Tinie Tempah [Interview]

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Wer sich in hiesigen Gefilden auf die Suche nach einem Referenzpunkt, einem Vergleichsbeispiel ­begibt, um Erfolg und Bekanntheitsgrad von Tinie Tempah zu veranschaulichen, merkt schnell, dass nur ein ­Künstler infrage kommt: der schwäbische Pandamasken-Träger. Abzüglich des Stücks Weichplastik samt Kunstfellohren ist Tinie der englische Cro. Ähnlichkeiten findet man zur Genüge: eine Fananzahl auf ­Facebook, die andere (erfolgreiche) Rapper und deren Anhängerschaften wie alternde Hobby-Rockbands auf einer Kuhkaff-Kirmes erscheinen lässt. Ein mit Doppelplatin ausgezeichnetes Album. Mehrere ­ausverkaufte Tourneen, Kooperationen mit Modelabels, fünf-, sechs- oder vielleicht sogar siebenstellig dotierte ­Werbedeals. Kurz: den »Larger than life«-Hype. Aber auch die fehlende Verortung innerhalb der Szene, das Agieren abseits eines klassischen HipHop-Kontexts, die kalkulierte Nähe zum Pop.
 
Seinen persönlichen »Easy«-Moment erlebt Patrick Okogwu Ende 2010, als die Single »Pass Out« sich auf Anhieb auf Platz eins der britischen Charts einnistet. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt die Erfolgsgeschichte von Tinie Tempah eine Eigendynamik. Das Debütalbum »Disc-Overy« wird in Großbritannien genreübergreifend eine der erfolgreichsten Veröffentlichungen der Jahre 2010 und 2011. Und Tinie wird auf einmal in einem Atemzug mit Adele, Chris Martin oder Robbie Williams genannt.
 

 
Ein bisschen Garage, ein bisschen 2 Step, ein bisschen Grime, R&B, Drum’n’ Bass, House: Das Debüt des Londoners vermengt all das geschickt; Tinie serviert die Häppchen mundgerecht und nicht zu scharf gewürzt. Wohlwollend könnte man von einer Hommage an die Vielfältigkeit der britischen Musikszene sprechen. Ganz unsentimental könnte man der Platte auch die Ausschlachtung vieler ­Errungenschaften aus drei Jahrzehnten urbaner britischer Popmusik vorwerfen.
 
Tinie Tempah zeigt sich dieser Tage kaum beeindruckt vom Hype um und Hate auf seine Person. In bester Schwiegersohn­manier lächelt er all die unangenehmen Seiten des Popzirkus sowie etwaige Realness-Diskussionen einfach weg. Und überhaupt: Die bewusste Poppigkeit seines Produkts kann man Tinie seit jeher nur schwer übelnehmen, da er sie mit letzter Konsequenz umsetzt. Schon als er 2006 im zarten Alter von 17 mit »Wifey« seinen ersten Hit landet, ist zu erkennen, dass er sich absichtlich als Gegenentwurf zum Status quo der britischen Rap-Szene positioniert. Wer Okogwu dabei zuhört, wie er seine musikalische Sozialisation umreißt, die von britischer Bass-Musik über amerikanischen Mainstream-HipHop bis hin zu Jazz, R&B und afrikanischer Musik reicht, versteht, dass es ihm nie um die Einhaltung eines szeneinternen Kodex gehen konnte.
 

 
Trotz alledem ist auch bei Tinie Tempah der stinknormale Ehrgeiz eines Rappers zu erkennen. Beispielsweise, als er Ende 2011 mit »Happy Birthday« anstatt eines weiteren Albums ein Mixtape zum kostenlosen Download anbietet, das vor hochkarätigen Features aus Übersee (u.a. Pusha T, Big Sean, Wiz Khalifa, J.Cole) nur so strotzt. Ergo: Dieser Typ will sich lieber auf eigene Kosten mit den Besten messen, als sich mal eben mit einer weiteren Radio-Single die nächste Platinscheibe an die Wand hängen zu können.
 
Nun ist es aber doch soweit: Mit »Demonstration« will Tinie den zweiten großen Wurf in Folge landen. Dafür setzt er auf die bewährte Erfolgsformel: »Trampoline«, die erste Single, ist ein von Diplo produziertes Club-Gewummer irgendwo zwischen Trap und Moombahton samt Gast-Part von Zweikettenträger Tity Boi. Die nachfolgende Single »Children Of The Sun« hingegen kommt mit Piano, Streichern und Radio-Hook vom Schweden John Martin. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen spielt sich der Hauptteil des zweiten Tinie-Tempah-Albums ab. Dafür, dass er im Interview behauptet, ihm hätte nie jemand beigebracht, wie man ein Album macht, weiß der 24-jährige Londoner also sehr wohl, wie man sämtliche Zielgruppen einsammelt. Aber fangen wir von vorne an.
 
