Kings Of HipHop: The Streets // Feature

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In den Texten des Albums gibt Skinner Einblick in die Gedanken eines Stars – von Treffen mit PR-Agenturen über die Wirkung von Koks bis hin zu Überlegungen, wie der Protagonist damit umgeht, dass er seine Freundin betrogen hat und tausend Ausreden erfindet. Größtenteils klingen die Tunes großspurig, übertrieben selbstbewusst. Das Bescheidene, »Normale« ist in den Hintergrund getreten. »Als Leute das Album gehört haben, dachten sie, ich hätte eine beschissene Zeit. Aber es war eigentlich gar nicht so. Ich habe mich zerstört, ja … aber mit dem Album wollte ich Selbstzerstörung beschreiben, wie sie für jeden unvermeidlich ist, der in so einer Situation ist, wenn es so weitergeht«, hat er in einem Interview für einen Artikel im Guardian von 2011 klargestellt. Es hat nicht funktioniert. Obwohl auch dieses Album auf Platz eins der Charts in GB landete, waren The-Streets-Fans enttäuscht. Und auch Skinner wirkt in seinen Rückblicken auf das Album in Interviews, als betrachte er das Album als einen Fehltritt. In seinem Buch »The Story Of The Streets« von 2013 widmet Skinner jedem Album ein Kapitel. Bezeichnend, dass er dem Abschnitt zu seinem dritten Album den Titel »Crisis: The Hardest Way To Make An Easy Living« gegeben hat. Wäre er ein Fan gewesen, hätte er das Album nicht gemocht, hat er in einem anderen Guardian-Artikel von 2012 gesagt. Auch wenn Skinner und viele seiner Fans das Album als Fehltritt empfinden, von Musikmagazinen bekam der dritte Langspieler gute Kritiken. »The Hardest Way To Make An Easy Living« ist kein schlechtes Album, die Beats klingen auch heute noch unverbraucht und catchy, finden die Mitte zwischen Grime, Dubstep und Rap.

»I came to this world with nothing«

Seine Stärke sieht Skinner eher auf der Produktionsseite, wie er gleich zu Beginn seines Buches »The Story Of The Streets« deutlich macht: »Ich bin kein sonderlich guter Rapper. Das war ich nie. Es geht hier nicht darum, dass ich das nur denke, ich weiß es. Und ich weiß, was guter Rap ist – es gibt einen objektiven Standard. Wenn du also denkst, dass ich ein guter Rapper bin, dann liegst du falsch. Ich hatte aber nie Zweifel an meinen Produktionen.«

Mit dem vierten Album »Everything Is Borrowed« ging er auch in Sachen Instrumentals einen anderen Weg als bisher. 2008 war UK Garage vom Radar der Musikindustrie und damit auch von der Bühne des Mainstreams verschwunden. Grime kämpfte mit politischen Maßnahmen, die eigentlich Kriminalität bekämpfen sollten, im Endeffekt aber weite Teile von Musikszenen kriminalisierte, zu deren Partys überwiegend schwarze Menschen gingen. The Streets war zu dem Zeitpunkt lange über den Underground hinausgewachsen. Der Einfluss von UK Garage und Grime ist auf »Everything Is Borrowed« verschwunden, und auch Rap spielt eher am Rand eine Rolle. Zum ersten Mal hat Skinner die Musik komplett live mit Instrumenten eingespielt, was den Klang des Albums sehr von den Vorgängern unterscheidet. Der Sound von The Streets ist dabei stärker an die Stimme und Texte von Skinner gekoppelt als an die Instrumentals – und ist kaum wiederzuerkennen.

