Neromun: »Hier wird die Schwäche und das Kaputtgehen betont« // Interview

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Neromun geht mit seinem Album »Blass« neue Wege – vom neuen Künstlernamen, über den neuen Sound bis zu neuen Perspektiven, die seine Musik bestimmen. Das Album ist von R’n’B beeinflusst und erschafft sphärische Klangräume, in denen Neromun seine Identität, sowie die eigene Schwäche mit fetzenhaften, melodischen Autotune-Verses verhandelt. Damit hat der Mainzer eines der spannendsten experimentellen Werke dieses Jahres – zumindest im deutschsprachigen Bereich – veröffentlicht und vielleicht die Tür für eine hierzulande kaum existente Art von sensitivem Rap aufgestoßen, der eher Oberfläche als Inhalt ins Zentrum stellt. Wir haben uns mit Neromun über seine Weiterentwicklung, das Blass-Werden und die Bedeutung von Ikonen unterhalten.

Foto: Pauline Shey

Meine erste Frage bezieht sich auf ein Zitat von dir, das im Pressetext zu deinem Album stand: »Mein Anspruch war, R’n’B auf Deutsch zu machen, ohne dass es cringy ist.« Eine Entwicklung, im Vergleich zu früheren Battlerap-Zeiten, war auch schon auf deinen letzten Releases zu hören, trotzdem stellt »Blass« nochmal einen größeren Schritt dar. Wie ist es dazu gekommen?
Es ist auf jeden Fall ein anmaßender Satz im Pressetext. Den habe ich auch nicht genau so gesagt, ich meinte eher so »R’n’B Type-Stuff«. Denn eigentlich meine ich damit eher melodiösen Rap-Shit und es ist am Ende auch Rap-Shit. Von der Attitüde und den Texten her ist es kein klassisches R’n’B-Metier und ich kann gar nicht so gut singen, dass ich crazy Melodien und Verzierungen abziehen würde.

An sich hat die Entwicklung schon auf der »Sequel«-EP angefangen. Ich komme auf jeden Fall von A Tribe Called Quest, J Dilla, Slum Village und so, aber ich komme genauso von Kanye West, Pharrell, Destiny‘s Child und Nelly. Als ich klein war, war das zu gleichen Teilen das Game. Diese eine Seite, die ich genauso feier‘, musste immer so ein bisschen versteckt werden, weil es im Untergrund einfach nicht en vogue war. Bei der »Sequel«-EP war ich zum ersten Mal selbstbewusst genug, um diese Flavours rauszulassen, die Südstaaten-Flavours, die melodiösen Flavours. Bei »Cuck« habe ich dann wieder ein bisschen zurückgerudert. Ich weiß nicht genau warum. Vielleicht wollte ich beweisen, dass ich richtig gut rappen kann. (lacht) Dann kam der Lockdown, davor war ich mit JuJu Rogers auf der »Black History Month«-Tour, die dann unterbrochen wurde. In der Zeit konnte ich reflektieren, was ich mit meinem Leben anfange und in meiner Kunst mache, und habe extrem gemerkt, wie ich mich immer ein wenig an die Untergrund-Szene, die schon sehr weiß ist, angebiedert habe. Mindestens in ihren Dogmen und was als cool oder eben nicht cool gilt. Ich habe auch reflektiert, wie ich mich insgesamt in meinem Leben an weiße, männliche Strukturen angebiedert habe. Ich wollte halt beweisen, dass ich mindestens genauso schlau bin. Das ist einfach weggefallen. Mir ist klar geworden, dass ich aufhören muss, diesen Scheiß zu machen, um zu beweisen wie clever ich bin, um meinen eigenen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden. Ich bin da zu alt für. (lacht) Gleichzeitig habe ich angefangen mit alten Homies Musik zu machen, mit denen ich vorher keine Musik gemacht habe. Dann war relativ schnell klar, dass wir diesen Teil, den ich lange unterdrückt habe, nach vorne holen, weil es auch von den anderen Jungs voll das Game ist.

