»Man kann dem Horror nur ein Stück weit entkommen« // grim104 im Interview

grim104 ist mit der ersten Solo-EP seit sechs Jahren zurück und malt ein düsteres und bedrückendes Weltbild. Wir haben mit ihm gesprochen.

Beabsichtigst du auch, dass sich deine Hörer*innen bedrückt fühlen, wenn sie die EP hören?
Ich mache einfach die Musik, die ich machen möchte. Wenn ich in der Stimmung bin, und ich bin oft in der Stimmung, mag ich auch deprimierte, traurige Unwohlsein-Kunst. Ich komme halt aus Norddeutschland. Ich kenne Regen und grau, das ist mein Mindset, das finde ich schon ansprechend.

Denkst du öfter darüber nach, was nach dem Tod kommt?
Es gibt zwei Extreme in mir. Das eine ist, dass unsere Leichen verfaulen und sich die Würmer durch das Fressen, was einmal schön und lebendig war. Dann gibt es noch die Theorie, dass keine Materie verschwindet und dann werde ich halt ein Baum, weil Kohlenstoff bleibt. Aber um ehrlich zu sein ist ein kleiner Teil von mir auch die romantische Vorstellung von Wolken und Leuten, die auf diesen Wolken chillen und machen, was sie glücklich macht. Ob sie besonders realistisch ist, I doubt it. Aber als tröstenden Gedanken finde ich es ganz nett.

Und die Vorstellung davon, im Weltall zu sein? Ist die tröstlich?
Absolut. Alleine, dass du davon träumen kannst, über die Oberfläche des Mondes gelaufen zu sein oder die Erde gesehen zu haben. Das sind ja Sachen, die du in Bildern oder in Film gesehen hast, aber wenn die Situation eine echte Erinnerung ist, wie du aus dem Fenster guckst und da ist die Erde. Ich weiß nicht, was das mit dem Kopf macht, ich stelle mir immer vor, dass das alles umswitcht irgendwie.

Es ist ja auch eine Erfahrung, die sehr wenige Menschen gemacht haben oder überhaupt machen können.
Das finde ich immer schön. Da ist mein Hang zum Elitären und zum Avantgardismus drin. Ich finde es sehr spannend, Sachen zu erleben, nicht weil es möglichst wenig andere erlebt haben, aber zumindest finde ich es schon nice, besondere Dinge zu machen.

Warum hast du gerade Juri Gagarin als Beispiel genommen?
Weil es in dem Song um die Auflösung von Wundern geht und um das Gefühl, dass nichts Besonderes mehr kommt. Es gibt von Juri Gagarin dieses wohl nicht echte Zitat, man sagt es ihm zumindest nach, dass er gesagt hat: »Kein Gott zu erkennen. Ich sehe hier keinen Gott weit und breit.« Es passt so gut zu dieser Entzauberung. Zu diesem Zeitpunkt war es ein Vordringen zu etwas, wo noch niemand gewesen ist, da hätte ja alles sein können. Sogar ein riesiger Mann mit Rauschebart. Das war die Intention.

Deine Beats sind ziemlich modern geworden. Du hast mit Kenji451, Silkersoft und Blvth zusammengearbeitet. Was war deine Vision, als du auf sie zugekommen bist?
Ich bin am Anfang vor allem auf Silkersoft zugegangen, der federführend produziert hat. Ich wollte schon, dass es modern klingt, weil ich einfach Spaß daran habe, was Neues zu machen und Leute zu ärgern. Ich bin mir sicher, wenn ich das nur mit Kenji gemacht hätte, hätte das viele Leute auch gefreut, weil es das heimelige Gefühl der Nostalgie ist. Aber ich hatte gar keinen Bock darauf, Erwartungen zu erfüllen. Nicht, dass ich nicht sehr gerne mit Kenji arbeite, der ja auch unser DJ ist. Aber ich hatte Bock auf einen anderen Sound. Ich wollte eine Horrorplatte machen, die weder nach Horrorcore noch nach der alten EP klingt, sondern technoid, housig, druckvoll. Und da hat sich Silkersoft gut geeignet.

»Unter der Stadt« von Blvth ist ein ziemlicher Banger geworden, bei ihm gibt es immer ein großes Hitpotential.
Absolut. Absurderweise ist das ein Song, den ich gefühlt in zwei Tagen geschrieben habe, während ich mich an anderen Sachen gequält habe. Ich hatte dieses Erlebnis, dass ich sehr eilig mit der Bahn wohin musste, die Bahn ruckartig abbremst, ganz langsam wird und im Bahnhof stehen bleibt. Leute rennen zur Lok hin, die Türen gehen kurz auf und zu, Licht an, Licht aus. Die verunsicherte Stimme des Lokführers, die durchsagt, dass man sofort die Bahn und den Bahnhof verlassen soll, und ich dachte, es ist soweit, es gibt einen Terroranschlag. Aber dann habe ich bemerkt, dass das ein sogenannter Personenschaden ist, hier hat sich einer vor den Zug geschmissen. Und dann habe ich überlegt, was ist, wenn er nicht vom Bahnsteig auf die Gleise gesprungen ist, sondern aus dem Dunkel, aus dem Tunnel aufgetaucht ist. Dann habe ich daraus an einem Tag „Unter der Stadt« entworfen. Ich hatte noch eine Menge Blvth-Beats auf dem Handy und habe das dann auf einen Blvth-Beat geschrieben und es hat perfekt gepasst. Er hatte zwischen den Kummer-Aufnahmen und irgendeinem Flug nach L.A. noch Zeit und dann haben wir es schnell gemacht.

Du gehst mit der Zeit, genau wie bei den Adlibs. Jemand hat bei Genius geschrieben, dass dein »Grimmie«-Adlib von Timmy aus Southpark inspiriert ist. Fakt oder Bullshit?
Bullshit. Das ist mein Zugeständnis an die Jugend mit einem coolen Adlib. Yolo-Swag! Hi fellow Kids!

Interview: David Regner
Foto: Hotel Rocco

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