»Kein Schwanz interessiert sich mehr für Reime« // Herzog im Interview

Mit ihrem Label Bombenprodukt sind Herzog & Co. eine Instanz des meinungsstarken Hauptstadt-Raps. Sein neues Album »OG mit Herz« hätte in großspurige Fußstapfen auf dem längst geebneten Weg treten können. Doch er setzt lieber auf Risiko und stapft mutig in eine neue Richtung.

Mit ihrem Label Bombenprodukt sind Herzog & Co. eine Instanz des meinungsstarken Hauptstadt-Raps. Sein neues Album »OG mit Herz« hätte in großspurige Fußstapfen auf dem längst geebneten Weg treten können. Doch er setzt lieber auf Risiko und stapft mutig in eine neue Richtung.

Fast wäre alles anders gekommen.­ Zwei ganze Monate war der kleine Oliver Mattauch schon auf der Welt, als seine Eltern doch heirateten. Erst dadurch bekam er den heroischen Nachnamen Herzog verpasst, der mittlerweile für humorvollen und trotzdem harten Berliner Rap über Drogen steht wie kaum ein anderer in Deutschland – was wären dem Herz-OG und seinen Fans für Wortspiele vorenthalten geblieben!? Vielleicht wäre sein viertes Album »OG mit Herz« dann niemals entstanden. Doch weg aus dieser Dystopie und zurück ins Jetzt: Knapp zwei Jahre nach dem letzten Album »Vollbluthustler« spricht Oliver Herzog von einem »kleinen Comeback-Album«. Die erste Single »Dong macht Bumm« schallt auch ordentlich und in gewohnter Manier mit rauer Stimme in die sehnsüchtigen ­Ohren der Bombenprodukt-Fans.

Doch neben den unerschöpflichen Weed-Wortspielen (»Weedtox«, »Smokahontas«) schleichen sich neue Klänge ein. Herzog singt mal, dann wieder gibt es Eighties-Sound mit »Billie Jean«-Vibe – und sogar ein bisschen Samba (»Das ist kein Afrotrap!«) befindet sich auf dem Album. Der Berliner selbst freut sich über die neue Offenheit: »Ich bin aus der alten Generation – nicht die ganz Alte, aber eine Zwischengeneration zwischen der alten und der neuen. Ich bin noch mit diesem Fokus auf Lyrik, Reimen, Flows, Patterns, Betonungen groß geworden und habe auch angefangen, so Rap zu machen: verkopft halt. Heutzutage ist alles viel vibiger und lockerer. Kein Schwanz interessiert sich mehr für Reime. Das hat mich dazu animiert, auch mal anders an meine Sachen ranzugehen und es mehr fließen zu lassen. Dann sind ein, zwei Reime auch mal nicht so sauber, aber der Vibe und das Feeling – da habe ich mich freier gemacht. Rap erweitert seinen Kosmos, und das wollte ich auch. Wir haben nicht einfach Trap gemacht, aber Elemente in den VBH-Sound einfließen lassen.«

Ein Wechsel, der zu Album Nummer vier einige irritieren dürfte. Dass das nicht jedem gefallen wird, ist Herzog jedoch klar: »Manche Fans werden das als zu neumodisch einordnen, aber das erlaube ich mir. Ist doch schön, wenn die Fans mit dem Künstler wachsen. Meine Anhänger altern ja auch mit, und möglicherweise ist meine Musik nichts mehr für sie. Aber jüngere Menschen machen mit meiner Musik vielleicht gerade ihre ersten Drogenerfahrungen, und da entstehen andere, neue Bindungen. Diese Leute nehmen neuen Sound anders wahr – und diese Brücke zu schlagen, das war der Anspruch.« Die Symbiose aus alt und neu gelingt dem Berliner ohne Krampf. Er ist immer noch der Dude, der im Video mit 90.000-Euro-Bong rumhantiert und im grünen Rauch den grinsenden Schelm spielt, trotzdem kann er auch nahbar und ernst sein. Und auch sein Bruder 86kiloherz, der wieder das ganze Album produziert hat, bricht spielerisch ohne Fehltritt aus. »Am meisten Angst habe ich davor, dass jemand sagt, ich würde klingen wie jemand anders. Aber das ist bis jetzt nicht passiert«, sagt Herzog selbstbewusst.

