»Ich will nicht, dass Leute denken, ich sei ein Softie, nur weil ich eine Frau bin« // Little Simz im Interview

Trotz oder wegen des Erfolgs ihres letzten Album »Stillness In Wonderland« musste die junge Londonerin ihrer rasanten Karriere einen vorläufigen Riegel vorschieben, um sich die essenzielle Frage nach der eigenen Identität zu stellen. Das neue Album strotzt wieder vor symbolträchtiger Frauenpower und klingt formvollendeter denn je.

»Me again … and I’m here to pick up where I left off«, heißt es zu Beginn von »GREY Area«, dem dritten Studioalbum der 25-jährigen Little Simz. Dabei ist diesmal alles anders. Denn trotz oder wegen des Erfolgs ihres letzten Album »Stillness In Wonderland« musste die junge Londonerin ihrer rasanten Karriere einen vorläufigen Riegel vorschieben, um sich die essenzielle Frage nach der eigenen Identität zu stellen. Das neue Album strotzt wieder vor symbolträchtiger Frauenpower und klingt formvollendeter denn je. Wie sie das geschafft hat, erzählt sie uns bei einem Tee im Berliner Michelberger Hotel.

Kürzlich hast du in einem Interview gesagt, dass du dich an vielen Orten auf der Welt zu Hause fühlst. Was macht London trotzdem so besonders für dich?
Zuhause ist eben Zuhause. Für mich ist das Nord-London, wo alles angefangen hat. Ich könnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders aufgewachsen zu sein – auch wenn das nach Klischee klingt. Das hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin, und spielt eine große Rolle für das, was ich tue, und für die Musik, die ich mache. Nord-London kann ein dunkler Ort sein, aber er ist auch wunderschön. Es herrscht ein Community-Gefühl, jeder kennt sich, es ist alles eng verbunden. Das ist mein Zuhause und wird es immer bleiben.

Du bist 25 und hast dein drittes Album veröffentlicht. Wie zufrieden bist du mit deinem Leben?
Ich denke, ich mache meine Sache ganz gut. (grinst) Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, von daher gibt es immer noch eine Menge persönlicher Träume, die ich mir erfüllen will – oder die ich mir gerne schon erfüllt hätte.

Zum Beispiel?
Das sind persönliche Träume. (lacht) Aber nur, weil etwas bisher noch nicht geschehen ist, heißt das nicht, dass es nicht noch geschehen wird.

Du hast die Phase nach deinem zweiten Album als »lonely, dark place« beschrieben. Was war los?
Es gab einfach viele Situationen, in denen ich an mir gezweifelt habe. So sehr ich die Musik auch liebe, musste ich mich fragen: Ist es das wirklich? Es war verdammt traurig, an diesen Punkt zu kommen, weil ich die Antwort darauf eigentlich genau wusste. Ich habe eine Pause gebraucht, um alles zu überdenken, statt immer nur weiterzumachen. Ich habe zwischenzeitlich das Ziel aus den Augen verloren. Mir sind einige Dinge jetzt sehr viel klarer. Ich habe die Kontrolle zurück. Ich fühle mich ermächtigt und entlastet zur selben Zeit. Aber ja, klar, diese Zeiten davor gab es.

Ich habe das Gefühl, diese orientierungslose Phase hat jeder Mittzwanziger unserer Generation. Was ist los mit uns?
Ich denke nicht, dass das speziell mit unserer Generation zu tun hat. Nicht zu wissen, was eigentlich gerade los ist und wohin das alles geht – ich glaube, da geht jede Generation durch. Genau um diese Phase dreht sich auch mein Album. Um eine Grauzone: Nichts ist schwarz oder weiß, vieles ist unklar und ergibt erstmal keinen Sinn. Ich bin alleine, Mitte zwanzig, und keiner hat mir gesagt, wie hart es sein würde. Ich versuche Dinge herauszufinden, von denen ich dachte, dass ich sie wüsste – dabei weiß ich einen Scheiß. Dinge, die ich bisher mochte, mag ich plötzlich nicht mehr. Andersrum genauso. Es lässt dich hinterfragen, wie gut du dich selbst kennst.

