RIN: »Ich bin hart enttäuscht von Deutschrap« // Titelstory

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Auch Elvir, die deutsche Inkarnation dessen, was in Übersee »Rap-Mogul« genannt wird, öffnet Türen, die für gewöhnliche Rapper verschlossen bleiben. Omerbegovic überzeugt Radioprogrammdirektoren vom Crossover-Potenzial seines neuen Schützlings und hebt in Meetings mit Streaming-Partnern die für einen Deutschrapper ungewöhnlich hohe Zahl an Hörerinnen hervor. »Die Leute denken, dass er mit einem Koffer voll Geld zu mir kam. Das Einzige, was Elvir mir gegeben hat, war Vertrauen – und er hat für mich gearbeitet«, sagt Rin mit einer Mischung aus Stolz und Dankbarkeit in der Stimme. Elvir sei für ihn eine Art großer Bruder, der im Ernstfall auch mal den kleinen Bro beschützt. »Ich weiß, dass ich ihn immer anrufen kann, wenn ich Druck verspüre oder mir alles zu viel wird.«

Brüder fragen: Bruder, was geht?

Viel kommt in jedem Fall auf Rin zu: Als »Eros« Anfang September hinter Casper und den Beatsteaks auf Platz 3 der Albumcharts einsteigt, wird zum ersten Mal wirklich deutlich, dass seit dem Trio Casper, Marteria und Cro kein anderer deutscher MC, der nicht dem Genre Straßenrap zuzuordnen ist, so großen Erfolg hatte – und mit einer Mischung aus androgynem Auftreten und Modebewusstsein auch außerhalb des Mikrokosmos Deutschrap Potenzial vorweisen und Türen eintreten kann, die der Konkurrenz verschlossen bleiben. Von Release bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe kann »Eros« 29 Wochen in den Top 100 der deutschen Albumcharts verbuchen – deutlich mehr als Cro (20) und Casper (13) mit ihren ebenfalls im September 2017 veröffentlichten LPs.

»Ich wusste, was ich kann und wo ich hinwill. Dafür hab ich wie besessen gearbeitet, jegliche gesundheitlichen Grenzen überschritten«, sagt Rin heute über den Erfolg von »Eros«. Auf seinem Debüt bleibt die Textmenge meist überschaubar – und die Lines doch zuhauf im Gehörgang kleben. Rins Art, zu texten, atmet Zeitgeist. Seine vermeintlichen Belanglosigkeiten sind anders als das typische Hedonismusgefasel anderer Mainstream-MCs. Genau wie die visuelle und die musikalische Umsetzung besitzen auch Rins Texte einen Wiedererkennungswert, eine hierzulande einzigartige Eingängigkeit: Wer das Album einmal hört, weiß sofort, mit welchem Nachtbus Rin nach Hause fährt, welchen Mobilfunkanbieter er verflucht, wie viele Kisten Bier er kaufen und wie viele Stangen Kippen er zu rauchen gedenkt. Dass man eine Punchline längst nicht mehr über die Komplexität des Reimschemas oder die Doppeldeutigkeit des kreierten Wortspiels definiert, hat Rin besser verstanden als jeder Battlerapper. Zum ersten Mal vor größerem Publikum zeigt sich das an einem Freitagnachmittag im vergangenen Juli, als tausende Menschen in Ekstase »Es ist zwölf Uhr, ich kauf mir Supreme« über einen stillgelegten Tagebau in Sachsen-Anhalt brüllen. Einen Tag später, irgendwo zwischen Konstanz und Zürich, ist der Turn-up mindestens genauso real – und wohl realer, als er es je zuvor in Sachen Deutschrap war.

Palace Tee, Roadman auf den Streets

Dabei sind die überrannten Auftritte auf kleineren Nebenbühnen beim splash! und dem Open Air Frauenfeld ein Minusgeschäft für Rin und sein Team. »Es war ein Struggle, dass die mich überhaupt buchen. Ich musste alle überzeugen: ohne Show, ohne Geld, ohne Licht.« Inzwischen haben sich die Vorzeichen geändert: »Ich bin der Letzte vor Eminem«, sagt Rin mit funkelnden Augen auf die Frage nach seinem Slot beim diesjährigen Frauenfeld. »Ich bin schon wieder fett im Minus für die Show. Aber es wird wild, glaub mir. Ich will mein Standing verteidigen. Niemand soll im HipHop an mich rankommen.« Apropos real recognize real: Als Rin im vergangenen Sommer beim Wireless Festival in den Katakomben der Frankfurter Commerzbank Arena am Catering-Buffet steht, klopft ihm ein Gast aus Übersee auf die Schulter: »Plötzlich stand dieser riesige Schwarze neben mir, hielt mir sein Handydisplay vor die Nase und fragte: ‚This you?’« Beim Blick aufs Smartphone strahlt Renato die Oberfläche von Shazam entgegen – der Fremde hat mithilfe der Musikerkennungs-App »Bros« aufgerufen. Erst als er sich als Manager von Travis Scott zu erkennen gibt und ihm offenbart, dass Travis ihn gerne kennenlernen würde, wird Rin hellhörig. »Als ich in den Backstage-Raum kam, sprangen seine Homies auf und meinten: ‚That’s the German dude! Your shit is fire!‘ Ich dachte nur: ‚Oh mein Gott, ist das gerade echt?‘ Travis meinte dann: ‚Yo, I like your energy!’« Ein Ritterschlag von La Flame, König der Litness. »Ab da wusste ich, dass ich von niemandem mehr irgendwelche Bestätigung brauche«, reflektiert Rin die Begegnung mit einem Lächeln auf den Lippen.

Auf der anschließenden Tour zum Album, die im Herbst und Frühling insgesamt mehr als 50.000 Fans in die Hallen lockt, setzt sich der Wahnsinn fort. Kein Konzert vergeht mehr ohne epische Moshpits, ohne dass das Publikum bis in die letzte Reihe die Tracks von vorne bis hinten mitrappt, ohne Dutzende bewusstlose Mädels und Jungs. »In Köln ist fast im Minutentakt jemand ohnmächtig geworden. Am Ende hatten die Ordner insgesamt dreißig Leute rausgezogen« – Rin ist glücklich, aber auch ein wenig fassungslos, was auf seiner ersten Solotour passiert. Die Zustände auf den wieder und wieder hochverlegten und bis zum letzten Platz ausverkauften Shows erinnern an die Hysterie um Neunziger-Boybands wie Take That oder die Backstreet Boys. Auf Youtube steigen die Aufrufe auf seine Videosingles in den jeweiligen Städten am Tag des Konzerts um bis zu 629 Prozent. »Die Tour hat auch online und deutschlandweit einen klaren Effekt auf seine immer weiter steigende Beliebtheit«, sagt Daniel Sigge von Youtubes Culture-&-Trends-Team auf Anfrage. Als Rin im April in der Columbiahalle spielt, fällt in ganz Berlin-Tempelhof der Strom aus. Der Gig muss abgebrochen werden, doch die Crowd zeigt sich unbeeindruckt. »Die haben einfach fünf Minuten am Stück a cappella weitergerappt«, erinnert sich Rin. »Das war ein richtig bewegender Moment für mich.«

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