Max Herre über sein neues Video: »Manche Leute fragen sich, was ich da eigentlich mache« // Interview

Ein Gespräch über das erste echte musikalische Lebenszeichen seit nunmehr sieben Jahren, die Stadt Athen und Autotune.

Max Herre ist zurück. Sieben Jahre nach dem letzten Studio-Album beweist er, dass er lyrisch und im Einfangen von Stimmungen immer noch in Deutschraps Königsklasse anzusiedeln ist. Wie sich das Comeback für ihn anfühlt, was Athen für ihn bedeutet und welchen Anteil Tua an dem Song hat, darüber haben wir mit ihm gesprochen.

Dein letztes Album »Hallo Welt« ist mittlerweile sieben Jahre her. Wie ging es dir vor der Veröffentlichung von »Athen«?
Das ist immer wieder wahnsinnig spannend. Ich saß mit Unterbrechungen zweieinhalb, drei Jahre daran. Es ist vor allem auch aufregend, weil man heutzutage als Musiker ja selbst am Schalter sitzt. Wenn ich bei Instagram einen Post mache, geht das, woran ich so lange saß, raus und gehört mir nicht mehr. Dann steht es da, um bewertet zu werden.

Was bedeutet Athen für dich? Die Stadt ist ja nicht nur Namensgeber der Single, sondern auch des Albums.
Athen ist quasi in meine Biografie eingewoben. Mein Vater hat dort in den Achtzigerjahren gelebt, mein ältester Onkel wurde da geboren, mein Großvater war dort in den Zwanzigerjahren Hauslehrer. Dementsprechend waren wir als Kinder sehr viel in der Stadt. Das Familiäre ist die eine Ebene. Zweitens gibt es die in dem Song beschriebene Beziehung mit einer Deutsch-Griechin, in der Athen immer ein Sehnsuchts- und Zufluchtsort war. Dann gibt es auch noch die Stadt Athen, die immer schon irgendwie da war und die zurzeit eine wahnsinnige Transformation durchmacht. Da bewegt sich alles. Das spürt man, wenn man da ist. Da war ich auch gerade erst während der Europawahl. Diese Entwicklung ist zwar sehr brüchig, aber auch total spannend, weil die Leute aus der Krise heraus neue Orte besetzen und neue Ideen entwickeln. Das Viertel Exarchia ist zum Beispiel das Kreuzberg Athens, wo zurzeit ein großer Anti-Gentrifizierungskampf geführt wird. Dann läufst du 20 Minuten und stehst in der Agora, dem Ort, an dem die europäische Demokratie erfunden wurde. Das ist einfach total interessant. Deshalb ist mir Athen beim Diggen in meiner eigenen Geschichte und der Suche danach, was ich eigentlich erzählen will, immer wieder begegnet.

»Wir wollten diesen Pink-Floyd-Moment feiern«

Im Song ist eine musikalische Referenz an Pink Floyds »Shine On You Crazy Diamond« zu hören.
Pink Floyd und überhaupt Psychedelic Rock ist eine Riesensache, weil es unglaublich viel Platz lässt und es für mich eine Verbindung zu der heutigen Musik gibt, die so stark Pad-orientiert ist, wo fast nur noch Flächen laufen. Pink Floyd und andere Bands dieses Genres sind eigentlich die Urväter dieser Flächen, die man jetzt in jedem Drake-Song hört. Wir haben uns die alten Synthesizer geholt und auf diesen Ursprungsgeräten Pads gebaut. Außerdem haben Pink Floyd haben mit ihrem »Live in Pompeii«-Auftritt auch eine Ikone geschaffen. Von mir gibt es wiederum Kindheitsbilder aus Epidauros (Amphitheater, Anm. d. Red.). Deswegen war für mich während der Arbeit an dem Song klar, dass ich zurück in dieses Amphitheater und mit der Band diesen Pink-Floyd-Moment feiern will.