Ganz sicher überrascht »OG mit Herz« selbst den eingefleischten Herzog-Fan – wenn nicht mit den Sound-Experimenten, dann ganz sicher mit dem persönlichsten Herzog-Song bis jetzt, in dem er eine Abtreibung verarbeitet. Keine leichte Entscheidung für den Vollbluthustler, der selbst sagt: »Es wird Leute geben, die dagegen sind, und die werden mich zerreißen. Es wird aber auch Leute geben, die Ähnliches durchgemacht haben und es nachvollziehen können. Wieder andere werden einfach gar nichts fühlen.« Selbst Freunde bewundern ihn zwar für diese Selbstoffenbarung, rieten ihm aber davon ab, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Keine leichte Entscheidung, gibt Herzog zu: »Ich habe lange mit mir gerungen, aber ich fühle mich bereit, das zu teilen. So persönlich hat mich noch niemand gehört, aber das gibt mir mehr Profil und Persönlichkeit. Ich denke, in ein paar Jahren schaue ich auf den Song zurück und stelle fest: Das hat mich weitergebracht.«

»Ich kann mir auch vorstellen, ein AKA zu machen, um mich von den Erwartungen freizumachen, die mit der Person Herzog verbunden werden«

Überhaupt dreht sich auf dem neuen Album alles um den Fixpunkt Herzog. Einziges Feature, das zu Wort kommt, ist Herzogs Frau. Nahbarkeit ist dem Bombenprodukt-Chef wichtig: »Ich möchte mich nicht aufs Podest stellen, sondern den Leuten zeigen, dass ich einer von ihnen bin. Ich liebe die Nähe zu den Fans und hänge nach den Konzerten gerne noch mit den Leuten rum.« Dabei ist der eingeschlagene Weg zum kleinen Comeback nur ein Anfang. Weitere Klangexperimente könnten schon bald folgen: »Ich kann mir auch vorstellen, ein AKA zu machen, um mich von den Erwartungen freizumachen, die mit der Person Herzog verbunden werden. Das gibt mir auch die Möglichkeit, noch mehr auszuprobieren. Ist dann auch egal, ob sich das verkauft, weil ich machen kann, was ich in dem Moment fühle. Unter anderem Namen, anderer Stimme, einer anderen Art, Texte zu schreiben. Aber erst mal will ich als Herzog innerhalb des nächsten Jahres noch ein Album hinterherschieben.«

Die kommenden Monate sind für Herzog, seine Fans und die, die es noch werden wollen, vom Wandel bestimmt. Den Spaß merkt man ihm an, während er über Kleinigkeiten in Beats und Texten spricht; wenn er fragt, ob man die Nerd-Referenzen an Berliner Rap, an Bushido, an Sido, an Savas auch wirklich rausgehört hat. Trotzdem glänzt der Rapper mit Glatze und Schnurrbart mit Bodenständigkeit: »Ich mach noch die zwei Alben, und dann krähen auch schon nicht mehr so viele Hähne nach mir. Ich hatte nie einen richtigen Hype, und da bin ich auch froh drüber. Es ging schon was, aber ein Hype sieht anders aus.« Doch auch wenn Herzog seinen Sound ändert und in Gedanken schon zehn Schritte weiter ist – solange ihm die Graswortspiele noch nicht ausgehen, hat Rap-Deutschland noch eine Menge Spaß am »OG mit Herz«.

Text: Arne Lehrke

Dieses Feature erschien in JUICE 191. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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