PNL – Deux Frères // Review

Statt wie bisher die gesamte Klang­atmosphäre pro Release auf eine neue Ebene zu hieven, machen PNL dort weiter, wo sie beim letzten Album aufgehört haben und gehen eher ins Detail.

(QLF Records / Groove Attack)

Wertung: Viereinhalb Kronen

Da ist es also: Das meist erwartete Album des Jahres, zumindest in Frankreich. Aber auch hierzulande und in aller Welt wird auf die Brüder Ademo und N.O.S. geschaut, die sogar Drake verbieten, ihren Song zu covern, weil nun mal alles in der Familie bleibt. Die Hardfacts sind bekannt: QLF als Labelname und Lebenseinstellung, Features sind die große Ausnahme und mit der Presse wird nicht gesprochen. Scheiß auf alles, die Welt ohne Kompromisse ficken und dann von der Bildfläche verschwinden ist der Plan. Nun liegt das vierte Kapitel dieser mystischen Sage vor uns, die bisher von Album zu Album konstant neue Maßstäbe setzte. Das Problem ist, dass ich nur drei Tage Zeit habe um es zu bewerten, obwohl PNL Alben wie in französischer Weinschlürf-Tradition eine gewisse Zeit brauchen, um sich voll zu entfalten. Selbst in der langen Phase zwischen der letzten Single des Vorgängers »Dans la légende« und der ersten Auskopplung von »Deux frères« bewiesen über 2 Millionen monatliche Spotifyplays den Langlebigkeits-Charakter dieser erstaunlichen Musik. Wie also darüber reden? Beginnen wir mit dem offensichtlichen: Die beiden Prinzen von Paname haben Frankreich längst erobert. Das Land liegt ihnen zu Füßen, während sie auf dem Eifelturm thronen und eine allgemeine Beliebtheit erfahren, von der Hampelmannpräsident Macron wohl träumen dürfte. Tarik und Nabil sind angekommen, und das zeigt sich auch in ihrem Sound. Der Peace-N-Lovés-typische Synthieflächennebel lichtet sich und die Stimmungen fallen deutlich klarer aus als gewohnt: Weder hat man sie je so blendend gelaunt wie auf dem 2018-Sommerhit »91’s« erlebt, noch so resigniert wie in der Ballade »A L’Ammoniaque«. Im Spektrum dazwischen wird viel mit Effekten experimentiert und mit Worten jongliert (»J’remplace centimes par sentiments«, sinngemäß: »Ich ersetze Gefühle durch Geld«). Immer radikal eigen, immer geschmackvoll und immer mit nostalgischem Blick in die Ferne. Wo bei vielen anderen der Pathos-Overload in Lächerlichkeit münden würde, hält hier die Vision und ihre präzise Umsetzung dem Cringe-Kick stand und erschafft eine SlowMo-Welt um vermeintlichen inneren Frieden durch materiellen Reichtum. Trotzdem ist eine klare Linie deutlich erkennbar, und so klingt »Hasta La Vista« wie die Fortsetzung von »Luz De Luna«, während »Déconnecté« ein bewegender zweiter Teil von »Humain« sein könnte. Ob das zum vielfach beschworenen Klassiker reicht oder nicht, wird sich zeigen. Fest steht jedenfalls: Statt wie bisher die gesamte Klang­atmosphäre pro Release auf eine neue Ebene zu hieven, machen die PNL dort weiter, wo sie beim letzten Album aufgehört haben und gehen eher ins Detail. Letztendlich geht es hier aber eh um mehr als nur ein einzelnes Album, denn wie Twitter-Legende Abu Harry es schon perfekt zusammenfasste: »Bruder, es gab nie so AC/DC, Queen, Oasis, Beatles für Kanaken – dann kam PNL.«

Text: Yacine Hollmann

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