Von Bietigheim bis ins »Nimmerland«: Rin’s Way // Feature

Heute erscheint Rins zweites Soloalbum »Nimmerland«. Wir haben seinen Weg vom Newcomer bis zum deutschlandweiten Star nachgezeichnet.

Foto: Tim Lorenzen

Der Ring an seiner Hand sagt er’s Champion

Wer’s eigentlich gerade auf dem Deutschrap-Thron? Wahrscheinlich hatten noch nie so viele Künstler*innen Anspruch darauf wie heute – je nachdem, welche Kriterien man als Maßstab für diesen Anspruch hernimmt und wen man fragt. Einer, den viele diesbezüglich auf dem Zettel haben dürften, ist Rin, der in diesem Magazin zum ersten Mal vor gut dreieinhalb Jahren auftauchte.

Das erste Mal treffe ich Rin in der Neuköllner WG eines Freundes, einem der Mitbegründer von Live From Earth, im Winter 2016 muss das gewesen sein. Von LFE ahnte man damals noch nicht, dass es einmal das stilprägende Label sein würde, das die Ära der Album-Box-Superlative beenden und den Anfang der Streaming-Superlativ-Ära einleiten würde.

Wir waren eigentlich nur zu Besuch bei Freunden, einen Anlass gab es nicht, außer das man eben unter der Woche Weißwein mit Leuten trinken wollte. Besagter Freund hatte damals gerade ein Schlaflager in seinem WG-Zimmer errichtet, um ein paar junge Künstler zu beherbergen, damit diese in Berlin zusammen Songs für ein zukünftiges (nie erschienenes) LFE-Release machen können. Von Rin, der sich mir als Renato vorstellte, war damals gerade die »Genesis EP« erschienen, die aus heutiger Sicht ebenfalls wegweisend für Deutschrap war, aus damaliger Perspektive für mich aber erst mal einfach wie ein ziemlich gutes Gegenwartsdokument wirkte.

Renato hatte am Abend zuvor gerade sein erstes Interview gegeben, befand sich in einem Gemütszustand irgendwo zwischen aufgekratzt und hundemüde. Wir redeten nicht viel miteinander, ich weiß von damals vor allem, dass er auf mich noch sehr jung wirkte, halt wie ein Junge aus der Provinz, der zum ersten Mal in der großen Stadt ist und dann auch direkt Interviews zu geben hat, weil die Opinion Leader, die damals noch etwas wichtiger erschienen als heute, in diesen Wochen gefühlt pausenlos über ihn sprachen. Der Abend endete jäh und nüchtern.

Als auf dem splash! die Mauer fiel

Das nächste Mal sahen Renato und ich uns auf dem splash! Festival. Es war der Sommer 2016, und »Bianco«, das Duett von Yung Hurn und Rin, war der Soundtrack. LFE hosteten ihre eigene Bühne, und Renato war noch ein aufgedrehter Jungspund, der es kaum fassen konnte, dass er im selben Backstage wie so Leute wie Skepta rumspringen durfte. Ich meine mich zu erinnern, dass dieser damals kein Foto mit ihm machen wollte. Und dass Renato irgendeinen Joke über mein Outfit riss, aber das hab ich ihm mittlerweile verziehen.

Jedenfalls, die eigentliche Story und mein persönlicher splash!-Moment dieses Jahres kam dann, als Yung Hurn und Rin irgendwann nachts einen gemeinsamen Gig spielten. Während ihres Sets schob sich nämlich eine größere Gruppe massiger Typen in den Backstage der Backyard Stage und enterte die Bühne just in jenem Moment, als der Beat für »Bianco« einsetzte. Jener unerwartete Schulterschluss zwischen Haftbefehl und Xatar sowie Yung Hurn und Rin, die öffentliche Honorierung durch die beiden damaligen Straßenrap-Kings, markierte vielleicht ebenfalls eine Zeitenwende, beziehungsweise das längst auffällige Einreißen einer ohnehin unsinnigen Mauer zwischen der sogenannten Straße und den sogenannten Hipstern. Als ich im Oktober 2019 zum ersten Mal überhaupt mit Renato telefoniere, bestätigt er, dass dieser Moment für ihn einer war, der ihm bis heute etwas bedeutet. »Weißt du, ich war ja immer ein richtiger HipHop-Head. All diese Dinge bedeuten mir was.«

Rin und Live From Earth – das passte nicht

Als wir uns zum dritten Mal trafen, war ich gerade ein gutes Jahr lang nicht mehr bei der JUICE und führte mein erstes Rin-Interview deshalb für eine frühe Ausgabe meiner Zeitschrift »Das Wetter«. Ich besuchte Rin im Herbst 2017 in Bietigheim, da war dieser noch bei Live From Earth gesignt und Elvir Omerbegovic hatte sich noch nicht bei ihm gemeldet. Trotzdem deutete sich an diesem Tag bereits an, dass die Partnerschaft mit LFE nicht bis in die Ewigkeit andauern würde.

