»Engstirnigkeit ist mir überall heftig auf den Sack gegangen« – Ein Besuch bei Tightill & Erotik Toy Records in Bremen // Feature

Ohnehin setzt sich das Soundmosaik von ETR aus einem Potpourri an Styles zusammen: Dancehall, Grime, Baile Funk, Trap – und Eighties-Kitsch aus Deutschland. »Ich habe überlegt: Was ist die geilste deutsche Musik? Für mich ist das die Neue Deutsche Welle. In den USA haben die Schwarzen bei ihren Eltern Soul gehört und das dann gesamplet, wir machen das halt mit NDW-Zeug.« Wer »RnB Anarchie« hört, weiß Bescheid. Der Mini-Erfolg der Platte mündet Mitte letzten Jahres in der Idee, ein Label zu gründen, um die kreative Energie zu bündeln, die bis dato noch zusammenhanglos im Bremer Untergrund dümpelt. Neben Doubtboy, dessen Theatersozialisation in den Videos nicht zu übersehen ist, gibt es zu der Zeit mit Skinnyblackboy, Yung Meyerlack oder Jay Frano jede Menge junge Artists, die Bock haben, Musik zu machen. Dass sich der Sound der jüngeren Garde größtenteils an aktuellen US-Trap-Releases und atmosphärischen Autotune-Abhandlungen orientiert, ist für Tightill kein Ausschlusskriterium für gemeinsame Kreativarbeit – im Gegenteil. »In Bremen gibt es die verschiedensten Dinge: Ich konnte mich musikalisch noch nie so gut mit Leuten zusammensetzen wie hier. Das liegt daran, dass du hier nicht diese Schranken und Schubladen vorgesetzt kriegst, weil es vielleicht auch einfach noch gar nicht so viele gibt«, sagt er. Und da ist sie wieder, die Stadt und ihre Aura.

Mittlerweile sind wir bei Skinnyblackboy angekommen, der mitten im Viertel wohnt. Eine schmale, in die Höhe gebaute Doppelstockwohnung mit offenen Durchgängen, durchgesessenen Sofas und alten Holzdielen – ein Überbleibsel aus einer Zeit vor spekulativen Immobilienhaien. Skinnyblackboy kommt die Treppe heruntergestolpert, schlüpft in seine weißen Air Force 1s und schickt einen verschlafenen Gruß in die Runde. Vier Monate ist es her, dass er sein Debüt-Tape »VOL.1« auf Soundcloud warf. Niemand hätte hinter den zwölf Tracks diesen hageren Jungen mit den Dreads und dem verlegenen Lächeln vermutet, sondern vielmehr den nächsten Blog-Hype aus den USA. Seine Debüt-EP versammelt die Essenz von Jetzt-Rap, ohne sich anzubiedern, trägt House-Referenzen im Unterton, und ist ohne Abstriche eines der stärksten Releases des laufenden Jahres – was auch zu großen Teilen an Produzent und Jugendfreund Florida Juicy liegt. Der 21-jährige Skinny scheint von der positiven Resonanz selbst überrascht. Auch bei ihm bildet nicht nur Rap die musikalische Sozia­lisation, in seinen Teenagerjahren war er Leadsänger einer Alternative-Rock-Band. Zum Rappen kam er erst später.

Was das Schaffen von Tightill und Erotik Toy Records wirklich ausmacht, versteht man erst, wenn man sie auf der Bühne gesehen hat. An diesem Abend hat sich die ganze Bande im Bremer Kulturzentrum Schlachthof für die besagte Labelnight zusammengefunden. Und alle sind da: Alte, Junge, Hipster, Skater und HipHop-Heads. Das Publikum macht deutlich, warum ein Projekt wie ETR nur in einer Stadt wie Bremen funktionieren kann: Die verschiedenen Szenen, die in anderen Großstädten längst zu einem Hipsterbrei zerflossen sind, spürt man hier noch – und sie koexistieren im toleranten Miteinander. Sehen und gesehen werden, Exklusivität statt ernsthaftem Interesse – in Bremen scheint es all das an diesem Abend nicht zu geben. Ob schneeweiße Off-Whites oder durchgelatschte Vans spielt angenehmerweise keine Rolle. Auf der Bühne hängt ein von Tightill und Doubtboy selbst gespraytes Banner, die Atmosphäre ist verraucht und zunächst hat man das Gefühl, man befinde sich auf einem Freestyle-Battle im Juze. Doch trotz dieses Settings wirkt keiner der Auftritte wie ein x-mal gesehenes Rapkonzert – keine HipHop-Hände, keine statischen Bewegungen, nur vereinzelt gibt es Call-und-Response-Spielchen. Der Auftritt der Crew ist wirr, divers und zeigt: Keiner dieser Jungs meint die Sache vollkommen ernst. Er zeigt aber auch: Das, was Erotik Toy Records machen, ist kein Meme-Rap, sondern authentisch. Ohne es unbedingt zu wollen, machen Yung Meyerlack, Skinnyblackboy, Tightill und Doubtboy aus einem verplanten Crew-Auftritt eine Kunstperformance. Ob das nun die eingangs gestellte Frage nach Parodie oder Progression beantwortet? Tut es nicht. Aber genau das macht den künstlerischen Duktus von Erotik Toy Records aus: Totale Interpretationsfreiheit – alles darf, nichts muss. Auf Künstler- wie auf Hörer-Seite. Tightill sieht es so: »Im Endeffekt erleben wir im Deutschrap gerade einen Punkmoment. Alle machen mittlerweile DIY und sind voll frei, das feiere ich.« Erotik Toy Records sind definitiv ein Teil dieses Moments.

Text: Juri Andresen
Fotos: Jakob Weth

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