»Ich kann mir nicht vorstellen, Songs für eine Playlist zu schreiben« // Tua im Interview

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Tua hat ein Album gemacht. Dass er es »TUA« getauft und mit dieser Namensgebung einen einmaligen Joker gespielt hat, verdeutlicht die persönliche und emotionale Bedeutung des Projekts. Die Achterbahnfahrt, auf die sich das Mastermind im Rahmen der Platte begeben hat, hat ihn weit zurück in seine Vergang­enheit geworfen, und vorbei an den ungeklärten Fragen und prägenden Melodramen seines Daseins, schließlich sogar bis in die imaginäre Situation seines Ablebens bugsiert.

Mit »TUA« erscheint im März dein erstes vollwertiges Soloalbum seit 2009. Wann hast du begonnen, intensiv daran zu arbeiten?
Eigentlich direkt nach Veröffentlichung der letzten Orsons-Platte, irgendwann 2015. Ein Jahr später hatte ich auch schon eine erste Welle an Songs fertig … aber dann war ich irgendwie unzufrieden, weil ich das Gefühl hatte, dass die ganzen Sachen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt releaset hatte, irgendwie nicht ausreichend verfügbar waren. Da war ja gerade das Spotify-Zeitalter angebrochen und ich dachte, das sei eine gute Gelegenheit, um das alles endlich mal vernünftig in Form zu bringen. Mit dem fertigen Paket »Kosmos« bin ich dann auch noch mal auf Tour gegangen. Und erst danach habe ich mit klarem Kopf am neuen Album weitergearbeitet. Die alten Releases hängen ja auch unmittelbar mit all dem zusammen, was auf »TUA« passiert …

Was musste geschehen, damit du nach all den Jahren ein Album machst, das du nach deinem eigenen Künstlernamen benennst?
Es ist nicht so, dass ich mich 2015 hingesetzt und mir vorgenommen habe, genau dieses Album zu schreiben. Das Ganze hat sich irgendwie erst zu »TUA« entwickelt, nachdem so viel Zeit verstrichen war. Bei der Entstehung sind so viele Ideen wieder von der Klippe gesprungen, dass am Ende nur noch zwölf Tracks übriggeblieben sind, die alle von Dingen erzählen, die in meinem Leben immer wieder aufgetreten sind oder eine enorme Tragweite hatten. Ich habe mich ewig gefragt, wie ich das nennen kann … und »TUA« war am Ende das einzige, was sich nicht angefühlt hat wie ein komischer Pulli, den man dem Album überstülpt.

Hast du auf dem Weg zur fertigen Platte viele Sachen verworfen?
Voll! Ich habe über hundert Songs gemacht für das Ding und zum Teil sogar Lieder weggeworfen, die bis ins letzte Detail gemischt und gemastert waren. Beim Schreiben geht es mir um die Suche nach dem Grundsätzlichen, und das klappt nicht immer auf Anhieb. Wenn ich mir vornehme, ein Lied über das Gefühl zu machen, etwas noch nicht gehen lassen zu können, obwohl man denkt, man hätte es längst gehen lassen sollen, dann kann ich darüber zehn Songs schreiben, die das alle einfach nicht so ganz treffen. Und der elfte bringt diesen Gedanken dann gut auf den Punkt. Da geht also schon sehr viel Material flöten.

Dass Tua enorm hohe Ansprüche an sich und seinen künstlerischen Output hat, ist hinlänglich bekannt. Für sein neues Album ist er einmal mehr an die äußersten Grenzen seiner Belastbarkeit gegangen. Und sogar darüber hinaus: Am Rande des Interviews erzählt er, dass statt der zwölf Songs, die die Platte in ihrer Endfassung enthält, ursprünglich 13 Anspielstationen geplant waren. Drei Tage vor der planmäßigen Abgabe der Masters sei er schier wahnsinnig geworden, habe erst nach mehreren schlaflosen Nächten im Studio beschlossen, den 13. Track aus dem Albumkonzept auszusparen – einfach weil ihm die Konstitution, in der sich das Stück zu diesem Zeitpunkt befand, immer noch nicht genügt hätte. Tua ist der vielleicht hartnäckigste Perfektionist unseres Genres und unter Umständen gerade deshalb immer wieder von Selbstzweifeln geplagt …

