allerdings: An besagtem Freitag gegen 22 Uhr ist es eher schwer mit den Beteiligten zu reden, da der Videodreh mit Fruchtmax und Kulturerbe Achim zu »Ich hab Amigos« in vollem Gange ist und jeder der fast dreißig anwesenden Homies gefühlt mindestens eine Flasche Wodka und Apfelsaft dabei hat und auch das Grüne immer wieder die Runde macht. Draußen lehnen sich junge Typen aus schwarzen Autos mit Sternen auf dem Kühlergrill, während die andere Hälfte durch die Gegend geistert. So entsteht ein hektisches Hin und Her in einem Plattenbau voller Studios und Aufnahmeräume in Hellersdorf-Marzahn, vor dem auch schon Capital und AK Ausserkontrolle Videos gedreht haben, bis sich so langsam erste Teile eines Mosaiks zusammensetzen.

Kuba, Skoob, Stacks, Chapo, Addikt sind zwischen 18 und 20 Jahren alt. Der fehlende Teil ist Kubas Cousin Duke, 22 Jahre alt, der in Polen lebt. Wer es genau nimmt, zählt Bobby San aus Paderborn und FastLife­Sharky aus Nikolai dazu, die regelmäßig Beats für die Gruppe produzieren. Im ersten Moment beißt sich ihr Drill-artiger Straßen­rap etwas mit der Einöde von Leer in Ostfriesland. »Leer ist halt Grenze, wo viel umgeschlagen wird, und weil es Leer ist, interessiert es niemanden«, erklärt Kuba. »Egal was du haben willst, du kriegst es hier. Ich glaube, niemand lebt in Leer besser als wir«, fügt er lächelnd hinzu. Und überhaupt: Ihre musikalische Sozialisation erfahren die Jungs im nahe gelegenen, viel größeren Oldenburg. Mit seiner Nähe zu Bremen ist Oldenburg Metropolenregion und kann den Jungs Ecken, Gassen und Kontakte bieten. Dort connecten sie auch mit Rapper Moneymaxxx, der ihnen den Memphis Untergrund näherbringt. Am Puls ihrer Zeit mischen sie ihren Sound mit Einflüssen aus Frankreich, UK und eben US-Trap und erschaffen so eine neue junge Härte im Deutschrap, die sonst eigentlich nur in Großstädten wie Hamburg oder Berlin entsteht.

Ihr größter Erfolg bis jetzt ist das Video zu »Pogba«. Die Hinterhofmentalität gepaart mit Fußballlines auf krachenden Trap-Beats schlägt ein wie ein satter Volleyschuss. Mit Haiyti spielen sie in Hamburg live, die Fanbase in Polen wächst konstant, auch dort werden sie für Auftritte gebucht. Über Kulturerbe Achim und Twitter bauen sie eine Connection nach Berlin auf, die im gemeinsamen Video mündet. In den drei Tagen in Berlin sind die 102 Boyz quasi durchgehend angetrunken, ignorieren jedes ­Schlafbedürfnis, vielleicht auch, weil die Couches im Studio von Hugo Nameless ein bisschen abgeranzt und nicht allzu einladend aussehen.

Ein paar Fragen bleiben nach dem alkoholgetränkten Videodreh mit anschließender Session noch offen, doch während die Jungs am nächsten Tag eh kaum verfügbar sind, da das nächste Video ansteht, ist Kontakt­mann Kuba plötzlich gar nicht mehr zu erreichen. Er hat am Freitag sein Handy in einem der Mercedes-Wagen verloren, wie sich später rausstellt. Am Sonntag gibt es trotzdem noch ein halbstündiges Treffen mit den Jungs, bevor sie per Bus die Rückreise antreten. Während hektisch Pizza geholt wird, erzählen sie von einem dritten Videodreh mit Haiyti. Ein spontaner Track sei noch entstanden und – getreu dem Motto »So jung kommen wie nicht mehr zusammen« – einfach direkt noch ein Clip dazu gedreht worden.

Während der Hype in Deutschland noch nicht das ganz große Ausmaß angenommen hat, sind die 102 Boyz in Polen schon kleine Internet-Stars. »Über Cousin Duke kam es zu einem Feature mit den Jungs von BOR, Kobik und Paluch und deren Kollege Miyagi, das auch mies durch die Decke gegangen ist«, schildert Kuba den Erfolg im Ausland. Obwohl die Fanbase bei unseren Nachbarn kaum die Texte versteht, werden sie bei Konzerten teilweise auswendig mitgerappt. »Darauf kommen wir absolut nicht klar«, fällt der Grundtenor in der Crew aus. »Aber wir können jetzt auf jeden Fall besser saufen«, wird lachend hinterhergeschoben.

Wo und wie welcher Track und welches Video landen, wissen sie dabei selbst noch nicht. Skoob und Kuba sind 2012 die ­ersten, die mit der Musik anfangen. Von da an landet viel auf Soundcloud, und das Mixtape »Drei Drei« sorgte für einen ersten kleinen Aufmerksamkeitsschub. Wer sich die Trapsongs anhört, kann sich gleich ­mitten in die Szenerie reindenken. »Wenn wir mit 15 Mann im Studio sitzen und Turn-up machen, dann ist das einfach unser Ding«, sind sie sich einig.

Mittlerweile fühlen es so viele Leute, dass die Jungs einen Slot auf dem nächsten splash! spielen dürfen. Für ihr anstehendes Mixtape »Broke Youngstas« sammelten die Boyz Gastparts von Brown-Eyes White Boy, Joey Bargeld, Golden Boy, Fruchtmax, Kulturerbe Achim und einigen anderen Newcomern. Zwar soll das Tape Ende April wieder zum Freedownload bereit stehen, doch die Jungs haben aus einer trostlosen Jugend in Leer schon das Beste gemacht. Als sie nach drei durchzechten Tagen und einer Stärkungstüte immer noch topfit in den Bus einsteigen, haben sie drei Videos, noch mehr Tracks und eine ganze Reihe neuer Kontakte in der Tasche. Die Reise wird eine entspannte werden. ◘

Text: Arne Lehrke

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #180. Jetzt versandkostenfrei bestellen: