Kings Of HipHop: Outkast

2000 jedenfalls waren Outkast – als Band – auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Dabei stand der ganz große Knall noch bevor. Richtig boom machte es erst 2003. Im September nämlich, fast exakt zwei Jahre nach dem angeblichen Aufnahmebeginn am 11. September 2001 erschien mit »Speakerboxxx/The Love Below« die vielleicht spektakulärste Notlösung der HipHop-Geschichte. Entstanden aus vertraglichen Verpflichtungen und der Nach-frage des Marktes einerseits sowie der Tatsache, dass hier zwei Menschen offen-bar sehr konsequent aneinander vorbei lebten, andererseits, bestritt Big Boi den ersten, Andre 3000 den zweiten Teil eines Doppelalbums, das alleine in den USA nicht weniger als 5,5 Millionen mal über den Ladentisch ging, einen Grammy als »Album Of The Year« abräumte (als erste und einzige HipHop-Platte seit »The Mis-Education Of Lauryn Hill«) und nebenbei noch alle anderen Fantastiiilarden-Megarekorde brach, die die Welt der Norah Jones‘ und Garth Brooks‘ so bereithält.

Inhaltlich war »Speakerboxxx/The Love Below« dabei auf eine sehr unüberraschende Weise überraschend. Auf gut Deutsch: Beide taten just das, was man von ihnen erwarten durfte – von kleinen Eskapaden wie Big Bois verrücktem Gospelgabba-Brett »Ghettomusick« einmal abgesehen. Big Boi offerierte eine gut abgehangene Version des klassischen Dungeon-Sounds mit einigen Stargästen wie Jay-Z, Ludacris und, err, André 3000. Der dagegen lebte endlich alles aus, was ihm im Bandkorsett offenbar versagt geblieben war, umarmte Prince und die Beatles, warf mit Blumen, übte vor dem Spiegel Varieté-Posen, verheizte seine Psychrock-Plattensammlung vor dem örtlichen Best Buy und kreierte auf diese manchmal geniale, manchmal liebevoll naive, manchmal bizarre Weise den Welthit »Hey Yal«. Er machte, um hier mal in der Lingo zu bleiben, sein eigenes Ding – der Gastpart von Big Boi auf »Roses« wirkte da eher wie eine Konzession zur allgemeinen Fanberuhigung in der Post-Production-Phase. Für Organized Noize blieb in all dem Trubel nicht mal ein klitzekleiner Mini-Credit. Lediglich Sleepy Brown kam auf Big Bois »The Way You Move« zu einem Gastauftritt, indem er dem zweiten großen Hit des Albums seine Hock schenkte. Rico Wade aber blieb außen vor. Noch heute ist der Urvater des Outkast-Sounds verstimmt über diese Tatsache, nicht nur des Geldes wegen, das er dem »Vibe«-Report zufolge tendenziell gut gebrauchen könnte. Es gehe ihm ums Prinzip, sagt er. Die Dungeon-Ära aber, ohnehin nur noch ein blasses Abbild glorreicher Zeiten, war von ihm unbemerkt zu Ende gegangen, die Familie hatte ihre beiden erfolgreichsten Söhne wenn auch nicht freiwillig, so doch endgültig in die Selbstständigkeit entlassen. Andre Benjamin und Antwan Patton – und das ist in diesem Fall völlig wertfrei gemeint, hatten sich endgültig von der Basis entfernt. Der wirre Musical/Soundtrack/Album-Hybrid »Idlewild« aus dem Jahr 2006 trug eher noch zu dieser Erkenntnis bei, leider ohne dem Vermächtnis, Verzeihung, Gesamtwerk Outkasts Entscheidendes hinzuzufügen. Der einzig brauchbare Tune der Platte, das tieftraurig klackernde »Hollywood Divorce« mit Lil Wayne und Snoop Dogg war bezeichnenderweise eine trotzige Studie dessen, was Hollywood von dir übrig lässt, wenn es mit dir fertig ist. Und vor allem ein Lehrstück darüber, wie man überlebt im Bauch dieses süßlich grinsenden Monsters.

Outkast haben nicht überlebt. Aber André 3000 und Big Boi schon. Andre Benjamin und Antwan Patton sowieso, jeder auf seine sehr eigene Weise.

Tatsächlich ist es heute fast unvorstellbar, dass beide einst mehr oder weniger im Gleichschritt in das Abenteuer »Speakerboxxx/The Love Below« zogen. Sicher, Dre war schon lange höher gestanden in der Gunst der Kritiker, dafür hatte Big Boi seine treue Gefolgschaft in der Hood und galt nicht zuletzt seinem Partner als nach klassischer Definition besserer Rapper. Sie waren Teile des gleichen Puzzles, die Eckstücke im größten Puzzle der Welt. Die ersten, echten und einzig wahren Ying Yang Twins. Ohne »Hey Ya!« hätte keiner auf der Speakerboxxx getanzt, und ohne den Gangsta Sh’t hätte keiner diese Platinperücken durchgehen lassen.