Was genau heißt das, wenn du die Untergrund-Szene, in der du selbst stattgefunden hast, als zu weiß beschreibst? Und ist das Album mehr Ausdruck deiner Identität als Person of Color als es deine Musik davor sein konnte?
Ja genau. Spätestens auf der Tour mit JuJu, aber auch schon davor, habe ich viel über Blackness gelernt. Ich habe diese Fragen immer gerne verdrängt, weil ich mich nicht mainly darüber definieren wollte Schwarz zu sein. Ich dachte, ich kann nicht einfach, nur weil ich Schwarz bin, mein Leben damit verbringen, Schwarze Themen zu behandeln. Aber es war schon ein bisschen stupid. Ich habe viel von JuJu gelernt und einfach in neuen Kontexten gehangen, die viel Schwärzer waren. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie viel entspannter ich mich fühle, wie viel weniger Korsett ich tragen muss, wenn der ganze Raum braun ist. Das habe zum erstem Mal so richtig vor drei Jahren gelernt und ich war so »Woah, wie verrückt. Wie viel entspannter das ist.« Das hätte ich nie gedacht.

Die Untergrund-Szene, in der ich mich bewegt habe, ist ja schon sehr pluralistisch aber auch relativ mittelständisch und weiß. Es war eben dieser Huss&Hodn-Film. Ich bin halt weder mittelständisch noch weiß und habe nicht diesen Background. Ich habe irgendwann gemerkt wie restriktiv diese Untergrund-Szene ist. Wie es immer heißt, die Leute verkaufen sich und passen sich an den Mainstream an. Aber gleichzeitig musst du dich extrem anpassen, um in dieser Untergrund-Szene zu überleben. Es wird in den letzten Jahren lockerer, teilweise durch Schwarze Menschen wie Kwam.E. Aber als ich in die Szene kam, hätte ich keine Kette sporten können. Ich wäre dafür gedisst worden, dass ich überhaupt Schmuck getragen hätte. Das ist saulustig. Weil es im Endeffekt auch ein homophobes und queerphobes Game ist, eben ein ganz weirdes Game. Du darfst auf keinen Fall fresh sein, auf keinen Fall auf diese Schiene kommen. Das war früher das Ding und ist eben ein weißer, mittelständischer Ansatz an Kapitalismuskritik.

»Ich habe gemerkt, dass ich es viel interessanter finde Oberflächen zu beschreiben, als irgendwelche Aphorismen über gesellschaftliche Inhalte zu bringen.«

Hast du dann versucht einen Ansatz zu wählen, der dem explizit gegenläufig ist und bewusst viele Sachen unterbringt, die vorher nicht stattfinden konnten.
Es war gar nicht mal so konzeptuell, dass ich mir gedacht hätte, ich gehe gegen bestimmte Sachen. Es kam aus dieser Lockdown-Phase, in der mir viele Sachen klargeworden sind, danach ist es ziemlich organisch entstanden. Ich habe angefangen zu freestylen, statt eine oder zwei Wochen an einem Sechzehner zu sitzen. Den Vibe viel unmittelbarer rauslassen. Bestimmt die Hälfte der Texte auf dem neuen Album sind Freestyle-Texte. Es ist also nicht besonders gegen den Untergrund, sondern zum Beispiel eher pro Oberflächen. Ich habe gemerkt, dass ich es viel interessanter finde Oberflächen zu beschreiben, als irgendwelche Aphorismen über gesellschaftliche Inhalte zu bringen. Wenn ich die Oberfläche einer Situation beschreibe, schwingt da viel mehr mit und es ist noch offener und noch weniger ein durchdachter Geist dahinter, der dir sagt, dass du dies und jenes denken sollst. Es sind offenere Vibes und jede Person kann rausziehen, was sie will. Es geht mir mehr ums Wie: Wie Sachen aussehen, wie Sachen klingen. Zum Beispiel war mir die Lautlichkeit von Texten schon immer wichtig, aber bei diesem Album eben noch mehr als das Was.

Gut, dass du das sagst. Das bedeutet immerhin, dass du die Texte absichtlich so offen gelassen hast und ich beim Hören nicht alles übersehen habe, was sich hätte konkret interpretieren lassen. Denn du lieferst in den Texten kaum ganz konkrete Ansagen.
Ich glaube, es ist auf eine Art einfacher sich der Musik anzuschließen, wenn es so offen bleibt. Gleichzeitig gibt es schon Motive, die sich ein bisschen durchziehen. Zum Beispiel das Motiv der Auflösung. Es gibt ganz viele Texte, in denen Körper auseinanderfallen, oder die Brust so eng wird wie ein Grab, oder ich endlich schwach genug bin, um zu kriechen. Es gibt auch viel Drogenexzesse, Texte die Druggy- und Orgy-Type-Shit sind. »Telfar« ist eigentlich eine Orgy-Beschreibung, nur relativ poetisch, aber eigentlich geht es um Sex. Die Themen auf dem Album sind schon basic Rap-Themen – Sex Drugs, Rock’n’Roll. Nur mit dem Twist, dass ich ein bisschen verletzlicher bin und mein Körper kaputter ist, als die meisten im Rap-Kontext. Wo man sonst eher seine Stärke und Unversehrtheit herausstellt, wird hier die Schwäche und das Kaputtgehen betont.