Du hast dich mal als »Kinderzimmer-MC« bezeichnet. Kannst du mir noch mal genau erklären, was du damit meinst?
Ich meine damit einen MC, der in seinem Zimmer übt und fest daran glaubt, dass er eines Tages genauso berühmt wird wie sein Lieblingsrapper. Ich sage das aber auch, weil ich es mit Musikern aus anderen Genres vergleiche. Indie- oder Rock­musiker lernen ganz klassisch ein Instrument und spielen in ihrer Jugend in Bands oder singen im Schulchor. Ich habe nichts dergleichen gemacht. Ich habe nur Radio gehört und versucht, das Gehörte so gut wie möglich zu kopieren.
 

 
Bis du zwölf warst, hast du im Londoner Stadtteil Walworth gelebt. War das eine harte Zeit?
Ja, hart in dem Sinne, dass mir bewusst war, dass wir keine Mittelstandsfamilie waren. Ich habe es an kleinen Dingen gemerkt, z.B. Spielekonsolen. Als die PlayStation rauskam, hatte jeder in meiner Schule so ein Ding. Bei mir hat es ein Jahr gedauert, bis es sich meine Eltern leisten konnten, uns eine zu schenken. Sie haben wirklich hart dafür geackert, uns zu versorgen. Wir haben in einer Sozialwohnung gelebt; viele Eltern meiner Freunde hatten ein eigenes Haus. Je älter man wird und in so einer Gegend wohnt, desto öfter kriegt man Probleme und gerät mit anderen Jugendlichen aneinander. Aber wenn du dort aufwächst, weiß du instinktiv, wie du dich zu verhalten hast. Es ist dann nicht so, als wärst du fehl am Platz und würdest die ganze Zeit nur hinterfragen, wieso das alles so ist.
 
Du kanntest es zu dieser Zeit wahrscheinlich auch nicht anders.
Genau. Erst, als wir nach Plumstead gezogen sind, was zwar auch im Südosten Londons liegt, aber ein wenig vorstädtischer und grüner ist, hat sich das für mich geändert. In meiner neuen Schule waren alle weiß, alle lebten in Häusern mit Garten. Als meine Eltern dort ein Haus gekauft haben, bin ich direkt in den Garten gerannt und habe mir das Haus nicht mal angeschaut. Ich konnte es gar nicht fassen, dass der Rasen zum Haus dazugehört. Da habe ich den Unterschied gemerkt und das hat mir sowohl als Mensch, als auch später als Künstler geholfen. Viele der Leute, die dort aufwachsen, wo ich herkomme, haben nur diese eine Realität und Wahrnehmung. Aber durch den Umzug bekam ich einen ganz anderen Ausblick. Ich hatte einen neuen Lifestyle, der zwar alles andere als glamourös war, aber ich hatte verstanden, dass es angenehmer war als das Leben in einem sozial schwachen Viertel. Und daraus habe ich einen gewissen Ehrgeiz entwickelt.
 
Hast zu dieser Zeit auch mit dem Rappen angefangen?
Ich habe schon angefangen, als ich noch in Walworth lebte. Jeder war damals MC, das war einfach ein Trend. Das war zum Höhepunkt der Garage-Ära, es gab MCs wie Sand am Meer. Meine Mutter hat neun Geschwister, dementsprechend habe ich einen Haufen Cousins in meinem Alter. Jedes Mal, wenn wir uns getroffen haben, wurde gerappt. Wir haben bekannte Sachen nachgerappt, aber auch unsere eigenen Texte. Als ich mit 13 nach Plumstead gezogen bin, habe ich über einen Freund Tapes von den bekanntesten Pirate-Radio-Crews bekommen. Da habe ich zum ersten Mal von der Nasty Crew oder von Roll Deep gehört, aus der ja auch Dizzee Rascal und Wiley kamen. Davor kannte ich nur die MCs, die in Südlondon auf den Piratensendern zu hören waren. Die berühmten Crews hatten ein ganz anderes Level, das mich im Endeffekt auch dazu inspiriert hat, selbst Musik zu machen.
 

 
Gab es dann einen bestimmten Moment, als du dachtest: »Ich kann wirklich etwas mit meiner Musik erreichen«?
Kannst du dich an MSN Messenger erinnern? Ich hatte diese Software, mit der ich über mein Mic am Computer aufnehmen konnte. Und wie das eben in der Schule so ist, hat man einen Haufen Freunde, mit denen man online chattet und Kontakte austauscht. Man befreundet sich also mit einem hübschen Mädchen aus einer anderen Klasse, redet ein bisschen mit ihr und kriegt dann auch die Kontaktdaten von all ihren Freundinnen. So ist meine Freundesliste stetig gewachsen. Ich habe also mit dieser Software meine Songs aufgenommen und einfach an all meine Kontakte geschickt. Viele haben sie dann wiederum weitergeschickt. Ich habe also online Feedback auf meine Musik bekommen – das war dann eine ganz eigene Welt. Nach der Schule bin ich sofort online gegangen und habe gecheckt, wer sich gemeldet hat.
 