Während einer S-Bahn-Fahrt von Stuttgart nach Bietigheim erzählte mir Renato damals von seinem Streben nach dem bestmöglichen Sound, ein Anspruch, der nicht so recht zu der Einfach-Machen-Attitüde von LFE zu passen schien. Damals bekam ich auch zum ersten Mal eine Ahnung davon, dass dieser Streetwear-Verrückte und seinem bescheidenen – aus meiner Hauptstadt-Arroganz heraus langweiligen – Zuhause treue Typ ein Star werden will. Heute erzählt mir Renato, dass er zu dieser Zeit gerade gemerkt hatte, dass das spontane und intuitive Arbeiten bei LFE, das er anfangs neu, aufregend und inspirierend fand, nicht so recht mit seinem Perfektionismus zusammenging.

Heute, das ist ein nicht weiter bemerkenswerter Nachmittag Ende Oktober. Ein Phoner (Fachjargon für Telefon-Interview). Ächz. Gibt ja eigentlich nichts Schlimmeres. Aber: Während ich mit Rin darüber rede, wie absurd schnell es bei ihm ging, dass er vom HipHope- zum Cover-Thema wurde, wird mir bewusst, dass zwei Jahre eine lange Zeit sind. Seit meinem Besuch in Bietigheim hatte ich Renato nämlich nicht mehr gesprochen. Oberflächliche Smalltalks in Festival-Backstages nicht dazugezählt. Rin war in der Zwischenzeit ganz an die Spitze der Nahrungskette der deutschen HipHop-Szene geklettert, und sah man sich Konzerte von ihm an, wurde das offensichtlich, so was wie eine Galionsfigur geworden für eine neue Generation von HipHop-Hörer*innen, die ungefähr zehn Jahre jünger war als ich.

Foto: Brownshootta

Das ist nun schon eine Weile so, spätestens seit dem Sommer 2018. Da war Rin auch gerade zum zweiten Mal auf dem JUICE-Cover. Das erste Mal war das »Deutschraps Zukunft«-Cover, das er sich unter anderem mit Ufo 361, Haiyti und Nimo teilte. (O-Ton Rin: »Alter, wie ich da aussah.«) Das zweite war dann sein erstes »Eigenes«, da war er bereits ein Nummer-Eins-Künstler. »Zu diesem Zeitpunkt war ich ja schon überhaupt nicht mehr darauf angewiesen, auf dem Cover der JUICE zu sein, um mich irgendwie bestätigt zu fühlen.« Eine Ehre sei es dennoch gewesen, einfach deshalb, weil er sich dadurch noch in eine Traditionslinie hatte einschreiben können, etwas, was er sich als jugendlicher HipHop-Liebhaber natürlich nie zu erträumen gewagt hätte.

Auf ins »Nimmerland«

Während unseres Telefonats merkte ich auch, wie stark sich ein Mensch innerhalb von zwei Jahren weiterentwickelt, vor allem in seinen Zwanzigern. Aus dem zwischen Selbstsicherheit und Zweifeln pendelnden Renato war nämlich in der Zwischenzeit offenkundig ein selbstbewusster Typ geworden, der mir, ohne zu protzen, davon erzählte, was jetzt ist, und der dabei reflektierter wirkte, als es die meisten (auch älteren) Künstler*innen sind.

Jetzt, das ist »Nimmerland«, Rins zweites Album-Album. Das Master dafür hat er gerade am Abend vor unserem Telefonat abgegeben. »Weißt du, bisher war ja der wesentliche Kritikpunkt an meiner Musik, dass die Texte zu oberflächlich sein. Für ›Nimmerland‹ habe ich auf jeden Fall besonders akribisch an meinen Lyrics gefeilt. Ich bin gespannt, ob das die Leute merken werden.«

Text: Sascha Ehlert

Dieses Feature erschien zuerst in JUICE 195.

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