The Doppelgangaz: »Wir sind einfach Rap-Fans seit Tag eins, und das wird sich auch nie ändern« // Interview

Viele Leute sehen The Doppelgangaz in der Rucksackecke stehen. Und ja: Ihr musikalisches Grundgerüst besteht aus dreckigen NYC-Drums und warmen Sample-Loops, doch der Sound der beiden Jugendfreunde ist schon immer eigene Wege gegangen. Ihr letztes Jahr releastes Album »Dopp Hopp« ist ihr bestes seit »Lone Sharks« von 2011 und wirft einmal mehr die Frage auf, wieso diese zwei sympathischen Dudes eigentlich immer noch im Untergrund unterwegs sind.

Knapp 200 Leute haben sich an diesem Abend im Berliner Club Musik & Frieden zusammengefunden, um das New Yorker Duo live zu sehen. Nachdem Ya Girl Dynasty die Nackenmuskulatur der Rapfans mit einer erstaunlich souveränen Performance aufgewärmt hat, kommen EP und Matter Ov Fact auf die Bühne – ohne DJ. DIY – das inflationär eingesetzte Akronym beschreibt das Arbeitsethos der beiden perfekt. Seit einer guten Dekade beliefern sie die weltweite Rap-Gemeinde mit ihrem Sound, der zwischen Fitted Cap und Stüssy-Shirt irgendwie jedem passt. Vor der Show haben wir EP und MOF getroffen, um über Anerkennung, Streaming und billiges Sample-Material zu sprechen.

Dieses Jahr feiert ihr zehnjähriges Jubiläum. Mit was für einem Gefühl schaut ihr auf die letzten zehn Jahre zurück?
EP: Allein, dass wir in anderen Ländern unsere Musik vor Menschen spielen, ist krass. Tief drinnen will man so etwas zwar immer erreichen, aber in erster Linie geht es nur um den Spaß am Rappen. Wenn ich mir bewusst mache, dass daraus jetzt eine zehnjährige Karriere geworden ist, wirft mich das in ein merkwürdiges schwarzes Loch. Das kann einen zum Weinen bringen. Aber natürlich ist es wundervoll, dass immer mehr Leute nun unsere Musik hören wollen.

Die Beziehung zwischen euch und euren Fans scheint sehr innig zu sein.
EP: Du kannst dich nicht damit profilieren, Doppelgangaz-Fan zu sein. Das ist nicht der angesagte Shit. Wir wissen also, dass du uns wirklich magst, wenn du uns feierst. Das wissen wir zu schätzen.

Wie hat das Touren durch die ganze Welt eure Musik beeinflusst?
EP: Es verändert dich als Mensch, deine Geisteshaltung, deine Perspektive auf das Leben. Das hat uns geholfen zu wachsen. Dass wir mit der Musik Geld verdienen, ist cool. Aber diese ganzen Erfahrungen sind unbezahlbar.

Ihr macht von der Produktion über das Artwork bis zu den Shows schon immer alles in Eigenregie. Klingt anstrengend.
Wir sind ziemlich entspannte Zeitgenossen, niemand würde uns für besessene Kontrollfreaks halten, die alles im Auge haben müssen. Aber dadurch, dass wir immer alleine waren, sind wir automatisch zu welchen geworden. Wir haben zwar einen Tourmanager, das Auto fahren wir aber selbst. Er (zeigt auf den Tourmanager) sitzt nur rum wie eine kleine Bitch. (Gelächter)

Viele Leute packen euren Sound in die Boombap-Ecke. Wo seht ihr euch selbst?
MOF: Du wirst uns nie dabei erwischen, wie wir uns selbst einen Stempel aufdrücken. Wir gehen an einen Song nie mit einem bestimmten Konzept heran, sondern machen es so, wie wir uns in dem Moment fühlen.

Trotzdem würdet ihr viele Fans verschrecken, wenn ihr plötzlich Trap machen würdet.
EP: Das Schöne ist ja, dass unsere Fans auch irgendwie unsere Freunde sind, und mit Freunden kann man diskutieren. Auf Social Media machen wir das dauernd. Wenn Leute unter einem unserer Songs kommentieren »Ich wünschte, das hier würde Platin gehen und nicht Lil’ Dingsbums«, dann hören wir uns diesen Lil’ Dingsbums an! Und wenn wir seine Songs feiern, starten wir eine Diskussion. Das ändert vielleicht auch die Perspektive der Leute, sodass sie der Sache eine Chance geben.
MOF: Du kannst nicht voraussehen, wie jemand deine Kunst aufnimmt. Wir haben Songs gemacht, die kein einziges Sample beinhalteten, Leute kamen aber zu uns und meinten: »Ich liebe es, wie ihr die Samples benutzt habt!« (lacht)

Apropos: Ihr nutzt Samples aus allen möglichen Genres.
EP: Wir haben da keine Präferenzen. Uns ist nur wichtig, dass die Platte billig ist! Wir versuchen immer, unter zwei Dollar zu bleiben. Viele denken, dass wir krasse Vinyl-Heads sind, die dauernd nach super seltenen Tausend-Dollar-Platten diggen. Stimmt aber nicht. Wenn eine Platte billig ist, abgefuckt und cool aussieht, nehmen wir sie mit. So machen wir unsere Musik. Wir nutzen nicht nur die immer selben Soul-Platten.

Rap aus New York ist in den letzten Jahren wieder extrem divers und interessant geworden, es gibt viele talentierte Künstler: Young M.A, Dave East, 6ix9ine.
MOF: Voll. Es gibt so viele dope Künstler derzeit, und wir checken das alles aus. Wir sind einfach Rap-Fans seit Tag eins, und das wird sich auch nie ändern. Durch das Streaming erhält man viel leichter Zugang zu allem.

Hat Streaming für euch als Untergrundkünstler Vorteile gebracht?
Jetzt ist die perfekte Zeit für uns. Als Kinder haben wir immer davon geträumt: eine Art Spielwiese zu haben, auf der man sich austoben kann, ohne dass einem ein Unternehmen im Nacken sitzt oder es um viel Geld geht. Dein Scheiß ist einfach für alle verfügbar.
EP: Die Musik durchläuft nicht tausende Stationen, sondern ist direkt erhältlich. Du musst uns natürlich immer noch finden. Mit den addierten Suchergebnissen, den Verlinkungen und den Tags ist aber auch das einfacher geworden. Es gab eine Zeit, da war sich die Musikindustrie nicht sicher, wie sie Musik vermarkten soll. Jetzt, wo sie mit dem Streaming eine neue Identität gefunden hat, ist das perfekt für uns.

Eure Lyrics sind durchzogen von Referenzen und Insidern. Was erzählt ihr den Leuten eigentlich?
EP: Wir kommen nicht direkt zur Sache. Es geht mehr um deine eigene Interpretation und was du aus dem Track mitnimmst. An der Oberfläche ist diese absurde Geschichte, aber wenn du es weiter aufbrichst, kommen Lektionen fürs Leben zum Vorschein – manchmal aber auch nur Essenstipps. (lacht) Es hat ja keinen Sinn, wenn wir dir irgendwas erzählen, womit du nichts anfangen kannst. Wir bleiben lieber ungezwungen und frei. Es gibt vielleicht einen roten Faden, den wir dir an die Hand geben, aber dann liegt es an dir, welche Abzweigungen du nimmst. Wie ich vorher sagte: Es geht um Diskussion und Gemeinschaft. Hoffentlich nehmen die Leute das aus diesem Interview mit. (grinst)

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