Pronto: »Mich stört es nicht, wenn mich Leute nicht verstehen.« // Interview

Quasi aus dem Nichts krönte sich Pronto im vergangenen Jahr mit seinem Hit »Clean« zum Schweizer King of Zeitgeist. Die Azzlackz drehten in ihren Insta-Storys zu seinem Song völlig hohl und Universal fuhr in das beschauliche Solo­thurn, um die Vertragspapiere auszubreiten. Nun steht ein interview in den Red Bull Studios Berlin an. der 24-jährige hat seinen Manager und ein paar Jungs seiner 419 Finesse Gang dabei. Pronto lächelt, ruht in sich. Die Aura eines Stars trifft auf arglose Bodenständigkeit.

Pronto, deine musikalische Karriere hat mit einen Trip nach Ghana vor vier Jahren begonnen. Was hast du von dort mitgenommen?
Ich war ungefähr ein halbes Jahr unterwegs und checkte die einheimische Dancehall-Szene: Shatta Wale und all die Großen. Das sind die Roots, mit denen wir alle aufgewachsen sind, und die uns fast näher sind als Rap. Das war ein Gefühl, das ich vorher in der Schweiz so noch nicht kennengelernt hatte. Letztendlich motivierte es mich krass, zu sehen, wie die Leute sich selbst feiern. Zurück in der Schweiz habe ich sofort angefangen, die ersten Videos zu drehen.

Außerdem hat dir dein Vater, der auch Musiker war, Melodie und Rhythmik in die Wiege gelegt.
Genau. Mein Vater war Drummer. Ich bin damit groß geworden, und irgendwann habe ich mich selbst ans Drumset gesetzt – das passte einfach zu mir. Ich liebe Rhythmus, trotzdem ist die Melodie für mich die Grundlage von allem. Beides muss sich ergänzen.

Im vergangenen Dezember erschien deine erste EP »Solo Di Nero«, auf der du, bis auf eine Ausnahme, auch die Beats selbst produziert hast. Interessant ist, dass du während des Songwritings meditierst. Wie kann ich mir das vorstellen?
Ich setze mich ran und baue zuerst eine Melodie. Die läuft dann im Loop, dazu chille und vibe ich recht lange. Irgendwann kommt vielleicht noch ein Bass dazu und auch 808s. Dann versuche ich am Mikrofon eine Melodie zu finden, bei der ich das Gefühl habe, dass sie mich kitzelt; bei der du dir denkst: »Shit!« (lacht) Meditieren meine ich nicht im klassischen Sinn. Ich bin dann einfach gerne alleine, um mich über mehrere Stunden verlieren zu können. Oft denke ich gar nicht mehr an Musik, und so verbaue ich dann auch meine Feelings.

Einige Leute werfen dir vor, man könne dich sprachlich nicht richtig verstehen.
Ich nehme Feedback immer gern an. Ändern möchte ich das auf jeden Fall – immer optimieren. Aber mich stört dieser Vorwurf nicht, weil mich meine Leute ja verstehen. Dann ist für mich »Mission complete«.

Die Verständlichkeitsprobleme habe ich auch, aber das hat auch etwas für sich. So wirkt deine Stimme auf mich wie ein melodisches Instrument. Das erleichtert den Zugang zu meiner eigenen Emotio­nalität und Interpretation, ohne dass mir Grenzen gesetzt werden, was ich zu denken habe.
Ich finde es fast geiler, wenn die Leute meine Songs mehr aufgrund ihrer Musikalität feiern, als durch Texte und Technik. Ich verstehe es als Riesenkompliment, wenn jemand sagt: »Ich verstehe es nicht, aber ich feiere es trotzdem.«

»Die Leute in der Schweiz sind nicht so offen wie in Deutschland.«(Pronto)

Du scheinst ziemlich italienaffin zu sein. Das Video zu »Clean« hast du in Mailand gedreht, dein Release trägt den Titel »Solo Di Nero« und du bist auf dem Remix zu »Lamborghini« von Guè Pequeno, einem der größten italienischen Hits des letzten Jahres.
Als Kind war ich viel in Italien. Leute aus dem Süden zieht es immer in den Süden. Aber ich kannte damals gerade mal zwei Songs von Ghali. Als wir dann das Video zu »Clean« in Mailand gedreht haben, kannten auf einmal die Leute aus der Szene den Song, weil wir in ihrer Stadt gedreht hatten.

