Tape-Rap in Deutschland: »Wir wurden lange boykottiert« // Feature

Europas Zentrum

Der Hamburger Produzent AlphaMob war lange als Techno- und House-DJ unterwegs, bevor er während der frühen Zwozehnerjahre auf Memphis-Rap stieß. Einmal angefixt, lud er knapp 700 Tapes runter. Und hörte sie alle. Seitdem sammelt er leidenschaftlich Kassetten und verkauft erfolgreich seine eigenen. Die »Swaffle Phonk«-Reihe vereint hervorragend produzierte Instrumental-Stücke mit Rapper-Kollabos, auf der »Screwed Oceans«-Serie kompiliert er feinste Phonk-Instrumentals nationaler und internationaler Produzenten. Die auf wenige Hundert Stück limitierten Kassetten sind schnell vergriffen, er verschickt sie »bis ins letzte Kaff«.

Eine echte Instanz schuf er zusammen mit seiner Partnerin in mind Phonkycool. In Hamburg veranstalten sie die Partyreihe »Nite Of The Trill«. Als Deutsch-Phonk an der Elbe immer populärer wurde, bot sie der kleinen Welt Räumlichkeiten und einen bis zu den Visuals liebevoll gestalten Rahmen. »Viele junge Leute kamen, weil ihre Musik sonst nirgendwo lief. Die sind mitunter zum ersten Mal in einem Club gewesen«, erzählt Alphamob per Skype. Im Flixbus reisten Menschen über Nacht extra aus Frankreich oder den Niederlanden an. Hamburg entwickelte sich zum europäischen Phonk-Party-Zentrum.

Final Push

Skinny Finsta erinnert sich gut an eine frühe Ausgabe der »Nite Of The Trill«. Zusammen mit Live-From-Earth-Schützling Caramelo zerpflückte er da die Bühne, es war sein erster Auftritt überhaupt. Heute ist der 27-Jährige die vermutlich prägendste Figur der Szene.

Im Grundschulalter kaufte sich der Heidelberger eine Kassette, auf der neben vielen Kinderliedern, warum auch immer, ein Memphis-Rap-Song zu hören war. Er hörte ihn wieder und wieder, und als er später an Three-6-Mafia-Tapes geriet, sei es um ihn geschehen gewesen. Der Sound entwickelte sich laut eigener Aussage zum Rhythmus seines Lebens. Memphis wurde für ihn zum Sehnsuchtsort. Finsta kaufte Tape um Tape, knüpfte Connections in die Stadt und flog im Mai 2015 schließlich rüber. Drei Wochen lang schob er dort Projekte an, arbeitete unter anderem mit dem mittlerweile verstorben Three-6-Mafia-Gründungsmitglied Koopsta Knicca zusammen, und sammelte Massen an Wissen und Kontakten, die er heute täglich pflegt.

Die Reise war der Startschuss für das eigene musikalische Schaffen. Seit 2003 ist Finsta schon im Untergrund aktiv, aber: »Nach dem Trip habe ich mein Leben und die Musik auf die Reihe bekommen«, erzählt er von dem Einfluss der »besten Zeit seines Lebens«. Beflügelt von der Reise, der Liebe zu dem Medium und den Neunzigern machte er sich die Wiederbelebung der Kassette zur Mission. »Er hat die Szene noch einmal professionalisiert«, fasst es Opti Mane drei Jahre später zusammen. Mühsam baute sich Finsta eine Kassettenwerkstatt auf und fuhr durchs ganze Land, um die Maschinen zu beschaffen. Neben eigenen Releases auf seinem Label kümmert er sich seitdem auch um die Pressungen anderer deutscher und amerikanischer Künstler. Er sieht sich als Teamplayer, der möchte, dass die gesamte Szene profitiert. »Ich umgebe mich täglich damit. Das ist mein Leben«, fasst er seine Leidenschaft wie selbstverständlich zusammen.

Der Hustle trägt Früchte. Fast alle Finsta-Releases sowie die, bei denen er seine Finger im Spiel hat, sind binnen weniger Stunden für immer ausverkauft. Im Netz werden später unverschämte Preise für die Tapes verlangt, sie entwickeln sich zu kleinen Wertanlagen. Durch konsequente Promo und viel Arbeit entsteht so anno 2017 wieder ein kleiner, aber feiner Buzz um das Tape an sich.

Suche nach Balance

Sprung nach Berlin-Ruhleben. Auf dem dunklen Parkplatz einer Fastfood-Kette holt Big Toe eine Kassette seines Albums »Dynastie« von 2017 aus dem Kofferraum. Auch die stammt aus Finstas Werkstatt, Big Toe und er sind gute Freunde. Bei Ebay wechselt die Kassette heute für rund 80 Euro den Besitzer, so Toe. Der hat in Sachen Rap schon einiges erlebt. Unter dem Namen Fatal arbeitete er im Rahmen der DePeKa-Crew lange und eng unter anderem mit Kontra K zusammen, hatte früh Kontakt zu heutigen Szenegrößen und mauserte sich dank treffsicherer Delivery und Trademark-Stimme zum unterbewerteten Geheimtipp. 2017 unterschrieb er bei Kontra Ks Label Tag 1er Records, geplante Alben wurden aber nicht releast, seiner Musik zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Darum machte der Charlottenburger es unter seinem Alter Ego Big Toe nun selbst und rief mit Hutmacher Entertainment ein Label ins Leben, das wie kein zweites guten Straßenrap mit der Nerdigkeit der Memphis- und Tape-Szene verbindet.

Sein anstehendes Tape »Ohne Grinden kein Flexen« sollen Fans am Releasetag direkt aus seinem Kofferraum erwerben können. »Da kommen ohne Ende junge Leute, die feiern das«, erzählt er und spricht damit einen wichtigen Aspekt an: Die Kassette ist innerhalb des Deutsch-Phonk auch wieder ein junges ­Medium geworden. Streaming und Tape, das scheint 2018 kein Widerspruch mehr zu sein – auch für Big Toe nicht. Er wolle nicht nur »die Szeneleute bedienen«, sagt er. »Ich will neue Hörer erreichen.« Die Kassette bleibe aber das Herzstück, sie diene auch als Aufhänger: »Viele Leute kennen das nicht mehr und fragen sich, warum wir das machen.« Dadurch werfe man auch ein Licht auf die Memphis-Kultur, die er in vielen Tracks referenziert. Auch die zuvor erwähnten Künstler sind mittlerweile auf Spotify & Co. zu finden, spielen trotz inniger Tonbandliebe nach den neuen Regeln. Skinny Finsta fasst die Suche nach der Balance zusammen: »Ich verdiene mit Musik mein Geld. Es wäre Quatsch, sie nur auf Kassette zu verkaufen.« Darum werde es in Zukunft leicht zugängliche Musik, aber eben auch streng limitierte Untergrund-Tapes von ihm geben. In seinem Zukunftstraum verschmelzen die Untergrund- und Industriewelt ebenfalls: »Der nächste Schritt wäre, dass eine Kassette chartet.«

Einen großen Unterschied in einem Report des Bundesverbands der Musikindustrie würde das nicht machen. Aber das wäre auch egal. Denn das Tape war und ist ein Liebhaberding – und ist dank spannender und aktiver Künstler endlich wieder präsent. Darum konstatiert Skinny Finsta mit Recht: »Wir haben ein totes Medium wieder zum Leben erweckt.«

Text: Louis Richter
Foto: Paul von Heymann

Dieses Feature erschien in JUICE #190. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here