Wie hat sich deine Herangehensweise ans Musikmachen über die Jahre verändert?
Ich versuche nicht mehr einfach nur, so groß und bekannt zu werden wie mein Lieblingsrapper. Vor allem im Bezug auf Großbritannien. Die USA sind da etwas anderes. Es ist immer noch mein Ziel, irgendwann so bekannt wie Kanye oder Jay Z zu sein. Aber die meisten anderen MCs haben das gleiche Ziel vor Augen. Als ich noch in meinem Kinderzimmer saß und davon träumte, ein Star zu werden, dachte ich daran, dass man mich vielleicht mal innerhalb von London kennt und ich dort als Star wahrgenommen werde. Heute ist Teil meines Antriebs, weltberühmt zu werden. Ich denke dabei nicht mehr nur an Musik, sondern auch an Mode, Kunst, mein Label, meinen Blog. Mein Horizont ist so viel größer geworden und damit ist auch mein Ehrgeiz gewachsen. Das Witzige daran ist, dass ich im Studio immer noch diese »Kinderzimmer-MC«-Mentalität habe. Ich hasse diese protzigen Riesenstudios. Wenn ein Studio so groß ist wie dieses Hotelzimmer und ein Scheiß-100.000-Dollar-Mischpult hat, will ich direkt wieder abhauen. Ich habe also die Mentalität behalten, dass ich mich in kleinen, schäbigen Studios wesentlich wohler fühle und meine Kreativität sich dort viel besser entfalten kann.
 
Du hast aber für die neue Platte zum Beispiel mit Diplo und Pharrell zusammengearbeitet. Ich schätze, die beiden machen nicht in einem kleinen Kabuff Musik.
Ja, aber von Diplo habe ich mir die Beats zuschicken lassen und das Ganze dann in einem kleinen, schäbigen Studio aufgenommen. Wenn ich in L.A. oder Atlanta aufnehme, lässt es sich nicht vermeiden, in prunkvollen High-End-Studios aufzunehmen. Aber als ich »Pass Out« in Labrinths Studio aufgenommen habe, hatten wir nicht mal eine Booth. Das Mic stand direkt neben seinem Keyboard.
 

 
Mit Pharrell zu arbeiten muss doch ein Traum gewesen sein, der in Erfüllung ging.
Ja, definitiv. Wobei ich nicht weiß, ob es die Songs aufs Album schaffen. Es war trotzdem eine absolut surreale Erfahrung. Ich war in Miami, weil ich in Amerika Promo für »Disc-Overy« gemacht habe. Ich war also hundemüde. Wenn man von einer solchen Aufnahmesession träumt, stellt man sich vor, wie man morgens topfit aufwacht und die Sonne scheint. Dann kommt man beim Studio an und Pharrell fährt zeitgleich im Ferrari vor und trägt die coolste Sonnenbrille. Aber es war überhaupt nicht so. Ich habe mich absolut scheiße gefühlt und hatte kaum Energie, weil ich erkältet war. Ich kann mich aber noch daran erinnern, wie ich Pharrell dabei zugesehen habe, wie er den Beat gemacht hat, während auf einer großen Leinwand »2001« von Stanley Kubrick lief. Ich dachte mir nur: »Dieser Typ ist einfach zu cool, wie zum Teufel kriegt er das hin?« Während der Aufnahme musste ich dann eine Pause einlegen und ihn darum bitten, dass wir uns einfach mal unterhalten, weil wir noch fast gar nicht gesprochen hatten. Ich habe ihm dann auch gesagt, was für ein riesiger Fan seiner Musik ich bin. Seitdem sind wir cool miteinander.
 
Wer hat auf »Demonstration« außerdem produziert?
Die Chemical Brothers, Naughty Boy, Diplo, Labrinth, iSHi, Zane Lowe und ein neuer Produzent aus England namens Ballistic. (überlegt) Jetzt fällt mir niemand mehr ein.
 
Du hast doch auch mit einem deutschen Produzenten zusammengearbeitet.
Crada, genau! Danke, dass du mich ­erinnerst. Er hat ja auch »Fireworks« von Drake und Alicia Keys produziert.
 
