Love Renaissance – wie Summer Walker den R’n’B übernimmt // Feature

Ihr R’n’B zeichnet sich weniger durch supersofte Schmusesongs aus. Viel mehr spiegelt Summer Walker auf ihrem Debütalbum »Over It« die umfassende Gefühlswelt einer 23-Jährigen von Wut, Liebe bis hin zu Frustration wieder. Ein Konzertbesuch in London.

Ihr R’n’B zeichnet sich weniger durch supersofte Schmusesongs aus. Viel mehr spiegelt Summer Walker auf ihrem Debütalbum »Over It« die umfassende Gefühlswelt einer 23-Jährigen von Wut, Liebe bis hin zu Frustration wieder. Ein Einstieg auf Platz zwei der amerikanischen Albumcharts und den Rekord für die meisten Album-Streams einer R&B-Künstlerin sind nur die ersten Früchte einer noch jungen Karriere. Eine Woche nach dem Release kam Summer für drei Konzerte nach London, die innerhalb weniger Minuten ausverkauft waren und vorerst die einzige Chance boten, sie in Europa on Stage zu erleben. Unsere Autorin Zina Luckow durfte sich bei der zweiten Show im Electric Brixton live ein Bild von der Künstlerin machen, die niemand Geringeren als Drake zum Fan hat und sogar R’n’B-Legende Usher als Feature gewinnen konnte. Der Hype ist real? Mindestens.

Knapp drei Stunden nach Einlassbeginn betritt Summer die Stage und startet mit ihrer mitsingenden Fangemeinde »Over It«. Nach dem ersten Song lässt sie laszive ihre Jacke fallen und bekommt auf der Bühne Unterstützung von zwei Poletänzerinnen, die dem Publikum einheizen. Summer gönnt sich zwischen den Songs einen Schluck aus ihrem Flachmann, verzieht wenig Miene und performt, als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan, als auf der Bühne zu stehen. Die ständigen Rückkopplungen auf ihrem Mikrofon, die einem Problem mit der Technik geschuldet sind, lassen sie nicht beirren. Ihre Fans kümmert das ebenso wenig. Das mit ca. 1500 Besuchern randgefüllte Electric Brixton im Südwesten Londons bietet eine besondere Kulisse, mit den Stuckverzierungen und der Empore. Summers Show kommt neben dem Poledance ohne viel Schnick Schnack aus. Ihre Stimme und Musikalität füllen den Abend gänzlich aus. Ab und zu haucht sie im Sitzen ihre Songs. »I Like The Taste«, Lines aus der Single »Waste« von der Anfang des Jahres erschienenen EP »Clear« unterstreicht Walker bei einem Glas Rotwein. Nachdem sie einige Songs, wie »Potential« aus dem neuen Album performt, folgt eins der Highlights: Nachdem Summer Walker eine ihrer wenigen Balladen »Riot« ausklingen lässt: »Love’s too routine/ love’s too routine/ too routine«, setzt sie sich, von einer Tänzerin wird ihr eine Gitarre gereicht und sie beginnt mit »Threw away your love letters/ I thought it’d made me feel better« einen der intensivsten Momente dieses Konzerts, den sie nun selber mit der Gitarre begleitet. Ihre Fans sind während »Session 32«, dem Song vor ihrem großen Erfolg, völlig in Extase. Um mich herum fallen Äußerungen, wie: „I could die now, let’s just go, I saw everything.“

I’LL KILL YOU

Wie eingangs erwähnt, steht Summer nicht nur für schmachtende Liebessongs, sondern geht in Tracks wie »I’ll Kill You« auch mit anderen Bandagen vor. So wird als Teil der Show ein männliches Wesen gefesselt und geknebelt, auf einem Stuhl abwechselnd von ihr und den Tänzerinnen abschätzig belächelt und bearbeitet. Walker geht in Texten wie »Me« ihre Optionen durch: Sich nicht weiter mit einem verletzenden Typen beschäftigen oder doch eine Nachricht an ihn verschicken oder einfach die Handtasche checken, in der eine Knarre versteckt ist und sich auf den Weg zu ihm machen.