In »Telfar« taucht auch das körperliche Motiv des Blass-Werdens auf, das an den Albumtitel anschließt. Ist das nur als körperliche Beschreibung zu verstehen oder spielt das genauso in das Thema der Identität, über das wir schon gesprochen haben, rein?
Ja schon, es sind diese ganzen Layer. Es ist zum einen das Nicht-Gegessen-Haben, Nicht-Geschlafen-Haben, was bei mir schon oft der Fall ist. Dieses Mehr-Drogen-Als-Essen-Intus-Haben und deswegen hella blass sein. (lacht) Dazu bin ich light-skinned und einfach ein blasser N****, das schwingt da auch extrem mit. Es ist dieses Motiv der Schwäche, das man im Sinne der Radical Softness hinstellt und sagt: Ich bin super blass, aber ich bin trotzdem super cute. (lacht)

Und wie gesagt, viele Vibe-mäßige Stellen handeln davon, wie man blass wird. Oder auch metaphorisch blass wird, weil man auseinanderfließt, weil man zu viel Keta genommen hat. Bei »Red Apple« wird das sehr surreal beschrieben. »Red Apple« beschreibt eigentlich nur, wie ich abends einen Booty Call bekomme, ins Taxi steige, dahin fahren und dann ist es eine Party. Das ist wirklich Real Talk: Ich bin aus dem Taxi gefallen, weil ich so dumm auf Keta war. Ich rappe so: »Ich steck noch mit dem Fuß fest, was macht das schon. Ich liege auf der Straße wie Geld«. Es war wirklich so. Man liegt nachts stupid high im Taxi, zergeht schon in den Sitzen, will dann aussteigen und der Körper macht, was er will.

Wenn diese Story so real war, ist dann auch »Eric Satie auf den Headphones« real gewesen? Das ist auch ein weirder Film.
Tatsächlich weniger Eric Satie, der reimt sich einfach gut. Aber Ravel und Debussy sind das Game! Ich pumpe zum Chillen oft Debussy. Ich kann das voll empfehlen, gerade wenn man im Auto ist. Das ist so prozesshafte Musik, die den Flow mitgeht, weil es keine Loops gibt. Ich bin auf diese Party gesteppt, hatte Ravel auf den Kopfhörern und habe mich erstmal in eine Ecke gestellt und gechillt.

Auf deinem Song »Siblings« erklärst du deine Geschwister zu Ikonen. In welchem Kontext kann man diese Geschwister, also die Siblings, hier verstehen?
Mit Siblings sind tatsächlich alle nicht-weißen Schwestern und Brüder gemeint – »Meine Geschwister sind Ikonen« Das war tatsächlich auch ein Freestyle-Satz, der einfach kam und ich war so: Woah. Das ist ein crazy Satz, der aber auch crazy accurate ist. Ich habe den erst im Nachhinein mit dieser Tiefe gefüllt, denn der Vibe war einfach der Vibe dieses Satzes. Diese Oberfläche der Worte, das Wort Ikone ist krass. Es geht um meine schwarzen Brüder und Schwestern, die ich als Ikonen proklamiere. Diaspora – wir sind alle Kopien ohne Original, weil man so entwurzelt ist. Die meisten Menschen in der Diaspora wissen nicht wirklich, wo sie herkommen. Im katholischen Sinne ist es das Ding, dass man Ikonen hat, zum Beispiel von Baby Jesus, was sich nicht auf ein wirkliches Original bezieht, sondern endlose Kopien sind. Von nichts quasi. Genauso ist es bei Schwarzen Menschen, weil wir dieses Original nicht mehr kennen, so entwurzelt sind und quasi aus dem Nichts neue Mythen und Riten geschaffen haben. Die ganze Popkultur ist, hart gesagt, der Versuch Schwarzer Menschen, sich wieder eine Religion zu schaffen, neue Mythen und Riten zu schöpfen. Daraus wurde unsere komplette Popkultur, die wiederum von weißen Menschen vereinnahmt und kapitalisiert wird. Das ist der andere Aspekt dieses Satzes: Selbst wenn es dir dein Kontostand und andere Menschen nicht zeigen, sei dir gewiss, dass du eine Ikone bist. Dass du diese Menschen unfassbar inspiriert und dass jede dieser Personen, die sich in der Bahn nicht neben dich setzt, trotzdem mindestens ein Klamottenstück anhat, was Schwarz inspiriert ist, mindestens Musik hört, die Schwarz ist.

