»Könnt ihr uns hören?«: Nix mit Hollywood – Frankfurt, Brudi! // Feature

Mit ihrer Oral History zeichnen Jan Wehn und Davide Bortot die Geschichte des deutschen Rap von seinen Anfängen in die Jetztzeit nach. Passend zur Veröffentlichung lest ihr bei uns das Kapitel über die frühen Jahre der Frankfurter HipHop-Szene und den Erfolg von 3p um Mastermind Moses Pelham.

Foto: Katja Kuhl

Wenn dieser Tage in Filmen, Ausstellungen oder Büchern Deutschrap (v)erklärt wird, liegt der Fokus häufig auf den später Neunzigern: der erste große Boom, Freundeskreis und die Beginner, auch die Gründung dieses Magazins. Das Davor und vor allem das Danach werden oft ausgeblendet. Dabei gibt es eine direkte Linie von den Achtzigern ins Jetzt, von den ersten Jams ins Zeitalter von Streaming-Rap. Das finden zumindest die ehemaligen JUICE-Redakteure Davide Bortot und Jan Wehn, die diese Linie zum Konzept ihrer Oral History »Könnt ihr uns hören?« gemacht haben. Aus Interviews mit über hundert Protagonisten – von Cora E. über Sido bis Bonez MC – haben die beiden die Geschichte des Genres montiert. Wir veröffentlichen exklusiv das Kapitel über die Anfänge des Frankfurter Straßenrap mit Rödelheim Hartreim Projekt und Konkret Finn.

MC Rene: Wenn sich zwei streiten, freut sich kommerziell der dritte. Advanced Chemistry waren Repräsentanten der »echten« HipHop-Kultur mit einer eher ernsthaften Haltung nach außen. Die Fantas haben poppigen und spaßorientierten Sprechgesang gemacht, der auch im Mainstream wahrgenommen wurde. Dadurch ist ein Vakuum entstanden, und das hat sich Moses Pelham zunutze gemacht. Er fand beides scheiße und hat diese Haltung zum Teil des Konzepts seiner Band Rödelheim Hartreim Projekt gemacht.
Moses Pelham: Alles, wirklich alles, was ich an deutscher Musik bis dahin gehört hatte, war witzig, klang nach Schlager oder war zu cool, um Gefühle zu zeigen. Selbst Die Ärzte waren vielleicht intelligent, aber haben mir kein ernsthaftes Gefühl vermittelt. Für mich bedeutete Musik eher O’Jays und »I sing my heart out when I’m singing a song.« Ich wollte, dass die Musik ein Gefühl hat. Irgendwann saß ich dann auf dem Sofa meines Freundes Eddie Hartsch und hörte zum ersten Mal Böhse Onkelz. Das war krass, ein richtiger Gamechanger. In dem Moment wusste ich: Es geht auf Deutsch. Danach fingen wir an, damit zu experimentieren.
MC Bogy: Bei Moses P. hat man eine Wut gespürt, die der bei uns in Berlin nicht unähnlich war.
Moses Pelham: Rödelheim Hartreim Projekt – der Name sagt es ja schon – war eigentlich nur ein Projekt, ein Experiment. Ich war zu dem Zeitpunkt der Überzeugung, dass ich jetzt Produzent bin und einen Rapper brauche. Thomas war in einer Basketballmannschaft, die ich trainierte, übrigens zusammen mit Azad. Wir verstanden uns ganz gut, und als ich ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, auf Deutsch zu rappen, war er dabei. Die Marschrichtung war: Böhse Onkelz auf Rap. (lacht) So ist 1992 der erste, bis heute nicht veröffentlichte RHP-Song »Haste Angst« entstanden. Während wir an dem Zeug bastelten, rief mich Ali von den Rodgau Monotones an und lud mich ein, beim 15-jährigen Jubiläum der Band in der Batschkapp in Frankfurt vorbeizukommen und zu performen. Ich meinte: Das trifft sich sehr gut, ich arbeite nämlich gerade an einem deutschsprachigen Projekt, allerdings rappe da nicht ich, sondern der Thomas, und der könnte doch vorbeikommen. Ali wollte aber unbedingt mich dabei haben. Weil ich auf »Reime« ohnehin ein Feature hatte, haben wir uns dann entschieden, »Reime« und einen Solo-Song von Thomas zusammen zu performen. Ab dem Moment war klar, dass Rödelheim Hartreim Projekt zwei Rapper haben wird.
Celo: RHP hat mich richtig abgeholt. Das war hart, aggressiv, Frankfurter Jungs eben. Ich wollte direkt den Text können. Damals war es noch viel mehr verankert, dass man seine eigene Stadt supportet. Heute gibt es das gar nicht mehr.
Katmando: Was der Moses gemacht hat, war sehr stark von Frankfurt geprägt. Der hatte ja eine musikalische Vorgeschichte: Ende der Achtziger hat er ein Album auf Englisch namens »Raining Rhymes« unter dem Namen Moses P. veröffentlicht. Das war produziert von seinem Kollegen Rico Sparx, aber auch von Luca Anzilotti und Michael Münzing von Logic Records, die später SNAP! wurden. In diesem Dunstkreis waren auch Leute wie der Markus Löffel (Mark Spoon von Jam & Spoon) oder der Sven Väth unterwegs.

