Marteria & Casper: It’s bigger than HipHop // Titelstory

Heute werden der in Rostock geborene Marten Laciny und der gebürtige Lemgoer Benjamin Griffey bejubelt, bestaunt und zitiert. Als Marteria und Casper sind sie zwei der erfolg- und einflussreichsten Rapper ihrer Generation, haben Klassikeralben veröffentlicht und das Gesicht von HipHop in Deutschland maßgeblich verändert. Mit ihrem Kollabo-Album »1982« werden nicht nur zwei erstaunliche Karrieren fulminant gekrönt, es wird auch einer gesamten Deutschrap-Jahrgangsstufe der feierliche Abschluss einer Epoche vorgelegt. »Mar, wie ein Champion« – »Cas, wie ein Champion!«

Etwas über 400 km trennen Rostock und Bielefeld. Das entspricht wahlweise einer vierstündigen Autoreise, fünf Stunden Zugfahrt oder einer dreitägigen Fahrradtour für Hobbyradler. Im Falle von Marteria und Casper liegen dazwischen allerdings 36 Jahre. Oder die deutsche Wiedervereinigung, die Euro-Einführung und die erste Bundeskanzlerin, aber auch »Mystic Stylez«, »Funcru­sher Plus«, »Damaged« und »The Fat Of The Land«. Fast dreieinhalb Dekaden hat es gebraucht, um zwei Biografien zusammenzuführen, die so unterschiedlich und doch so gleich verlaufen sind. Heute zählen Marten Laciny und Benjamin Griffey zu den größten deutschen Musikern ihrer Generation. Sie haben ein Millionenpublikum, unzählige ausverkaufte Touren gespielt sowie Nummer-eins-Alben und Gold- sowie Platinplaketten gesammelt – als deutsche Rapper. Das ist auch im Jahr 2018 noch bemerkenswert.

Dennoch ist die frisch gegründete Supergroup beim Interviewtermin entspannt. Die Weltpremiere ihres Kollabo-Albums auf dem Kosmonaut Festival liegt gut zwei Wochen zurück, die Masterbänder von »1982« wurden einen Tag zuvor abgegeben und die interne Abschlussfeier des Vorabends ist quasi noch im Urin nachweisbar, als Casper spontan ein dreifaltiges Vorabfazit zu »1982« wagt: »Es gibt eine HipHop-Meinung, eine Hit-Meinung und eine Dorfmeinung.« Als könnte die musikalische Umgebung ihres Mammutprojekts »1982« damit nicht schon bestens zusammengefasst sein, zeigt es zufällig auch die Bausteine ihres Zusammenschlusses: HipHop, Hits und Hinterland.

GROSSE BRÜDER

Seit fast einem Jahrzehnt stehen Marteria und Casper als Speerspitzen des deutschen HipHop vor einem Mainstreampublikum. Durch ihren zusammenhängenden Karriere­verlauf sind die beiden ab 2010 schnell zu einer Einheit, einer Bewegung, ja, einem Movement zusammengeschrieben worden. Cas und Mar selbst haben sich allerdings auch immer so gesehen, wie im Gespräch deutlich wird. »1982« ist dementsprechend kein Marketingmove, kein Titelblattteam, sondern das Ergebnis einer Freundschaft und zweier unfassbarer Erfolgsstorys – die Krönung einer Ära.

Casper: Wir haben beide ganz lange gestruggelt. 2010 ging es dann bei Marten und ein Jahr später bei mir voll ab – und seitdem sind wir beide immer nur mit voller Kraft vorausgefahren. Ich empfinde das Album daher als einen Zwischenhalt; mal kurz rechts ranfahren.
Marteria: Es ist das erste Mal, dass wir das machen, nachdem uns vor acht oder neun Jahren jemand gefragt hat, ob wir nicht mal ein Album zusammen machen können. Das ist für unsere Fans. Deswegen ist »1982« jetzt bereits ein Klassiker.

Ein Klassiker also; ein Wort, das schon viele Rapper in den Mund nahmen, ohne ihm jedoch gerecht zu werden. Auch im Gespräch entfacht es eine kurze Diskussion, in der Marteria am Ende relativiert, dass es sich bei Klassikern ja meist nur um Alben handle, die mehr als einmal gehört und von einer bestimmten Menschengruppe romantisiert würden. Letztlich hätten wahrscheinlich nur Alben von Michael Jackson und Madonna Klassikerstatus. Fair enough. Und doch kommt man bei Marteria und Casper nicht umhin, diese Vokabel mindestens einmal in ihren jeweiligen Diskografien zu verorten. Eine Rückblende.