Inwiefern hat sich diese Grauzone in der Musik gespiegelt?
Musik war für mich immer meine erste Liebe und meine Passion. Ich habe sie dazu genutzt, mich auszudrücken – mit dem, was gerade in meinem Leben los war. Dieses Mal aber war die Musik wie eine Therapie für mich. So sehr ich mich auch ausdrücke und Musik mache, weil es mir Spaß macht: Bei »GREY Area« lag der Fokus darauf, mich selbst zu reinigen und zu heilen. Was es grau gemacht hat, war der neue Ansatz. Der Weg, wie die Musik entstanden ist, war anders. Wir haben viel mit Live-Instrumenten gearbeitet, was ich vorher nie gemacht habe. Es waren vorher immer MPC-Beats oder Instrumentals, die ich von Produzenten geschickt bekommen habe.

»Ich habe mich bei vielen Sachen echt unwohl gefühlt, sie auszusprechen«

Wobei auch deine ersten zwei Alben schon sehr organisch klangen.
Waren sie auch! Aber dieses Mal bin ich einfach noch einen Schritt weiter gegangen und habe den Großteil mit Live-Instrumentierung umgesetzt.

Wie lief der Schreibprozess ab?
Der war verdammt hart. Ich habe mich bei vielen Sachen echt unwohl gefühlt, sie auszusprechen. Es war das forderndste Album für mich bisher. Ich habe schon eine Menge Musik veröffentlicht und bin erst 25 Jahre alt. Also war die Frage: Was kann ich den Leuten noch erzählen, was sie nicht ohnehin schon gehört haben? Da war schon ein gewisser Druck da. Deswegen wollte ich noch tiefer graben. Diesen Weg will ich auch weiterhin gehen, je älter ich werde – denn ich lerne jeden Tag mehr über mich selbst.

Gab es nie die Situation, dass du das Gefühl hattest, zu viel von dir preiszugeben?
Nein. Ich hab gesagt, was ich sagen musste. Ich werde kein Album machen, das zwanzig Songs lang ist, nur um es zu machen. Die zehn Songs auf »GREY Area« sind prägnant und fassen das zusammen, was ich in diesen zwölf Monaten durchgemacht habe.

War »GREY Area« also eine Rückkehr zu dir selbst?
Das Album hat komplett mein Kindheitsfreund InFlo produziert. Ich kenne ihn, seit ich neun bin. Wir haben schon früher zusammen Musik gemacht, die Songs waren sehr upbeat, sehr unmittelbar und energiegeladen. Ich war jung, hatte all diese Energie und Unbeschwertheit in mir drin. Irgendwie haben wir uns aus den Augen verloren und lange nicht mehr zusammengearbeitet. Mit »GREY Area« sind wir gemeinsam zurück zu dem Punkt gekommen, wo alles angefangen hat. Songs wie »Offence« und »Boss« spiegeln die Energie der Anfangstage wider und zitieren diesen crazy-experimentellen Sound, der damals nie das Licht der Welt erblickte. Jetzt ist der perfekte Moment, das zu zeigen. Um deine Frage zu beantworten: Ja, irgendwie schon.

