»Man kann dem Horror nur ein Stück weit entkommen« // grim104 im Interview

grim104 ist mit der ersten Solo-EP seit sechs Jahren zurück und malt ein düsteres und bedrückendes Weltbild. Wir haben mit ihm gesprochen.

Warum nutzt du auch die bekannten Geräusche der Berliner U-Bahn?
Das macht es atmosphärisch dicht, gerade bei einem Song wie »Unter der Stadt«, bei dem mir gerne vorgeworfen wird, ich würde eine Dystopie erzählen. Aber weil alles der Wahrheit entspricht, finde ich es schön, die Realität in Form dieser U-Bahn-Ansage reinsickern zu lassen.

Generell ist vieles von dem, was auf der EP wirklich Angst macht, sehr real. Dein erstes Jahr in Berlin scheint da ein wichtiger Ausgangspunkt zu sein.
Gerade dieses erste Jahr in Berlin habe ich als feindselig und grau in Erinnerung. Ich hatte hier gar keinen Anschluss. Ich bin mit jemandem hergezogen und wir waren die ersten aus unserem Freundeskreis, die hier waren. Ich habe den ganzen Tag im Krankenhaus gearbeitet, bin im Dunkeln los, im Dunkeln nach Hause. Es ist viel von dem Elend kleben geblieben, was man so geballt und offen gezeigt nicht kennt, wenn man vom Dorf kommt.

Wurden deine Erwartungen an Berlin enttäuscht?
Es gibt schon mehrere Erwartungen, die enttäuscht worden sind. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt in Berlin. Ich wollte nach Kreuzberg, wegen Rap. Ich bin dann in der Nähe des Halleschen Tors rausgekommen und dachte mir: »Das ist jetzt Kreuzberg? Unspektakuläre Wohnblocks, wo sind denn die ganzen Grafittis und die kleinen Comic-Läden, wo sind die Bandposter?« Die andere Sache ist, dass ich mal nach Tempelhof musste und ich dachte: »Das ist das wo Bushido herkommt? Das ist das soziopathische Todesghetto? Das ist eine Gegend zwischen Arbeiter- und Bürgertum, aber wo sind die bedrohlichen Blocks?« Was das angeht, wurden die Erwartungen enttäuscht, aber ich bin ja nach Berlin gekommen, weil ich etwas mit Musik machen wollte und das toll fand. Ich habe allerdings gar nicht mehr damit gerechnet, dass das nur ansatzweise passieren kann. Und jetzt sitze ich hier und führe ein Interview mit der Zeitschrift, die ich mir schon mit 12 gekauft habe. Es wurden auch viele Erwartungen übertroffen.

Wie war eigentlich deine Wohungssuche als du nach Berlin gezogen bist?
Ich bin vor zwölf Jahren nach Berlin gezogen. Das waren noch andere Verhältnisse, zumindest in dem Bezirk, in den ich gezogen bin. In derselben Wohnung habe ich für zehn Jahre gelebt und selbst am Schluss, als ich ausgezogen bin, habe ich für eine 2-Zimmer-Wohnung immer noch 400 Euro warm gezahlt. Also unvorstellbar günstig. Als ich hergezogen bin, war es sehr einfach, eine bezahlbare Wohnung in Berlin zu kriegen. Das hat mich erst erschüttert, als ich aus dieser Wohnung ausgezogen bin und dachte, es ist easy in dem Bezirk eine Wohnung zu kriegen. Und dann bemerkst du, dass da nicht nur hundert, sondern zweihundert, dreihundert Leute bei einer Besichtigung für irgendeine Schrottwohnung sind. Vor zwölf Jahren habe ich mir zwei Wohnungen angeguckt, und eine hat mir gefallen, also habe ich sie genommen. Jetzt muss man möglichst laut vorm Makler sprechen und eine perfekte Bewerbermappe mit Fotos und einem Anschreiben haben. Das sind alles Sachen, die ich leisten kann und ich verdiene mit der Musik genug Geld, um eine Wohnung finanzieren zu können, aber es ist eine absolut bedrückende Dreckssituation. Wenn du das nicht leisten kannst, dann wird es auf einmal richtig schwer. Dann heißt es »Tschüss Wedding, tschüss Kreuzberg. Hi Lichterfelde-Süd, Hi Wittenau.«

»Manchmal hilft es auch, sich der eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst zu werden und die eigenen Sorgen und Ängste wieder zu justieren«

Du verarbeitest generell viele bedrückende Erfahrungen, wie den Tod von Obdachlosen. Wie ist das, wenn man realisiert, was da passiert?
Es kickt rein, wenn du merkst, dass du die alle kennst. Ich kenne deren Namen nicht, aber die Spitznamen, zum Beispiel den »Schweden«. Das habe ich im Kopf, wenn ich in die Bank komme und er liegt da und dann sage ich immer »Skål« und er nuschelt zurück. Das ist natürlich berührend, gleichzeitig gehört es zum Alltag. Es ist tough und hier sterben eben Leute. Beim Beispiel des Obdachlosen, über den man in der Bank steigt, denke ich mir immer: »Krass, du bist ja auch einmal von jemandem geboren worden, du bist auch der Enkel von irgendwem und der Sohn. Vielleicht hat sich mal jemand gefreut, dass du kommst und jetzt stirbst du hier auf Raten in einer Volksbank und ich rümpfe die Nase, weil du ein offenes Bein hast und ich durch den Mund atmen muss, wenn du hier länger als zehn Minuten drin bist.«

Solche Eindücke werfen immer einen Blick auf die Bedeutung des Lebens. Du hast auch die Zeilen »Komm aus dem Nichts, geh‘ in das Nichts« und zwischendurch ist nur ein kurzer Abschnitt …
…voll Schmerz und Dunkelheit.

Genau das. Es wirkt alles sehr bedeutungs- und freudlos.
Das muss man ein bisschen aufpassen, dass man sich nicht zu sehr in diesen Gedanken verliebt. Dass das hier nur ein kurzes Zwischenspiel ist, bevor wir uns wieder auflösen. Damit kannst du dir eine richtig schön schlechte Zeit machen, diese 70, 80 Jahre, die du hier auf der Erde bleiben kannst. Manchmal hilft es auch, sich der eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst zu werden und die eigenen Sorgen und Ängste wieder zu justieren und sich in Einklang zu bringen. Aber wenn man eine gute Zeit haben will, ein erfülltes Leben, dann ist es, glaube ich, gesund sich zu denken: »Ok, das ist nicht umsonst. Vielleicht kommen wir aus dem Nichts und gehen in das Nichts, aber ich kann diese Lebenspanne, die mir vergönnt ist, möglichst positiv ausfüllen.«

Versuchst du das auch?
Ich glaube, man kann dem Horror immer nur ein Stück weit entkommen. Du kannst viele Vorkehrungen treffen, damit er nicht so schnell in dein Leben kommt. Du kannst stabile, gesunde Beziehungen mit Menschen führen, die du gerne hast. Sei gesund, sei fit und mach, was dir Spaß macht. Aber du kannst trotzdem an einem Dienstagnachmittag einen Anruf bekommen, der dein ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Und dagegen wirst du dich wahrscheinlich nicht feien können.

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