In unserer September/Oktober-Ausgabe 2011 bekommt Casper mit seinem Major-Debüt­album »XOXO« sechs Kronen verliehen. Damit erhält zum ersten Mal seit Jan Delays »Searching For The Jan Soul Rebels« von 2001 wieder ein deutschsprachiges Release die Höchstwertung. Die epochale Glanztat aus Post-Rock-Pathos, Young-Jeezy-Flows und Deutschpunkzitaten verleiht vor allem der nationalen HipHop-Szene neue kreative Freiheit. Es ist aber auch ein radikaler Schnitt in Caspers Diskografie, der zu diesem Zeitpunkt schon gut zehn Jahre als belächelter »Emo-Rapper« den Underground mit linearen HipHop-Produktionen aufgemischt, aber eben nicht dominiert hatte. Doch »XOXO« ist nicht nur ein Game Changer für ihn und die Szene, sondern schließt auch die Kluft zu den Mittelstandskids, die durch das Aggro-Berlin-Sägeblatt vom deutschen HipHop fast zehn Jahre lang abgeschnitten schienen. Casper wird zum Superstar, der in den Folgejahren weitere Triumphe und Bestplatzierungen in den Charts einfahren wird.

Schon hier laufen die Karrieren von Mar und Cas zusammen. Denn dass »XOXO« zu einem der wichtigsten Rapalben des Jahrzehnts werden konnte, ist auch Marteria zu verdanken. Sein Opus Magnum »Zum Glück in die Zukunft« ist 2010, gut ein Jahr vor »XOXO«, erschienen und hatte den Grundgedanken des Genre-Grenzgängertums bereits vorweggenommen. Die basslastige Liaison aus Berghain-Rave-Ästhetik, Def-Jux-Attitüde und poppiger The-Streets-Referenz macht ihn 2010 über die HipHop-Szene hinaus zum Posterboy der »Berlin Calling«-Ära. »ZGIDZ« legitimiert fast aus Versehen eine Entwicklung, die durch veränderte Hörgewohnheiten und das allmähliche Verschwinden klassischer Jugendbewegungen durch das Internet schon Jahre zuvor eingeleitet worden war. Dadurch, dass jede Form von Musik für jedermann dauerhaft verfügbar ist, verschwimmen einstige Genre- und Szenebegriffe. Jeder darf alles hören und tragen, egal wo er sich befindet. »ZGIDZ« zollt 2010 als erstes Deutschrapalbum dieser Entwicklung Tribut – die Popnation Deutschland dankt mit einer Goldauszeichnung, und Marteria ebnet den Weg für »XOXO«, »Raop« und irgendwie auch »#DIY«. Doch als der Hypetrain jene Biegung nimmt, die ihn und Cas bis heute auf den Spitzenpositionen der Charts und den Hauptbühnen der größten Festivals des Landes hält, sind Marten und Benny längst Freunde. Der gemeinsame Kampf durch den Underground ließ ihre Wege schon Jahre zuvor kreuzen.

CASIMOTO

Casper: Ich kann mich nicht mehr so genau an unser erstes Treffen erinnern, weil ich stockbesoffen war. Aber das muss 2003 in Hannover gewesen sein, auf so einer Party im Schwimmbad. Da war ich mit den Kabelage-Jungs [Spax-nahe Crew aus Hildesheim, die 2003 durch die Maxi »Der harte Kern« im Ballungsraum von Hannover bekannt wurde; Anm. d. Verf.] unterwegs, und Marten war bei Brisk Fingaz zu Besuch.
Marteria: Ich war zu der Zeit beim Bund in Munster stationiert und bin am Wochenende immer nach Hildesheim gefahren, wo Brisk ­damals gewohnt hat. Wir sind immer zusammen ins nicht weit entfernte Hannover gefahren, weil da was los war.
Casper: Ich glaube, ich habe Marten damals sogar meine »Grundstein«-EP in die Hand gedrückt und wir haben später noch doof abgefreestylt. Aber die Zeit, in der wir uns wirklich alle zwei, drei Wochen getroffen haben, kam erst später, so um 2007 herum: die Jam-Phase.
Marteria: Wir haben jahrelang so viele Shows gespielt, auch zusammen oder mit den Orsons, vor vielleicht fünfzig Leuten, und gerade in diesem HipHop-Kosmos triffst du oft richtige Volldeppen. Aber wir sind uns immer auf Augenhöhe begegnet. So eine menschliche Verbindung kannst du schwer erklären. Du merkst einfach, wenn es dir wichtig ist, was jemand zu dir sagt.