»Dadurch, dass man ausgeschlossen ist […], hat man eine sehr spezifische und sehr produktive Kraft, die die Möglichkeit hat, diese Strukturen auseinanderzusprengen.«

Auf »Persil« taucht das Motiv der Entwurzelung und des Daseins ohne Zuhause nochmal auf, wo es für mich eher eine Perspektive auf Ausgeschlossenheit aufgemacht hat. Das kommt daher, dass ich irgendwie davon ausgehe, dass du trotzdem einen inneren Drang nach einem Zuhause hast. Ist das überhaupt so?
Ne, gar nicht. Man hat sich schon lange damit abgefunden, dass man im Exil hängt. Gerade der Satz davor: Ich hab nur neues Geld, ich brauche keine Wurzeln zu ziehen, mein Geld braucht auch keine neuen Wurzeln zu schlagen. Ich werde das nicht anlegen und versuchen, daraus »Altes Geld« zu machen, das ich meinen Kindern vererben könnte. Sondern: Dat shit be dead in a week. Das ist meine Art, mit Kapitalismus umzugehen. Ich bin eh Zuhause zu Gast, am losen Ast, häng überall im Exil. Es ist schon sad, aber es ist auch eine Standortbestimmung. Dadurch, dass man ausgeschlossen ist – und das ist ja nicht nur bei Schwarzen Leuten der Fall, sondern zum Beispiel auch bei queeren Menschen und Frauen – hat man eine sehr spezifische und sehr produktive Kraft, die die Möglichkeit hat, diese Strukturen auseinanderzusprengen. Dadurch, dass man immer außen vor steht, kannst du die Strukturen erst richtig aufbrechen. Man wird ausgeschlossen und dann ist viel Shit, den man macht, außerhalb dieser Strukturen zu Geld und Macht zu kommen. Wenn man weiß, der direkte Weg zu Macht und Geld ist einem versperrt. Aber dadurch, wenn man außen rum geht, wackelt man schon an diesen Strukturen. Dann kommen Fragen wie: »Warum fährt dieser Azzlack einen 3er-BMW?«, »Wie kam der dazu?«

Voll. Das sind auch Kontexte, die ich zum Beispiel bei Rap aus dem UK oft wahrnehme, wenn es darum geht, andere Wege »around the system« zu finden, weil Schwarze Menschen dort in bestimmte Strukturen geführt werden, in denen sie eigentlich unterdrückt und diskriminiert werden. Danke, dass du diesen Ansatz hier nochmal in Bezug auf deine Lyrics erklärt hast, weil vom Bloßen hören hätte ich das wahrscheinlich nicht rausgezogen.
Immer gerne. »Persil« ist ein ziemlich alter Text und ein voll gutes Beispiel, weil ich da noch so tief analysierend einen Aphorismus picke: »Zuhause zu Gast, am losen Ast, häng überall im Exil.« Das ist ja keine Beschreibung von irgendwas, sondern jedes Wort darin ist ein idealistisches. Alles ist metaphorisch gemeint, es gibt nichts zum Festhalten. So schreibe ich heute eigentlich nur wenig. Heutzutage wäre es für mich viel geiler zu schreiben: »Ich sitz‘ in nem 3er-BMW.« So mäßig. Oder diese Form des BMW’s zu beschreiben oder meine Form darin. So würde ich es jetzt schreiben.