Foto: Moses Pelham (privat)

Moses Pelham: Rap und Electro waren in Frankfurt lange Zeit im Grunde das gleiche. Da wurden dieselben Instrumente benutzt und von denselben Leuten gespielt. In den Clubs und Discos waren immer alle da: Milli Vanilli hingen mit Frank Farian rum, die Jungs von The Stroke waren da, SNAP! und Sven Väth sowieso. Erst später hieß es »Wir sind die Techno-Heimer« und »Wir sind die Rapper«. Die Räumlichkeiten von Logic waren, auch wenn das Wort fürchterlich ist, eine Kreativzelle. Da waren acht Studios, man lief ständig wem über den Weg und hat sich ausgetauscht. Jeder hat mitbekommen, was die anderen so machen – und durch den Erfolg von SNAP!, glaube ich, verstanden, dass es geht. Da haben ein paar Jungs hart gearbeitet und eine Platte gemacht, zu der der ganze Planet tanzt. Das war eine sehr schöne Zeit, in der man viel voneinander profitierte.
Azad: Moses war ein Star in Frankfurt, eine richtige Erscheinung. Einmal bin ich nach der Schule mit meinen Jungs ins Funkadelic. Dort hat seine Crew We Wear The Crown in einem Nebenraum geprobt. Wir haben uns reingeschlichen und denen zugeschaut. Natürlich wurden wir rausgeschmissen.
Moses Pelham: Mein erstes Album »Raining Rhymes« war ein Missverständnis. Manchmal ist es ja geil, dass Leute aus unterschiedlichen Welten kommen und auf verschiedene Dinge gucken: Ich glaube zum Beispiel, dass die Arbeit von Martin (Haas) und mir davon profitiert hat, dass ich das HipHop-Kind bin und der einen Scheiß auf HipHop gibt. Aber bei »Raining Rhymes« war es so, dass die Jungs (Münzing und Anzilotti) eine Platte machen wollten, die so klang wie das, was man später Eurodance nannte, während ich dachte, ich mache eine Rap-Platte. Nicht nur die Musik, sondern auch das Cover waren für mich ein Albtraum. Weil klar war, dass wir da auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, wurde ich dann aus dem Vertrag gelassen, und 1990 habe ich dann mein eigenes Label 3p gegründet. Ich sagte mir: Ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ich muss das jetzt selbst in die Hand nehmen. Ab dem Moment bin ich in meiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung nicht mehr mit »Hi, der Moses hier!« ans Telefon gegangen, sondern mit »Pelham Power Productions«, und habe ein Schild mit entsprechender Aufschrift an die Tür gehängt. So ging das los, auch mit RHP.
Xatar: Als Rödelheim Hartreim Projekt rauskamen, hat das meinen Kopf gefickt. Moses hat einfach geredet, wie man in seiner Gegend eben geredet hat: Chabos, Mabos und so … Der war stolz auf seine Stadt und hat das auch gezeigt. Dann die Glatze, die Bomberjacke. Heute trägt selbst Kim Kardashian eine Bomberjacke, aber damals trugen so was nur Leute am Rand der Gesellschaft: Hooligans, Nazis oder eben Straßenjungs. Daran hat man direkt gesehen, dass Moses einer von uns ist.

