»Ich feiere R. Kelly und nicht Robert Kelly« // Reezy im Interview

-

Du bist beeinflusst von Künstler aus den Neunzigern. R. Kelly war offensichtlich ein großes Vorbild für dich…
…nicht mehr! (lacht)

Wird für dich da gerade ein Kindheits­idol vom Thron gestoßen?
Ja, leider Gottes schon. Diese Gerüchte gibt es ja schon seit eh und je. Ich habe mich immer dagegen gewehrt und es beiseite geschoben, weil mich seine Musik so krass beeinflusst und inspiriert hat. Jetzt aber, nachdem diese Doku rauskam, merkt man halt mehr und mehr, was für ein ekelhafter Mensch er ist. Ich erwische mich in letzter Zeit immer häufiger, wie ich seine Songs skippe. Trotzdem ist es für mich immer noch nicht so, dass ich sage: R. Kelly ist ein Bastard, und ich höre ihn nie wieder.

Wobei man ihn mit jedem Stream effektiv unterstützt.
Das ist meiner Meinung nach Quatsch. Natürlich verdient er mit jedem Klick Geld, aber die Leute stellen das dar, als würdest du dich damit mit einem Schild auf die Straße stellen, auf dem groß steht: »Ich unterstütze Sexualstraftäter«. Musik ist Kunst. Es gibt viele Künstler, die viele komische Sachen gemacht haben, deren Porträts aber immer noch 40.000 Euro kosten. Ein Jean-Michel Basquiat hat sich Heroin geballert bis zum Gehtnichtmehr. Unterstütze ich jetzt den Konsum von Heroin, weil ich seine Bilder geil finde? Natürlich nicht. Ich feiere R. Kelly und nicht Robert Kelly. Was der in seinem Privatleben macht, ist mir scheißegal.

Also gibt es für dich die klare Trennung zwischen Künstler und Person?
Ja, voll. Seine Aktionen als Privatperson kann ich nicht zu einem Prozent verteidigen oder gutheißen, das muss ich klar sagen. Aber ich sehe es wie Kanye, der gesagt hat: »We can still enjoy the art.«

»Manchmal denke ich, ich bin ein bisschen zu weich geworden und muss mal wieder bisschen härtere und ekelhaftere Sachen schreiben«

Bist du beim Schreiben deiner Texte vorsichtiger geworden aus Angst, Leute könnten dich falsch verstehen? Immerhin hast du auch explizite Inhalte.
Im Gegenteil: Manchmal denke ich, ich bin ein bisschen zu weich geworden und muss mal wieder bisschen härtere und ekelhaftere Sachen schreiben. In einer Zeit, wo man immer mehr aufpassen muss, was man sagt, ist das große Ganze immer noch Kunst. Future hat es letztens in einem Interview perfekt auf den Punkt gebracht: Er meinte, in den Nachrichten würde täglich gezeigt werden, wie irgendwelche Kids von Polizisten abgeknallt werden, während von Rappern verlangt würde, ihre Musik zu zensieren. Solange im deutschen Fernsehen Titten zu sehen sind, werde ich auch meine Musik nicht zensieren. Wenn ich eine Line habe, die geil ist, nehme ich die auch und denke nicht zu lange darüber nach.

Ist es ein deutsches Problem, dass R’n’B hierzulande nicht wirklich funktioniert?
Egal ob 112, Keith Sweat oder R. Kelly – es geht in den Liedern zu 95 Prozent um Sex. Wenn so ein Song wie »Rack City« auf Deutsch rauskommen würde, würden die Leute denken: Was ist das denn für ein perverser Wichser? Im Endeffekt ist Frauenarzt Tyga auf Deutsch. (lacht) Das ist für den Deutschen zu pervers, weshalb man diese Sparte nicht einfach so auf Deutschland übertragen kann. Man muss was Eigenes machen. Das versuche ich.

Was willst du mit dem Debütalbum erreichen?
Den Leuten zeigen, dass ich der einzige Künstler in Deutschland bin, der Sachen anders macht. Hand aufs Herz: 80 Prozent von Deutschrap hört sich im Moment gleich an. Es werden sehr ähnliche Beats gepickt, es ist oft dieselbe Herangehensweise. Ich will Kids inspirieren, auf DIY ihren eigenen Shit zu machen. Ich nehme Musik ernst und will nicht nur Erfolg und Geld generieren. Mein Ziel ist es, die Deutschrapszene zu verändern.

Und wie?
Ich schaue nicht nach Amerika oder Frankreich. Ich weiß nicht, ob deutsche Rapper das nicht checken, aber die Hits aus Amerika wurden vor sechs, sieben Monaten aufgenommen. Der Künstler ist wahrscheinlich in diesem Moment schon wieder an was ganz anderem dran – das die dann nach weiteren sechs Monaten noch mal kopieren und somit wieder ein halbes Jahr zu spät dran sind. Meine Single »Gefühl für die Zeit« hat beispielsweise gar keine 808, obwohl man die grade überall hört, selbst in jedem Popsong im Radio. Selbst jemand wie ich, der Trap-Musik krass feiert, auch härteren Trap, sage dir: Du musst nicht zwingend eine 808 benutzen. Nimm stattdessen mal ein paar Techno-Plugs oder so. Sei kreativ, experimentiere rum, schau auf andere Genres, sample ein bisschen! Dann wirst du deinen Sound finden. Ich habe es mit »Teen­ager Forever« ja auch geschafft. (grinst)

Text: Juri Andresen
Foto: DIESERBOBBY

Dieses Feature findet ihr in der aktuellen JUICE #191. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

- Advertisement -

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

- Advertisement -