In der Aufbruchsstimmung der Underground-Szene um die Orsons, K.I.Z und den »Neopunk«-Prinz Pi, die allesamt des lähmenden Asphaltmassakers der Nullerjahre überdrüssig werden, witzelt man ab 2009 über ein mögliches Kollaboprojekt von Marteria und Casper. Casimoto, ein Kofferwort aus Casper und Marsimoto, wird zum Running Gag der Szene, der unter dem Albumtitel »Chemische Drogen« bis heute durch den HipHop-Flurfunk rauscht. Auch nach der Geheimnislüftung von »1982« beim Kosmonaut Festival im Juli 2018 wird der Running Gag von Casimoto im ersten Interview erwähnt. Das deutsche »Detox«? Ein bisschen.

Casper: Ich liebe den Titel immer noch! Das war im Ursprung aber nur ein Aprilscherz. Wir wollten so eine Fake News machen, und dann ist dieser Gag entstanden. Ein Kumpel hat die Meldung dann zum 1. April 2009 im Forum von rap.de gepostet.
Marteria: Rein von der Logik her stellt sich ja schon die Frage: Warum sollte Cas eine Platte mit Marsi machen? Das war einfach Quatsch.

DER DRUCK STEIGT

In jedem Witz steckt ein wahrer Kern. Der Mythos Casimoto ist Ausdruck eines uralten Wunsches, der mit »1982« fast zehn Jahre später in Erfüllung geht. Deswegen spielen Marteria und Casper auch heute noch mit diesem Gag. So war der Name Casimoto angelehnt an das gemeinsame Projekt von Madlib und Jay Dee, die 2003 als Jaylib den Underground-Klassiker »Champion Sound« veröffentlichten. Dass die erste Single von Casper und Marteria genauso heißt, beweist, wie eng Cas und Mar trotz ihres Popstarstatus mit HipHop verbunden geblieben sind. Is so ’n Insider-Ding.

Ein reines Spaßprojekt soll »1982« trotzdem nicht werden, als sich Marten und Benjamin vor rund anderthalb Jahren zum ersten Mal mit ernsthafter Absicht dafür zusammensetzen. Obwohl damals bereits erste Synergien festgestellt werden (»Da haben wir schon ein paar Beats gepickt«, sagt Casper), müssen sich beide erst einmal freischaufeln. Casper hat die anvisierte Veröffentlichung seines dritten Majoralbums »Lang lebe der Tod« gerade folgenschwer zurückgepfiffen, Marteria produziert derweil zu seinem Album »Roswell« einen kompletten Kinofilm. Hier treffen sich eben nicht nur zwei Rapfans zur Freestyle-Session, sondern es fusionieren echte Wirtschaftsunternehmen.

Marteria: Es war klar, dass wir erst noch unsere Alben machen müssen. Wir brauchten aber auch ein paar Voraussetzungen: Wir müssen Fans voneinander sein, wir müssen easy bleiben und vor allem miteinander reden. Das war im Grunde auch gar nicht problematisch, aber wenn man mal ehrlich ist, haben Casper und ich uns oft nur auf Partys getroffen. Eine tiefere Ebene haben wir dadurch nicht zusammen erreicht.
Casper: Das war ein ganz neues Kennenlernen. Uns war wichtig, dass wir nicht einfach zehn, zwölf geile Tracks abliefern; es ging nicht darum, dass es ein wirtschaftlich lukratives Projekt wird, das wir kurz durchziehen. Es sollte einen tieferen Rahmen haben.
Marteria: Wir wollten es auch nicht zu früh erzählen. Es hätte schließlich passieren können, dass wir nach zwei Songs merken: Es funktioniert nicht. Nicht mal unsere Mütter wussten davon! Wir haben uns erst mal gefragt: Was sind unsere Verbindungen? Wir sind beide Jahrgang 1982. Wir haben beide steile Karrieren hingelegt. Ich komme aus dem Osten, er aus dem Westen – das ist doch eine geile Idee, diese Geschichte aus zwei Blickwinkeln zu erzählen.
Casper: Es ging immer um die Story – vom Beginn bis jetzt. Anfangs war »1982« auch viel kleinschrittiger konzipiert: hier der Song über diese Phase, dort der Song über jenen Moment und so weiter. Das sollte aber nicht wie eine Tageszeitung wirken, also haben wir es vermengt. Das Intro »1982« erzählt jetzt unsere Vorgeschichten, »Champion Sound« ist das kurze Abfeiern und dann geht es bei »Omega« schon mit den Gemeinsamkeiten los: »Kennst du das noch? Auf doof im Auto mit fünf Freunden rumfahren, weil nichts geht.« Dieses Gefühl kennen wir halt beide.