»Beau Sketch« ist einer der wenigen Songs mit Featuregästen. Young Meyerlack, Keke und Slave L sind mit drauf, die alle recht unterschiedliche Musik machen. Ich habe mich gefragt, ob du sie auch deswegen ausgewählt hast, weil sie in ihrer Musik ihre Verletzlichkeit offen thematisieren?
Ja schon. Slave L ist ein Homie aus meiner Crew, er hat den Beat für »Siblings« gemacht. Bei »Beau Sketch« gibt es am Ende dieses lange Outro, wo einfach nur sau sphärischer Gesang reinkommt – das ist Slave L. Mit Keke habe ich schon länger online Kontakt gehabt, ich habe sie leider noch nie getroffen, aber feier‘ ihren Style schon immer. Dieses Verletzliche, dazu textlich einfach sehr spannend und gleichzeitig hat sie ein sehr gutes melodisches Gespür, darauf achte ich sehr. Ich finde ihre Melodien sehr sophisticated. Ein anderer großer Teil von nicht cringy singen ist einfach spannende Melodien zu haben, was in Deutschland zu wenig passiert, das ist oft sehr schlagermäßig. Young Meyerlack aka Ali Whales ist auch ein Homie, schon ewig lange, seit seinen »Kevinismus«-Zeiten. Ich liebe ihn, wir haben schon lustigste Feestyle-Abend zusammen verbracht. Ich hatte diesen Track und habe mich mit Ali hier getroffen. Er fand die Vibes krass und dann kam schnell der Part dazu. Mit KeKe war es so, dass ich ein bisschen Kanye- oder Tyler, The Creator-mäßig an den Song rangegangen bin und dachte, dass irgendetwas noch fehlt. Ich hatte mit Keke eh schon Kontakt und habe sie gefragt, ob sie einen kleinen Twist dazu machen möchte. Sie hat eigentlich noch viel mehr gemacht, alle haben viel mehr gemacht und ich habe es am Ende kuratiert und zusammengebaut. Insgesamt ist der Kreis relativ klein, sonst ist nur Naru drauf, der auch ein guter Homie ist.

Ich hatte für das Album aber auch ein, zwei blöde Sachen. Ich hatte einen recht bekannten Menschen drauf, der am Ende, als er gemerkt hat, dass auf dem Album ein paar Zeilen sind, die ein bisschen queer sind – von wegen, dass sich N***** die Lippen nach mir lecken und sich und ihre Körper erst wegen mir entdecken – meinte, dass das nicht klar geht. Zu Homophob. Solche Dinge sind mir also auch passiert. Das war eine Person, mit der ich keine persönliche Session hatte, sondern nur online in Kontakt war. Dann merkt man irgendwann, dass der Typ voll homophob ist und das gar nicht klar geht.

Das ist sehr uncool.
Ja. Rap. Deutschrap.

Ein anderer Punkt, auf den ich noch kommen wollte, sind die Melodien, von denen du gerade schon meintest, dass sie sehr wichtig sind, wenn es nicht cringy werden soll. Hast du davor schon großflächig mit Autotune gearbeitet oder war das ein neues Einarbeiten?
Ich habe schon seit der »Sequel«-EP mit Autotune gearbeitet, selbst auf »Cuck«, obwohl man es da weniger hört. Das ist also ganz normaler Bestandteil meiner Vocal-Spur. Dadurch, dass ich jetzt auf jedem Track singe und es sehr melodiös ist, muss man sich halt arrangieren. Ich bin jetzt kein Frank Ocean oder Brent Faiyaz, aber kann schon singen. Ein Weg ist es, so Travis-mäßig über Processing zu einem Sound zu kommen, den man will. Man macht einen Song und arbeitet danach erstmal noch drei, vier Tage, mixt und processt, bis er fertig ist.

Wie hast du dabei deinen eigenen Sound gefunden, der sich jetzt so konsistent durch das Album zieht, dass es diesen Vibe ergibt. Gab es da nicht tausend verschiedene Möglichkeiten, die man hätte wählen können?
Beim Schreiben oder Freestylen von Songs habe ich immer schon eine sehr klare Vision davon, wohin es am Ende gehen soll. Ich habe mir letztens aufgeschrieben, wie spannend es ist, dass man bis vor 15-20 Jahren wirklich nur Songs schreiben konnte, die man auch handwerklich machen konnte und das gesangliche Repertoire dafür hatte. Heute kann ich mir Sachen vorstellen – und das ist wirklich eine spannende Entwicklung. Zum Beispiel, wenn ich Refrains im Kopf habe, denke ich: »Wow, das kriegen wir niemals ansatzweise so hin, wie es in unserem Kopf ist.« Dann fängt man an und nach einem Tag Mixing ist man schon fast da. Das ist gar nicht langweilig, sondern ein sau geiles Ding, weil sich meine Vision währenddessen schon noch ein wenig ändert und ich die technischen Möglichkeiten bemerke, die nochmal über das hinausgehen, was ich mir vorstellen kann. Man macht die Songs noch im Nachhinein, das macht voll Bock.