Screenshot aus »Athen«

Was hat der Gig von Pink Floyd in Pompeii dir als Musikliebhaber gegeben?
Es ist eines der wichtigsten Zeugnisse der Rockmusik. Es gibt ein paar ikonische Konzerte, und dieses ist definitiv eines davon. Weil – und das ist wichtig zu verstehen – es in den Sechziger- und Siebzigerjahren möglich war, als Band dort zu stehen und vier bis fünf Minuten lange Intros zu spielen, weil dort so viel Platz war für Musik. Das gefällt mir sehr. Auch im Jazz: Diese Möglichkeit, dass man sich in eine Stimmung begibt, die nicht nach zweieinhalb Minuten vorbei ist; dass Musik sich traut, sich zu entwickeln und zu wachsen. Und so ist es bei einem Roadtrip im Endeffekt auch. Mit dem Satz »200 Kilometer Sprachlosigkeit« wollte ich dieses Gefühl spürbar machen. Dieses Fahren ohne zu sprechen, das ist für mich traurig, schön und epochal zugleich.

»Der Song ist aus einem Gespräch heraus entstanden«

Tua hat an dem Song mitgeschrieben. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm? Was gibt er dir?
Wir kannten uns aus dem Stuttgarter Kosmos immer schon flüchtig. Jetzt haben wir uns, auch über die Zusammenarbeit, wirklich eng angefreundet. Witzig ist, dass überall steht, dass er den Refrain gesungen hätte. Aber das singe schon ich. Aber: Als ich im Winter vor zweieinhalb Jahren nach Tel Aviv zum Schreiben abgehauen bin, habe ich Tua für fünf Tage eingeladen. In diesen Tagen saßen wir erstmal rum und haben uns über Gott und die Welt unterhalten, wie man es mit Tua wie mit kaum jemand anderem kann. Damals hatte ich eine musikalische Skizze des Songs und fünf Zeilen rumliegen, von der es nur eine auf den Song geschafft hat. Er fragte mich dann, wen ich bei dieser Skizze im Kopf habe und aus welcher Emotion heraus sie entstanden ist. Und dann ist der Song letztendlich aus einem Gespräch heraus entstanden, in dem wir eben über diese Zeit, die Idee von möglichen Lebenswegen und über die Frage, warum es in manchen Beziehungen mit Menschen nicht klappt, obwohl man es sich wünscht, gesprochen haben. Wir saßen da, sind tagsüber rausgegangen, haben Hummus gegessen und in zwei Nächten den Grundstein für den Track gelegt. Am Anfang des Songs hört man auch eine griechische Sängerin, das ist Melina Kanda. Mir fiel während des Gesprächs ein, dass sie mir dieses Acapella eines ihrer Songs hinterlassen hatte. Mein Vater hat den Text für uns übersetzt und er hat wie die Faust aufs Auge in das Thema gepasst. Dann haben wir angefangen, das Acapella in Tua’scher Manier in den Song einzubauen.

Um den Bogen zum Anfang zu spannen: Wie geht es dir nun nach der Veröffentlichung?
Nachher ist derzeit bei uns vor etwas Neuem. Ich befinde mich gerade im Mix und Master, nächste Woche wird das nächste Video abgedreht. Wir sind also mitten im Prozess. Ende des Monats ist die Abgabe, das Artwork muss auch fertig werden. Dafür war ich mit einem Fotografen und meinem Grafiker auch nochmal in Athen. Aber es fühlt sich erstmal gut an, dass der Song da ist und die Leute mitbekommen, wie »Athen« wächst. Es war ja schon ein Kaltstart. Aber wir wollten einfach gucken, was passiert. Und ich finde es einfach schön, dass die Leute, bei denen es mir wichtig ist, den Song fühlen. Ich fühle mich selbst auch sehr wohl mit ihm und dem Video. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass sich viele Leute fragen, was ich da eigentlich gerade mache.

Damit sprichst du vereinzelte Reaktion auf den Refrain des Songs an. Einige Kommentator*innen haben das Autotune auf der Stimme beklagt. Aber: Du arbeitest da gar nicht mit Autotune, oder?
Nein (lacht). Da haben wir einfach mit der Stimme gespielt, sie tiefer gemacht und leicht verfremdelt. Da ist gar kein Autotune drauf. Aber witzig ist, dass heutzutage jeder Eingriff in die Stimme für die Leute, die Autotune nicht mögen, heißt, dass Autotune dabei sein muss. Autotune ist heute aber auch nicht mehr nur Drake, da gibt es ja auch direkte Deutschrap-Assoziationen. Aber ich finde die Reaktionen total legitim und okay. Die gehen immer mit einer Veränderung einher.

Text: Louis Richter

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here