Das änderte sich in den Monaten nach »Speakerboxxx/The Love Below«. Dres Weigerung, auf Tour zu gehen – die schnöde Nightliner-Routine aus Groupies, Alkohol und minutiös getakteten Adrenalinschüben hatte ihn schon auf der »Smoking Grooves«-Tour so gelangweilt, dass er Ende 2002 allen Anfragen und damit auch beträchtlichen Zahlungsflüssen eine knappe Generalabsage erteilte – brachte Big Boi um die Möglichkeit, wirklich am Erfolg von »Hey Ya!« teilzuhaben. Und auch die wenigen gemeinsamen Features, die in den Jahren seit »Speakerboxxx/The Love Below« erschienen, wie UGKs »Int’l Players Anthem« und DJ Dramas »Da Art Of Storytellin‘ Pt. 4«, waren zwar exzellehte Songs, änderten aber nichts an der Außenwahrnehmung der Band, die längst keine mehr war: Es gab jetzt Andre 3000 und Big Boi, und Andre 3000 war der Chef. Er hatte nicht nur die MTV-Liebe, die Frauen und die Filmrollen, sondern plötzlich auch den Status des Meisterspit-ters. Keiner verstand so recht, warum er 2007 plötzlich auf jeden heißen Beat der Stratosphäre sprang, auf Rich Boys »Throw Some D’s«, Unks »Walk It Out« und Lloyds »You« – aber jeder feierte es in Grund und Boden, eminente Kollegen wie Lil Wayne oder Eminem inklusive. Zurecht, wie man sagen muss, Andres Talent als bestialischer Feuerspucker war in all dem Bohei um Glitter und Garderobe stets eher untergegangen. Big Bois Strophen für DJ Khaled oder Gorilla Zoe dage-gen fanden kaum Beachtung. Irgendwie auch zurecht, denn sie waren bestenfalls mittelmäßig. Die empfundene Unterlegenheit und das Gefühl, jetzt aber mal ganz dringend nachlegen zu müssen, schienen das einstige Swaggerpaket zu lähmen.

Auch die Geschicke seines Labels Purple Ribbon Records gereichten nicht un-bedingt zur Stimmungspolitur. Purple Ribbon war Mitte des vergangenen Jahres aus dem Gemeinschaftsprojekt Aquemini Records hervorgegangen, an dem Dre im Zuge seiner allgemeinen Abwendung von Materiellem das Interesse verlo-ren hatte. Schon bald nach der Gründung wurden Deals mit Killer Mike, Bubba Sparxxx und Sleepy Brown vermeldet; sie alle aber verstrichen ohne nennens-werte Ergebnisse. Bubba und Sleepy floppten (zumindest gemessen an den freilich irreal aufgeblasenen Erwartungen), der Mördermichi ergriff ohne echte Veröffentlichung die Flucht. und auch Janelle Monae feierte, obgleich affiliiert, ihre Erfolge unter anderer Leute Regenbogen. Die Aufkündigung des Vertriebsdeals durch Virgin Records war letztlich nur konsequent und nach allem menschlichen Ermessen die vernünftigste Entscheidung für alle Beteiligten. Wenn dieser Tage also tatsächlich »Sir Lucious Leftfoot« erscheint, dann muss man sich nicht nur für Big Boi freuen, weil er sich trotz aller Tiefschläge stets erfolgreich der Bitterkeit verwehrt und alle Frustfouls verkniffen hat, Man darf sich auch auf das Album freuen. denn die vorab geleakten Tracks wie »Royal Flush« oder »Shine Blockas« sind pures Feuer. Es wird die Welt nicht in Brand setzen wie einst »ATLiens«. Aber es wird heiß genug lodern, um zumindest diese Fragen immer wieder kommen zu lassen, »Big Boi, wann gehst du wieder mit Andre ins Studio? Big Boi, wann gibt es ein neues Outkast-Album?« Das gehört zum Spiel, diese Alben herbeizusehen. Auch wenn man tief innendrin weiß, dass man sie nicht hören will.

Aber andererseits: »Even the sun goes down, heroes eventually die/horoscopes often lie/and sometimes »y«/nothin‘ is for sure, nothin‘ is for certain, nothin‘ lasts forever/but until they close the curtain/it’s him & I/Aquemini.«

Outkast, stank you for the music.

Text: Davide Bortot
Foto: Mayk Azzato

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #129 (Mai 2010). Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

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