In einem anderen Interview hattest du erwähnt, dass du nur nach Mailand gefahren bist, um eine Decke von Gucci abzuholen. Muss ich dir das glauben?
Nein, das hat der Journalist falsch wiedergegeben. Das entstand scherzhaft im Gespräch, er hat das aber offenbar für bare Münze genommen. Ich schon etwas abgeholt, nur war es keine Decke von Gucci. Die lässt du dir doch einfach nach Hause liefern. (lacht)

Bis vor ein paar Jahren hörte man Rap lediglich in seiner Muttersprache und auf Englisch. Aber die aktuelle Generation bildet eine Art »Trap-Internationale«, zu der du ganz klar dazugehörst. Wie betrachtest du dieses Phänomen?
Ich halte das für extrem wichtig. Viele wussten früher ja gar nicht, wo sonst noch gerappt wird – gerade in den Zeiten vor Instagram und Youtube. Jede Szene spornt mich persönlich richtig an, wenn du erkennst: Dort geht dieses, bei denen geht jenes. Das ist cool.

Sind die sprachlichen Einflüsse in der Schweiz aufgrund der Mehrsprachigkeit besonders vielfältig?
Auch in der Schweiz hört man vorwiegend US-Rap, dann kommt schon der deutsche Rap. Die Schweizer Rapszene ist, sagen wir mal, recht übersichtlich. (lacht) Die kommt erst jetzt so richtig. Eigentlich finde ich das ganz gut, denn als Underdog kann man umso mehr überzeugen.

Mir ist aufgefallen: Du rappst nicht übers Trippen.
Genau. Es fällt höchstens mal das Wort »smoken« oder vielleicht »clouds«. Du musst eben immer bedenken, dass du deine Familie hast, deine Leute. Warum jedem erzählen, wie drauf du bist? Ich kiffe auf jeden Fall, zwischendurch trinke ich auch mal Lean. Aber das hat nichts mit Musik zu tun. Innerlich fühle ich mich nicht so leer, als dass das zum Hauptbestandteil meiner Texte werden müsste. Ich komme aber aus einem Umfeld, in dem das gang und gäbe ist.

HipHop generiert nach wie vor einen Großteil seiner Identität aus sozialen Schieflagen. Deine Heimatstadt Solothurn hingegen, eine idyllische Barockstadt mit kaum 20.000 Einwohnern, entspricht auf den ersten Blick erst mal nicht dem gängigen Szeneklischee.
Safe. Ghetto ist es nicht, aber Fiends gibt’s überall. Wir wohnen in der Blocksiedlung. Das große Problem ist, dass die Leute in der Schweiz nicht so offen sind wie in Deutschland. Das muss man ganz klar sagen. Wir lassen uns zwar nicht abfucken, aber Rassismus gibt es jeden Tag. Dabei ist Solothurn an sich eigentlich extrem links, extrem grün. Aber sobald du zehn Minuten rausfährst, ist finito.

Wie würdest du den Lifestyle deiner Crew, der 419 Finesse Gang, beschreiben?
Viele machen Musik, Beats und rappen. Aber vor allem seit wir letztes Jahr so durch die Decke gegangen sind, ist die Motivation spürbarer. Unser Lifestyle ist brüderlich afrikanisch, sehr familiär. Wir sind den ganzen Tag zusammen, essen und chillen. Da hat sich auch durch den Deal mit Universal nichts verändert – zum Glück. Wir sind komplett bodenständig. Friendly Lifestyle! Das hat mich damals in Afrika inspiriert. Der beste Freund meines Vaters, jemand, den er als Teenager von der Straße geholt hatte, war damals immer mit mir unterwegs. Von ihm habe ich einen wichtigen Satz mitgenommen: Positivity brings activity.

Text: Edoardo Rossi
Foto: Lukas Maeder

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #186. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

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