Ich stelle es mir schwierig vor, ein ­bestimmtes Soundbild umzusetzen, wenn man mit so vielen verschiedenen ­Produzenten arbeitet. Hattest du trotzdem eine Vision, wie das Album klingen sollte?
Auf jeden Fall. Das Verrückte daran ist, dass es nicht zu Anfang, sondern zum Ende der Aufnahmen passiert, dass man auf einmal ein Muster erkennt und versteht, wie diese Songs zu einem Album verschmelzen können. Aber es ist schon schwierig, weil diese ganzen Produzenten ja überall auf der Welt verteilt sind und dein Soundkonzept nicht kennen. Wahrscheinlich wäre es anders gewesen, wenn man wie Jay Z bei »Magna Carta« alle Produzenten in einem Raum gehabt hätte. Wenn Diplo also eine bestimmte Snare benutzt, die ich öfter hören will, dann muss ich bei jedem einzelnen Produzenten erst wieder Überzeugungsarbeit leisten, damit dieser das auch ändert. Den Tune, den Crada und ich zusammen gemacht haben, »Tears Run Dry«, haben wir bestimmt zwanzigmal verändert. Mit »Trampoline« war es nicht anders. Ich höre ständig neue Einflüsse, will aber gleichzeitig keinem Produzenten die Tracks zeigen, die jemand anderes für mich produziert hat.
 
Du willst also verhindern, dass sie sich gegenseitig kopieren und das Gesamtprodukt somit verwässert wird.
Genau. Da komme ich auch wieder zurück zum Thema »Kinderzimmer-MC«: Niemand hat mir beigebracht, wie man ein Album macht. Ich habe keinerlei Wissen dazu, also verlasse ich mich einfach nur auf mein Gefühl. Insbesondere jetzt beim zweiten Album, wo ich weiß, dass mir die Welt dabei zusieht. Ich habe mich zum ersten Mal gefühlt, als würde ich ein Album machen. Und auch wenn dieser Prozess lang und manchmal auch schwierig war, war es eine tolle Erfahrung. Zu wissen, dass man die Kontrolle darüber besitzt, wie die eigene Musik klingt, ist ein gutes Gefühl. Das kann heutzutage nicht jeder Künstler behaupten.
 

 
Was ist denn deine Wahrnehmung davon, wie deine Musik in den Staaten ankommt?
Gute Frage. Ich glaube, das variiert je nachdem, von welchem Konsumenten wir sprechen. Ich bin oft dort und unterhalte mich vor allem mit anderen Künstlern darüber. Mittlerweile habe ich Songs mit J. Cole, Wiz Khalifa, Big Sean und Pusha T gemacht. Und alle sind der Meinung, dass meine Musik etwas ganz anderes ist als der HipHop, den sie machen. Und sie würden es auch nicht akzeptieren, dass unsere Musik gleichgestellt wird. Aber wir sind in Großbritannien mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo wir eine großartige und vielfältige Szene haben, die außerdem weitestgehend autark ist. Die Amerikaner wollen also in unseren Markt rein, wir aber auch in deren. Mitunter haben sie hier mit denselben Problemen zu kämpfen wie wir dort drüben. ­Deswegen respektieren amerikanische Künstler meine Musik auch. Langsam kommen wir an einen Punkt, wo es britischen Rappern möglich ist, weltweit Platten zu verkaufen. Und amerikanische Hörer werden vielleicht schon bald unsere Musik genauso kaufen, wie sie heute ein Album von Jay Z oder Wiz Khalifa kaufen. Ich muss es einfach immer weiter ­versuchen.
 
Ich habe einen Tweet von dir gesehen, wo es darum ging, dass du dir die VMAs im Fernsehen angeschaut hast. Du schreibst am Ende: »Eines Tages, eines Tages … #stillchasingthatdream«. Ist das also dein ultimatives Ziel?
Irgendwie schon. Es war zumindest eines der Ziele. 2007 habe ich auf »Hood Economics« gesagt: »Gebt mir ein paar Jahre, dann habe ich ein paar MOBOs, einen Brit und ’nen VMA.« Und jetzt fehlt eben nur noch der VMA. Es ist zwar nicht das höchste meiner Ziele, es gibt schließlich andere Preisverleihungen, bei denen es mehr um die Musik geht. Die Veranstaltung heißt ja »Video Music Awards«. Die VMAs sind einfach eine Promi-Veranstaltung. Aber wenn du dir die Show ansiehst, weißt du, dass du die größten und bekanntesten Künstler sehen wirst. Ich bezog mich also eher darauf, dass ich zu dieser Riege an Künstlern gehören will. Ich will einfach irgendwann alle meine Ziele erreichen. »#stillchasingthatdream« bedeutet also, dass das einer von vielen Träumen ist, die ich mir noch erfüllen möchte.
 
Foto: Presse
 
Dies Interview erschien in JUICE #155 (hier versandkostenfrei nachbestellen).