»Wenn du denkst, dass ich ein guter Rapper bin, dann liegst du falsch. Ich hatte aber nie Zweifel an meinen Produktionen.« (Mike Skinner)

Nach dem Stardom-Album »The Hardest Way To Make An Easy Living« nimmt »Everything Is Borrowed« eine introvertiertere Haltung ein, legt große, auch philosophische Themen auf den Tisch, wie die Zeilen des Refrains aus dem Titeltrack zeigen: »I came to this world with nothing/And I leave with nothing but love/Everything else is just borrowed.« Auch wenn das Album, das eher nach einem Pop-Spoken-Word-Werk klingt, musikalisch einen neuen Weg einzuschlagen scheint, wirkt es, als hätte sich das Projekt The Streets damit schon überlebt gehabt. Mit dem fünften Album, »Computers And Blues«, zog Mike Skinner 2011 dann den Schlussstrich unter The Streets – vorerst zumindest, wie man heute weiß. Damals klang das Ende definitiv. Skinner erklärte in Interviews, er sei mit The Streets in einer kreativen Sackgasse gelandet. »Computer And Blues« ist ein versöhnliches letztes Album. Die Instrumentals verbinden das Gefühl von Live-Sound und elektronischer Produktion, nehmen wieder Verbindungen zu UK Garage, Drum’n’Bass und Rap auf. Die Musik klingt beinahe befreit, locker, wenn auch nicht bahnbrechend oder annähernd so stark wie die ersten beiden Alben. »Ich habe kein Interesse daran, mich selbst zu wiederholen«, sagt Skinner 2011 im Guardian. »Mit diesem Album habe ich angefangen, mich zu wiederholen. Es wird nicht mehr passieren, nach diesem Mal. Also … sorry dafür.«

Nach dem Album schob Skinner im selben Jahr noch eine Track-Sammlung namens »Cyberspace And Reds« als Download nach, die an den Klang von »Original Pirate Material« anknüpfte und mit Gastauftritten von hochklassigen Grime-MCs wie Kano, Jammer, Wiley oder Trim glänzte. Dann war Schluss.

The Streets verschwand von den Bühnen, Skinner widmete sich anderen Projekten. Er machte mit dem Sänger Rob Harvey Popmusik als Duo The D.O.T., drehte Musikvideos für andere, produzierte Soundtracks für Filme, legte als DJ auf, tat sich mit dem MC Murkage Dave zu Tonga Balloon Gang zusammen, die einen Sound zwischen Rave, Grime und Rap durch die Speaker pumpte, und rief die Partyreihe Tonga ins Leben. Die ganze Zeit über war er am Puls der (Rap-)Zeit, wie seine Reportagen über Road Rap in Großbritannien und die Rapszene in Birmingham zeigen. Und dann das: »Spoken to my band! Told them we need to sing the old songs!«, schrieb Skinner auf seinem Instagram-Profil überraschend. 2017 sah die Welt die Wiederauferstehung von The Streets. Seit der Ankündigung der ausverkauften Tour hat Skinner unter dem Titel »The Darker The Shadow The Brighter The Light« (der auch der Tour den Namen gab) eine Reihe an Tracks veröffentlicht. Es folgten eine Handvoll Tunes als The Streets, die zeigen, dass Skinner anscheinend eine Zukunftsvision für sein Projekt entwickelt hat. Die starken Tracks nehmen Bezug zu aktuellen Rap-Beats (»Burn Bridges«), greifen die Melancholie der Anfangstage von The Streets auf gegenwärtige Weise auf (»You Are Not The Voice In Your Head«), beweisen, dass Skinner immer noch das Grime-Handwerk beherrscht (»Boys Will Be Boys«) und auch als Gast von Kenny Allstar zusammen mit Not3s auf einem Afrobeats-Drill-Hybriden eine souveräne Figur macht (»Love The Game«). Die ersten Alben von The Streets haben Musikgeschichte über Großbritannien hinaus geschrieben. Die neuen Tracks zeigen, dass das noch lange nicht vorbei sein muss. Für 2019 sind weitere Live-Shows geplant, und Skinner hat im Sommer 2018 auf seinem Instagram-Profil zumindest von »seinem« Album geschrieben, an dem er gerade arbeite. Ob wir uns auf ein neues The-Streets-Werk freuen dürfen? Fakt ist jedenfalls: Die Geschichte von The Streets geht erst mal weiter.

Text: Philipp Weichenrieder
Foto: Ed Miles

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