Inwiefern hat dir die Zusammenarbeit mit ihm aus der schwierigen Phase herausgeholfen?
Als wir uns trafen, haben wir erstmal nur gequatscht. Das waren real Conversations, da ging es auch gar nicht um Musik. Ich hatte bis dahin immer das Gefühl, etwas im Studio erschaffen zu müssen. InFlo hat mir beigebracht, ohne diesen Druck zu arbeiten. Er sagte mir: »Nur, weil du dieses Studio betrittst, heißt es nicht, dass du mit einem komplett fertigen Song rauskommen musst. Du kannst auch zwölf Stunden da drinsitzen und am Ende nicht mehr als ein Gitarren-Loop haben. Das ist okay!« Denn vielleicht hattest du eine tiefgründige Unterhaltung, die etwas in dir ausgelöst hat, das du bei der nächsten Session kreativ umsetzen kannst. So ist ein ganz anderer Ansatz entstanden, dieses Album anzugehen. Du fühlst den Part nicht? Schreib ihn nochmal! Ich hasse es zwar, wenn man mir sagt, was ich tun soll. Aber manchmal musst du Leuten vertrauen und darfst nicht so sturköpfig sein. Ich vertraue ihm – und er mir. Wir hatten eine sehr coole Zusammenarbeit.

»Nichts von dem, was ich sage, soll Disrespekt gegenüber Männern ausdrücken. Und um ehrlich zu sein: Wenn du dich angegriffen fühlst, ist das dein Problem«

Du warst auf Tour mit den Gorillaz. Was hast du davon mitgenommen?
Es hat mich belastbarer gemacht. Damon Albarn ist mit seinen fünfzig Jahren jede Nacht auf der Bühne und liefert eine unfassbare Show ab. Es ist nicht einfach, jede Nacht tausende von Menschen zu bespaßen. So sehr das nach Spaß aussieht – und so sehr es auch Spaß macht –, ist das nicht einfach. Aber er ist noch voll dabei, was verdammt inspirierend ist. Was werde ich machen, wenn ich so alt bin? Ich hoffe, ich habe genauso viel Energie und Leben. Mit den Gorillaz auf Tour zu sein, hat mir Arbeitsethos beigebracht und mich auf größere Aufgaben vorbereitet.

»Venom« behandelt Themen wie Feminismus, Emanzipation und toxische Maskulinität. Wie wichtig war es dir, diesen Song zu machen?
Sehr wichtig. Es ist mein Job, Aufmerksamkeit für bestimmte Dinge zu erregen. Ich will nicht, dass Leute denken, ich sei ein Softie, nur weil ich eine Frau bin. Nein! Ich bin ein G, und ich weiß das. Ich habe sehr viel Vertrauen in mich als Frau. Ich weiß, wofür ich stehe und was ich repräsentiere. Und ich stelle sicher, dass du das auch verstehst. Nichts von dem, was ich sage, soll Disrespekt gegenüber Männern ausdrücken. Und um ehrlich zu sein: Wenn du dich angegriffen fühlst, ist das dein Problem. Das hat mit mir nichts zu tun. Das ist vielleicht deine eigene Unsicherheit.

Hast du die Werbung von Gillette ­gesehen, die viral gegangen ist?
Ich habe davon gehört, ja.

Ich finde, die empörte Reaktion vieler Männer hat genau das belegt, was du eben gesagt hast.
For sure. Ich sage ja nur, was ich fühle und denke. Ich weiß, dass »Venom« ordentlich Welle machen wird und dass die Leute darüber reden werden, aber das ist cool. Ich hab diesen Song einfach gemacht und drauf geschissen, was die Leute denken. Er sollte so plakativ, offensiv und radikal wie möglich sein.

Funktioniert Feminismus so?
Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich bestimmte Aussagen machen und mich positionieren muss, aber ich fühle mich nicht dem Feminismus verschrieben. Ich habe das Gefühl, dass wir uns in eine positive Richtung bewegen, trotzdem weiß ich, dass sich noch vieles ändern muss. Es geht mit uns Frauen los! Wir müssen das Wort ergreifen, uns selbst eine Stimme geben und dürfen uns nicht verstecken. Wir sollten nicht auf jemanden warten, der das für uns macht. Wir sind dabei – und sollten dabei bleiben.

Foto: Tam Cader

Dieses Feature erschien in JUICE 191. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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