Machine Gun Kelly: »Das Einzige, was ich liebe, ist meine Tochter. Und die Musik.«

 
Du klingst nicht sonderlich zufrieden. Daran hat sich anscheinend auch nichts in den knapp drei Jahren seit unserem letzten Gespräch geändert.
Was soll ich dir sagen? Es ist viel passiert in der Zeit. Aber ich liege immer noch verkatert in meinem Tourbus, und das wird sich vorerst wohl auch nicht ändern. Man, ich bin seit Monaten auf Tour und werde das auch noch Monate lang sein.

Aber eigentlich ist das doch etwas, das man als Musiker liebt. Gerade du, der immer einen engen Kontakt mit seinen Fans hat.
Versteh mich nicht falsch: Ich liebe meine Fans! Aber gleichzeitig ist es auch eine riesige Verantwortung, die ich habe. Andauernd erzählen mir Leute, dass ich sie mit meinen Songs gerettet habe und sie ihnen die Welt bedeuten. Und das freut mich, das ehrt mich. Aber was ist, wenn ich mich selbst nicht retten kann? Ich betäube mich jeden Tag, um diesen ganzen Scheiß um mich herum zu ertragen und nach außen hin sieht es auch so aus, als hätte ich Spaß. Fuck, den habe ich in diesen Momenten auch. Aber ich fühle es nicht. Weißt du, was ich meine?

Wie fühlst du dich denn gerade?
Beschissen. Ich bin schon so lange unterwegs. In den letzten drei Jahren ist so viel passiert. Ich wurde gefeiert, ich wurde gehasst. Rap ist elektronisch geworden, Rap ist poppig geworden. Meine Tochter lernt zu sprechen und ich sitze hier im Tourbus, kann nicht bei ihr sein und betrinke mich. Man verliert irgendwie den Bezug zum Leben, verstehst du?

Gibt es denn keinen Ausweg für dich?
Ich sehe keinen. Das Einzige, was ich liebe, ist meine Tochter. Und die Musik.

Am 18. August 1992 wird Kurt Cobains und Courtney Loves Tochter Frances Bean geboren. Kurz scheint es so, als hätte Cobain die Lebenslust zurückerlangt. Stolz präsentiert er sich mit seinem geliebten Nachwuchs, den er zärtlich und behutsam in seinen Armen trägt. Man hofft, dass sie ihn retten wird. Frances Bean sieht ihren Vater ein letztes Mal in der Entzugsklinik in Marina del Rey, Kalifornien, aus der er kurz darauf flüchten wird. Sieben Tage vor seinem Selbstmord.

Dass Machine Gun Kelly mehr Rock- denn Rap-Star sein wollte, machte er nicht erst mit dem Tragen von Sleeveless-Shirts mit Nirvana-Aufdruck klar. Doch in den letzten Jahren entwickelte sich der einst als »Tatted Up White Boy« bezeichnete MC mit Hang zu Snapbacks und Streetwear immer mehr zu einem Nieten-tragenden Irokesen-Punk. Von der Baggy zum Bandana. Muss man Rap-Fans heute noch Vokabeln wie »Circle-Pits« und »Wall of Deaths« erklären, so sind diese brachialen Ausdrucksformen der unkkonzertpartizipation auf Machine Gun Kelly Shows allgegenwärtig. Jeder verausgabt sich. Die Fans in der Menge, MGK samt Band auf der Bühne und die Security-Leute drum herum. Und dabei ist es egal, ob man vor 1.500 oder 150 Leuten spielt, wie man während des ersten Deutschlandbesuches im Sommer 2013 bewies. »Das war schon geil. Aber ich hoffe, dass beim nächsten Mal noch mehr Menschen kommen. Ich reiße mir wirklich den Arsch auf. Meine Konzerte sind Armageddon.« Ein umgetretenes Drumset, halb zerrissene Shirts und von der Decke tropfender Schweiß in der Hauptstadt sprachen eine eindeutige Sprache. Dennoch ist MGK in keiner Minute aggressiv. Aber eben voller Energie. Und die weiß der US-Amerikaner auf der Bühne positiv zu nutzen.

Das von dir propagierte »EST« steht ja nicht nur für »ESTablished«, also im Sinne einer zeitlichen Beschreibung, sondern auch für »Everyone Stands Together«.
Und darum steht »EST 19XX« auch auf jedem Bandana meiner Crew. Und das trägt jeder 24/7. Weißt du, keiner von uns hatte es leicht, und als Underdog wollen die Menschen von dir, dass du aufgibst und die weiße Fahne schwenkst. Aber das tun wir nicht. Wir geben nicht auf. Deswegen sind unsere Bandanas auch schwarz.

Geht es auf deinem zweiten Album »General Admission« daher auch um das Nichtaufgeben?
Ja, das ist ein wichtiger Teil des Albums.