Marteria: Musik hat eine unfassbare Macht. Das merkt man oft, wenn man Dinge zum ersten Mal hört oder für sich entdeckt. So ein Gefühl hatte ich bei Rödelheim Hartreim Projekt. Mit »Keine ist« hatten die einen geilen Song fürs Radio, aber das Album war richtig hart: Da wurde »Wollt ihr den totalen Krieg?« gesamplet und es gab Disses gegen die Fantas und Fettes Brot. Ich fand die anderen auch alle gut, aber in dem Moment war mir das egal. Als die Musik losging, bin ich direkt in diesen Stresser­modus mit bösem Blick gekommen.
Yassin: Rödelheim Hartreim Projekt musste ich immer heimlich auf Kopfhörern hören, weil ich wusste, dass meine Eltern wegen der Schimpfwörter durchdrehen würden. Aber für mich war einfach krass, was die da sagen und wie die das sagen. Auch die Musik hat mich umgehauen: einerseits melancholisch, dann aber auch sehr an die Westcoast angelehnt. Danach habe ich angefangen, zu den RHP-Songs meine eigenen Texte zu schreiben.
Azad: Neben Moses gab es bei uns noch die Gruppe Konkret Finn. Das waren Tone und Iz. Die haben wir enorm bewundert. Rap aus Deutschland klang zu der Zeit noch total abgehackt, aber Tone hatten schon einen sehr flüssigen Flow – und vor allem einen Wortwitz, von dem man nicht begreifen konnte, wo der herkam. Tone war für uns alle Galaxien weiter, der beste Rapper Deutschlands. Iz war ein begnadeter Beatboxer. Wenn der bei Jams auf die Bühne ist, habe ich immer riesige Ohren und Augen bekommen und zu Hause an meinen Skills gearbeitet. Mit deren Song »Ich diss dich« ist Deutschrap auf ein ganz anderes Level gehievt worden.

MC Rene: Konkret Finn war in meinen Augen der Vorläufer von heutigem Straßenrap. Die hatten diesen Slang, das schnodderige Hessische, was sehr gut flowte. Die haben RHP sicher beeinflusst.
Cora E.: Als ich Konkret Finn gehört habe, wollte ich mit dem Rappen aufhören. Das war so unglaublich gut und etwas ganz anderes als das, was wir alle gemacht haben. Jemand wie MC Rene war auch gut, aber das konnte ich selbst auch. Die dagegen kamen mit ganz neuen Sachen um die Ecke. Es hatte auch nichts mehr mit diesem Szeneverständnis zu tun. Man hat gemerkt, dass der Kern der ersten Stunde sich ausweitet und jede Stadt beginnt, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Jemand aus Frankfurt hat mal gerappt: »Du kleiner Breakdance-Scheißer, komm und tanz für mich!« Das hat sich schrecklich angefühlt. Aber wir haben mit den Fantas ja nichts anderes gemacht …

»Bei RHP hatte man ganz stark das Gefühl, nicht deren Freund zu sein.« – Doktor Renz

Ralf Theil: Es gab auf dem Rödelheim-Album diesen Skit, auf dem sie im Rahmen einer Karnevalssitzung Advanced Chemistry, die Fantas, Fresh Familee und alle Vertreter dieses Spektrums bloßgestellt haben. Das war befremdlich, aber auch wichtig, weil es eine ganz andere Perspektive auf Deutschrap gab.
Moses Pelham: Wir haben uns wirklich nicht als Teil irgendeiner Szene verstanden. Im Gegenteil: Wir kannten die Platten der anderen und hatten überhaupt keinen Bock, uns mit irgendeinem von denen auseinanderzusetzen. Das hat uns sicher nicht besonders sympathisch gemacht. (lacht) Ich habe ja später auch mal die Zeile »Wenn ich net ich wär’, könnt ich mich selbst net leiden« gerappt. Aber ich war lieber der böse schwarze Mann als einer von denen.
Doktor Renz: Bei RHP hatte man ganz stark das Gefühl, nicht deren Freund zu sein. Man hatte die gleiche musikalische Ausdrucksweise, aber hat die eben grundlegend anders interpretiert. Auch was den Sound angeht: Auf unserem Song »Hallo Hip Hop« hat König Boris ja später gerappt: »Pack das Kinderkeyboard ein und lass die Geige im Kasten.« Das ist hundertprozentig in Richtung Rödelheim gerichtet.
Moses Pelham: Ich kam auf diesen relativ neuen Spielplatz und sagte: Auf das, das und das habe ich keinen Bock. Aber ich bin richtig angefasst von dem Ding, habe noch ein paar Freunde mit dabei, und das Benzin ist auch schon da – wir zünden euch den Laden hier an, wenn ihr darauf besteht, so isses nicht! (lacht) Ich wusste, dass viel von meinem Verhalten falsch war, aber ich habe es als meine Pflicht empfunden, was wir da machten, bis aufs Blut zu verteidigen. Das war mein Job! Mit Rap konnte ich auf mich aufmerksam machen und aus der Anonymität heraustreten, aber auch mir selbst zeigen, was ich für eine Superwurst bin. Ich denke, dass es viel darum ging, zu erklären, dass ich bin. Erst später wurde für mich daraus ein Weg – auch mir selbst – zu erklären, was ich bin.

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