Schon im Opener des Albums wird klar: Die sonst so bildhaften Metapherngemälde von Marteria und die durchkonzipierten Lebensgefühl-Lyrics von Casper sind einem linearen Erzählstrang gewichen. Die Raps sind lupenreiner Klartext, selten kryptisch. Das Spiel mit der Doppeldeutigkeit schlägt sich dieses Mal auf anderer Ebene nieder.

Casper: Wir kamen irgendwann auf die Idee, die gemeinsame Story auch musikalisch umzusetzen. Jeder Beat bildet den Vibe eines bestimmten Zeitraums ab: »Champion Sound« referenziert an die Just-Blaze-Ära, »Omega« hat so ein Boombap-Gefühl, »Adrenalin« hat wiederum ein The-Prodigy-Sample, was an Neunziger-Raves erinnert.
Marteria: Klar, am Ende sind es vielleicht ­hundert Leute, die dieses Konzept nachvoll­ziehen können, aber uns war das einfach wichtig. Das ist die Mucke, die wir feiern.

Marteria und Casper wollen ein Statement setzen – für Leichtigkeit, für Einigkeit, für HipHop. Im Gegensatz zu anderen Fusionen im Deutschrap, die nicht selten zu reinem Zielgruppen-Matching avancierten, will »1982« in erster Linie das verlässliche, aber auch lockere Gefüge einer Band ­ausstrahlen. Das braucht aber eben auch die Intimität einer solchen, wie beide betonen.

»Wir sind irgendwo ja auch Popschweine und wollten Hits schreiben«

Marteria: Wir haben erst bei Ben zu Hause geil abgekumpelt und tolle Songs geschrieben. Dann waren wir an der Ostsee bei mir und haben langsam ein Gefühl des Gemeinsamseins entwickelt. Die letzten zehn Jahre hatten wir ja auch immer nur die Verantwortung alleine, jetzt konnten wir uns das endlich mal teilen. Das war eine Erleichterung.
Casper: Nach dem ganzen Krampf bei meinem letzten Album hatte ich einfach Bock auf geile Songs. Das Album sollte Spaß machen, aber auch einer gewissen Größe entsprechen. Wir rappen zwar straight, haben aber trotzdem alles ausproduziert, weil es ja auch kein Mixtape sein sollte. Was ich aber für die Rapper-Ehre sagen muss: Alle Strophen sind am Stück und mindestens bei den ersten drei Takes recordet worden.
Marteria: Wir haben das gut genailt und auch nicht kompliziert aufgenommen. Einmal wollten wir bei Cas geil laut Beats hören und haben im A10 Center [ein Einkaufszentrum im brandenburgischen Wildau; Anm. d. Verf.] eine Box für 80 Euro gekauft …
Casper: … diese Kack-Box! (lacht)
Marteria: Die war der absolute Horror, weshalb wir letztlich doch voll trottelmäßig vor dem Laptop geschrieben haben. (lacht)
Casper: Ey, ich komme soundtechnisch von einem Song wie »Im Ascheregen«, wo from scratch 180 Spuren drin waren mit Bläsersektion, Vibraphonaufnahmen, Marimbas und so weiter. Das brauche ich jetzt mal ein Jahr lang nicht. Aber klar: Wir sind irgendwo ja auch Popschweine und wollten Hits schreiben.
Marteria: Wir haben viel zurückgedacht auf dem Album, gleichzeitig aber auch immer versucht, das Jetzt mit einzubeziehen. Es sind viele interessante Informationen auf dem Album, die die Leute bisher nicht auf dem Schirm hatten.
Casper: Es ging nicht darum, wer die T-Shirt-Zeile des Albums schreiben wird. Ich bin dieses Mal zum Beispiel mehr auf das Instinktive gegangen und habe mich mehr auf Wörter konzentriert, was auch an Martens Einfluss gelegen haben mag. Wir konnten uns einfach aufeinander verlassen und auch Dinge stehen lassen, die wir an anderer Stelle vielleicht gar nicht gemacht hätten. Ein Song wie »Denk an dich«, wo es ja um die Beziehungen zu unseren Frauen geht, konnte erst dadurch entstehen.

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