»Wir wollten ein bisschen den Bedroom-Vibe behalten – einen verletzlichen, auch sympathischen, nicht so super sleaken Vibe.«

Ich weiß, dass Torky Tork »Persil« produziert hat und Slave L auch am Start war. Gibt es sonst noch Leute, die an den Beats mitgearbeitet haben?
Baby Drama ist noch ein Name, der im Business weniger bekannt ist, aber sehr dope Beats baut. Er hat »Limbo« und »Leckma« produziert. »Cortez« haben wir zu dritt produziert, also Slave L, Baby Drama und ich. Wir zu dritt haben dieses Album größtenteils gemacht, dazu kommt Torky und bei »Red Apple« hat S. Fidelity noch mitgewirkt.

Nach welchen Beats hast du Ausschau gehalten und hat sich das während der Entstehung des Albums nochmal verändert. Aus meiner Sicht ist es sehr flächig und atmosphärisch, während die Drums eher zurückhaltend sind. Trotzdem sind Songs wie »Leckma« und »Cortez« auf meiner Sicht lowkey Hits, nur dass sie nicht so hitmäßig produziert sind.
Es kam alles relativ natürlich in diesem Dreiergespannt, in dem man vibet und ähnliche Referenzen und Inspirationen hat. Ich fange immer mit einem Beat an und schreibe da drauf. Ich hatte eine echt große Auswahl an Beats, habe da aber nicht so konzeptmäßig gedacht, das kam alles natürlich. Wir haben am Ende 40-50 Songs gemacht und dann kam die Auswahl, was auf dem Album zusammenpasst. Es ist echt ein sehr flächiger Vibe und Synth-Vibe. Außer den Drums an sich gibt es keine Samples auf dem Album. Es ist einfach das , was wir feiern.

Was du meinst, dass die Dinger nicht so hittig produziert sind, ist schon spannend – da haben wir schon Krieg geführt. »Cortez« haben wir mit Absicht am radiotauglichsten gemischt, aber bei den anderen war teilweise echt Krieg. Wir wollten ein bisschen den Bedroom-Vibe behalten – einen verletzlichen, auch sympathischen, nicht so super sleaken Vibe. Ein bisschen Bedroom und ein bisschen Unsicherheit. Dadurch werden Songs wie »Limbo« nochmal realer, da geht es im ersten Verse um meine Teenie-Zeit. Wir hatten den so richtig auf Radio-Level, Alles-Knallt-Level gemixt, aber dann gemerkt, dass der Song gone war. Der Vibe war gone, wir mussten ihn wieder richtig zurückmixen. Auch bei »Siblings«, der so ein fragiler Song ist. Wir hatten schon das Master und haben gemerkt, dass irgendwas verloren gegangen ist. Es sind die kleinen Fails und Geräusche. Es gibt ein Geräusch, wo ich meinen Vorhang hier durchziehe, weil ich damit die Booth mache. Bei mir kommen die besten Takes immer dann, wenn ich eigentlich noch andere Sachen mache. (lacht) Wir haben das Geräusch vom Vorhang, dieses »Woosh«, rausgenommen und dann gemerkt, dass etwas total gefehlt hat.

Torky meinte in Bezug auf das Album, dass es für die meisten Leute wahrscheinlich zu verwirrend ist, um es wirklich verstehen und wertschätzen zu können, obwohl es bahnbrechend ist. Ist es dir überhaupt wichtig, eine breite Masse an Leuten zu erreichen?
Ich denke nicht so sehr darüber nach. Aber gefühlsmäßig will ich auf jeden Fall vor 4000 Leuten live spielen. Ich will auf jeden Fall, dass es so viele Menschen wie möglich diggen, weil ich auch finde, dass es ein crazy Ding ist, was wir da abgezogen haben. Auf jeden Fall etwas, das man noch nicht so oft auf Deutsch gehört hat. Aber ich weiß auch, dass die Texte zu weird, zu poetisch sind und den textlichen Normen wenig folgen, wo man sich an jeder Line festhalten kann. Ich kann nicht so abgegriffene Wort und Phrasen benutzten, das macht es für mich cringy und boring. Ich hoffe, dass mehr Menschen über den Vibe dahin kommen zu merken, dass es nicht darum geht, jede Zeile in die Tiefe zu denken. Es geht um die Oberfläche dieser Lines und Worte, darum dass es catcht, bisschen Gänsehaut macht und zum Tanzen anregt. Ich hoffe, dass es funktioniert.

Interview: David Regner
Foto: Pauline Shey

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