Im Pressetext zum Album heißt es, dass du auf »TUA« »mit allen Erwartungen brechen« würdest. Das klingt in deinem Fall irgendwie komisch. Tust du nicht grundsätzlich unerwartbare Dinge, sobald du die Studiotür aufschließt?
Das kann ich selbst schwer beantworten. Was ich dazu sagen kann, ist, dass es zu jedem Künstler, den ich persönlich als gut empfinde, einen gewissen Stil gibt, durch den man irgendeine Form von Erwartungshaltung entwickeln kann. Meine eigene Musik hat trotz all ihrer Ausprägungen ja auch eine DNA, die sich über all die Jahre durchzieht: Meine Lieder sind zum Beispiel immer eher nachdenklich als witzig oder leichtfüßig, basieren auf einer gewissen Darkness und versuchen, tiefer in die jeweilige Materie zu gehen, von der sie erzählen. Trotzdem haben sie oftmals Street-Bezug und einen gewissen Ostblock-Flavour. Das sind die Dinge, die man vielleicht am ehesten erwarten kann. Aber fernab von diesen Merkmalen weiß ich selbst nicht genau, was ich als nächstes mache. Dadurch, dass ich schon so lange Musik und schon immer alles selbst gemacht habe, muss ich aufpassen, dass ich mich mit superhermetischen Projekten nicht selbst langweile oder wiederhole. Ich tobe mich gerne aus und mag es auch, mich selbst ein bisschen zu überraschen.

Wie hoch ist die Gefahr, dass bei diesem Prozess eine gewisse Stringenz abhandenkommt?
Ich bin so viele verschiedene Wege gegangen, um Sachen aus mir herauszuschneiden, die im besten Fall ewig gültig sind, dass ich da mit ganz unterschiedlichen Mustern arbeiten musste. Dabei kann es schon passieren, dass die Stringenz verloren geht. Das erklärt ja im Prinzip auch, warum das Album Gitarrenlieder, Drum’n’Bass-Beats, Tracks ohne Drums und ukrainische Lyrics gleichzeitig enthält. Eine bestimmte Snare mehrmals zu benutzen, ist »the easy way«. Aber wesentlich geiler ist es doch, wenn man Systeme findet – zum Beispiel eine bestimmte Art von Brüchen in den Beats –, und diese über die Jahre immer wieder neu anwendet. Diese Brüche sind ein gutes Beispiel: Sie ziehen sich durch meine Musik, egal ob ich Jazz-Platten sample oder mit einem Orchester aufnehme – die muss es geben, auch weil sie im Gesamtbild eine ganz spezielle Einheitlichkeit erzeugen.

»Ich bin ein Nerd und gehe immer all in«

Dabei sind es gerade die eben beschriebenen harten Beat-Wechsel und überdimensional langen atmosphärischen Phasen ohne Texte, die es deinen Tracks in Zeiten der Playlisten schwer machen dürften, effektiv an den Mainstream heranzutreten.
Natürlich, das ist mir bewusst – darüber habe ich auch viel nachgedacht. Leider kann ich es mir nicht vorstellen, Songs auf eine Playlist zuzuschreiben, die dann auch geil sind. Ich freue mich für jeden, der das hinbekommt, seine Kunst damit vereinbaren kann und Erfolg hat, kein Hate! Aber mir selbst ist es nicht möglich, die Musik wie eine beschnittene Hecke aufzubereiten. Ich kann nur im Rahmen meiner Möglichkeiten Zugänglichkeit erzeugen, darf mich dabei nicht scheiße fühlen. Sicherlich kann ich, um die Sachen nicht zu sehr zu verkomplizieren, den einen oder anderen Aspekt in den Texten weglassen, vereinfachen oder idealisieren, aber das macht noch keinen Party-Zeitgenossen aus mir. Ich bin, wer ich bin, und die Art und Weise, wie ich Musik mache, verlangt mir eben ab, dass ich einen hohen Grad Ehrlichkeit an den Tag lege. Das verhindert aber Zugänge zur breiten Masse, keine Frage.

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