Mädness: »Früher fällte ich Kaufentscheidungen nach LP-Covern« // Feature

Als ich Anfang der Neunziger Rap für mich entdeckte, fällte ich Kaufentscheidungen für Alben nach Frontcovern, die ich cool fand. Mit dieser Vorgehensweise wurde man musikalisch, wie könnte es anders sein, nicht immer belohnt. Nach einem gewissen Stamm an Platten konnte ich aber Querverbindungen erkennen und für mich herausfiltern, was mir wirklich gefällt. Ein Tonträger, der sehr früh den Weg in meine Sammlung fand und dort bis heute geblieben ist, war das vierte Public-Enemy-Album. Das hat weniger mit den Inhalten zu tun, mit denen ich mich als weißes, europäisches Mittelstandskind nur bedingt identifizieren konnte, sondern viel mehr mit dem Sound und emotionalen Gründen. »Apocalypse 91 … The Enemy Strikes Black« (Achtung, Pathos!) war über Jahre der Soundtrack meiner HipHop-Sozialisation und ’94 für meinen ersten Konzertbesuch der New Yorker verantwortlich. Alles für mich damals Relevante war vorhanden: der Look der Crew, das Logo, die Aggressivität der Musik, das Zusammenspiel von Chuck D und Flavor Flav als Typen plus das Gefühl von Rebellion, das sie mir vermittelten. Ein weiterer Punkt für meine Entscheidung, dieses Album zu nennen, ist die Ehre, die mir gute 15 Jahre später zuteil wurde – nämlich vor dem »Mann im Fadenkreuzbanner« für Public Enemy Support zu spielen. Ich habe viele Lieblingsalben, und es werden zum Glück immer mehr, aber dieses hatte wohl den größten Einfluss auf mich. Es markiert für mich persönlich den Zenit der Gruppe, die mir rückblickend betrachtet beibrachte, Überzeugungen in Texte zu fassen. Daran können weder darauffolgende mittelmäßige bis schwache Alben oder Crowdfunding-Geschichten noch ­Reality-Show-Fehltritte etwas ändern.

Foto: Robert Winter

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