Womit kann man noch rechnen, wenn »General Admission« erscheint?
Die Platte behandelt die Suche nach mir selbst. Einige Themen habe ich in ähnlicher Form schon einmal angesprochen, aber ich habe erst im Nachhinein wirklich verstanden, welchen Einfluss diese Themen auf Leute hatten. Jeder Song ist wie ein Film. Ich gehe noch detaillierter auf die Sachen ein. In »Gone« spreche ich über das Verhältnis zu meinem Vater und zu meiner Tochter. »Merry Go Round« hingegen behandelt die Geschichte eines Liebespaares, das heroinabhängig ist. Anhand all dieser Storys wird man mich hoffentlich noch besser verstehen können.

Ich habe akzeptiert, dass jeder über mich spricht, weil ich bekannt bin. Egal, ob die Sachen über mich stimmen oder gelogen sind. So etwas nervt mich, denn eigentlich sollte es doch um Musik gehen.

Du klingst sauer, wenn du über das ­Album sprichst.
Das bin ich auch. Zum einen ist Wut ein wichtiger Bestandteil der Lyrics. Man könnte meinen, dass mich der Deal und der Erfolg glücklicher gemacht hätten, aber mit all dem stieg auch der Druck. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Und während ich hier draußen bin, sterben zu Hause meine Freunde. Ich habe in letzter Zeit so viele Leute verloren. Ich wollte auf »General Admission« auch diese Seite zeigen; verdeutlichen, dass ich immer noch mit der Straße verbunden bin. Ich bin kein Gangster oder Dealer oder so etwas. Das war ich auch nie. Aber ich kenne die Scheiße und bin mit meinen Freunden durch diesen Sumpf gewandert. Alle, die gedacht haben, mein zweites Album wäre eine fröhliche Platte über Erfolg und Party, haben sich getäuscht.

Das erklärt den Inhalt. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte, oder?
Nein. Auf der anderen Seite macht mich ­»General Admission« so wütend, weil es schon längst hätte draußen sein können. Doch Bad Boy hält es zurück. Das macht mich verrückt.

Darum hast du im Juli auch das Mixtape »Fuck It« veröffentlicht.
Genau. Die Leute haben immer wieder gesagt, dass sie einfach zu wenig Musik von mir bekommen. Aber das ist ja nicht meine beschissene Schuld. Wenn es nach mir gehen würde, dann wäre »General Admission« schon längst draußen. Aber es geht nicht. Und daher habe ich »Fuck It« veröffentlicht; Songs, die alle großartig sind, aber nicht so richtig auf das Album gepasst haben. Das ist ein Geschenk an meine Fans. Und gleichzeitig ein riesiger Mittelfinger.

Am 21. September 1993 erschien ­Nirvanas drittes und finales Album »In Utero«. Doch eigentlich sollte es »I Hate Myself And I Want To Die« heißen, bevor Kurt Cobain davon überzeugt werden konnte, dass der laut seiner Aussage nicht ernstzunehmende Titel nicht als spaßig gemeinter Mittelfinger verstanden, sondern Plattenlabel und Kritiker nur verschrecken würde. Cobain ließ sich überzeugen und änderte den Namen in »In Utero«.

Fühlst du dich unverstanden?
Dieser ganze Fame ist so fernab von dem, was für mich real ist. Ich bin umgeben von vielen bekannten Menschen und fühle mich so wohl damit, dass mich dieses Bekanntsein am Ende nur deprimiert. Ich habe akzeptiert, dass jeder über mich spricht, weil ich bekannt bin. Egal, ob die Sachen über mich stimmen oder gelogen sind. Ob ich gerade Bock darauf habe oder eigentlich eine Pause einlegen will. So etwas nervt mich, denn eigentlich sollte es doch um Musik gehen.

Kurt Cobain beschloss seinen Abschiedsbrief, indem er Neil Young mit den Worten zitierte: »It’s better to burn out than to fade away.« Und wahrscheinlich würde Machine Gun Kelly dieses Kredo unterschreiben. Sowohl als Fan, als auch als ambitionierter und enthusiastischer Musiker, der er selbst ist. Und so verbinden Cobain und MGK am Ende nicht nur die deprimierenden und traurigen Momente, sondern eben auch die, in denen die Musik die wichtigste Rolle spielt. Dann ist die Freude, die MGK auf der Bühne versprüht, und die Hoffnung in seinen Texten, für die ihn so viele Fans lieben, nicht mehr nur Fassade oder das Aufblühen eines kurzen, glücklichen Moments, sondern tatsächliches Verstehen von Liebe. Viele große Künstler scheiterten in den letzten Jahrzehnten an sich selbst. Ob Machine Gun Kelly sich dazugesellen wird, bleibt abzuwarten. Hoffen wir einfach das Beste. Doch bis dahin muss wohl erst einmal der Kater vom Vortag überstanden werden. ◘

Text: Amadeus Thüner / Foto: Casey McPerry

Dieses Interview erschien in JUICE #171 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_171_ohneBR.indd

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