Machine Gun Kelly: »Das Einzige, was ich liebe, ist meine Tochter. Und die Musik.«

Photo_Machine Gun Kelly_Casey McPerry

Es ist Mitte 2010, als ein zutätowierter, schlaksiger Rapper mit messerscharfem Flow durch die Straßen seiner Heimat Cleveland schreitet und in Unterhemd, Chucks und Snapback gekleidet eindringlich klarmacht, wer hier auf den Plan tritt. Kurze Zeit später schmeißt der halbe Nordosten der USA das »L« für den Schlachtruf »Lace Up« in die Luft und Diddy signt den jungen Rapper namens Machine Gun Kelly für sein Bad Boy Label vom Fleck weg. Zwei Jahre später erscheint das mit »Lace Up« betitelte Debütalbum, geht auf die Vier der Billboard 200 und verkauft fast 200.000 Einheiten in den USA. Unzählige Touren werden gespielt, Mixtapes, DVDs und EPs veröffentlicht, Songs mit Künstlern wie DMX, Kid Ink, French Montana, Wiz Khalifa, Snoop Dogg, Lana Del Rey, Migos und Juicy J. gedroppt. Tourblogs erzählen von kreischenden Fans, genervten Gesetzeshütern und Nächten voller schweißnasser Konzerte, Stagedives und geleerten Flaschen Whiskey. Vor den Augen der Welt lacht MGK. Doch es ist nur eine Fassade.

Als sich Kurt Donald Cobain am 5. April 1994 mit einer Schrotflinte das Leben nahm und so sich selbst und seiner Band Nirvana ein ungewolltes Denkmal setzte, stand Colson Baker, wie Machine Gun Kelly mit bürgerlichem Namen heißt, kurz vor seinem vierten Geburtstag. Vom Schmerz, den Kurt Cobain wohl Jahre zuvor ertrug und dem er nun ein jähes Ende bereitete, konnte Colson noch nichts wissen. Und doch fühlte er sich verbunden mit der Ikone der Grunge-Musik. Jahre später empfindet er einen ähnlichen Schmerz, als seine Mutter ihn in jungen Jahren verlässt und sein Vater, geplagt von Depressionen, der Armee beitritt und seinen Sohn kurzerhand bei den Nachbarn abgibt. Ein richtiges Verhältnis zu dem, was man unter Familie versteht, kann Baker jahrelang nicht aufbauen, und er begreift diese Emotion wohl erst so richtig, als seine eigene Tochter das Licht der Welt erblickt. Von ihr sagt er, dass ihr Lachen das einzige sei, was ihn glücklich mache: »Her smile can cure cancer.« Baker wächst alleingelassen auf. In einer Welt, die ihm nichts als Schmerz schenkt, weiß er keinen anderen Ausweg als eben diesen zu akzeptieren und mit ihm zu leben. Denn er lernt von Anfang an: Schmerz ist ein ständiger Begleiter.

 
»Du siehst mich in den Tourblogs feiern, auf der Bühne durchdrehen, nackt durch den Nightliner rennen, Hochprozentiges aus der Flasche trinken und sonst irgendwas. Party all day and all night. Aber wenn ich ehrlich bin, mache ich das nur, um diese ganze Scheiße zu betäuben.« Es ist 15 Uhr nachmittags und MGK liegt verkatert in der Koje seines Tourbusses, irgendwo in Kanada. Seit Anfang Juli hatte er kaum einen Tag frei, geschweige denn Freizeit. Und jeden Abend und jeden Tag wiederholt sich das Prozedere von neuem: Aufstehen, Promotermine, Alkohol, Essen, Alkohol, Show spielen, durchdrehen, Alkohol, schlafen, weiterfahren. Man gibt den Fans, was sie wollen, und sich selbst den Rest. Zuletzt schnitt sich Kelly auf einer Aftershowparty mit einer Scherbe durchs Gesicht, weil er auf Drogen und in Ekstase irgendwie den Bezug zur Realität verlor. Ganz erklären kann er das Warum dahinter nicht. Einen Hehl macht er aus der Nummer aber auch nicht. Irgendwie will man fast Mitleid haben.

Einschub: Kurt Cobain nahm kurz vor Ende seiner selbst gewählten Zeit Heroin zu sich, um seine Magenschmerzen zu lindern. Ein Teufelskreis aus Selbstmedikation und Sucht, der ihm am Ende genauso das Leben kosten sollte, wie der tödliche Kopfschuss aus seiner »Remington 11 20 Gauge«-Schrotflinte.

Seite 2: MGK im Gespräch über das Tourleben, seine Tochter und die Suche nach seinem Ich.

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