Kings Of HipHop: The Streets // Feature

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Bevor Mike Skinner mit der Arbeit an seinem Debütalbum begonnen hatte, war er von Birmingham nach London gezogen. Auf dem Cover des Albums ist ein Foto von Rut Blees Luxemburg zu sehen, das den Londoner Wohnblock Kestrel House bei Nacht zeigt. Obwohl The Streets gerade erst die Adresse gewechselt hatte, wurde das Album zu einem ikonischen Dokument des Stadtbilds von London, das gleichzeitig Lebenswelt und Musik-Underground verbindet. Das Leben in den Blocks spielte auch eine Rolle in der Musik, die über Piratenradios verbreitet wurde, die wiederum oft von den Dächern derselben Hochhäuser ausgestrahlt wurden. Leute, die anderen oder sich selbst Gehör verschaffen wollten, kaperten Sendefrequenzen, indem sie selbst Antennen auf Hochhausdächern anbrachten. UK Garage wurde, wie andere Genres vorher, von Piratenradios in die britischen Städte getragen. Das Debütalbum von The Streets, »Original Pirate Material« zollt diesen Katalysatoren von Underground-Kultur unter anderem mit seinem Titel Respekt.

Die Tracks produzierte Skinner innerhalb eines Jahres in seinem Schlafzimmer in Brixton auf einem Laptop, die Vocals nahm er in einem Kleiderschrank auf. Der damals 22-Jährige schuf 2002 nicht nur mit den Instrumentals auf »Original Pirate Material« zwischen UK Garage, HipHop, Soundsystemkultur und irgendwie Punk eine eigene Handschrift. Skinners Texte, in britischem Dialekt und in dem charakteristischen Flow zwischen Rap, Spoken Word und Singsang performt, fingen eine spezielle Wirklichkeit ein. »Seine Anspielungen waren sofort verständlich – man kannte diese banalen Alltagsthemen wie öffentliche Verkehrsmittel, billige Drogen, Fast Food und Kater. Daran war nichts selbstverherrlichend. Es waren einfach brillante Beschreibungen von street life«, beschreibt die britische Radio-moderatorin Annie Mac das Besondere des Albums in einem Artikel für die Online-Ausgabe des Fader.

Skinner macht den Alltag poetisch, entdeckt in ihm Erzählungen, die rau, ironisch, manchmal brutal und schön sind.

Den lyrischen Zwischenraum, den Skinner ausfüllt, reflektiert er auf seinem ersten großen Hit »Has It Come To This?« auch selbst: »I’m just spitting, think I’m ghetto?/Stop dreaming, my data’s streaming/I’m giving your bird them feelings/Touch your toes and touch the ceiling/We walk the tightrope of street cred«. Offen geht er mit Zuschreibungen um, die in Rapkreisen die Frage nach Authentizität triggern. Glaubwürdigkeit erreicht er durch Konfrontation. Er ist nicht Ghetto, tut auch gar nicht so, und kritisiert damit indirekt Rap aus GB, der Rap aus den USA imitiert. Heute gilt The Streets als eines der ersten Rap-Projekte, die mit einer gewissen Art von Britishness populär wurden – mit regionalem Akzent, Wortschatz und lokalen Anspielungen. »All jungle, all garage heads/Gold teeth, valentinos and dreads now«, heißt es weiter bei »Has It Come To This?« – Skinner beschreibt die Musikszene in Großbritannien zwischen Jungle und -Garage, vor allem den Style mit Grillz und dem Faible für Designermode aus Italien wie Moschino und Valentino. Von Anfang an balanciert The Streets auf einer Linie zwischen Glamour und Langeweile, zwischen Coolness und Normalität – ein Drahtseilakt der Street Credibility, wie Skinner in seinen Lyrics sagt. Er beschreibt die Eindrücke eines Beobachters, der mittendrin steckt. Das hatte damals, 2002, auch eine soziale Bedeutung, wie der Journalist Owen Myers für The Fader schreibt: »Zu einer Zeit, als die Einführung der Anti-Social Behaviour Orders im Jahr 1998 durch Premierminister Tony Blair Familien mit niedrigem Einkommen noch weiter gebrandmarkt hatte, waren die empathischen Erzählungen aus dem Leben der Arbeiterklasse auf ‚Original Pirate Material‘ eine wichtige Gegenposition.«

Auch wenn das Debütalbum von The Streets, wie von Annie Mac und Owen Myers im Jahr 2017, also 15 Jahre nach seinem Erscheinen, gefeiert wird – bei seiner Fam, für die er die Musik eigentlich gemacht hatte, kam es damals nicht wirklich an. 2012 erzählt Skinner in einem Interview mit The Guardian:

»Damals dachte ich, dass es bei Leuten aus Birmingham erfolgreich sein würde. Ich war so arrogant, zu denken, dass alle, die ich kenne, das hören wollen, weil alle Garage hören und Weed rauchen.« Es kam anders: »Hipster in London dachten: ‚Wow, das ist großartig!‘ Hipster in Williamsburg und Hipster in Berlin meinten: ‚Wow, das ist cool!‘ Leute in Birmingham dagegen waren eher so: ‚Naja, nein. Wir mögen, wer gerade das große Rap-Ding ist. Und du bist nicht UK-HipHop, Mate, weil du nicht amerikanisch klingst.’« Ironischerweise war es unter anderem eben die Musik von The Streets, die diese Denkweise verändert hat. Heute wird Skinner in der Rapszene Großbritanniens respektiert, wie auch in den Musikdokus zu sehen ist, die er als Protagonist über Road Rap und Rap in Birmingham für die Medienplattform Noisey gemacht hat.

Vom Geezer zum Popstar

»Original Pirate Material« war ein krasses Debüt. Die Wandlung zum Star kam aber erst nach dem zweiten Album »A Grand Don’t Come For Free« von 2004. Wieder schildert Skinner die Geschichte eines Geezers, eines normalen Typen, dieses Mal mit einem Leitmotiv. Die Tunes erzählen, wie der Protagonist seine ersparten eintausend englischen Pfund (das »Grand« im Titel) nicht findet und auf die Suche danach geht, wobei er seine neue Freundin kennenlernt. Skinner beschreibt Höhen und Tiefen der Beziehung, Situationen zwischen versoffenen und verdrogten Nächten, der Gemütlichkeit von Zweisamkeit zur Trennung und der Antwort zur Frage, wo die tausend Pfund abgeblieben sind. Bewegende Alltagseindrücke, Kontrollverlust, Wut und Melancholie verpackt Skinner auch auf seinem zweiten Album in seiner einzigartigen erzählenden Art und in catchy Hooks. Die elektronisch klingenden Instrumentals bewegen sich weiter zwischen entschleunigtem UK Garage, energiegeladenem Grime und kruden Beats mit Punk-Haltung. Zu melancholischen Streichern kommen bedrohlich steppende Drums, ruhige Balladen und treibende Dancehall-Beats.

»A Grand Don’t Come For Free« landete auf Platz eins der UK-Album-Charts und machte The Streets zum internationalen Pop-Act. Auch wenn man als junger Rapfan in Deutschland (wo das Album immerhin Platz 25 der Charts erreichte) mit rudimentären Englischkenntnissen die Poesie Skinners vielleicht nicht sprachlich verstand, konnte man an »Original Pirate Material« und »A Grand Don’t Come For Free« andocken. Irgendwie fühlte sich bekannt an, was in den melancholischen, rumpelnden Instrumentals und im Klang von Skinners Beschreibungen mitschwang, von denen man vielleicht Fetzen wie »be brave, clench fists« (»Turn The Page« auf »Original Pirate Material«) oder »dry your eyes, mate« (»Dry Your Eyes« auf »A Grand Don’t Come For Free«) verstand. Skinner macht den Alltag poetisch, entdeckt in ihm Erzählungen, die rau, ironisch, manchmal brutal und schön sind.

Mit diesem Alltag hatte Skinners neues Leben als Popstar nicht mehr viel zu tun. Für sein drittes Album, »The Hardest Way To Make An Easy Living« von 2006, blieb er bei der Idee, Geschichten zu erzählen, die mit seinem Leben zu tun haben oder die ihm so ähnlich passieren könnten. Allerdings war er jetzt nicht mehr der Geezer, der mit Liebeskummer oder Langeweile im Pub sitzt und mit seinen Mates ein paar Pints trinkt. »Tja, ich denke, ich wollte ein bisschen wie ein Idiot rüberkommen. Wahrscheinlich dachte ich, dass Teile von mir auf ‚A Grand Don’t Come For Free‘ nicht zum Vorschein gekommen sind«, wird er im Artikel im Guardian von 2012 zitiert und erklärt: »Worauf die Leute so abgefahren sind, waren die Gefühle, die ich richtig getroffen habe. Aber zu der Zeit (von ‚The Hardest Way To Make An Easy Living‘) meinte ich: ‚Okay, ich habe euch alles gegeben, womit ihr Mitgefühl haben könnt.‘ Also war ich soweit, meine schlechte Seite zu zeigen.«

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