Summer geht in Texten wie »Me« ihre Optionen durch: Sich nicht weiter mit einem verletzenden Typen beschäftigen oder doch eine Nachricht an ihn verschicken oder einfach die Handtasche checken, in der eine Knarre versteckt ist und sich auf den Weg zu ihm machen.

Das wirkt ein wenig melodramatisch, aber Summer Walker mag eben keine Spielchen: »Boy, you can go and stop playing games«. Der eingängige Track »Playing Games«, dessen Chorus ein Remake des einstigen Nummer-Eins-Hits »Say My Name« von Destiny’s Child beinhaltet, läutete das etwas abrupte Ende des Konzerts ein. Aus dem Nichts betrat dann nochmal der Produzent des Songs London aka London On Da Track die Bühne, der am Abend zuvor Walker live on Stage einen riesigen Teddybären überreichte, nachdem Summer eigentlich kurz zuvor der ganzen Welt auf Instagram das Ende ihrer gemeinsamen Liebesbeziehung verkündete. Ist er also doch der »Nobody Else«, für das Mädchen, das sich einfach nach Liebe sehnt?

Drake Co-Sign

Mit »Girls Need Love« erlangte Summer erstmals im vergangenen Jahr größere Bekanntheit. Drake wurde auf sie aufmerksam bot und ihr per Instagram-DM einen Featurepart für die Single an. Dankend angenommen, erreicht Summers Song direkt Platin-Status in den USA. Das im Oktober 2018 veröffentlichte Mixtape »Last Day Of Summer« konnte an den Erfolg der Single mit beispielsweise 790 Millionen weltweiten Streams anknüpfen. Vor der Veröffentlichung des neuen Albums wurden bereits die Singles »Playing Games« und »Stretch You Out« released. Zweitere ist mit einem Feature von A Boogie With Da Hoodie, der zeitgleich mit Summer in London eine Show gespielt hat. Der Track beschreib, sich durchziehende brodelnde Konflikte, die zu überkochen beginnen. Woher kommt diese Melodramatik und wo war Summer Marjani Walker vor ihrem großen Erfolg? Die 23-Jährige gibt kaum Interviews, möchte mehr ihre Musik für sich sprechen lassen.

JUST OVER IT

Kürzlich gab es dann doch eine der seltenen Interviewaufnahmen für Apple Music, in dem Walker gemeinsam mit Ari Lennox eine vorgefertigte Liste mit Impulsen durchgeht. Oberthema des Gesprächs waren Dinge, auf die die beiden, ganz im Sinne von Summers Albumtitel, gar keinen Bock mehr haben. Nicht nur das die beiden R’n’B-Artists unglaublich gut harmonieren, beide sind auch gnadenlos ehrlich. Angefangen beim schmerzenden Waxing und nervigen Bras, kommen die beiden relativ schnell zu ernsten Themen, wie Abhängigkeiten in Bezug auf Social Media, Monogamie und Enttäuschungen durch Dating Apps. Summer spricht über sexuelle Erfahrungen mit Girls, was Ari beeindruckt und beide philosophieren über ein »normales« Leben. Summer droppt nebenbei, dass sie »over it« ist mit Performing und eigentlich gerne Nachhause gehen möchte »and live a lovely normal life«. Solche Aussagen kommen schon etwas unvermittelt von einer Anfang-20-Jährigen, die gerade die Musikszene mit ihrem einzigartigen R’n’B-Sound, gepaart mit modernen Trap Beats und Soul, aufmischt und einen Künstler wie 6lack bereits als Support auf Welttournee begleiten durfte, der übrigens auch auf ihrem Album vertreten ist. Hoffen wir für Summer, dass sie all die negativen Dinge verbannen kann und für sich die Frage klärt, »what am I missin‘?« (wie im Track »Just Might« mit Partynextdoor). Aufmerksamkeit zählt aktuell jedenfalls nicht dazu.

Text: Zina Luckow

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